Ein „Buch über Bautzen“ scheint in diesen Jahren nach der Entlassung aus dem Zuchthaus das einzige produktive Ziel zu sein; 1969 wird es dann über zahlreiche Vorstufen erreicht, der Haft-Bericht ‚Im Block‘ erscheint. (Dierks 1984, 17)
In seinem Haftbericht „Im Block“ schildert Walter Kempowski seine Haftzeit, die „am Morgen des 8. März 1948“ (Hempel 2004, 71) begann, als „er um 5.30 Uhr von vier Russen aus dem Bett heraus verhaftet und in das MWD-Gefängnis in der John-Brinkmann-Straße eingeliefert“ (ebd.) wurde. Der 19jährige wurde zu „fünfundzwanzig Jahre[n] wegen Spionage, § 58, 6 erster Teil“ (Kempowski 1987, 42) verurteilt und dann in die Haftanstalt Bautzen gebracht, wo er ursprünglich bis 1973 einsitzen sollte. Doch „im Juni 1955 wurde Kempowskis Haftstrafe auf acht Jahre herabgesetzt“ (Hempel 2004, 86) und er wurde „am frühen Morgen des 7. März 1956“ (ebd.) entlassen. Schon kurz darauf begann Kempowski, die Erlebnisse aus Bautzen „schriftlich zu verarbeiten“ (ebd., 87), aber es dauerte es noch 12 Jahre bis „Im Block“ in der ersten Fassung veröffentlicht wurde.
Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf den in diesem Werk dargestellten Oppositionen von >innen< und >außen<, eine Relation, die „Im Block“ schon deshalb vorliegt, weil es sich ja um einen Haftbericht handelt und aus diesem Grund muss mindestens ein >Innen<, nämlich die Gefangenschaft beziehungsweise das Gefängnis, und ein >Außen<, die Freiheit, geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffszuordnung
2.1. Der Begriff ‚innen‘
2.2. Die Begriffe ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘
2.3. Der Begriff ‚außen‘
2.4. Der Begriff ‚Freiheit‘
3. Die Oppositionsebenen von >innen< und >außen< in „Im Block“
3.1. Die Ebene der Person
3.1.1. Der Einzelne
3.1.2. Die Zweierbeziehung
3.1.3. Die Zellen-/ Saalgemeinschaft
3.1.4. Der Chor
3.2. Die Ebene des Ortes
3.2.1. Die Gefängnisräumlichkeiten
3.2.2. Das Gefängnis versus das Leben in Freiheit
3.2.3. Der Osten und der Westen
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Opposition von >innen< und >außen< in Walter Kempowskis Haftbericht „Im Block“. Dabei wird analysiert, wie diese Begriffspaare über die rein räumliche Trennung hinaus auf verschiedenen Ebenen – insbesondere der Person und des Ortes – verwendet werden, um die spezifische Lebenssituation in der Haftanstalt Bautzen und die damit verbundenen psychologischen sowie sozialen Spannungsfelder abzubilden.
- Analyse des Begriffsgefüges von >innen<, >außen<, >Gefangenschaft< und >Freiheit<
- Untersuchung der Oppositionsebenen auf Ebene der Person (Einzelne, Beziehungen, Gemeinschaft)
- Raumanalyse im Gefängniskontext (Zelle, Hof, Lazarett)
- Kontrastierung von Ost- und Westwahrnehmungen
- Bedeutung von geistiger Betätigung und Phantasie als Ausgleich zum Haftzwang
Auszug aus dem Buch
3.1.4. Der Chor
Der Erzähler von „Im Block“ und viele seiner Mithäftlinge beschäftigen sich während ihrer Haftzeit nicht nur mit Erzählungen, sondern auch viel mit Musik, mit Liedtexten, die teilweise immer wieder zwischen einzelne Textblöcke eingerückt sind, und schließlich gründen sie sogar einen Chor, dem der Erzähler beitritt (Kempowski 1987, 167).
Es bildet sich also eine Gemeinschaft innerhalb der Gemeinschaft des Saales heraus. Dadurch werden die Chormitglieder zu einem >Innen< und alle Häftlinge, die nicht mitsingen zu einem >Außen<. Später wird dieser Gegensatz sogar zu einem räumlichen, als die Chöre eine eigene Zelle bekommen (ebd., 213). Aber auch innerhalb dieser neuen Gemeinschaft bilden sich mehrere Grüppchen aus, die Tenöre und die Bässe, die morgens einzeln proben und nachmittags dann wieder zusammen singen (ebd., 217-218).
