Die nachfolgende Hausarbeit widmet sich primär der Frage nach den Auffassungen und Bewertungen von Affekten im Kontext des Barockzeitalters. Insbesondere wird sich der Liebe als dem stärksten Affekt zugewandt. Dabei wird exemplarisch Gryphius´ Trauerspiel "Cardenio und Celinde" als Analysegegenstand herangezogen. Die Analyse dient allen voran dem Interesse daran, wie Affekte im barocken Trauerspiel repräsentiert werden, welche Rolle sie für das Theater im Barock spielen und welche Bewertung sie in dem Stück erhalten.
„Mein Vorsatz ist zweyerlei Liebe“. Dieser Satz aus dem Trauerspiel "Cardenio und Celinde Oder Unglücklich Verliebete" von dem Barockdichter Andreas Gryphius verweist bereits im Voraus der Lektüre auf einen ambivalenten und kontrastierenden Charakter des Stückes, und zwar bezogen auf das uns stärkste bekannte Gefühl: der Liebe. Die Liebe, die uns unendlich glücklich machen kann. Die Liebe, die uns jedoch auch todbetrübt stimmen und zu Handlungen veranlassen kann, die wir ohne ihre Erfahrung wohl nie vollzogen hätten. Die Auswirkungen und Folgen ungebremster Leidenschaften werden in Cardenio und Celinde intensive be- und verhandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rhetorik und Affektenlehren im Barockzeitalter
2.1 Bedeutung der Rhetorik im Barock
2.2 Barocke Affektenlehren
2.2.1 Neostoizismus
2.2.2 Aristotelismus
3. Affektrepräsentation im Trauerspiel Cardenio und Celinde
3.1 Werküberblick und Sonderstellung
3.2 Cardenio und Celinde im Detail
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auffassungen und Bewertungen von Affekten im Kontext des Barockzeitalters am Beispiel des Trauerspiels „Cardenio und Celinde“ von Andreas Gryphius, um die didaktische Funktion und Repräsentation von Leidenschaften im barocken Theater zu analysieren.
- Bedeutung der Rhetorik im Barockzeitalter
- Vergleichende Analyse der Affektenlehren (Neostoizismus vs. Aristotelismus)
- Repräsentation von Affektverfallenheit und moralischem Verfall
- Die Funktion des Theaters als „pädagogisches Instrument“ (Katharsis)
- Analyse der Transformation und Läuterung der Titelfiguren
Auszug aus dem Buch
3.2 Cardenio und Celinde im Detail
Zunächst wird sich Cardenio zugewandt und seine Situation, Affektausprägung und Entwicklung analysiert. In der 1. Abhandlung berichtet Cardenio retrospektiv auf Bitten Pamphils von seiner Situation. Vorher warnt er diesen, dass seine Geschichte ihm ein „Warnungs-Spiegel“ (I, 36) sein soll. Der hochgebildete, doch dadurch auch Eitel gewordene Cardenio fühlte keine Liebe, die ihn betörte, bis er Olympia erblickte: „Ich sah sie vnd entbrandt!“ (I, 77). Diese Wortwahl ist typisch für die barocke Bildersprache. Sie verdeutlicht die Intensität der Gefühle und Regungen, in die Cardenio durch Olympia versetzt wurde. Nach vorheriger Absage stimmte Olympias Familie der Hochzeit mit Cardenio zu, doch lehnte dieser ab. Seine Rechtfertigung und Pamphils Reaktion darauf verweisen auf Cardenios affektives Wesen: Cardenio: Auß Eifer hasst ich jetzt / was Leib vnd Trew begehrtet (I, 210). […] Pamphil: O wahres Ebenbild auß vermischter Dinge! Wie ein erhitztes Roß durch vngewohnte Sprünge / Den Ritter mit sich reist: Und führt nicht wie er will (I, 229-231). Dieser Vergleich Pamphils von Cardenio mit einem ungestümen Tier zeigt wie Cardenio auf andere Personen wirkt und wie seine Leidenschaften ihn bestimmen.
Nachdem Olympia als Reaktion auf Cardenio Lysander ihre Hand verspricht und sich letztlich ganz von Cardenio abwendet (vgl. I, 318-320) sowie einer Heirat mit Lysander zustimmt, fällt Cardenio darüber ins Fieber (I, 323-324). Seine Krankheit, die vorher schon einmal aufgetreten war, verdeutlicht die Steigerung seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach Olympia, die ihn zu einem pathologischen Fall macht. Cardenio jagt fortan beständig dem falschen Ziel nach, wenn er „suchet was er nicht finden kann vnd nicht suchen solte.“43 Cardenio verkehrt die constantia in pertinacia (Verstockung), die sich von wahrer Beständigkeit darin differenziert, dass sie nicht wirklich beständig ist. So wechselt Cardenio angefangen mit Olympia, über Celinde zu Lysander jeweils die Bezugsperson seiner Leidenschaften.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Ambivalenz des Liebesgefühls im Barock ein und formuliert die Analyse von Gryphius’ Trauerspiel als Untersuchung der barocken Affektenlehre.
