Die Afshar - Nomadismus im Raum Kerman


Essay, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Afshar Kermans

3. Die Afshar Kermans: Fallstudien
3.1 Die Il-e Afshar
3.2 Die Afshar von Deh Bakri

4. Sesshafte und Nomaden: Zur wirtschaftlichen Stellung des Nomadismus im Raum Kerman im 19. und 20. Jh.

5. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Zum Konzept des Nomadismus

6. Fazit

7. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das im Jahre 1978 von Georg Stöber veröffentlichte Buch „Die Afshar. Nomadismus im Raum Kerman (Zentraliran)“ entstand nach drei Aufenthalten des Autors im Iran und basiert zum größten Teil auf den dort gesammelten Daten. Mit seinem Werk will Georg Stöber erreichen, dass „die [nomadischen] Stämme in den Staatsterritorien des Vorderen Orients als integrierte, nicht isolierte Gruppierungen“ (Stöber 1978: 8) verstanden werden und dass diese Integration bei jeder Forschung beachtet wird.

Den Begriff „Nomadismus“ sieht er ,ähnlich der Definition von Scholz (1974: 178), als „eine Wirtschaftsform, in der Viehalter und ihre Herden im Jahresablauf mehrfachen Wohnplatz- und Weidewechsel zwischen räumlich getrennten Plätzen vornehmen“ (Stöber 1978: 14).

Das Buch ist in fünf große Bereiche unterteilt: zunächst beginnt Stöber mit einer Offenlegung seiner Ziele, anschließend stellt er die Afshar in einem historischen Abriss dar, auf den ich jedoch nur sehr knapp eingehen werde. Daran anknüpfend stellt er die Ergebnisse seiner Feldstudie über die Afshar Kermans vor. Im Anschluss geht es um Sesshafte und Nomaden, wobei hier besondere Bedeutung der Frage der wirtschaftlichen Stellung des Nomadismus im Raum Kerman im 19. und 20. Jahrhundert zukommt. Abschließend beschäftigt sich Stöber mit einer Zusammenfassung der in diesem Buch beschriebenen Ergebnisse seiner Forschung und Schlussfolgerungen hinsichtlich des Konzeptes des Nomadismus. Dieser Struktur werde ich in meinem Essay folgen, da sie sehr logisch aufeinander aufbaut und zu einem umfassenden Übersichtswissen führt. Allerdings werde ich dem Aspekt des Nomadismus eine besondere Gewichtung zukommen lassen.

2. Die Afshar Kermans

Ihre Entwicklung als Gruppe „ ist zum einen gekennzeichnet durch räumliche Zersplitterung, zum anderen durch Zerfall und Neugruppierung von Stammeseinheiten“ (Stöber 1978: 16). Bis in das 11. Jh. kann man die Existenz von turksprachigen Afshar in Persien zurückverfolgen und weitere sollen im 13. Jh. unter den Mongolen nach Persien gekommen sein. Nach Jahrhunderten durch Unterdrückung von Seiten der Regierung und Vertreibungen zählten die Afshar im 19. Jh. 10.000 bis 20.000 Familien.

Die Afshar Kermans lassen sich in zwei Gruppen aufteilen- eine östliche und eine westliche Gruppe, welche sich schon in ihrer Größe unterscheiden. Die westliche Gruppe wird Il-e Afshar genannt und besitzt Weideplätze in dem heutigen Gebiet Shahrestan Baft. Ihre Sommerweiden liegen im Gebirgsraum circa 150 Kilometer südsüdöstlich von Kerman und ihre Winterweiden die gleiche Distanz weiter im Süden. Sie zählen zwischen 1000 und 2000 Familien und haben einen türkischen Dialekt, den sie untereinander sprechen, beherrschen darüber hinaus allerdings auch die Amtssprache Farsi.

Die östliche Gruppe lebt im Shahrestan Bam, im Jabal Barez-Gebirg an der Strasse, die von Bam in die Jiroftebene führt und war von Ansiedlungsmaßnahmen betroffen, welche sie zum größten Teil in Deh Bakri sesshaft hat werden lassen (Stöber 1978: 28). Die restliche Gruppe besteht aus circa 300 Familien, welche sich der Umgebung in Form von Kleidung und Sitten angepasst hat. Um eine genauere Orientierung zu erhalten, welches Gebiet die Afshar bewohnen, siehe Abbildung 1.

3. Die Afshar Kermans: Fallstudien

In diesem Kapitel geht der Autor auf den Aspekt der „ökonomischen Verflechtungen einer nomadischen Bevölkerung mit ihrer sesshaften Umgebung“ (Stöber 1978: 28) ein und wählt hierbei als Einheit die Afshar Kermans aus, da er so über allgemeine Feststellungen hinausgehen kann anhand eines konkreten Beispieles. Durch diese Verflechtungen haben Veränderungen eines Faktors Auswirkungen auf alle anderen Bereiche und somit ist nach Stöber zu erwarten, dass moderne Wandlungen wie beispielsweise eine Landreform, Auswirkungen auf die ökonomische Struktur der Nomaden hat.

