Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, die Idee einer geschlechtsspezifischen Moral kritisch zu betrachten. Die These, die hierbei zugrunde liegt, ist, dass das Geschlecht nicht ausschlaggebend für die moralische Orientierung eines Menschen ist.
Gilligan kritisiert die Schlussfolgerungen Kohlbergs Modell, dass Frauen moralisch weniger entwickelt seien als Männer und fordert die Anerkennung, dass Frauen eine andere, aber nicht weniger entwickelte Moral als Männer haben. Dabei impliziert eine geschlechtsspezifische Moralerziehung allerdings die Gefahr, dass Geschlechterdifferenzen reproduziert werden. Um diese These zu prüfen, sollen im zweiten Kapitel zunächst die Begrifflichkeiten der Moral und der Ethik genauer beleuchtet und voneinander abgegrenzt werden.
Im nächsten Schritt sollen die Prinzipien der zwei Moralperspektiven – der Gerechtigkeits- und Fürsorgeethik – vereinfacht dargestellt werden. Hierzu wird die Gerechtigkeitstheorie nach John Rawls herangezogen, da hierauf Kohlbergs Entwicklungsmodell aufbaut. Dem soll anschließend die alternative Theorie einer Fürsorgeethik nach Gilligan gegenübergestellt werden. Sowohl aus der Perspektive der Fürsorge nach Gilligan, als auch aus der Perspektive der Gerechtigkeitsethik nach Kohlberg, steht das moralische Reifen in einem Zusammenhang mit der Persönlichkeitsentwicklung.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSKLÄRUNG ETHIK UND MORAL
3. DIE ZWEI MORALPERSPEKTIVEN
3.1 DIE PRINZIPIEN DER GERECHTIGKEITSETHIK
3.2 DIE PRINZIPIEN DER FÜRSORGEETHIK
4. DIE MODELLE DER MORALISCHEN ENTWICKLUNG
4.1 DIE SECHS STUFEN DER MORALENTWICKLUNG NACH KOHLBERG
4.2 GILLIGANS KRITIK AN KOHLBERGS ENTWICKLUNGSMODELL
4.3 DIE MORALISCHE ENTWICKLUNG NACH GILLIGAN
4.4 EIN VERGLEICH DER PERSPEKTIVE KOHLBERGS MIT DER GILLIGANS
5. DIE FRAGE NACH EINER GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN MORAL
6. KRITISCHE BEWERTUNG
7. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die These einer geschlechtsspezifischen Moral, indem sie Carol Gilligans Fürsorgeethik als eine Reaktion auf Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung analysiert. Das primäre Ziel ist es zu prüfen, inwieweit das Geschlecht tatsächlich ausschlaggebend für die moralische Orientierung eines Menschen ist oder ob vielmehr inhaltliche Faktoren, Voreingenommenheit und Betroffenheit die Entscheidungsprozesse beeinflussen.
- Gegenüberstellung von Gerechtigkeitsethik und Fürsorgeethik
- Kritische Analyse von Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung
- Untersuchung von Gilligans Kritik an androzentrischen Forschungsmethoden
- Diskussion über den Zusammenhang von Geschlecht, Moral und gesellschaftlichen Strukturen
- Empirische Einordnung der Debatte um geschlechtsspezifische moralische Entwicklung
Auszug aus dem Buch
4.2 Gilligans Kritik an Kohlbergs Entwicklungsmodell
Gilligan wirft Kohlberg Androzentrismus in seinen Methoden, als auch in seinen Auswertungen der Ergebnisse vor. Die bisher als moralischer Standard einer individualistischen, androzentrischen Gesellschaft festgelegten Gerechtigkeitsethik sei nur männlich gedacht und könne keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, wenn ausschließlich Jungs an der Untersuchung Kohlbergs teilgenommen haben: „[…] and then I realized that the Psyology I was teaching has been based on either the assumption that human was a man or studies have only man. And I hadn’t seen it, no one had seen it […]” (Gilligan 2012a 03:05 min – 03:17 min). Nach dem Modell Kohlbergs erreichen Mädchen häufig nur die dritte Stufe, während Jungs die vierte oder sogar fünfte Stufe erreichen. Die Schlussfolgerung dieser Beobachtung dürfte nach Gilligan allerdings nicht sein, dass Frauen moralisch weniger entwickelt sein als Männer, sondern dass das Modell Kohlbergs nicht vollständig sein kann. Die Stufen vier bis sechs bei Kohlberg werden dadurch charakterisiert, dass sie sich nach abstrakten, unpersönlichen Prinzipien richten. Gilligan stellt allerdings in Frage ob das Ziel einer moralischen Entwicklung das Denken in abstrakten und unpersönlichen Prinzipien sein sollte. Für sie zeigt das schlechtere Abschneiden der Mädchen in Kohlbergs Modell, dass das abstrakte Denken eben nicht das Ziel moralischer Entwicklung darstellt, sondern die fürsorgliche Konfliktlösung in Beziehungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der geschlechtsspezifischen Moral und Formulierung der kritischen Fragestellung bezüglich der Relevanz des Geschlechts für moralische Orientierungen.
