Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, d.h. 1947 veröffentlicht der amerikanische Exilant Thomas Mann seinen umfangreichen Kapitel- bzw. Musik-Roman "Doktor Faustus", in dem der Erzähler Serenus Zeitblom von der faszinierenden und provotierenden Biographie seines Freundes, des deutschen, musikalisch hochbegabten Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt. Leverkühns ganze Lebensgeschichte ist in Deutschland angesiedelt; seine fortwährenden musikalischen Engagements, hinter denen die das zwanzigste Jahrhundert zeitigende Katastrophe und das durchaus zerfallende Deutschland auf ganz metaphorische Weise zurückbleibt, lassen lediglich Gedanken an die sprachlich-literarische Umsetzung der Musik und deren funktionierende Dimension im Text entstehen. Vor allem aber zeigt sich, dass der schon seit seiner Veröffentlichung vieldiskutierte Roman, bestehend aus siebenundvierzig Kapiteln, nämlich im Spiegel musiktheoretischer, musikoliterarischer, politisch-historischer, kulturtheoretischer und philosophischer Perspektiven steht.
Da das Romanganze in Thomas Manns "Doktor Faustus" nahezu zwei musikalisch inhaltsheterogene Hauptmusikstücke vor Augen führt, ist das vielsagende "Oratorium Apocalipcis cum figuris" von Interesse in der folgenden angelegten Studie. Dieses Oratorium, das zugleich im vierunddreißigsten Kapitel geschildert und aufgeführt wird, befähigt durch seine erzählerische Kompositionstechnik eine reichliche Gewinnung verschiedener Erkenntnisse im Rahmen des apokalyptischen Diskurses. Auf die Frage hin, inwiefern es Leverkühns religiös visionsbedingtem Chorwerk gelingt, den kulturellen, sozialen und politischen Untergang Deutschlands zu prophezeien, liegt die Vermutung nahe, dass Leverkühn sich durch geniale Kräfte des heterogenen Materials apokalyptischen Diskurses bedient, um diesen Untergang musikalisch in Szene zu setzen. Biblisch-johanneische und babylonische Vernichtungsbilder sind in diesem Sinne eine Art Rehabilitierung des Schicksals des alten Jerusalems bzw. der Israeliten in dem deutschen Kontext, indem die Warnungsfunktion der apokalyptischen Musik ins Spiel kommt. Die Studie wirft in ihrer Gliederung einen angerissenen Blick auf die Deutungsversuche der Musik und Apokalypse und deren Eingang in die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Dann wird auf die Analyse von Leverkühns Chorwerk "Apocalipsis cum figuris" eingegangen, indem die Entstehungsgeschichte, vorkommenden Formen und Funktion der apokalyptischen Musik gründlich durchgeforstet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zum Musikbegriff: Musik und/in Literatur
2. Zum Apokalypsebegriff: Apokalypse und/in Literatur
3. Apokalyptische Musik
II. ZU APOKALIPSIS CUM FIGURIS IN THOMAS MANNS DOKTOR FAUSTUS
1. Entstehungsgeschichte von Apocalipsis cum figuris
2. Die Bedeutung des Genies für musikalische Kompositionen
3. Formen der Apokalypse in Apocalipsis cum Figuris
4. Warnungsfunktion der Musik: Untergangsvisionen der deutschen Gesellschaft
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Warnungsfunktion der Musik in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus", wobei der Fokus auf dem Oratorium "Apocalipsis cum figuris" liegt. Die zentrale Forschungsfrage ist, inwiefern Adrian Leverkühns musikalisches Werk als prophetische Manifestation des kulturellen, sozialen und politischen Untergangs des damaligen Deutschlands zu verstehen ist.
- Intermediale Verschränkung von Literatur und Musiktheorie
- Die ästhetische und religiöse Bedeutung des Apokalypsebegriffs in der Literatur des 20. Jahrhunderts
- Die Rolle des "kranken Genies" im kompositorischen Schöpfungsprozess
- Analyse der Warnungsfunktion apokalyptischer Musik als Gesellschaftskritik
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des Genies für musikalische Kompositionen
Welche Bedeutung hat denn das Genie für die Komposition des Kunstwerks Apocalipsis cum figuris, da angenommen wird, dass diese Komposition „[…]also weit [] in eine Zeit scheinbar völliger Erschöpfung von Adrians Lebenskräften zurückreicht[…]“? Mit Antworten im Munde kann man – angesichts der Teufelspaktszene – nur unschwer zurückhalten. Aber fragt man sich ganz spezifisch, ob alles, was vom Teufel stammt, immer übermächtig ist angesichts der übertriebenen Beweglichkeit und Lebensfrische Leverkühns in einer ziemlich entsetzlichen betäubten Benommenheit und anderen ähnlichen emotionalen Befindlichkeiten, so kann man schwierig den Nagel auf den Kopf treffen.
