Die Verflechtung - Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty


Hausarbeit, 2009

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Chiasmus

3 Der Chiasmus bei Merleau-Ponty
3.1 Das Sichtbare und das Sehende
3.1.1 Das Überkreuzen, der Chiasmus
3.2 Der Leib
3.3 Das Fleisch
3.4 Die Beziehung zwischen Leib und Fleisch
3.5 Transzendenz

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) gehört zu den einflussreichsten Phänomenologen der französischen Philosophie. Er ist kein Philosoph, der Systeme konstruiert, sondern er zeichnet sich vielmehr durch seine detaillierte Arbeit an den Phänomenen aus. Seine Texte sind in der Art gestaltet, dass er zwar Begriffe einführend erklärt, um sich wieder auf sie beziehen zu können, aber ihre eigentliche Bedeutung erhellt sich erst im Verlauf der gesamten Abhandlung. Aus der bloßen Chronologie seiner Texte, oder aus deren Gliederung, sind seine Gedanken nicht zu rekonstruieren.[1] Er nähert sich den Bedeutungen seiner Gedankengüter gewissermaßen kreisförmig, in steter wechselseitiger Beziehung zu dem Kontext, indem sie sich befinden, ohne sie letztendlich auf eine Bedeutung festzulegen. Wadenfels spricht hierbei von einem „behutsamen Umkreisen und Abtasten der Phänomene in all ihrer Vieldeutigkeit“[2].

Merleau-Pontys Arbeit „Die Verflechtung – Der Chiasmus“ ist im Jahr 1959 entstanden und entstammt den unvollendeten Nachlassschriften des Philosophen. Der Text weist Merkmale eines Fragments auf, folgt jedoch einer weitestgehend nachvollziehbaren Argumentation. Gleich zu Beginn seiner Abhandlung spricht Merleau-Ponty von der Möglichkeit der Philosophie, die gegensätzlich angelegten Begriffe wie „Subjekt und Objekt, Existenz und Wesen (…) neu zu definieren“, dabei aber ausgehend von einem Punkt, „wo diese sich noch nicht unterscheiden, in Erfahrungen, die noch nicht verarbeitet sind, sondern uns ein ganzes Gemisch auf einmal anbieten“[3]. Damit stellt er gleich eingangs die traditionelle dualistische Sichtweise, die auf Gegensätzen beruht, in Frage und fordert eine Abkehr dieser Denkweise, wirft ihr sogar Unfähigkeit vor Dinge neu zu beurteilen, weil sie „das zu Findende urteilend vorwegnimmt“[4].

Im Rahmen meiner Arbeit werde ich versuchen, die konkrete Terminologie Merleau-Pontys im mir vorliegenden Text „Die Verflechtung – Der Chiasmus“ herauszuarbeiten und ihre Einbettung in die Argumentationsstruktur des Textes zu verdeutlichen. In der Abhandlung, die von einer äußerst vielschichtigen und immensen Wort- und Bedeutungsdichte geprägt ist, bedient sich Merleau-Ponty einer Argumentationsmethodik, die aus der Beschreibung dualistischer Gegensätze ein Raster konstruiert, aus dem er dann seine eigenen Gedanken ableitet. Dabei baut er seine Gedankengänge sukzessive aufeinander auf, sodass in der Folge verschiedene inhaltliche Eckpfeiler, d.h. zentrale Begrifflichkeiten, wie auch Wechselbeziehungen identifiziert werden können, auf die ich im Kontext meiner Ausführungen konkret eingehen werde. Einen wichtigen Ausgangspunkt hierzu bilden bereits vorhandene Gedanken zur phänomenologischen Bedeutung des „Leibes“, die Merleau-Ponty im ersten Schritt beschreibt, dann weiterführt und schließlich in einer neuen Denkfigur, dem „Fleisch“, zusammenbringt. Dieses Fleisch, das noch in „keiner Philosophie einen Namen hat“[5], formt den Kern des vorliegenden Textes.

2 Der Chiasmus

Der Chiasmus leitet sich generell vom griechischen Buchstaben „Chi“ (X) ab und wird für eine kreuzweise syntaktische Wortstellung verwendet. Chi ist allgemein ein Zeichen für Verbindung und Schnittmenge, sowie eine Inschrift des Dazwischenstehens und der Differenz. Gleichsam ist es eine dialektische Figur der Wechselseitigkeit von Einheit und Unterschied. Bei Merleau-Ponty verbindet das X das Sichtbare mit dem Unsichtbaren und kennzeichnet in seinem Mittelpunkt ihre Verknüpfung und den Ort der Sichtbarkeit in einer Art „Akt eines begegnenden Entzugs“. Er beschreibt das Verschlungen sein von Sehen und Gesehen, Gesehen und Sehen, als Kennzeichen von Visibilität, Körperlichkeit und Blick.[6] Der Begriff „Chiasmus“ wird im Verlauf des vorliegenden Textes nicht mehr verwendet, an seine Stelle tritt der Begriff „Überkreuzung“.

