Brandenburg an der Havel

Entstehung und topographische Entwicklung im Mittelalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Forschungsgeschichte

2. Vor- und frühstädtische Zeit

3. Askanische Zeit
3.1. Burginsel/Dominsel
3.2. Altstadt
3.3. Neustadt

4. Brandenburg im späten Mittelalter

5. Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

Verzeichnis abgekürzt zitierter Literatur

weitere Quellen

Abbildungsnachweis

Einleitung

Brandenburg an der Havel ist die älteste Stadt der ehemaligen Mark Brandenburg, fur die sie namensgebend war und der sie bis in das späte Mittelalter als Hauptstadt diente. Erst in der frühen Neuzeit musste sie ihre Bedeutung an Berlin und die Residenzstadt Potsdam abtreten. Bei einer Betrachtung der Genese der Stadt Brandenburg ist zunächst zu beachten, dass nicht von einem, sondern von drei städtischen Einheiten die Rede sein muss. Seit dem 12./13. Jahrhundert bestand der Siedlunkgskomplex aus den beiden selbstständigen Städten Altstadt und Neustadt Brandenburg. Hinzu kommt der kirchliche Bezirk auf der Dominsel. Dies erscheint zunächst nicht ungewöhnlich, da eine Aufteilung in Alt- und Neustadt in vielen Städten des ausgehenden Hochmittelalters gegeben war. Allerdings erfolgte in den meisten Fällen im Verlauf des Spätmittelalters ein Zusammenschluss beider Stadtteile. Die Vereinigung von Alt- und Neustadt Brandenburg geschah jedoch erst 1715 unter König Friedrich Wilhelm I., welcher sie zur ’Chur- und Hauptstadt Brandenburg’ erhob. Noch später (1928/29) wurde die Dominsel eingemeindet.1 Auch heute noch zeichnen sich diese drei Teile deutlich in der Stadttopographie ab. Neben dem Stadtgrundriss haben sich die Reste der Stadtbefestigung, die Kirchen und Klosterbereiche, das Altstädtische Rathaus und die Anlagen des Wasserbaus erhalten.2

Wie viele Städte litt auch Brandenburg unter den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs, die in erster Linie die industriell bzw. militärisch geprägten Stadtgebiete der Kaiserzeit betrafen, jedoch auch Teile der historischen Stadt, insbesondere das Gebiet der späteren Friedensstraße bis zum ehemaligen Paulikloster, in Mitleidenschaft zogen. Die Wiederaufbaumaßnahmen der Nachkriegszeit fanden, aus verständlichen Gründen, weniger unter Denkmalpflegerischen Gesichtspunkten statt.

Im folgenden soll die topographische Entwicklung der mittelalterlichen Stadt Brandenburg an der Havel skizziert werden, wie sie sich anhand schriftlicher und archäologischer Quellen darstellt. Das Hauptaugenmerk soll hierbei weniger aufDetailfragen gerichtet werden. Das Ziel dieser Arbeit ist vielmehr ein genereller Überblick über die signifikantesten Entwicklungsschritte und die sie motivierenden historischen Hintergründe.