2. Rhetorik und Affektenlehren im Barockzeitalter: Dieses Kapitel erläutert die zentrale Stellung der Rhetorik als Grundausbildung und ihre enge Verzahnung mit der Affektenlehre zur Beeinflussung der Rezipienten.
2.1 Bedeutung der Rhetorik im Barock: Hier wird der hohe Stellenwert der Rhetorik als „Leitdisziplin“ und deren Erbe aus der Antike diskutiert, welche die Literatur und den Stil der Epoche maßgeblich formte.
2.2 Barocke Affektenlehren: Dieser Abschnitt beschreibt die moralischen Reinigungsfunktionen und Kontroversen der barocken Zeit, die stark durch die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges geprägt war.
2.2.1 Neostoizismus: Die Lehre wird als Krisenphilosophie definiert, die Affektbeherrschung (Constantia) als notwendige Maxime zur Krisenbewältigung fordert.
2.2.2 Aristotelismus: Hier wird eine differenziertere Sicht auf die Affekte vorgestellt, bei der diese als „Hertzneigungen“ zwar nicht böse, aber der Lenkung durch den Verstand bedürftig betrachtet werden.
3. Affektrepräsentation im Trauerspiel Cardenio und Celinde: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen mit der Dramenanalyse, wobei der didaktische Zweck des Stückes hervorgehoben wird.
3.1 Werküberblick und Sonderstellung: Es wird die Abweichung von barocken Poetiken und der bewusste Einsatz des Trauerspiels als pädagogisch-moralisches Instrument erörtert.
3.2 Cardenio und Celinde im Detail: Die Analyse zeigt an den Titelfiguren, wie Affektverfallenheit in moralischen Verfall mündet und die Läuterung nur durch transzendente Eingriffe erreicht werden kann.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit bestätigt die Funktion des Werkes als Exemplum, das vor der Leidenschaft warnt und das Ideal eines gottgefälligen Lebens in den Vordergrund stellt.
Schlüsselwörter
Barock, Rhetorik, Affektenlehre, Andreas Gryphius, Cardenio und Celinde, Neostoizismus, Aristotelismus, Constantia, Trauerspiel, Didaktik, Katharsis, Leidenschaften, Pathos, Vanitas, Sündentat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Repräsentation von Affekten im barocken Trauerspiel „Cardenio und Celinde“ von Andreas Gryphius vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Affekten- und Rhetoriklehre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit beleuchtet die barocke Rhetorik, die gegensätzlichen Strömungen des Neostoizismus und Aristotelismus sowie die didaktische Funktion von Literatur zur moralischen Erziehung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gryphius Leidenschaften im Theater darstellt und mit welchen Mitteln eine moralische Belehrung (Katharsis) des Publikums angestrebt wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Dramentextes im Kontext der historischen Affektenlehre, gestützt durch zeitgenössische Quellen und Forschungsliteratur.
Was wird primär im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Rhetorik und Affektenlehre im Barock sowie eine detaillierte Auslegung von Cardenios und Celindes psychologischer Entwicklung im Stück.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe wie Barockzeitalter, Neostoizismus, Constantia, Affektbeherrschung und didaktisches Bekehrungsdrama stehen im Mittelpunkt der Untersuchung.
Inwiefern spielt der Neostoizismus eine Rolle für die Interpretation der Titelfiguren?
Der Neostoizismus dient als theoretischer Rahmen, um das Scheitern von Cardenio und Celinde zu erklären; ihr anfängliches Wüten wird als strafwürdige Abwesenheit von Constantia gedeutet.
Warum wird das Werk „Cardenio und Celinde“ als pädagogisch-didaktisch eingestuft?
Gryphius verwendet das Stück als „Warnungs-Spiegel“ (Theatrum Mundi), um dem Publikum durch die Sünden der Figuren die zerstörerische Kraft ungebremster Leidenschaften vor Augen zu führen.
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- Master of Education Oliver Fröhlich (Author), 2018, Das Trauerspiel "Cardenio und Celinde" vor dem Hintergrund barocker Rhetorik und Affektenlehren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1315555