Rassenhygiene im Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der Vererbungslehre zur Rassenhygiene

3. Die Rassenhygiene im Nationalsozialismus
3.1 Das Gesetz zu Verhütung erbkranken Nachwuchses
3.2 Sterilisierungsgesetze im internationalen Kontext
3.3 Nationalsozialistische Sterilisationspolitik

4. Euthanasie: Geschichte und Definition eines Begriffs
4.1 "Euthanasie" im nationalsozialistischen Deutschland
4.2 Von der "Euthanasie" zur Endlösung

5. Fazit

6. Literatur und Quellen

1. Einleitung

In heutiger Zeit stehen Genforschung und Humangenetik wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Nicht zuletzt das "Klonschaf" Dolly und das in den USA in Angriff genommene "Human Genome Project" haben der Bevölkerung ungeahnte Möglichkeiten der Steuerung biologischer Vorgänge durch den Menschen suggeriert und die Utopie einer "schönen neuen Welt" wieder aufleben lassen. In Zeiten leerer Sozialkassen und zunehmender Kosten der therapeutisch orientierten Medizin erscheinen die Möglichkeiten einer präventiven "Genmedizin" überaus verlockend und kostengünstig. Bertold Brecht lässt seinen Macheath in der "Dreigroschenoper" singen: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Dieser alte Satz scheint sich auch in diesem Zusammenhang als Binsenwahrheit zu bestätigen. Der Genetik scheinen keine Grenzen gesetzt und schon wird in der Öffentlichkeit nicht mehr nur über die Grenzen des Machbaren, sondern auch über die finanziellen Aspekte des menschlichen Erbgutes diskutiert.

Dieses Denken in Bezug auf eine kostengünstige präventive "Genmedizin" ist nicht neu. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich ähnliche Ideen unter der Bezeichnung "Rassenhygiene" in der westlichen Welt popularisiert. Voller optimistischer Vorstellungen und mit der Utopie eines besseren Lebens entwickelte sich aus der Fiktion im Laufe der Jahre eine institutionalisierte Wissenschaft. Die Verbrechen des Nationalsozialismus haben gezeigt, wie eine einst gut gemeinte Utopie sich verkehren kann in menschenverachtende Politik. Bei allen Segnungen und Vorteilen, die uns die neue Technik der Genforschung bringen kann und wird, darf doch nie vergessen werden, dass Individualität zu gerne einem einheitlichen Schönheitsideal oder Gesundheitsideal geopfert wird.[1]

Die folgende Arbeit soll Aufschluss darüber geben, inwiefern die Rassenhygiene in Deutschland mit ihrer Ideologie als ein deutsches Produkt gesehen werden kann oder ob es sich um ein internationales Phänomen handelt. Des Weiteren wird aufgezeigt wie sich die Rassenhygiene im Nationalsozialismus vom "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" über die damit verbundenen Zwangssterilisationen vom Mord an tausenden geistig und körperlich behinderten Menschen in Deutschland bis hin zum Massenmord an dem jüdischen Volk in Europa ausweitete und ob in dieser Entwicklung überhaupt ein Zusammenhang zwischen "rassenhygienischen" Programmen und Holocaust besteht.

2. Von der Vererbungslehre zur Rassenhygiene

Schon seit Jahrtausenden ist den Menschen bekannt, dass im Pflanzen- und Tierreich Eigenschaften der Elterngeneration bei den Nachkommen wieder auftauchen, also vererbt werden. Diese Beobachtungen machte man sich schon früh in der Tier- und Pflanzenzucht zunutze. In dem altorientalischen Reich Elam wurde bereits vor etwa 6000 Jahren eine intensive Pferdezucht betrieben. Die Babylonier führten schon um etwa 1000 v. Chr. gezielte Kreuzungen von Dattelpalmen durch, um ihre Eigenschaften zu verbessern.[2]

Im Jahr 1866 entdeckte der Augustinermönch Johann Gregor Mendel bei Kreuzungsexperimenten mit Erbsen die Grundregeln der Vererbung und stellte die auch noch heute in der Genetik allgemein gültigen drei Mendelschen Regeln auf, wobei zu beachten ist, dass sich die Mendelschen Vererbungsregeln auf nur ein bzw. mehrere Merkmale auf einem Chromosom beziehen und somit nur die Grundlage der Vererbungslehre darstellen. Trotz dieser Entedeckung gerieten die Ergebnisse in Vergessenheit und wurden erst wieder um 1900 von den Botanikern Hugo de Vries aus den Niederlanden und dem deutschen Forscher Carl Correns entdeckt. Mendel kann als Gründer der der modernen Genetik angesehen werden, obwohl er damals noch nichts über Chromosomen oder Gene wusste und seine Vererbungsregeln somit eher ein Zufallsprodukt darstellen.