1. Forschungsgeschichte

Die wissenschaftliche Erforschung der Stadtgeschichte Brandenburgs konzentrierte sich lange auf die Auswertung schrifthistorischer Quellen, sowie die Beschäftigung mit den erhaltenen Kunstdenkmälern.3 Doch auch die archäologische Forschung kann auf eine mehr als 100jährige Tradition zurückblicken. Besonders hervorzuheben sind die Bemühungen des 1868 gegründeten Historischen Vereins, des Heimatmuseums Brandenburg und ehrenamtlich engagierter Persönlichkeiten, insbesondere Otto Felsberg und Paul Krause, die systematisch Fundstücke und Informationen zusammentrugen. Zu Beginn galt die allgemeine Aufmerksamkeit überwiegend den vorgeschichtlichen Funden, doch das wiederholte Auffinden mittelalterlicher Münzschätze erregte bald das Interesse der Öffentlichkeit wie auch der Fachwelt für die mittelalterliche Stadtgeschichte. Neben Einzelfunden wurden auch geschlossene Fundkomplexe des Mittelalters geborgen, wenngleich die Befundzusammenhänge in der Anfangszeit entsprechend der Forschungsmethodik meist nur summarisch registriert wurden. Bereits zu DDR Zeiten, genauer seit dem Jahr 1954, existierte eine Verordnung zum Schutz der Bodenaltertümer. Diese sah für die Bergung neu entdeckter Funde, sofern diese überhaupt gemeldet wurden, lediglich einen Zeitraum von drei Tagen vor, was den zuständigen Denkmalpflegern einen denkbar geringen Handlungsspielraum ließ. Hinzu kam das noch kaum bestehende Interesse an einer Beschäftigung mit 'frühdeutscher' mittelalterlicher Archäologie, was zu einem eher gleichgültigen Umgang mit den entsprechenden Befunden führte. Eine im modernen Sinne systematische Erforschung der mittelalterlichen Bodendenkmale beschränkte sich seit den 60er Jahren weitgehend auf die slawische Kultur. Hier sind vor allem die Grabungen auf dem Domberg unter der Leitung von Klaus Grebe zu nennen. Diese ergaben ein erstes Bild von der Entwicklung der slawischen Fürstenburg, sowie ihrer Befestigung und der dazu gehörigen Vorburgsiedlung. Für die Altstadt und Neustadt sind derartige systematische und wissenschaftlich motivierte Grabungen bisher nicht zu verzeichnen. Anlässlich von Erdarbeiten konnten jedoch zahlreiche Fundbergungen und -beobachtungen durchgeführt werden, die unter anderen Klaus Grebe, Günter Mangelsdorf und Günther Tillack leiteten. Letzterer begleitete von den späten 60er Jahren bis gegen Ende der 80er Jahre einen Großteil der Baumaßnahmen in der Neustadt. Dies gilt auch für die Tiefenenttrümmerung der 60er Jahre, die sich insbesondere auf die Befunde in der für die Entwicklung der Neustadt wichtigen St. Annen Straße verheerend auswirkte. In den 70er und 80er Jahren nahm die Bautätigkeit in den Innenstädten jedoch deutlich ab und konzentrierte sich verstärkt auf die Peripherie. Im Jahr 1991 verabschiedete das Land Brandenburg ein neues Denkmalschutzgesetz, das sich vonjenen der alten Bundesländer durch das wegfallen formeller Eintragungsverfahren, sowie das gesetzlich festgeschriebene Verursacherprinzip zu Finanzierung der Ausgrabung unterscheidet und dadurch für eine höhere Effizienz beim Schutz der Bodendenkmäler sorgt. Die Stadt Brandenburg hat bereits 1991 eine eigene Stadtarchäologie eingerichtet und 1995 wurde eine ortsansässige Grabungsfirma mit städtischer Beteiligung gegründet. Diese ist, in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde, insbesondere für die größeren Grabungen im Stadtgebiet zuständig. Seit 1991 sind fur den Bereich der Brandenburger Innenstadt, von der baubegleitenden Dokumentation bis zur flächigen Grundstücksuntersuchung, mehr als 200 archäologische Untersuchungen zu verzeichnen. Hierbei erfolgte die Auswahl der Grabungsstellen jedoch weniger unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern richtete sich nach den städtebaulichen Aktivitäten. Die Erhaltungsbedingungen sind hierbei in der Neustadt weniger günstig als in der Altstadt. Gerade entlang der Hauptverkehrsstraßen hat die intensive Bauliche Tätigkeit zu einer starken Fragmentierung und vielen Fällen auch Zerstörung der Befunde geführt. Hinzu kommt die bereits erwähnte Tiefenenttrümmerung. Nicht zuletzt aus diesem Grunde fehlen bisher größere und systematische Grundstücksuntersuchungen insbesondere im Bereich der Neustadt.