3 Der Chiasmus bei Merleau-Ponty

3.1 Das Sichtbare und das Sehende

Den ersten Sinnabschnitt des Textes „Der Chiasmus“ könnte man grob als die Entdeckung (im Sinne der Abhandlung) des „Leibes“ als Lebewesen mit seinen Bewegungen und Wahrnehmungen beschreiben. Dabei führt Merleau-Ponty den ersten wichtigen Begriff, „das Sichtbare[7] ein, das er wiederrum in eine enge Verbindung mit dem „Sehenden“ bringt. Hierbei stellen aber „das Sichtbare“ und „das Sehende“ keineswegs Opponenten dar, sondern Merleau-Ponty versucht die beiden Begrifflichkeiten aus einem, wie er sagt „ganzen Gemisch“ heraus, neu zu definieren.[8]

Für den Philosoph ist das Sichtbare nie für sich existent, es ist, wie er sagt, „kein absolut hartes und unteilbares Stück Sein, das sich ganz unverhüllt einem Blick offenbart“[9], in der Form, dass wir es wahrnehmen können wie es ist. Trotzdem nehmen wir es wahr, aber nur im Miteinander mit anderen, ich nenne es an dieser Stelle, anderen Dingen. Merleau-Ponty vergleicht das Sichtbare mit einer Farbe, die auch immer in Konstellationen mit anderen Farben und Tönen existiert. Wir nehmen diese Farbe in den unterschiedlichsten Variationen wahr, nämlich in der Dimension ihrer Beziehung zur jeweiligen Umgebung und meiner eigenen Blickrichtung der Betrachtung.[10] Das Rot, das wir beispielsweise sehen, dominiert seine Umgebung oder wird von ihr dominiert, stößt sich von ihr ab oder zieht sie an; und so bleibt „die Röte des Kleides nicht gleich, sondern verändert sich je nachdem, ob sie in dieser oder in einer anderen Konstellation auftritt“[11]. Merleau-Ponty geht in der Folge weiter, er sagt, dass man zwischen den von außen betrachteten Farben und dem vorgeblich Sichtbaren eine Art „Gewebe“ findet, „das sie unterfüttert, sie trägt, sie nährt und das nicht selbst Ding ist“[12]. D.h. es verbirgt sich etwas hinter dem Sichtbaren, dessen Oberfläche wir jedoch nur sehen können, während das Sichtbare selbst niemals unverhüllt existiert, nicht als Ding oder Farbe, sondern nur in der Konstellation mit seiner Unterfütterung.

Das Sehen“ beschreibt Merleau-Ponty als einen generierenden Pakt zwischen Sehen und Sichtbaren, ausgehend von der Aktivität des Tastens, das man als das körperliche Sehen bezeichnen kann. Für ihn ist das Sehen, das „Tasten mit dem Blick“: „Der Blick,(…), hüllt die sichtbaren Dinge ein, er tastet sie ab und vermählt sich mit ihnen, als gäbe es zwischen ihnen und ihm eine Beziehung der prästabilierten Harmonie“[13]. Dieses Sehen, dieses Tasten mit dem Blick vollzieht sich, indem es die sichtbaren Dinge mit einer Selbstmanifestation als Bild wie mit einer Art Schicht umhüllt und diese „Oberfläche der Tiefe“ wie eine „Textur“[14] aufblättert. Das Abtasten der Oberfläche der Sichtbarkeit vollzieht sich somit immer an der Grenze der unsichtbaren Tiefe, wir tasten die Oberfläche, die Haut des Sichtbaren, niemals aber seine Unterfütterung. Wenn man nun das „Tasten mit dem Blick“ auf die Körperlichkeit rückbezieht, bzw. in Analogie zu den „taktilen Qualitäten“[15] setzt, dann ist jedes Sichtbare aus dem Berührbaren geformt, jedes taktile Sein der Sichtbarkeit zugedacht, was uns schließlich zu einem Leib, bzw. zur Leiblichkeit allen menschlichen Tuns führt. „Derselbe Leib sieht und berührt, und deshalb gehören Sichtbares und Berührbares derselben Welt an“[16]. Mit diesem Leib als Lebewesen, mit all seinen Bewegungen und Wahrnehmungen wird auch verständlicher, dass Berührtes und Berührendes offenbar sehr nahe beieinander liegen, und dass damit eine gewisse Sensibilität zwischen dem Sichtbaren und Sehenden geschaffen werden kann. Dennoch erfindet der Blick die Dinge nicht, das Sehen beschreibt Merleau-Ponty als eine Wechselseitigkeit zwischen dem Sehenden und dem Sichtbaren, wobei unklar bleibt, „ob der Blick oder die Dinge die Oberhand haben“[17].

[...]


[1] Vgl. Günzel: Maurice Merleau-Ponty – Werk und Wirkung, S. 31

[2] Wadenfels: Phänomenologie in Frankreich, S. 147

[3] Merleau-Ponty: Der Chiasmus, S. 172

[4] Ebenda, S.172

[5] Merleau-Ponty: Der Chiasmus, S. 192

[6] http: Wie zeigt sich (A)? 5. Chiasmus, S. 71

[7] Merleau-Ponty: Der Chiasmus, S. 172

[8] Merleau-Ponty: Der Chiasmus, S. 172

[9] Ebenda, S. 175

[10] Ebenda, S. 174

[11] Ebenda, S. 174f

[12] Ebenda, S. 175

[13] Ebenda, S. 175

[14] Ebenda, S. 179

[15] Merleau-Ponty: Der Chiasmus, S. 177

[16] Ebenda, S. 177

[17] Ebenda, S. 175

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Verflechtung - Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V131502
ISBN (eBook)
9783640372577
ISBN (Buch)
9783640372201
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verflechtung, Chiasmus, Der Leib, Das Fleisch, Beziehung zwischen Leib und Fleisch, Das Sichtbare, Das Sehende
Arbeit zitieren
Karin Ulrich (Autor), 2009, Die Verflechtung - Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131502

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