2. BEGRIFFSKLÄRUNG ETHIK UND MORAL: Definition und Abgrenzung der zentralen Begrifflichkeiten von Ethik und Moral sowie Einordnung dahinterstehender philosophischer Konzepte wie Universalismus und Konsequentialismus.
3. DIE ZWEI MORALPERSPEKTIVEN: Darstellung und Vergleich der Prinzipien der Gerechtigkeitsethik nach Rawls/Kohlberg sowie der Fürsorgeethik nach Gilligan als zwei unterschiedliche moralische Perspektiven.
4. DIE MODELLE DER MORALISCHEN ENTWICKLUNG: Detaillierte Analyse der Stufenmodelle von Kohlberg und Gilligan inklusive der kritischen Auseinandersetzung und des direkten Vergleichs beider Theorien.
5. DIE FRAGE NACH EINER GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN MORAL: Untersuchung des möglichen Zusammenhangs zwischen Moral und Geschlecht unter Einbeziehung psychoanalytischer Ansätze und empirischer Forschungsbefunde.
6. KRITISCHE BEWERTUNG: Reflexion über die Grenzen und Herausforderungen beider Ethik-Modelle sowie deren Anwendbarkeit in öffentlichen und privaten Kontexten.
7. FAZIT: Zusammenfassende Einordnung der Ergebnisse und Bestätigung der These, dass das Geschlecht nicht ausschlaggebend für die moralische Orientierung eines Menschen ist.
Schlüsselwörter
Fürsorgeethik, Gerechtigkeitsethik, Moralentwicklung, Carol Gilligan, Lawrence Kohlberg, geschlechtsspezifische Moral, Moral, Ethik, Androzentrismus, moralisches Urteilen, Geschlecht, moralische Reife, Beziehungskontext
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Debatte über eine „weibliche“ Fürsorgeethik im Vergleich zu einer „männlichen“ Gerechtigkeitsethik und hinterfragt, ob das Geschlecht die moralische Orientierung eines Menschen determiniert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die moralpsychologischen Modelle von Kohlberg und Gilligan, die Kritik am Androzentrismus in der Forschung sowie die generelle Frage nach der geschlechtsspezifischen Prägung moralischen Urteilens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob das Geschlecht tatsächlich ausschlaggebend für die moralische Orientierung ist, wobei die These verfolgt wird, dass eher inhaltliche Dilemmata und Kontextfaktoren entscheidend sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse und den Vergleich theoretischer Konzepte, ergänzt durch die Auseinandersetzung mit empirischen Studien (wie etwa dem Heinz-Dilemma) zur moralischen Entwicklung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Darstellung der gegensätzlichen Moralperspektiven, eine tiefgehende Analyse der entwicklungspsychologischen Modelle sowie eine kritische Bewertung der Geschlechterdifferenz-Debatte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fürsorgeethik, Gerechtigkeitsethik, Moralentwicklung, Carol Gilligan, Lawrence Kohlberg und Geschlechterdifferenz.
Worin besteht der Hauptunterschied zwischen Kohlbergs und Gilligans Modell aus Sicht der Autorin?
Kohlberg fokussiert auf abstrakte Prinzipien und eine universelle Gerechtigkeitsmoral, während Gilligan die Bedeutung sozialer Beziehungen, Achtsamkeit und kontextsensitives Handeln in den Mittelpunkt stellt.
Zu welchem Schluss kommt die Autorin hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Moral?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Geschlecht nicht als Ursache für unterschiedliche Moralvorstellungen gelten kann und dass eine solche Kategorisierung eher Stereotype reproduziert, als reale Unterschiede abzubilden.
- Quote paper
- Sophie-Louise Wagner (Author), 2022, Geschlechtsspezifische Moral. Gilligans Konzeption der Fürsorgeethik und Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1317894