2. Vor- und frühstädtische Zeit.

Im 6. Jahrhundert, zum Ende der Völkerwanderungszeit, hatten die Germanen das Havelland weitgehend verlassen. Auf sie folgten slawische Einwanderer, die dörfliche Siedlungen an Flüssen und Seen anlegten. Die größte Siedlungsdichte findet sich dementsprechend beiderseits der Havel, der Beetzsee-Rinne und der kleinen Nebenflüsse wie Wublitz, Nuthe und Plane. Die neuen slawischen Herren errichteten Burgen, die meist aus einer Vorburgsiedlung, einer Vorburg und einer Hauptburg bestanden. Im 9. Jahrhundert entwickelten einige dieser Burgen sich zu Zentren kleinerer Siedlungsgebiete, die in den Schriftquellen als ’civitas’ bezeichnet werden. Mehrere dieser Bezirke setzten sich zu einem Stammesgebiet zusammen. Das Havelland, sowie der nördliche Teil der Zauche bildeten das Stammesgebiet der Hveller, welches sowohl schrifthistorisch als auch archäologisch gut lokalisierbar ist. Bereits in der ersten Hälfte des 10. Jahrhundert findet ihr Stammsitz als ’Brennaburg’ Erwähnung in Urkunden und Chroniken.4 Über Herkunft und Bedeutung des Namens als Frühform von Brandenburg herrschtjedoch Uneinigkeit, einzig der Ursprung aus dem germanischen findet allgemeine Anerkennung.5 Der slawische Namen ist nicht überliefert. Ihre Ersterwähnung erfährt die Burg im Jahre 928 in der Gründungsurkunde des Bistums Brandenburg. Klaus Grebe schreibt zur Bedeutung der Brandenburg: „Diese Burg- die Brandenburg- gehörte jahrhundertelang zu den bedeutendsten wirtschaftlichen und politischen Zentren der slawischen Stämme zwischen Elbe und Oder. Sie war die Hauptburg im Havelgebiet, das bei den Deutschen Heveldun, bei den Slawen Stodor hieß und dessen Bewohner Heveller oder Stodorjane genannt wurden.“6 Heute ist von der slawischen Fürstenburg oberflächlich nichts mehr erkennbar.

Die Burginsel verfügte über eine strategisch äußerst günstige Lage. In ihrem Bereich überquerte die bedeutende von Magdeburg kommende Heer- und Handelsstraße die Havel, um in Höhe des späteren Spandau weiter in das polnische Poznan zu führen (Abb. 8). Damit kontrollierten die Herren der Brandenburg einen wichtigen Verkehrsweg, sowie den Zugang zum Havelland. Zudem bot die vollständig von Gewässern umschlossene Insel zumindest in den warmen Jahreszeiten ohne Eisbildung hervorragenden Schutz.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachdem es für die Kaiserzeit nur wenige, aber doch recht eindeutige Belege für die ständige Anwesenheit von Menschen im Bereich der Stadt Brandenburg gibt, fehlen aus den folgenden drei Jahrhundertenjegliche Hinweise auf Gräber oder Siedlungen. Obwohl die Region von den Germanen weitgehend verlassen gewesen zu sein scheint, sind doch eine Reihe germanischer Flur-, Fluss- und Ortsnamen bis in die slawische Zeit mündlich überliefert worden.8 Die erste slawische Besiedlung der Dominsel erfolgte wohl im 7. Jahrhundert, wobei ein Beginn bereits zum Ende des 6. Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden kann. Auf der höchsten Stelle der Insel entstanden quadratische Grubenhäuser von ca. 10 m2 Durchmesser, die über Steinkuppelöfen verfügten. Die Siedlung wurde, dies erschließt sich aus den Keramikfunden, von aus dem böhmischen Raum kommenden slawischen Einwanderern errichtet. Die Siedlung bestand jedoch nur kurze Zeit. Eine neue Ansiedlung entstand um 700, diesmal von einer aus dem polnischen Raum kommenden Gruppe. Ende des 7. oder Anfang des 8. Jahrhunderts wurde diese zweite Siedlung im Süden durch einen Holz- Erde Wall, sowie einen Graben zu einer ca. 0,5 ha umfassenden Burg ausgebaut. Ein ca. 1,5 ha großer, unbefestigter Bereich im Nordosten bildete die Vorsiedlung. Bisher sind sieben aufeinander folgende Befestigungsphasen dieser Anlage bekannt, auf die hierjedoch nicht näher eingegangen werden soll. Im 9. Jahrhundert erfuhr die Befestigung eine außergewöhnliche Verstärkung, ein Vorgang, der eventuell mit einem Bedeutungsanstieg zu erklären ist. Ihren Status als Stammsitz der Hveller erhielt die Brandenburg möglicherweise erst zu dieser Zeit. Wohl Ende des 9. Jahrhunderts erhielt auch der nordöstliche Siedlungsbereich eine Sicherung durch Wall und Graben (Abb. 1, Nr. 1) und 886 wurde eine zweite Vorsiedlung südlich der Burg mit einer 40 cm starken Palisade gesichert. Damit bestand die Brandenburg Ende des 9. Jahrhunderts aus einer Hauptburg von ca. 0,5 ha Innenfläche, einer nordöstlichen Vorburg mit 1,5 ha und einer kleineren südlichen Vorburg von 0,9 ha Fläche. In der Mitte des 10. Jh. ist ein Ende der Besiedlung in der nordöstlichen Vorburg zu beobachten. Ein planierter Platz, der dünne Begehungsschichten aufweist tritt an ihre Stelle.9 Bis zum 10. Jahrhundert waren im Abstand von 2-7 m hinter der Wallrückfront die Häuser ringförmig angeordnet, während in der Vorburg das System bisher nicht erschlossen werden konnte.10