Der Grundstein für eugenisches Denken wird mit der Evolutionstheorie von Charles Darwin und dem damit verbundenen Prinzip der natürlichen Selektion in Verbindung gebracht. Francis Galton, ein Vetter Darwins, gilt als der Begründer der "Eugenik". Inspiriert von Darwin, beschäftigte sich Galton mit der Vererbung von Intelligenz bei Menschen. Parallel zu seinen Forschungen entwickelte Galton die Vorstellung, dass eine gezielte Verbesserung der Erbanlagen angestrebt werden sollte, um die Entwicklung der Menschheit positiv zu beeinflussen. Er prägte dafür den Ausdruck "Eugenik". In seinem Buch "Genie und Geist" formulierte er die Ziele der Eugenik so: "Die natürliche Anlagen, von denen dieses Buch handelt, sind der Art, wie sie ein moderner Europäer in einem weit größeren Durchschnitt besitzt als Menschen niedriger Rassen. Wir finden nichts, was uns bezweifeln lässt, dass eine Rasse gesunder Menschen geschaffen werden kann, die den modernen Europäern geistig ebenso überlegen wäre, als die modernen Europäer den niedrigsten Negerrassen überlegen sind. Galtons Glaube an die Notwendigkeit eugenischer Maßnahmen wurde maßgeblich durch Darwin beeinflusst, der ja das Prinzip der natürlichen Auslese als Triebkraft der Evolution beschrieben hatte. Da beim Menschen diese Selektionsmechanismen nur noch eingeschränkt wirksam sind, erschien es Galton notwendig, sie durch gezielte Eingriffe zu ersetzen. Er befürwortete deshalb auch den Ausschluss Minderbegabter von der Fortpflanzung.[3]

Für die "Lenkung der Auslese" sah Galton grundsätzlich zwei Wege:

1. Die Förderung der Fortpflanzung der Erbgesunden (später positive Eugenik genannt)
2. Die Hemmung bzw. Verhinderung der Fortpflanzung der "Erbkranken" (später negative Eugenik genannt)

Im Griechischen bedeutet Eugenik: Lehre von der guten Erbveranlagung – aber auch einfach "Wohlgeborenheit". Galton übersetzte Eugenik für seine Zwecke mit: " Wertvoll in der Abstammungsgrundlage" bzw. "Erblich ausgestattet mit wertvollen Eigenschaften".[4]

Schon zu Beginn seiner Studien stellte sich für Galton als entscheidendes Problem die Frage nach den Möglichkeiten differenzierter Fortpflanzung. Galton teilte die Menschen in zwei Abteilungen: die Gruppe der Erbgesunden, die bei ihm identisch sind mit den Begabten und die Gruppe der Erbkranken mit einem "minderwertigen Erbgefüge". Die Hauptaufgabe der Eugenik bestehe darin, die Fortpflanzung innerhalb der ersten Gruppe zu fördern, sie innerhalb der zweiten Gruppe zu hemmen und sie zwischen Angehörigen der beiden Gruppen zu verhindern. Auf diesem Wege, so hoffte er, werde die "minderwertige" Gruppe allmählich aus der Bevölkerung verschwinden und ein gewaltiger Aufstieg der Menschheit von Generation zu Generation erfolgen.[5]

Wichtigster Wegbereiter der Eugenik in Deutschland war der Arzt und Biologe Ernst Haeckel (1834- 1919). Haeckel zog aus dem darwinschen Prinzip der Selektion und Evolution auf den Menschen bezogen, die Konsequenz, dass der Wert der höher entwickelten Menschen aus dem Vorhandensein bestimmter Eigenschaften abzuleiten sei, die ihn vom Tier abheben würden. Ein menschliches Individuum, dem diese Eigenschaften fehlten, unterscheide damit auch nichts mehr vom Tier und es könne als ein ebensolches behandelt werden. Auch in der Geschichte der Menschheit, so Haeckel, könne man den Prozess der Variationen und Selektion nachweisen und als unumgehbar ansehen. Durch die neu entwickelten medizinischen Möglichkeiten werde aber in den natürlichen Selektionsprozess eingegriffen und so könne sich auch, zum Schaden des Menschengeschlechts, schlechtes Erbgut weiterverbreiten. Als Vorbild beschrieb Haeckel die antiken Formen der Kindereuthanasie in Sparta, bei der alle schwächlichen und behinderten Kinder getötet wurden, damit nur gesunde und kräftige Spartaner ihr Erbgut weitergeben konnten.[6]

Der Ausdruck "Rassenhygiene" wurde von Alfred Ploetz (1860- 1940) in seinem 1895 erschienene Buch "Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen" eingeführt. Die in diesem Werk geleistete konzeptionelle Vorarbeit führte dazu, dass Ploetz von vielen Anhängern der rassenhygienischen Bewegung als Begründer dieser in Deutschland angesehen wurde. Ploetz war der Meinung, dass der Hygiene eine große Rolle bei der Hebung des menschlichen Geschlechts zukomme und um deutlich zu machen, dass es ihm dabei nicht um individuelle Hygiene, sondern um eine auf die Fortpflanzung bezogene Hygiene gehe, führte er diesen Begriff in die Diskussion ein, der sich dann im deutschen Sprachraum als Kennzeichnung für die Eugenik durchsetzen sollte. Unter "Rassenhygiene" verstand Ploetz die Lehre von den optimalen Erhaltungs- und Entwicklungsbedingungen einer Rasse. Dabei ist zu beachten, dass Ploetz den Begriff Rasse "einfach als Bezeichnung einer durch Generationen lebenden Gesamtheit von Menschen im Hinblick auf ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften" benutzte. Sein rassenhygienisches Programm sollte ganzen Populationen zugute kommen und nicht Teilen eines Volkes im Sinne eines spezifischen Rassentypus wie Ariern o. ä..[7]

