Der historische Kriminalroman - Überschneidung zweier Gattungen am Beispiel Elizabeth Peters "Ein Rätsel für Ramses"


Seminararbeit, 2001
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vom Rätselkrimi zum gattungsüberschreitenden Roman

2. Elizabeth Peters "Amelia- Peabody Bücher"
2.1. Vorstellung der Reihe
2.2. "Ein Rätsel für Ramses"

3. Umsetzung der typischen Merkmale des Kriminalromans
3.1. Die Detektivfigur
3.2. Die Personenkonstellation
3.3. Der Handlungsaufbau

4. Elemente des historischen Romans
4.1. Die archäologische Arbeit
4.2. Gesellschaftliche Normen

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Vom Rätselkrimi zum gattungsüberschreitenden Roman

Die Entstehung der Kriminalromane gründet im Aufkommen des bürgerlichen Rechtsstaates, in dem Willkür oder Folter aus den Gerichtsverhandlungen verbannt werden, und durch Zeugenbefragung und Indizienbeweise ersetzt werden sollen. Gleichzeitig kommt es zu einem vermehrten Aufbau staatlicher wie privater Einrichtungen zur Verbrechensbekämpfung und Aufklärung, neben einem staatlichen Polizeiapparat etablieren sich auch private Detekteien[1].

Verbrechensliteratur ist zu diesem Zeitpunkt nicht unbekannt, bereits im 18. Jahrhundert wurden interessante Kriminalfälle gesammelt und veröffentlicht, eine Tradition die letztendlich bis zu den Prozessberichten im Mittelalter zurückverfolgt werden kann[2]. Das breite Interesse der Bevölkerung des ausgehenden 19. Jahrhunderts fordert jedoch eine andere Verarbeitung aufsehenerregender Rechtsfälle. Zeitschriften und Autoren kommen dem Bedürfnis ihrer Leser nach Spannung und Unterhaltung nach, neben tatsächlichen Fällen werden häufig fiktive Kriminalerzählungen geschrieben, die sich in Zeitschriften und als Fortsetzungsromane hervorragend verkaufen[3].

Als erste eigentliche Detektivgeschichte wird dabei E. A. Poes „Tales of ratiocination“, "The Murders in the Rue Morgue", betrachtet. Die Erzählung weißt alle für die Detektivgeschichte typische Merkmale auf, ein mysteriöser Mord wird in einem abgeschlossenen Raum begangen, ein falsches Mordmotiv wird widerlegt, ein zu Unrecht Verdächtigter entlastet und die Tat aufgeklärt[4]. Poes Detektiv Dupin erreicht seine Erfolge durch Indizien, Aussagen von Zeugen und logischen Schlussfolgerungen, ausschlaggebend für die Lösung des Verbrechens ist der überragende Intellekt der Detektivfigur. Als erste Detektivgeschichte gilt "The Murders of the Rue Morgeu" allerdings nicht allein wegen der typischen Handlungselemente, sondern auch wegen der Darstellung des Verbrechens. „War das Verbrechen bei den Vorläufern des Kriminalromans immer auch als gesellschaftliches und seelisches Problem interessant, so verhält sich Poe diesen Dimensionen gegenüber vollkommen indifferent.“[5] Psychologische oder soziale Hintergründe werden ausgeblendet, indem der Mord von einem Affen begangen wird. Die menschliche Komponente der Tat wird damit ausgeschlossen, tiefergehende Ursachen des Verbrechens werden nicht nur weder gesucht noch gefunden, sondern sind durch die Anlage der Handlung unmöglich. Es geht ausschließlich um das Gedankenspiel, das bei einem scheinbar unlösbaren Verbrechen Schritt für Schritt die Wahrheit findet.

