Diese Hausarbeit vereint literaturwissenschaftliche sowie literaturdidaktische Interessen und Fragen. Einerseits wird sich im Sinne der Kanonforschung die Frage gestellt, in wie vielen und welchen Büchern Menschen mit Behinderungen in der KJL repräsentiert werden. Im Zuge dessen wird sich insbesondere auf die Aspekte von geistigen Behinderungen bei Figuren und deren Funktion in der KJL fokussiert. Daraus resultiert wiederum die Diskussion um die Frage, ob beispielsweise das Werk Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008) von Andreas Steinhöfel ein geeignetes Beispiel für die Sensibilisierung und Information von Kindern gegenüber anderen, geistig behinderten Kindern ist.
Inhaltsverzeichnis dieser Publikation
1. Einleitung
2. Definition: geistige Behinderung
3. Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Definition
3.2. Geschichte
3.3. KJL im pädagogischen Kontext
3.4. Kriterien allgemein für gute KJL & speziell für Behinderungen in der KJL
4. Menschen mit Behinderung als Thema der Kinder- und Jugendliteratur
4.1. Darstellungsweise von Menschen mit Behinderung in der KJL
4.2. Intention der Darstellung von Menschen mit Behinderung in der KJL
5. Kanonforschung am Beispiel des ,Schulliteraturkanons‘ NDS
6. Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008) von Andreas Steinhöfel
6.1. Rico als Protagonist mit Behinderung
6.2. Analyse: Anwendung einiger ausgewählter Kriterien
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Repräsentation von Kindern mit geistiger Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) und prüft anhand des Romans „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, inwiefern das Werk zur Sensibilisierung junger Leser für dieses Thema beitragen kann.
- Grundlagen der Definition geistiger Behinderung
- Entwicklung und pädagogische Funktion der Kinder- und Jugendliteratur
- Kriterien für eine realitätsnahe Darstellung von Menschen mit Behinderung
- Analyse des niedersächsischen Schulliteraturkanons hinsichtlich Inklusion
- Literarische und didaktische Anwendung der Kriterien auf Ricos Fallbeispiel
Auszug aus dem Buch
6.1. Rico als Protagonist mit geistiger Behinderung
Rico selbst findet sich und seine Art zu denken normal, weiß aber, dass andere ihn nicht so wahrnehmen und er sich von anderen Kindern unterscheidet. Er hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, kann sich nicht alles merken und vergisst schnell Sachen. Seine Gedanken sind sehr sprunghaft und durcheinander. Aus diesem Grund sagt Rico immer alles, was er gerade denkt. Auch sind seine Gedanken sehr direkt und ungefiltert. Deshalb wirkt er zum Teil arrogant und abschätzig, da er sich oft in seinen Gedanken negativ über andere äußert. Über Oskar denkt er z.B., dass dieser „völlig beknackt“ (Steinhöfel 2008: 32) aussieht mit seinen großen Zähnen, die so aussehen, „als könnte er damit riesige Stücke aus großen Tieren rausbeißen […]“ (ebd.).
Auch kann er sich Wegbeschreibungen kaum merken, weil er rechts und links nicht unterscheiden kann (vgl ebd.: 15). Deshalb bewegt Rico sich nicht alleine in der Stadt, da er sich sonst verlaufen könnte (vgl. ebd.: 89). Des Weiteren kennt Rico viele Wörter nicht, weshalb er diese dann mit einer Erklärung auf Notizzetteln festhält (vgl. ebd.: 18; 30). Außerdem besucht Rico eine Förderschule, weil Ricos Gedanken so durcheinander sind (Steinhöfel 2008: 18). Seine Fähigkeiten in Mathe und Rechtschreibung sind sehr schlecht, aber er kann laut seinem Lehrer gut Geschichten schreiben (vgl. ebd.: 49f.).
