Schon vor der Einschulung werden Kinder häufig mit Rassismus konfrontiert. In der vorliegenden Arbeit wird ein wichtiger Aspekt zu diesem Thema behandelt: Kinderbücher. Die meisten Menschen haben in ihrer Kindheit Bücher wie „Der Struwwelpeter“, „Jim Knopf“ oder „Pippi Langstrumpf“ gelesen oder vorgelesen bekommen und kamen unbewusst mit Rassismus in Kontakt. Diese Problematik ist auf die Entstehungszeit der Kinderbücher zurückzuführen. Sie sind in einer Zeit entstanden, in der rassistische Begriffe und Anmerkungen noch nicht als solche wahrgenommen wurden. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich diese Arbeit mit folgender zentraler Fragestellung: Inwiefern spiegelt sich Rassismus in Kinderbüchern wider und wie sollte der pädagogische Umgang mit diesen Büchern erfolgen?
Um diese Frage zu beantworten, beginnen wir mit einer ausgiebigen Betrachtung von Rassismus, indem der Begriff definiert, die Formen erläutert und beispielhafte Rassismuserfahrungen von Kindern genannt werden. Anschließend wird Rassismus in Kinderbüchern anhand von 2 Beispielen dargestellt: „Die kleine Hexe“ und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Darauffolgend wird der Umgang mit diesen und ähnlichen Büchern erläutert und Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis dargelegt. Es folgt ein zusammenfassendes und abschließendes Fazit.
Werden Menschen heutzutage tatsächlich nicht mehr in sogenannte „Menschengattungen“ eingeteilt wie dies früher üblich war? Staatliche Statistiken zeigen hier das Gegenteil: Gemäß der statistischen Ergebnisse war es zwischen den Jahren 2010 und 2012 für schwarze Männer einundzwanzig Mal wahrscheinlicher von der Polizei getötet zu werden als für weiße Männer. Außerdem zeigen die Studien, dass schwarze Menschen fünfmal wahrscheinlicher eine Gefängnisstrafe erhalten und weiße Haushalte um das Dreizehnfache finanzstärker sind als schwarze Haushalte. Diese Zahlen legen offen, dass die Menschen zumindest heutzutage in Rassen eingeteilt werden und Rassismus sich weiterhin im alltäglichen Leben widerspiegelt. Kinder sind dabei gleichermaßen betroffen wie Erwachsene. So meiden viele Eltern, Schulen mit hohem Integrationsanteil und schicken ihre Kinder auf Schulen, in denen nicht so viele verschiedene Hautfarben vertreten sind. Zudem werden Kinder und Jugendliche, die aus anderen Ländern stammen, überwiegend häufiger auf Förder- und Hauptschulen geschickt als Kinder, die in Deutschland geboren sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rassismus
2.1 Begriffserklärung
2.2 Formen von Rassismus
2.2.1 Direkter und indirekter Rassismus
2.2.2 Personaler und struktureller Rassismus
2.3 Kinder und Rassismus
3. Rassismus in Kinderbüchern anhand von Beispielen
3.1 Die kleine Hexe von Otfried Preußler
3.2 Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende
4. Umgang mit rassistischen Kinderbüchern und Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Vorkommen rassistischer Stereotype in klassischen Kinderbüchern und diskutiert den pädagogischen Umgang mit diesen Texten vor dem Hintergrund einer zunehmend diversen Gesellschaft.
- Definition und Erscheinungsformen von Rassismus
- Rassistische Rassismuserfahrungen im Kindesalter
- Analyse rassistischer Inhalte in "Die kleine Hexe" und "Jim Knopf"
- Reflexion über Sprachwandel und literarische Werktreue
- Pädagogische Handlungsempfehlungen für den Umgang mit diskriminierender Literatur
Auszug aus dem Buch
3.2 Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende
Am Anfang der Geschichte werden die Bewohner von Lummerland vorgestellt. Zu Lukas dem Lokomotivführer steht hier: „[...] sein Gesicht und seine Hände waren fast ganz schwarz von Öl und Ruß. Und obwohl er sich jeden Tag mit einer besonderen Lokomotivführer-Seife wusch, ging der Ruß doch nicht mehr ab“ (Ende 1960, S. 6). Es wird schon zu Beginn auffallend häufig über die schwarze Hautfarbe gesprochen. Der Neuankömmling Jim bekommt sogar Angst vor Lukas, der durch seine Arbeit ganz schwarz geworden ist: „Außerdem war es auch erschrocken vor dem großen schwarzen Gesicht von Lukas, denn er wußte [sic!] ja noch nicht, daß [sic!] es selber auch ein schwarzes Gesicht hatte“ (ebd, S. 16). Die Autorin Rösch betont, dass hier schwarze Menschen als ein Bedrohung angesehen werden, die ihre Freundlichkeit hinter ihrer Haut verstecken (vgl. Rösch 2000, S.143). Es besteht die Gefahr, dass Kinder diese Einstellung übernehmen und schwarzen Kindern abweisend oder sogar ängstlich gegenübertreten.
