Äußerer Zwang - innere Freiheit

Die Relation von 'innen' und 'außen' in Walter Kempowskis Haftbericht 'Im Block'


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffszuordnung
2.1. Der Begriff ‚innen‘
2.2. Die Begriffe ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘
2.3. Der Begriff ‚außen‘
2.4. Der Begriff ‚Freiheit‘

3. Die Oppositionsebenen von >innen< und >außen< in „Im Block“
3.1. Die Ebene der Person
3.1.1. Der Einzelne
3.1.2. Die Zweierbeziehung
3.1.3. Die Zellen-/ Saalgemeinschaft
3.1.4. Der Chor
3.2. Die Ebene des Ortes
3.2.1. Die Gefängnisräumlichkeiten
3.2.2. Das Gefängnis versus das Leben in Freiheit
3.2.3. Der Osten und der Westen

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein „Buch über Bautzen“ scheint in diesen Jahren nach der Entlassung aus dem Zuchthaus das einzige produktive Ziel zu sein; 1969 wird es dann über zahlreiche Vorstufen erreicht, der Haft-Bericht ‚Im Block‘ erscheint. (Dierks 1984, 17)

In seinem Haftbericht „Im Block“ schildert Walter Kempowski seine Haftzeit, die „am Morgen des 8. März 1948“ (Hempel 2004, 71) begann, als „er um 5.30 Uhr von vier Russen aus dem Bett heraus verhaftet und in das MWD-Gefängnis in der John-Brinkmann-Straße eingeliefert“ (ebd.) wurde. Der 19jährige wurde zu „fünfundzwanzig Jahre[n] wegen Spionage, § 58, 6 erster Teil“ (Kempowski 1987, 42) verurteilt und dann in die Haftanstalt Bautzen gebracht, wo er ursprünglich bis 1973 einsitzen sollte. Doch „im Juni 1955 wurde Kempowskis Haftstrafe auf acht Jahre herabgesetzt“ (Hempel 2004, 86) und er wurde „am frühen Morgen des 7. März 1956“ (ebd.) entlassen. Schon kurz darauf begann Kempowski, die Erlebnisse aus Bautzen „schriftlich zu verarbeiten“ (ebd., 87), aber es dauerte es noch 12 Jahre bis „Im Block“ in der ersten Fassung veröffentlicht wurde.

Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf den in diesem Werk dargestellten Oppositionen von >innen< und >außen<, eine Relation, die „Im Block“ schon deshalb vorliegt, weil es sich ja um einen Haftbericht handelt und aus diesem Grund muss mindestens ein >Innen<, nämlich die Gefangenschaft beziehungsweise das Gefängnis, und ein >Außen<, die Freiheit, geben.

Um eine Analyse bezüglich ihrer Verwendung im Text vorzunehmen, stelle ich in Kapitel 2 zunächst einmal vor, was ich unter den Begriffen ‚innen‘, ‚Gefangenschaft‘, ‚Zwang‘, ‚außen‘ und ‚Freiheit‘ verstehe und lege anschließend dar, wie weit beziehungsweise eng sie in Bezug auf die Situation in Bautzen gefasst werden können.

In Kapitel 3 gehe ich dann genauer auf die verschiedenen Ebenen des Oppositionspaares >innen< – >außen< ein, jeweils mit einer Beschreibung der von mir vorgeschlagenen Ebene, der Erörterung der dargestellten Oppositionen sowie einigen Textbeispielen aus „Im Block“.

Im abschließenden Schlusskapitel trage ich die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammen und formuliere ein Fazit zur dargestellten Relation von >innen< und >außen<. Ferner weise ich auf eventuelle weiterführende Untersuchungsmöglichkeiten zum genannten Thema hin, falls sich dieser während der Bearbeitung ergeben.

2. Begriffszuordnung

Wie in der Einleitung bereits angekündigt, nehme ich in diesem Kapitel eine Zuordnung der Begriffe ‚innen‘ (Kapitel 2.1.), ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘ (Kapitel 2.2.), ‚außen‘ (Kapitel 2.3.) sowie ‚Freiheit‘ (Kapitel 2.4.) vor, damit die anschließende Ausarbeitung zu den Oppositionen dieser Begriffspaare in „Im Block“ verständlicher wird. Dabei beginne ich jeweils mit der Definition des Wortes und führe danach weitere Anwendungsmöglichkeiten des jeweiligen Begriffes in Bezug auf den Haftbericht an.