Deshalb vergleich Rico sein Gehirn und seine Gedanken mit einer Bingotrommel und den Bingokugeln. Wenn er gestresst oder aufgeregt ist und nachdenken muss, kommen seine Gedanken durcheinander, so wie die Bingokugeln. Mit dieser bildhaften Umschreibung bringt Rico den Leser*Innen seine Behinderung nahe (vgl. ebd.: 57).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Bedeutung von Kinder- und Jugendliteratur für die Sozialisation und stellt die Forschungsfrage zur Repräsentation geistig behinderter Figuren.
2. Definition: geistige Behinderung: Dieses Kapitel definiert geistige Behinderung aus pädagogischer Sicht als Einschränkung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und diskutiert die notwendige Förderung.
3. Kinder- und Jugendliteratur: Hier werden die Gattung sowie deren Geschichte, der pädagogische Kontext und Qualitätskriterien für inklusive Kinderbücher theoretisch hergeleitet.
4. Menschen mit Behinderung als Thema der Kinder- und Jugendliteratur: Die Autorin analysiert stereotype Strickmuster, wie behinderte Menschen in der Literatur inszeniert werden, und erörtert die didaktische Intention dieser Darstellungen.
5. Kanonforschung am Beispiel des ,Schulliteraturkanons‘ NDS: Es wird untersucht, wie häufig und in welcher Form Protagonisten mit Behinderungen in aktuellen Literaturempfehlungen für den Deutschunterricht vorkommen.
6. Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008) von Andreas Steinhöfel: In diesem Kapitel wird der Roman detailliert analysiert und die Eignung des Titels als informative und sensibilisierende Schullektüre kritisch geprüft.
7. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Kinder mit Behinderungen in der Schulliteratur unterrepräsentiert sind, bewertet das analysierte Werk jedoch als positiven Beitrag zur Sensibilisierung.
Schlüsselwörter
Kinder- und Jugendliteratur, geistige Behinderung, Inklusion, Schulliteraturkanon, Rico Oskar und die Tieferschatten, Andreas Steinhöfel, Sprachdidaktik, literarische Sozialisation, Identifikationsmöglichkeiten, Stereotype, Sonderpädagogik, Realitätsnähe, Lesekompetenz, Sensibilisierung, Behindertenpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob und wie geistige Behinderungen in der Kinder- und Jugendliteratur abgebildet werden und ob diese Darstellung dazu geeignet ist, junge Leser für das Thema zu sensibilisieren.
Welche Themenfelder sind zentral für die Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Definition geistiger Behinderung, die Geschichte und Kriterien der Kinder- und Jugendliteratur sowie die Analyse von Stereotypen bei fiktionalen Figuren mit Beeinträchtigungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, die Qualität und Repräsentation von Behindertenfiguren in moderner Literatur zu bewerten und den Roman „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ als exemplarische Schullektüre zu validieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturanalyse zu didaktischen Maßstäben mit einer empirischen Untersuchung des niedersächsischen Schulliteraturkanons.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden sowohl allgemeine Kriterien für anspruchsvolle Jugendliteratur definiert als auch spezifische „Strickmuster“ der Darstellung von Menschen mit Behinderung auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft.
Welche Schlüsselwörter definieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Inklusion, Kinder- und Jugendliteratur, literarische Repräsentation, geistige Behinderung und Schulliteraturkanon.
Wie unterscheidet sich Ricos Behinderung von anderen literarischen Mustern?
Im Gegensatz zu oft stereotypen "Helden-Narrativen" bietet Rico eine Ich-Perspektive, die seine kognitiven Schwierigkeiten ("Bingotrommel"-Vergleich) authentischer erfahrbar macht, wenngleich die Ursachen ungeklärt bleiben.
Wie bewertet die Arbeit den Einsatz von Romanen in der Schule?
Die Arbeit plädiert dafür, vermehrt diverse Literatur in den Unterricht zu integrieren, um Tabus abzubauen und durch Identifikation ein gerechteres Verständnis für gesellschaftliche Vielfalt zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Isabel Bohn (Autor:in), 2022, Protagonisten mit geistiger Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur. "Rico, Oskar und die Tieferschatten" (2008) von Andreas Steinhöfel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1318416