Die Umweltbedingungen der hier thematisierten Nomaden sind geprägt von Gebirgszügen sowie Halb- und Wüsten. Wind spielt eine sehr wichtige Rolle, da er allgegenwärtig ist und die Verteilung von Regen mitbestimmt; die Hauptniederschlagszeit ist von Dezember bis April, während in den Sommermonaten wenig bis kein Regen fällt. Die Temperatur ist im Januar (circa –15 Grad Celsius) am niedrigsten und im Juli (circa 15 Grad Celsius)am heißesten, ist jedoch abhängig von der jeweiligen Höhenlage. Ebenfalls davon ist auch die Vegetation abhängig und somit weisen die verschiedenen Regionen ein unterschiedliches Nutzungspotenzial auf.

3.1 Die Il-e Afshar

Ihre Weidegebiete liegen im Nordwesten, Westen und Süden von Shahrestan Baft und diese ist ein sehr heterogener Raum, da hier sowohl hohes Gebirge als auch Flachland zur Verfügung stehen und ein sehr unterschiedliches Klima herrscht. Gehalten werden vor allem Schafe und Ziegen, die im Winter die höheren Lagen verlassen müssen oder in Ställen untergebracht werden müssen. In den Tälern und im flacheren Süden sind die Weidemöglichkeiten jedoch so begrenzt, dass eine ganzjährliche Nutzung nicht möglich ist. Dadurch haben sich hier verschiedene Kombinationen von Viehhaltung und Ackerbau entwickelt, welche teilweise Sesshaftigkeit oder Nomadismus zur Folge hatte. Für die nomadische Viehhaltung bilden das Bergland im Norden sowie die Becken (flachen Ebenen) im Süden Ergänzungsräume und so verlassen die Herden im Frühjahr ihre Winterweidegebiete im Süden und verbringen die Zeit bis zum Herbst auf den Sommerweiden im nördlichen Gebirge.

Diese Grenze zwischen Sesshaftigkeit und Nomadismus vermischt sich in dem Gebiet, wo diese Ergänzungsräume so nahe beieinander liegen, dass weite Wanderungen überflüssig werden. Hier nun findet sich „vor allem eine sesshafte und kurzwandernde Bevölkerung, bei der die Viehhaltung immer eine wichtige, teils auch dominierende Rolle spielt“ (Stöber 1978: 45).

Zur Bevölkerung sei zu sagen, dass hier sowohl „Asha’er“ (Selbstbezeichnung der Nomaden) als auch „Nicht-Asha’er“ leben. Die Bezeichnung „Asha’er“ lässt auf eine bestimmte sozio-politische Organisationsform schließen: auf die einer stammesmäßig organisierten Bevölkerung. „Den wichtigsten Stamm dieses Raumes stellen die Afshar da“ (Stoeber 1978: 46), welche sich in Subgruppen aufteilen.

Das Individuum bei den Afshar identifiziert sich durch seine Stammeszugehörigkeit, seine verwandtschaftlichen Beziehungen und seine ökonomische Stellung. Heiratsbeziehungen zwischen „Asha’er“ und „Nicht-Asha’er“ finden kaum statt; kein Nomade käme auf die Idee, sich eine Frau zu suchen, die keine der typischen Verrichtungen beherrscht wie Melken oder die Zubereitung von Trockenkäse. Ein jung verheiratetes Paar gründet seinen eigenen Haushalt in der Nähe der Eltern des Mannes. Da oftmals die Hochzeit in einer weiteren Residenzgruppe stattfinden, ist somit kein Ortswechsel notwendig. Ein Lager hat selten weniger als fünf Familien und seine Zusammensetzung variiert im Winter- und im Sommergebiet. Der Grundbesitz wird vererbt und durch Realteilung (islamisches Recht) an alle Kinder aufgeteilt und nur selten verkauft. Das Land, welches man besitzt, ist dieses, wo das Sommerlager aufgeschlagen wird und somit bilden Verwandte hier ein gemeinsames Lager. Die Zusammenarbeit von mehreren Haushalten ist üblich; sowohl in der Betreuung der Herden als auch bei der Bestellung der Felder.

Die Wanderung zwischen den Sommer- und Winterweiden verläuft vor allem auf zwei Routen. Die Gruppen brechen im Frühjahr (zwischen März und Mai) auf und benötigen für die 150-200 Kilometer zwischen einem und zweieinhalb Monaten. Die Herbstwanderungen dauern fast genauso lang. Der Hausrat, das Zelt, Töpfe und weiterer Besitz der Familie wird auf Eseln transportiert, notfalls auch auf Kühen oder Ochsen. Kamele werden heute nicht mehr verwendet und mittlerweile beginnt sich der Lastwagen als Transportmittel des Hausrates und der Familien durchzusetzen, während man die Herde mittels Hirten voranschickt.