Die Mitglieder des Chores grenzen sich von den Nicht-Mitgliedern auf mehrere Weisen ab: erstens durch die Bereitschaft in diese neue Gemeinschaft zu gehören und zweitens natürlich auch durch ihre Fähigkeit, durch die eine Integration überhaupt erst möglich gemacht wird. Erst wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, kann man von einer neuen Gemeinschaft sprechen, denn jemand, der singen kann aber nicht will sowie jemand der nicht singen kann, aber will, gehört nicht dazu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Werks „Im Block“ von Walter Kempowski und Erläuterung der Zielsetzung, die Opposition von >innen< und >außen< als zentrales Analyseelement des Haftberichts zu untersuchen.
2. Begriffszuordnung: Theoretische Definition und Einordnung der zentralen Begriffe ‚innen‘, ‚Gefangenschaft‘, ‚Zwang‘, ‚außen‘ und ‚Freiheit‘ im Kontext der Haftsituation.
3. Die Oppositionsebenen von >innen< und >außen< in „Im Block“: Detaillierte Untersuchung der verschiedenen Ebenen der Person und des Ortes, unterteilt in soziale Gefüge wie Zweierbeziehungen und Chöre sowie räumliche Konstellationen wie Zelle, Hof und der Kontrast zwischen Ost und West.
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse, die zeigt, dass die Begriffe ‚innen‘ und ‚außen‘ keine statischen Konzepte sind, sondern je nach Perspektive und Kontext unterschiedliche Bedeutungen für die Häftlinge einnehmen.
Schlüsselwörter
Walter Kempowski, Im Block, Bautzen, Gefangenschaft, Freiheit, Opposition, Innenwelt, Außenwelt, Haftbericht, Zwang, soziale Gemeinschaft, Chor, Raumkonzept, Identität, DDR
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die in Walter Kempowskis Haftbericht „Im Block“ dargestellten Gegensätze zwischen dem >Innen< der Haft und dem >Außen< der Freiheit.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Themenfelder umfassen die Definition von Freiheitsbegriffen unter Haftbedingungen, die soziale Struktur innerhalb der Gefängnisgemeinschaft sowie die räumliche Wahrnehmung in Bautzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Begriffe >innen< und >außen< keine starren Gegensätze sind, sondern auf verschiedenen Ebenen variieren und je nach Perspektive unterschiedlich bewertet werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Methode, um anhand von Begriffsdefinitionen und Textbeispielen aus dem Roman die Oppositionsebenen zu erarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Begriffe geklärt und anschließend die Ebene der Person (z.B. der Einzelne, der Chor) sowie die Ebene des Ortes (z.B. Zelle, Lazarett, Ost-West-Gegensatz) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte sind Gefangenschaft, Freiheit, Opposition, Identität, soziale Gemeinschaft und Raumwahrnehmung.
Wie beeinflusst die Gründung eines Chores das >Innen<- und >Außen<-Gefühl der Gefangenen?
Der Chor schafft eine neue, exklusive Gemeinschaft innerhalb der Häftlingsgruppe, wodurch die Chormitglieder zu einem neuen >Innen< werden, während Nicht-Mitglieder sowie die Wärter das >Außen< darstellen.
Welche Rolle spielen die „Leerstellen“ im Text laut der Analyse?
Leerstellen ermöglichen es dem Leser, eigene Assoziationen einzubringen und regen die Imagination an, was besonders bei der Schilderung der Gefühlswelt des Erzählers eine zentrale Rolle spielt.
Wie verändert sich die Wahrnehmung des >Außen< kurz vor der Entlassung?
Die Aussicht auf Entlassung führt dazu, dass das >Außen< seine rein erstrebenswerte Komponente verliert und für den psychisch stark belasteten Erzähler sogar bedrohlich wirkt.
Warum wird der Kontrast zwischen Osten und Westen in der Arbeit besonders hervorgehoben?
Der Kontrast verdeutlicht, dass die Häftlinge den Westen als Ort der Freiheit und des höheren Ansehens wahrnahmen, was ihr Hoffen und ihr Verhalten maßgeblich beeinflusste.
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- Kristina Müller (Author), 2009, Äußerer Zwang - innere Freiheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131673