Neben der Burg befand sich eine weitere Siedlung auf dem westlichen Teil der Insel (Abb. 1, Nr. 2), sowie zwei Siedlungen mit dazugehörigen Gräberfeldern im Bereich der heutigen Neustadt (Abb. 1, Nr. 3 und 5). Funde slawischer Scherben lassen auch auf den kleineren Inseln nördlich der Dominsel Siedlungen vermuten (Abb. 1,Nr.9 und 7). Ein Brücke über die Havel befand sich wohl im Bereich der heutigen Jahrtausendbrücke. Für diese Annahme sprechen Waffenfunde des 10./11. Jahrhunderts in diesem Bereich (Abb. 1, Nr. 8).11 Zudem wurden beim Neubau der Jahrtausendbrücke 1995/96 mehrere Holzpfähle geborgen, die daraufhinweisen, dass an dieser Stelle schon seit der Mitte des 10. Jahrhundert eine Brücke bestanden haben dürfte.12 Die Siedlungen lagen vermutlich an Straßen, die die slawische Zeit überdauerten. So kann möglicherweise bereits das charakteristische Wegekreuz angenommen werden, das von der erwähnten Handels- und Heerstraße, sowie der den im Nordwesten liegenden Harlunger Berg (später Marienberg) tangierenden Querstraße gebildet wird. An dieser Stelle entstand in späterer Zeit der Marktplatz der Neustadt.13

Die Brandenburg besaß durch ihre Lage im Grenzgebiet zwischen deutschem und slawischen Einflussgebiet eine politische Schlüsselrolle. Dies führtejedoch auch dazu, dass sie in einem Zeitraum von 330 Jahren in Kämpfen zwischen Slawen, Deutschen und Polen mindestens dreizehnmal den Besitzer wechselte. Anfang des 10. Jahrhunderts war König Heinrich I. bestrebt, den Einfällen der Ungarn ein Ende zu setzten. In diesem Zusammenhang zog er auch gegen die Hveller ins Feld und nahm nach zähen Kämpfen und einer Belagerung 928/29 die Brandenburg ein. Zur Sicherung der deutschen Herrschaft wurde ein Burggraf eingesetzt. Erst 948 erfolgte schließlich die Gründung des Bistums Brandenburg, das von Otto I. den Auftrag zur Missionierung der Slawen erhielt. Dem Bischof wurde der nordöstliche Teil der Burg zugesprochen, welcher die1,5 ha große Vorburg umfasste. Der südliche Teil unterstand wohl weiter der weltlichen Herrschaft, entweder in Gestalt des verbündeten Hvellerfürsten Tugumir, oder des Burggrafen.14 Die Verbreitung des christlichen Glaubens in Brandenburg ist im einzelnen nicht mehr nachvollziehbar, jedoch ging die slawische Bevölkerung um die Mitte des 10.Jh. von der Brandbestattung in Urnen und Hügelgräbern zur west-ost-orientierten Erdbestattung in Körpergräbern über. Der Gründung des Bistums folgte die Errichtung einer Kathedrale, die bisher nicht genau verortet werden konnte, jedoch im Bereich der nordöstlichen Vorburg vermutet werden darf .15