Wenn man sich nicht zuletzt die Frage stellt, ob die Teufelsmacht und sein Liebesverbot im geringsten zu Arrangements der Gesellschaft führt, da Leverkühn sich mit dieser kühnlich auseinandersetzt, dann können nur gleichsam spekulative Antworten ans Tageslicht treten. Wenn man sich trotzdem abgrundtief auf das vermachte Teufelsgenie einschränkt, das als Teil von Leverkühns Identität fungiert, dann ist ihre Bedeutung im philosophischen Sinne nicht geradezu ausschließlich auf künstlerische Tätigkeit des Komponisten selbst zu übertragen, sondern wahrlich auf die Zielsetzung dieser Tätigkeit. Das Genie erscheint diesbezüglich als die einzige lebenswichtige kreative Macht, die Leverkühn wirkungsmächtig am Leben erhält und zu seinen musikalischen Erfolgen beiträgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Musikbegriff: Musik und/in Literatur: Dieses Kapitel erläutert die intermediale Verknüpfung von Musik und Sprache und diskutiert, wie Musik in Erzähltexten literarisiert wird.
2. Zum Apokalypsebegriff: Apokalypse und/in Literatur: Hier wird der theoretische Apokalypsebegriff im Kontext von Literatur und Zukunftsphantasien definitorisch geklärt und von utopischen Denkmustern abgegrenzt.
3. Apokalyptische Musik: Dieses Kapitel definiert apokalyptische Musik als Ausdruck gesellschaftlicher Identitätskrisen und als Medium für prophetische Untergangsvisionen.
II. ZU APOKALIPSIS CUM FIGURIS IN THOMAS MANNS DOKTOR FAUSTUS: Einleitender Teil zur Analyse des Oratoriums als zentrales, weltanschauliches Kernstück des Romans.
1. Entstehungsgeschichte von Apocalipsis cum figuris: Untersuchung der biografischen und zeithistorischen Einbettung von Leverkühns Komposition in den Rahmen von Thomas Manns Gesellschaftskritik.
2. Die Bedeutung des Genies für musikalische Kompositionen: Erörterung des Verhältnisses zwischen dem diabolisch inspirierten Genius, Krankheit und künstlerischer Schöpfungskraft.
3. Formen der Apokalypse in Apocalipsis cum Figuris: Analyse der Transposition von Text, Bild und musikalischen Klängen in das intermediale Format des Chorwerks.
4. Warnungsfunktion der Musik: Untergangsvisionen der deutschen Gesellschaft: Fokus auf die pädagogische und prophetische Funktion der Musik, die als düstere Vorhersage für den Zustand des deutschen Volkes fungiert.
Schlüsselwörter
Doktor Faustus, Thomas Mann, Apocalipsis cum figuris, Adrian Leverkühn, Apokalypse, Musikalisierung der Literatur, Intermedialität, Geniekult, Untergangsvision, Warnungsfunktion, deutsche Geschichte, Moderne, Expressionismus, Kompositionstechnik, Religionswissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Anliegen dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Funktion apokalyptischer Musik in Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" und untersucht, wie der Autor durch die Figur Adrian Leverkühn gesellschaftspolitische Abgründe thematisiert.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung abgedeckt?
Die Themen umfassen die Musik- und Literaturtheorie, die Bedeutung apokalyptischer Diskurse, die Rolle des Künstlers als Prophet sowie das Verhältnis von Kunst, Genie und Krankheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Leverkühns Oratorium "Apocalipsis cum figuris" als musikalisches Instrument dient, um den moralischen und politischen Verfall Deutschlands vor und während des Zweiten Weltkriegs zu prophezeien.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die musiktheoretische, intermediale und kulturgeschichtliche Ansätze kombiniert, um die diskursive Umsetzung des Apokalypse-Motivs im Roman zu deuten.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich explizit mit dem 34. Kapitel des Romans, der Entstehungsgeschichte des Chorwerks, der Rolle des Teufelspakts als Katalysator der Genialität sowie der konkreten Analyse der Klangsprache.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die vorliegende Arbeit?
Kernbegriffe wie Apokalypse, Intermedialität, Musikalisierung, deutsches Gesellschaftsuntergehen und das kranke Genie prägen die theoretische Ausrichtung der Arbeit.
Warum spielt das "kranke Genie" eine so zentrale Rolle bei Leverkühn?
Das Konzept des "kranken Genies" verknüpft nach Thomas Manns Darstellung die psychische Destabilisierung eines Künstlers mit einer gesteigerten ästhetischen Kreativität, die es ihm ermöglicht, tiefer in existenzielle und eschatologische Wahrheiten einzudringen.
Wie trägt das Kapitel "Apocalipsis cum Figuris" zur Warnungsfunktion bei?
Durch die Verwendung biblisch-apokalyptischer Bilder und einer als "hölle-beunruhigend" beschriebenen Klangsprache zwingt das Werk den Hörer zur moralischen Reflexion und warnt eindringlich vor den Folgen der nationalen moralischen Verdorbenheit.
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- Joel Henri Tatissong (Autor), 2022, Die Warnungsfunktion der Musik in Thomas Manns "Doktor Faustus". Zur Musik "Apocalipsis Cum Figuris", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1316568