Wie auch Haeckel mit seinem Vorbild der Kindstötung im antiken Sparta, so befürwortete auch Ploetz die Kindstötung, bei schwächlichen oder missgestalteten Kindern, indem man ihnen durch ein Ärzte- Kollegium einen sanften Tod bereitet beispielsweise durch eine kleine Dosis Morphium. Als Begründung für diese furchterregenden Vorstellungen diente vor allem die Darwinsche Evolutionstheorie, nach der ein natürlicher Ausleseprozess stattfindet, der mit dem Schlagwort "Survival of the fittest" beschrieben wurde. Diese Kurzaussage wird im Deutschen gerne mit "Überleben der Stärksten" übersetzt, was den Inhalt allerdings verfälscht. Mit dem Wort "fittest" ist nämlich lediglich der an seine Umwelt am besten Angepasste gemeint, was keinesfalls immer der Stärkste sein muss.[8]

Alfred Ploetz hatte sich zur Aufgabe gesetzt, die Rassenhygiene in Deutschland wissenschaftlich zu verankern. In seinem Bestreben, die Rassenhygiene in Deutschland zu einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin zu machen, ging Ploetz recht planmäßig vor. 1904 gründete er die Zeitschrift "Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie", ein Jahr später war er maßgeblich an der Gründung der "Gesellschaft für Rassenhygiene" beteiligt. Die von Ploetz und seinen Gefolgsleuten verfolgten Ziele ähnelten zunächst weitgehend denen, die schon Galton unter der Bezeichnung "Eugenik" propagiert hatte. Die Wahl des Begriffs "Rassenhygiene" deutet aber bereits darauf hin, dass rassenbezogenen Aspekten eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Das zeigt sich verstärkt in den Folgejahren, in denen Ploetz verschiedene Geheimbünde initiierte, deren Ziel die "Rettung der nordischen Rasse" war. Anfangs war Ploetz, wie bereits gesagt, nicht eindeutig antisemitisch eingestellt, sondern befürwortete sogar eine "Rassenmischung" zur Steigerung der "Rassentüchtigkeit". Später plädierte er allerdings für eine Rassenreinheit und unterstützte den militanten Antisemitismus der Nationalsozialisten.[9]

Im Jahr 1913 wurde die "Gesellschaft für Rassenhygiene" als Mitglied in der medizinischen Hauptgruppe der "Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte" aufgenommen und damit wurde der neuen "Wissenschaft" zum einen eine akademische Anerkennung zuteil, zum anderen wurde sie in den Reihen der Ärzteschaft als medizinische Disziplin eingeführt.[10]

Im Jahr 1927 wurde das "Kaiser Wilhelm Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" gegründet. Die Errichtung des Instituts wurde allgemein als ein deutliches Signal für die endgültige wissenschaftliche Anerkennung der Rassenhygiene verstanden und man beeilte sich vielerorts mit der Gründung weiterer Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet. Bis 1933 entstanden mehr als 30 Institute, die sich mit rassenhygienischen Fragestellungen beschäftigten.[11]

[...]


[1] Fangerau, Heiner: Etablierung eines rassenhygienischen Standardwerkes 1921- 1941. der Bauer-Fischer-Lenz im Spiegel der zeitgenössischen Rezensionsliteratur, Frankfurt a.M. , 2001, S. 14

[2] Zankl, Heinrich: Von der Vererbungslehre zur Rassenhygien, in: Henke, Klaus Dietmar (Hg.): Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord (Schriften des Deutschen Hygiene- Museum Dresden, Band 7), Köln, 2008, S. 47

[3] Ebd. S. 51- 52

[4] Kappeler, Manfred: Der schreckliche Traum vom vollkommenen Menschen. Rassenhygiene und Eugenik in der Sozialen Arbeit, Marburg, 2000, S. 134

[5] Ebd. S. 135

[6] Frieß, Michael: "Komm süßer Tod" - Europa auf dem Weg zur Euthanasie. Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart, 2008, S. 21

[7] Fangerau, S. 26

[8] Zankl, S. 54

[9] Ebd. S 56- 57

[10] Fangerau, S. 29

[11] Zankl, S. 58

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Rassenhygiene im Nationalsozialismus
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: "Bevölkerung als Problem: Sozialdarwinismus, Eugenik und Bevölkerungskrise im Kaiserreich"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V131650
ISBN (eBook)
9783640375288
ISBN (Buch)
9783640375080
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassenhygiene, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Christopher Schöne (Autor), 2009, Rassenhygiene im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131650

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