Den Grundstock der Viehhaltung bilden Schafe und Ziegen, die fast immer in einer gemeinsamen Herde gehalten werden mit unterschiedlichen Prozentzahlen, da dies abhängig ist von der regionalen Lage. Kamele werden nur noch sehr selten gehalten, Esel werden nur als Transporttiere verwendet und Buckelrinder zur Feldarbeit. In der Herde nun sind produktive Muttertiere, Lämmer und Jungtiere vorhanden; die Zahl der ausgewachsenen männlichen Tiere ist gering (auf 100 weibliche circa 5 männliche Tiere). Unter optimalen Bedingung kann laut Stöber (1978:85) die jährliche Wachstumsrate der Herde 20 Prozent betragen, doch haben die meisten „Asha’er“ zu kleine Herde und sind somit auf den Verkauf wichtiger Tiere angewiesen, die dieses Wachstum bedingen würden.

Die Tiere liefern Fleisch, Häute und Lebendvieh zum Verkauf sowie Wolle und Milch. Milch von Schafen und Ziegen wird nicht getrennt und fast komplett weiterverarbeitet; nur ein geringer Teil wird sofort nach dem Melken erhitzt und mit Brot gegessen. Hergestellt werden Käse, Trockenkäse, Butter, Kashk (Kugeln, die viel Eiweiß enthalten) und Rowghan (Butterfett) (siehe Abb. 2). Die Herdengröße ist zum Teil auch abhängig von der Betreuung: ist nur der Besitzer dafür da, schränkt er die Anzahl an Tieren ein, legen jedoch mehrere Familien ihre Herden zusammen, ist dies ökonomisch sehr viel sinnvoller. Die durchschnittliche Herde hat zwischen 400 und 500 Tieren. Familien, welche selbst nicht genug Aufpasser haben, stellen einen Hirten ein (jeweils für ein Jahr) und belohnen ihn mit 6 Lämmern je 100 Tieren und Naturalien wie Weizen und Wolle. Das Fleisch notgeschlachteter Tiere gehört dem Besitzer, doch wird der Hirte für den Verlust nicht haftbar gemacht. Das Vieh Sesshafter wird weder von den Afshar noch den „Asha’ern“ übernommen.

Neben Viehhaltung betreiben die meisten Afshar in ihrer nach Salzmann (1972: 66) „multi resource economy“ auch Bodenbau in unterschiedlichem Ausmaß; hauptsächlich Gerste als Viehfutter, dann Walnüsse und alles andere, was auch von den sesshaften Bauern angebaut wird. Begrenzt wird das Ausmaß des Anbaus vor allem durch das Wasser, was oft nicht ausreichend im Sommer vorhanden ist und man an sich an das Wasserrecht halten muss. Was wo angebaut wird, entscheidet die Qualität des Bodens. Eine Ernte Getreide deckt den Bedarf einer Familie für höchstens sechs Monate, reicht also nur teilweise aus.

Die „Asha’er“ sind auf weiteren Zuerwerb angewiesen und so gehen mindestens zwei oder drei Personen eines Lagers saisonal auf Arbeitssuche außerhalb ihres Stammesgebietes; ein beliebtes Ziel sind die Eisenschmelzen in Kerman. Die Zahl der gehenden Männer ist abhängig vom Viehbestand der Gruppe. Ein weiterer Nebenverdienst ist der Verkauf von Teppichen, die in Heimarbeit aus der eigenen Wolle hergestellt werden. Dies ist die Angelegenheit der Frauen und wird von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Doch wird dies immer weniger, da die Töchter die Schule besuchen und keine Zeit mehr haben und so kommt es, dass die Teppiche schließlich von den nomadischen Familien selbst auf dem Bazar gekauft werden müssen. Das Sammeln von Tragantgummi (persisch: „katira“) ist auch geldeinbringend, da der Saft dieses Busches zur Haarpflege verwendet wird. Ökonomische Probleme entstehen meist, wenn die Söhne heiraten und somit beginnen, eine eigene Herde zu gründen. Der jüngste Sohn bleibt nach der Heirat im Zelt des Vaters und sorgt für die Familie.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Afshar - Nomadismus im Raum Kerman
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
Vorlesung: Pastoralismus- Tierhaltung und ihre Bedeutung in der Ethnologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V131891
ISBN (eBook)
9783640377336
ISBN (Buch)
9783640377619
Dateigröße
1307 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afshar, Nomadismus, Raum, Kerman
Arbeit zitieren
Leona Dotterweich (Autor), 2007, Die Afshar - Nomadismus im Raum Kerman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131891

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