2.1. Der Begriff ‚innen‘

Nach dem Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache wird das Adverb ‚innen‘ in der Bedeutung „im Innern, darinnen“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 695) gebraucht. Im Duden Synonymwörterbuch werden für ‚innen‘ Synonyme wie „an der/auf der Innenseite, drinnen, im Inneren, inwendig“ (Duden Synonymwörterbuch 2007, 513) angeboten. Beide Lexika sind sich also darüber einig, dass mit ‚innen‘ eine Sache bezeichnet wird, die sich innerhalb bestimmter Begrenzungen befindet.

Zum Begriffskomplex ‚innen‘ gehört meiner Ansicht nach auch der Begriff ‚Innenwelt‘, die „geistig-seelische Welt (eines Menschen), Gesamtheit der Gefühle und Gedanken (eines Menschen); Ggs. Außenwelt“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 695), womit also das Innenleben oder das Innere, das „ a) Gefühlsleben, Gefühlswelt, Innenleben, Innenwelt, Seele“ (Duden Synonymwörterbuch 2007, 513) einer Person, in Bezug auf den Haftbericht also das des Erzählers, gemeint ist.

‚Innen‘ kann sich demnach sowohl auf eine Person beziehen, deren Gefühle in ihrem Inneren ablaufen, als auch auf eine Gruppe von Personen, die miteinander agieren, sich vielleicht innerhalb einer noch größeren Gruppe absondern, und die sich innerhalb eines begrenzten Raumes befinden, sowie natürlich auch auf einen Ort, der von einem oder mehreren anderen Orten abgegrenzt ist und somit inwendig liegt.

2.2. Die Begriffe ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘

Die beiden Ausdrücke an dieser Stelle näher zu erörtern, erscheint mir deshalb sinnvoll, weil sie in Bezug auf die in Kempowskis Buch geschilderte Situation – die Gefängnissituation – in Zusammenhang mit dem Begriff ‚innen‘ genutzt werden müssen.

‚Gefangenschaft' oder auch „das Gefangensein“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 534) bedeutet, dass jemand eingesperrt ist und sich nicht frei überallhin bewegen kann. Die Verbindung zu ‚innen‘ besteht offensichtlich, denn eingesperrt ist man in einem Raum beziehungsweise einem Gebäude, hier in der Haftanstalt Bautzen.

‚Zwang‘ hingegen, im Titel dieser Arbeit konkretisiert als ‚äußerer Zwang‘, beinhaltet sowohl die „Anwendung von körperlicher oder seelischer Gewalt“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 1602) als auch eine „Beschränkung, Hemmung“ (ebd., 1603) und man kann diesen Terminus auch ersetzen mit „Druck, Gewalt, Muss, Nötigung, Terror, Unterdrückung“ (Duden Synonymwörterbuch 2007, 1101).

Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass ‚Gefangenschaft‘ nicht unbedingt ‚Zwang‘ beinhalten muss, abgesehen natürlich von der meist unfreiwilligen und damit zwangsweisen Situation des Einsitzens. In Walter Kempowskis Haftbericht ist die Lage der Gefangenen jedoch geprägt von der Einwirkung äußeren Zwangs durch die Wärter – zum Beispiel mit „‚Kinosperre‘ und ‚Zigarettenentzug‘“ (Kempowski 1987, 230) - und aus diesem Grund wird es von mir bei der weiteren Bearbeitung in direktem Zusammenhang verwendet.

Ich denke, dass man auch ‚Gefangenschaft‘ sowohl auf einen Ort – Eingesperrtsein in räumlicher Begrenzung – als auch auf eine Person beziehen kann, letzteres im Hinblick auf „Im Block“ vor allem, wenn sich ein Häftling von den anderen und damit von der Gemeinschaft absondert. Dies bedeutete dann Eingesperrtsein in sozialen Begrenzungen. Für ‚Zwang‘ gilt das Gleiche: eine Haftstrafe ist ein erzwungener Aufenthalt in einem bestimmten Raum – die räumliche Begrenzung – und von den Wärtern in Bautzen wird körperliche Gewalt, also sozialer Zwang auf die Insassen ausgeübt.