Die deutsche Herrschaft auf der Brandenburg währte nicht lange. Die drückenden Abgaben, welche der slawischen Bevölkerung von den neuen Herren auferlegt wurden, führten zu erheblichen Unruhen, denen 980 der Brandenburger BischofDodilo zum Opfer fiel. 983 schließlich kam es zu einem Slawenaufstand, von dem Thietmar von Merseburg ausführlich berichtet.16 Der Chronist erwähnt auch die Zerstörung des Domes und die Abkehr vom Christentum. Statt des einen Gottes der Christen wurden nun verschiedne heidnische Gottheiten verehrt. Ungeachtet dieser Rückkehr zum alten Glauben löste die slawische Bevölkerung sich scheinbar nicht vollständig vonjedweder christlicher Tradition, denn anstatt die Brandbestattungen wieder aufzunehmen, behielten sie die christlichen Erdbestattungen bei.17 In den folgenden Jahren versuchten die Deutschen wiederholt die Herrschaft über die Brandenburg und das Hvellerreich erneut an sich zu reißen. Es gelang ihnen nicht. Die unabhängige und politisch relevante Stellung der Hvellerfürsten auf der Brandenburg wird durch einen Bündnisvertrag deutlich, den sie 1003 bis 1033 mit Heinrich II gegen die Polen eingingen.18

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die slawische Besiedlung Brandenburgs vom 11. bis 12. Jh. 1 Burg mit der Kapelle des Pribislaw 2, 3, 5, 7, 9 Siedlungen; 4, 6, 12 Gräberfelder; 8 Einzelfunde aus der Havel; 10 Siedlung mit Gräberfeld 11 Triglaw-Heiligtum Abb.2

Das wieder slawisch beherrschte Hvellerland erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der auch die Brandenburg erfasste und mit erheblichen baulichen Veränderungen einher ging. Spätestens Anfang des 11. Jahrhunderts wurde die alte slawische Befestigung abgerissen und ihre Erdfüllungen zum zuschütten der Burggräben genutzt, wodurch man eine zusätzliche Bebauungsfläche von ca. 1 ha. gewann. Die nun vergrößerte Burg mit ovalem Grundriss besaß in Nord- Süd Richtung eine Ausdehnung von ca. 280 m und in Ost- West Richtung ca. 200 m (Abb. 2, Nr. 1). Der besiedelte Innenraum erstreckte sich über 2 bis 3 ha. Die Burg wurde von einem ca. 20 m breiten Graben umgeben. Weitere Befestigungsmaßnahmen sind bisher für die Ost- und Südseite nachgewiesen.