Hinzu kommt der Ausruf von Herrn Ärmel, als die Bewohner das unbekannte Paket öffnen: „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“ (Ende, S. 15). Die Herumstehenden stimmen dem zu, dennoch wird dieser Begriff, ebenso wie beim vorherigen Buch, heutzutage als abwertend und rassistisch eingestuft. Die Autoren Regina und Gerd Riepe vertreten die Ansicht, dass dem „Neger“ Eigenschaften wie „nackt, arm, unordentlich, der Diener vom Dienst oder immer wegen nichts einen Aufstand machen […] zugeordnet werden“ (Riepe/Riepe 1992, S. 39). Weiter führen sie aus, dass dieser Begriff in der heutigen Zeit nicht mehr ohne eine Wertung verwendet werden kann (vgl. ebd.). 1960, im Nachkriegsdeutschland sah das noch ganz anders aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Relevanz von Rassismus in Deutschland sowie das Ziel der Arbeit, rassistische Aspekte in Kinderbüchern kritisch zu betrachten und pädagogische Lösungsansätze zu finden.
2. Rassismus: Dieses Kapitel definiert den Rassebegriff sowie verschiedene Formen des Rassismus (direkt, indirekt, personal, strukturell) und thematisiert, wie Kinder bereits frühzeitig mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert werden.
3. Rassismus in Kinderbüchern anhand von Beispielen: Anhand der Werke "Die kleine Hexe" und "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" werden spezifische rassistische Stereotype und deren historisch gewachsene Darstellung analysiert.
4. Umgang mit rassistischen Kinderbüchern und Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis: Das Kapitel diskutiert das Spannungsfeld zwischen sprachlicher Anpassung von Literatur und der Bewahrung des literarischen Erbes sowie konkrete pädagogische Strategien.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert dafür, diskriminierende Begriffe in Büchern zu thematisieren und für Kinder greifbar zu machen, statt einfache Verbote auszusprechen.
Schlüsselwörter
Rassismus, Kinderbücher, Diskriminierung, Pädagogik, Stereotype, Jim Knopf, Die kleine Hexe, Sprachwandel, Vorurteile, Diversität, Interkulturalität, Literaturrezeption, Migrationshintergrund, Rassebegriff, Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit rassistische Vorurteile und Stereotype in deutschen Kinderbuchklassikern enthalten sind und wie pädagogisch sinnvoll mit diesen Inhalten umgegangen werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die theoretische Fundierung des Rassismusbegriffs, das Erleben von Rassismus bei Kindern sowie die dekonstruktive Untersuchung von Kinderliteratur bezüglich ihrer rassistischen Codes.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: Inwiefern spiegelt sich Rassismus in Kinderbüchern wider und wie sollte der pädagogische Umgang mit diesen Büchern erfolgen?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literatur- und sachanalytische Arbeit, die auf vorhandener Sekundärliteratur zu Rassismus, Diskriminierung und Kinderliteraturdidaktik basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsherleitung, eine Fallbeispielanalyse zu Preußlers "Die kleine Hexe" und Endes "Jim Knopf" sowie eine Diskussion pädagogischer Handlungsoptionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf Rassismus, Kinderliteratur, Stereotypisierung, Prävention von Diskriminierung und dem pädagogischen Umgang mit altertümlichen Begriffen.
Wie bewertet die Autorin die Umformulierung von Kinderbüchern?
Die Autorin sieht keinen pauschalen "richtigen" Weg, plädiert aber dafür, diskriminierende Begriffe zu erklären und im Dialog mit den Kindern als veraltet und heute nicht mehr tragbar zu kontextualisieren.
Welche Rolle spielt die historische Entstehung der analysierten Bücher?
Es wird betont, dass die Bücher in einer Zeit entstanden, in der die Debatte um Rassismus und Eurozentrismus weitgehend fehlte, weshalb eine pauschale Verurteilung der Autoren als Rassisten der historischen Einordnung nicht gerecht wird.
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- Lisa-Marie Mühlender (Author), 2019, Rassismus in Kinderbüchern. Wie sollte der pädagogische Umgang mit diesen Büchern erfolgen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1316468