In der selben Tradition erschafft C. Doyle beinahe fünfzig Jahre später die berühmte Figur des Sherlock Holmes. Gemeinsam mit Poe ist ihm die rein logische Auflösung eines Verbrechens, ohne die Hintergründe zu beachten, weder Holmes noch der Leser müssen sich mit sozialer oder gesellschaftlicher Ursachenforschung belasten. Doyle entwickelte die Detektivgeschichte aber auch weiter, die bedeutendste Neuerung ist die Erschaffung eines aktiven Partners des Detektivs, der nach Holmes Freund benannten "Watson- Figur". Watson begleitet Holmes bei seine Ermittlungen, hinkt ihm gedanklich aber immer etwas hinterher. Durch seine Fragen wird das Geschehen für den Leser lebendiger und leichter nachzuvollziehen als noch bei Poe. Der Unterhaltungswert des Sherlock Holmes steigt durch die Wiederholung bereits bekannter Szenen oder Motive, die bei dem Leser ein freudiges Wiedererkennen auslösen, ebenso durch die mit mehr Aktionen durchsetzte Handlung, die sowohl Handlung als auch Charakteren mehr Leben verleihen[6]. So gefällt Anhängern der Kriminalliteratur die Figur des Sherlock Holmes wesentlich besser als die des Dupin: „Doyle was the first writer to give vitality and pesonalitiy to a detective, (...)“[7]

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts etabliert sich der Detektivroman endgültig als pointierter Rätselroman, dessen Hauptmerkmale kaum abgewandelt werden. Das berühmteste und anschaulichste Beispiel sind Agatha Christis Detektive und ihre Fälle. Die Handlung wird zeitlich und räumlich stark eingeschränkt, beinahe jeder Satz trägt zur Auflösung bei, die der Detektiv am Ende des Romans präsentiert[8]. Dem Leser wird in ihrem Romanen die Möglichkeit zum Mitraten eingeräumt, auch wenn die Chance den Täter vor dem Detektiv zu finden, gering ist. Unerreicht dürfte bis heute die komplexe Konstruktion der Tat und der Beweislage zu sein, die sich mit manchmal mehr als hundert "clues" am Ende stets als stimmig und nachvollziehbar herausstellt.

Gleichzeitig und nach Agatha Christi entwickelte sich eine andere Strömung in der Kriminalliteratur, die sich nicht nur mit Tathergang und Überführung des Schuldigen auseinandersetzte, sondern auch mit eben den Aspekten, die der pointierte Rätselroman außer Acht ließ: den psychologischen und sozialen Hintergründen. Die ersten Autoren, die beabsichtigten den analytischen Krimi wieder in einen engeren Bezug zur Realität zu setzte, waren Dorothy Sayers und George Simenon. Während Sayers sich vor allem um realistische Gesellschaftsstudien und ernsthafte Thematik[9] bemüht, wandelt Simenon mit seinem Inspektor Maigret die Detektivfigur vom intellektuellen Übermenschen zu einer durchschnittlichen Figur, die die Identifikation für den Leser vereinfacht.

Obwohl Agatha Christies Popularität bis heute ungebrochen ist, belassen es moderne Krimiautoren nicht beim bloßen Rätselroman. Die Handlungen beziehen sich nicht mehr ausschließlich auf ein Verbrechen, sondern beinhalten verschiedene Zweit- und Dritthandlungen, die wie etwa bei Donna Leon, das Familienleben des Ermittlers ebenso einschließen können wie Liebesbeziehungen oder Strafhandlungen, die nichts mit dem eigentlichen Verbrechen zu tun haben.

Eine andere Weiterentwicklung der Kriminalliteratur besteht in Wechselbeziehungen mit anderen Gattungen. Während in Fantasy oder Science- Fictionromanen die Aufklärung eines Verbrechens oft nur eine von mehreren Nebenhandlungen ist, bietet der historische Roman viele Möglichkeiten, sich mit de Kriminalroman zu vermischen.

2. Elizabeth Peters "Amelia- Peabody" Reihe

Elizabeth Peters ist promovierte Ägyptoligin an der University of Chicago und gewann für ihre Krimis mehrere Preise, darunter den Anthony Grand Master Avard und den Agatha Award.

2.1 Die Krimireihe

Amelia Peabody, verheiratete Emerson, ist Elizabeth Peters sympathische Hobbydetektivin im viktorianischen England. Zusammen mit ihrem Mann, einem leidenschaftlichen Ägyptlogen, bereits sie Jahr für Jahr die Ausgrabungsstätten entlang des Nils, um dort archäologischen Forschungen nachzugehen. Dabei verläuft keine Ausgrabungssaison ohne eine kriminalistische Herausforderung, der sich Mrs. Emerson unter tatkräftiger Unterstützung ihrer Familie stellen muss.