Der Fürstensitz dürfte sich im Bereich der alten Hauptburg befunden haben. Im Nordosten, Osten und Süden ist eine dichte Besiedlung mit Hausstellen, Produktionsstätten, Backöfen und Abfallstätten, sowie ein slawisches Gräberfeld am östlichen Rand der Burg nachweisbar (Abb. 2, Nr. 12).19 Die Häuser waren in Reihen angeordnet, dazwischen befanden sich Produktionsstädten und Ställe. Gelegentlich wurde auch innerhalb eines Hauses ein Stallbereich abgegrenzt. Die slawischen Häuser waren 10-30 m2 groß, einige eingetieft, die meistenjedoch ebenerdig in Blockbauweise aus Stämmen oder Bohlen gefertigt. Im 11. und 12. Jahrhundert herrschten Pfostenhäuser mit Flechtwerkwänden vor. Die Fußböden waren aus Sand, Flechtwerk, Rundstämmen oder Spaltbohlen. Die Dächer der Häuser wurden mit Stroh oder Rohr gedeckt. Die ursprünglich runden oder ovalen Steinherde versah man an der Wende zum 11. Jahrhundert mit Lehmplatten. Backöfen mit Kuppeln entstanden ab dem Ende des 10. Jahrhunderts.20 Auf dem heutigen Marienberg entstand spätestens zu Beginn des 11. Jahrhunderts ein dem dreiköpfigen, slawischen Gott Triglaw gewidmetes Heiligtum (Abb. 2, Nr. 11). Es konnte archäologisch bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden, seine Existenz kann jedoch auf Grund der schriftlichen Überlieferung und des Fundes slawischer Kulturschichten als gesichert betrachtet werden.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1127 wurde der SlawengrafMeinfried in Brandenburg ermordet. Sein Nachfolger Pribislaw hielt, wohl zur Sicherung seiner Herrschaft, enge Verbindungen zu dem askanischen Markgrafen Albrecht dem Bären. Pribislaw ließ sich taufen und nahm den christlichen Namen Heinrich an. Auf seinen Befehl wurde vermutlich das Triglawheiligtum geschleift und an dessen Stelle zwischen 1136 und 1141 eine Kirche erbauen.22 Darüber hinaus ließ der Hvellerfürst eine Kirche in seiner Burg errichten, die an der Stelle der heutigen Petrikapelle vermutet wird. Untersuchungen ergaben, dass der Bau durchaus vor 1150, dem Todesjahr Pribislaws, entstanden sein kann. Parallel zu ihrer Nordwand konnte eine Pfostenreihe festgestellt werden, die möglicherweise zu einer ersten Kapelle in Palisadenbauweise gehörte.23

[...]


1 Grebe 1993, S. 51ff.

2 Bodenschatz/Seifert 1992, S. 18

3 Hier ist insbesondere die 'Geschichte der Chur- und Hauptstadt Brandenburg an der Havel' von Otto Tschirch, 1928/29 zu nennen.

4 Grebe 1991, S. 7ff.

5 Jürgen Udolph: Alteuropäische und germanische Namen in Brandenburg und seiner Umgebung. In: Winfried Schich (Hrsg.): Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittalalter, 1993, S. 21ff. Udolph hält einen Gewässernamen für wahrscheinlich, der zur indogermanischen Wurzel brendh-, quellen, schwellen gehört.

6 Grebe 1991, S. 7

7 Bodenschatz/Seifert 1992, S. 28

8 Dalitz/Müller 1997, S.12

9 Grebe 1991, S. 19ff. und Grebe 1998, S. 8f.

10 Grebe 1998, S. 11

11 Grebe 1991, S. 14

12 Dalitz/Müller, 1997, S. 21

13 Bodenschatz/Seifert 1992, S. 28

14 Tschirch 1928, Bd. I, S. 16

15 Grebe 1991, S. 23

16 „Völker, die nach Annahme des Christentums unseren Königen und Kaisern zu Tribut und Diensten verpflichtet waren, griffen bedrückt durch die Überheblichkeit Herzog Dietrichs in einmütigem Entschluss zu den Waffen...“ Thietmar von Merseburg, Chronikon. Aus: Ludwig Schmidt (Hrsg.): Die Dresdner Handschrift der Chroniken des Bischofs Thietmann von Merseburg in Faksimile, Dresden 1905

17 Grebe 1998, S. 7

18 Bodenschatz/Seifert 1992, S. 29f.

19 Grebe 1991, S. 14f. und Grebe 1998, S. 9f.

20 Grebe 1998, S. 11

21 Grebe 1991, S. 15

22 Bodenschatz/Seifert 1992, S. 30

23 Grebe 1998, S. 10 8

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Brandenburg an der Havel
Untertitel
Entstehung und topographische Entwicklung im Mittelalter
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit)
Veranstaltung
Hauptseminar: Entstehung und topographische Entwicklung der Stadt des Mittelalters in Deutschland aus Sicht archäologischer und schrifthistorischer Forschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V131843
ISBN (eBook)
9783640376124
ISBN (Buch)
9783640376315
Dateigröße
3729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brandenburg, Havel, Stadtentwicklung, Topographie, Archäologie, Geschichte
Arbeit zitieren
Svenja Muche (Autor), 2009, Brandenburg an der Havel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131843

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