In diesem Essay wird untersucht, was unter "Common Sense" verstanden wird und die populäre Meinung zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort beschreibt. Die bestimmte Art der Weltanschauung, die bestimmte Überzeugungen als notwendig und unhinterfragbar ansieht, läuft allerdings Gefahr, von Überzeugungen zu einer dogmatischen Sicht auf die Dinge zu gelangen, die nur noch aus konventionellem Wert übernommen, aber nicht durch eigene kognitive Anstrengung herausgestellt werden. Einige dieser Gefahren werden knapp beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Sensus Communis: Notwendiger Fundamentbau oder antiphilosophisches Herdendenken?
2. Ein knapper Umriss der phänomenologischen Unterscheidung von drei Arten des Gemeinsinns
3. Die Philosophie beginnt dort, wo der Common Sense sich erschöpft
4. Wie man es schafft, den Common Sense zu überwinden
5. Fundamentbau ohne Common Sense: Ein Kompromissvorschlag
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem Konzept des Common Sense (gesunder Menschenverstand) und dem Kern philosophischen Denkens. Ziel ist es, kritisch aufzuzeigen, wie ein dogmatisches Festhalten an gesellschaftlich geteilten Annahmen die philosophische Reflexion behindert, und einen alternativen Ansatz mittels Arbeitshypothesen vorzuschlagen.
- Phänomenologische Differenzierung verschiedener Formen des Gemeinsinns.
- Kritik am dogmatischen Charakter des Common Sense in Diskursen.
- Die Notwendigkeit kritischer Distanz zur unmittelbaren Lebensumwelt.
- Methoden der existentiellen Reflexion zur Überwindung konventioneller Irrtümer.
- Entwurf einer pragmatischen Alternative durch forschungsleitende Arbeitshypothesen.
Auszug aus dem Buch
Die Philosophie beginnt dort, wo der Common Sense sich erschöpft
Vorhandene Werte, Überzeugungen und ganze Systeme von Moralverständnis tragen immer die Gefahr mit sich, dogmatischer Natur zu sein und weder für den einzelnen, noch für die Allgemeinheit, andere Tiere oder die Natur vorteilhaft zu sein. Die Menschen nehmen bereits den Großteil der Werte vergangener Zeiten auf diese kritisch-distanzierte Weise wahr. Ebenfalls werden die Überzeugungen von Personen, Gruppen und ganzen Gesellschaften, die an anderen Orten der Welt und unter anderen soziokulturellen Umständen bestehen, kritisch hinterfragt. Doch das Minimum an kritischer Reflexion und Skepsis, das in diesen Momenten zu tragen kommt, wird leider häufig vermisst, sobald es um die Werte der unmittelbaren räumlichen und kulturellen Umgebung geht. Das hauptverantwortliche Moment für diese scheinbare Blindheit gegenüber den Schwachstellen der eigenen Umgebung ist der Common Sense.
Friedrich Nietzsche erkannte die Relevanz von Common Sense-Antagonisten und der Notwendigkeit, unhinterfragte Systeme abzuweisen und stattdessen selbst – als schöpfendes Individuum – Urteile, Überzeugungen und auch Wahrheiten in die Welt zu bringen.
„In den einzelnen Geschlechtern strebt der Wille darnach, matt und gut zu werden und abzusterben. Ebenso in einzelnen Culturperioden.” Weiterhin sind es, so Nietzsche, die führenden und herrschenden Geister, die als einzige in der Lage sind, dasjenige von sich abzuwerfen, was die Allgemeinheit zuvor als Gemeinsinn hinnahm; diese Führer können sich „[b]efreien und sich vom Befreiten verachten lassen”.
Zusammenfassung der Kapitel
Sensus Communis: Notwendiger Fundamentbau oder antiphilosophisches Herdendenken?: Einleitung in die Problematik des Common Sense als scheinbar unhinterfragbare Grundlage öffentlicher Diskurse und Aufwerfen der philosophischen Fragestellung.
Ein knapper Umriss der phänomenologischen Unterscheidung von drei Arten des Gemeinsinns: Differenzierung zwischen der aristotelischen Koinē aísthēsis, dem modernen Sozialsinn sowie dem durch G.E. Moore geprägten Common Sense der Moderne.
Die Philosophie beginnt dort, wo der Common Sense sich erschöpft: Analytische Untersuchung der Gefahren von Common-Sense-Dogmatismen und die Notwendigkeit, sich von der Scheinblindheit gegenüber den eigenen kulturellen Werten zu befreien.
Wie man es schafft, den Common Sense zu überwinden: Beschreibung methodischer Zugänge zur kritischen Selbstreflexion, gestützt durch Ansätze von Martin Heidegger zur existentiellen Modifikation des Seins.
Fundamentbau ohne Common Sense: Ein Kompromissvorschlag: Vorschlag, den Common Sense nicht als absolute Wahrheit zu akzeptieren, sondern durch flexible Arbeitshypothesen zu ersetzen, um philosophischen Fortschritt bei gleichzeitiger argumentativem Fundament zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Common Sense, Sensus Communis, Philosophie, Kritische Reflexion, Dogmatismus, Arbeitshypothesen, G.E. Moore, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger, Phänomenologie, Sozialsinn, Epistemologie, Argumentation, Scheinwahrheiten, Individualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Relevanz und die epistemologischen Probleme des Konzepts "Common Sense" (gesunder Menschenverstand) im gesellschaftlichen Diskurs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die phänomenologische Einordnung des Gemeinsinns, die Kritik der philosophischen Dogmatik und Konzepte der individuellen Reflexion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie der Common Sense als argumentatives Hemmnis wirkt, und einen Weg zur Überwindung dieses dogmatischen Einflusses in der Philosophie aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine phänomenologische Analyse, metaphilosophische Kritik und die Erörterung epistemologischer Grundlagen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich ausgehend von einer Typologie des Gemeinsinns mit der Notwendigkeit des radikalen Zweifels und der kritischen Distanz zu gesellschaftlichen Konventionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Common Sense, kritische Reflexion, Dogmatismus, Arbeitshypothesen und philosophische Erkenntnis.
Warum hält der Autor den Common Sense für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass der Common Sense oft als Wahrheitsbehauptung missbraucht wird, die jegliche Hinterfragung unterbindet, wodurch echter philosophischer Fortschritt blockiert wird.
Was ist der Kern des vorgeschlagenen Kompromisses?
Der Autor schlägt vor, den Common Sense als notwendige, aber bloß vorläufige "Arbeitshypothese" zu begreifen, statt ihn als unumstößliches, wahres Faktenwissen zu behandeln.
- Arbeit zitieren
- Tim Reinbacher (Autor:in), 2022, Sensus Communis. Notwendiger Fundamentbau oder antiphilosophisches Herdendenken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1315334