Jeder Band der Romanserie beinhaltet in chronologischer Reihenfolge je eine Ausgrabungssaison. Der inhaltliche Aufbau bewegt sich jeweils in ähnlichem Rahmen, der Roman beginnt in England oder Ägypten bevor die eigentlich Ausgrabung startet. Dabei zeigen sich erste Anzeichen eines Verbrechens, die von gefälschten Antiquitäten bis zu Mord reichen. Im weiteren Handlungsverlauf geschehen weitere kriminelle Handlungen und eine meist beträchtliche Anzahl von Verdächtigen muss entweder entlastet oder überführt werden, bis am Ende die Schuldigen zweifelsfrei feststehen. Damit sind Unschuldige vom Verdacht befreit, die Verbrecher können aber nicht immer der Justiz übergeben werden. Ihr Schuldeingeständnis erfolgt manchmal auch im Zusammenhang mit ihrer geglückten Flucht oder unmittelbar vor ihrem Tod durch Unfall oder Selbstmord.

Im Laufe der Serie wächst nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Familie der Detektivin. Zu ihrem eigenen Sohn gesellt sich eine Adoptivtochter sowie das Adoptivkind ihrer Schwägerin, die mit zunehmendem Alter immer mehr Eigeninitiative gewinnen und damit selbst eine Detektivrolle übernehmen.

Amelias Talente liegen nicht nur in der Ägyptologie und der Verbrechensaufklärung, sondern auch in der Heiratsvermittlung. Kein Roman endet ohne ein Liebespaar, das die Handlung weiterer Episoden entweder mitbestimmt oder zumindest bereichert. So entstehen im Lauf der Romanserie eine Reihe von Charakteren, die dem Leser gut bekannt sich und in verschiedene Beziehungen gesetzt werden können. Selbst die verbrecherischen Gestalten entziehen sich dem Geschehen nie durch die Flucht, sondern erscheinen in Folgebänden erneut, so dass der Wiedererkennungswert auf beiden Seiten gegeben ist, der Seite der Detektive und Unschuldigen und auf der der Verbrecher und Mörder.

Der besondere Reiz dieser Kriminalromane liegt in den sowohl in den historischen Schauplätzen als auch in den immer vertrauter werdenden Charakteren. Während der Leser England und Ägypten zwischen dem 19. und 20. Jahrhunderten immer besser kennenlernt, folgt er Amelia und ihrer Familie durch die Jahre und ihre Abenteuer, bis Ägypten so vertraut ist, als wäre er selbst dort gewesen, und die Familie Emerson so vertraut, als hätte er sie begleitet.

[...]


[1] Vgl. Peter Nusser, Der Kriminalroman 1980, S. 75 f.

[2] Vgl. Edgar Marsch, Die Kriminalerzählung 1972; S. 89

[3] vgl. Peter Nusser, Der Kriminalroman 1980, S. 82

[4] vgl. Ulrich Suerbaum, Krimi 1984, S. 38

[5] Peter Nusser, der Kriminalroman 1980 S. 91

[6] vgl. Peter Nusser, Der Kriminalroman 1980 S. 97 f.

[7] Hesketh Pearson, Conan Doyle: His life and art 1977, S. 83

[8] Ulrich Suerbaum, Krimi 1984, S. 81

[9] Ulrich Suerbaum, Krimi 1984, S. 121

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der historische Kriminalroman - Überschneidung zweier Gattungen am Beispiel Elizabeth Peters "Ein Rätsel für Ramses"
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V13188
ISBN (eBook)
9783638189033
ISBN (Buch)
9783638757874
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminalroman, Gattungen, Historischer Roman, historischer Kriminalroman
Arbeit zitieren
Ariane Wischnik (Autor), 2001, Der historische Kriminalroman - Überschneidung zweier Gattungen am Beispiel Elizabeth Peters "Ein Rätsel für Ramses", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13188

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