Den oben erörterten Begriffen ‚innen‘, ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘ stehen die Ausdrücke ‚außen‘ und ‚Freiheit‘ gegenüber, die ich im Folgenden näher beleuchte.

2.3. Der Begriff ‚außen‘

Analoges wie für ‚innen‘ gilt auch für das Adverb ‚außen‘, vom Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache definiert als „ 1 an der äußeren Seite; […] 2 […] an die äußere Seite, zur äußeren Seite; […] umdrehen, sodass die innere Seite sichtbar wird“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 172). Und man kann es ersetzen mit „an/auf der Außenseite, an/auf der Oberfläche, außerhalb, äußerlich, auswärts, draußen“ (Duden Synonymwörterbuch 2007, 156).

Die meines Erachtens dazugehörende ‚Außenwelt‘ wird beschrieben als „ 1 Welt außerhalb des eigenen Ichs, der eigenen Person; Ggs. Innenwelt; […] 2 Welt außerhalb des eigenen Heims und seiner unmittelbaren Umgebung, Welt außerhalb eines Wohnbereichs“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 172).

Wiederum ist es möglich, den Begriff sowohl auf eine Person zu beziehen, die ihre Emotionen nach außen transportiert und damit sichtbar macht, die sich demzufolge in die Gemeinschaft integriert, als auch auf mehrere Personen, die auf verschiedene Weise miteinander kommunizieren und erst dadurch eine Gemeinschaft, eine soziale Gruppe bilden. Die Beziehung auf den Ort erscheint mir offensichtlich, da ‚außen‘ ja etwas mit der Lokalbestimmung ‚draußen‘ zu tun hat.

2.4. Der Begriff ‚Freiheit‘

Da ich weiter oben den Begriff ‚innen‘ mit den Termini ‚Gefangenschaft‘ und ‚Zwang‘ in einen Zusammenhang gebracht habe, ordne ich an dieser Stelle dem Begriff ‚außen‘ die ‚Freiheit‘ zu, da diese der Gefangenschaft gegenüber steht.

‚Freiheit‘ beinhaltet die „Möglichkeit, sich frei zu bewegen“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 506-507) und steht damit konträr zur Situation in einem Gefängnis, in dem die Gefangenen dazu kaum in der Lage sind.

Doch muss ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der pauschale Freiheitsbegriff – ebenso wie dessen Gegenteil – in der „Im Block“ geschilderten Situation differenziert werden muss. Denn nicht jeder, der sich im Gefängnis draußen befindet, womit ein im Freien gelegener Ort, etwa ein Innenhof, gemeint ist, ist auch frei. Gleiches gilt umgekehrt: nicht jeder, der überhaupt im Gefängnis ist, ist auch unfrei, denn die Wärter beispielsweise sind angestellt und arbeiten freiwillig drinnen.

Zusammenfassend kann ich also für das Oppositionspaar >innen< – >außen<, und damit analog für >Gefangenschaft< – >Freiheit<, feststellen, dass sie keineswegs nur einen örtlichen beziehungsweise räumlichen Gegensatz darstellen, sondern, dass man sie auf verschiedene Art auch auf Personen anwenden kann. Diese Erkenntnis führt mich bei der Bearbeitung des Themas zu der in Kapitel 3 vorgenommenen Betrachtung des Oppositionspaares >innen< und >außen< auf verschiedenen Ebenen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Äußerer Zwang - innere Freiheit
Untertitel
Die Relation von 'innen' und 'außen' in Walter Kempowskis Haftbericht 'Im Block'
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Walter Kempowski als Erzähler und Chronist
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V131673
ISBN (eBook)
9783640375356
ISBN (Buch)
9783640375172
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwang, Freiheit, Relation, Walter, Kempowskis, Haftbericht, Block
Arbeit zitieren
Kristina Müller (Autor), 2009, Äußerer Zwang - innere Freiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131673

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