Idealismus als Ideologiekritik


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: "-"


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/97)
2.1. Primat des Moralischen
2.2. Der Staat als Maschine
2.3. Der Vorrang des Schönen vor dem Wahren und Guten
2.4. Vernünftige Mythologie und mythologische Philosophie

3. Der Geist des Christentums (1799)
3.1. Kritik der institutionellen Religion
3.2. Die Dekonstruktion der Strafe

4. Materialistische und idealistische Ideologiekritik

5. Schlusswort

1. Einleitung

Ideologiekritik wird oft mit den Namen Feuerbach und Marx assoziiert. Diese haben den Boden des Idealismus verlassen und betreiben Ideologiekritk auf dem Boden des Materialismus. So schreibt Marx in der Einleitung zur zweiten Auflage des Kapital: "Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbstständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußre Erscheinung bildet. Bei mir ist ungekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und und übersetzte Materielle"[1]. Marx betreibt Ideologiekritik als eine Kritik des Idealismus; er ist sich dessen bewusst, dass ein absoluter Idealismus eine absolute Ideologie nach sich zieht, wenn er sich zum Apologeten der bestehenden Ordnung macht."Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig"[2], so Hegel in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie. Dass diese Apologie des Bestehenden als Herrschaftsideologie und nicht als Resultat der Selbstaffirmation des freien Menschen in der Philosophie des Geistes auftreten kann, ist nicht zuletzt in der historischen Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begründet. Fasst man die vernünftige Wirklichkeit jedoch als den preußischen Staat nach 1815, so ist sie zu eng gefasst. Sie umfasst vielmehr die gesamte Weltgeschichte, wobei ihr empirisches Resultat dem Zufall unterworfen ist, und allein ihr begrifflicher Abschluss ihre Wahrheit ausspricht.

Ein Resultat darf nicht für sich genommen werden; erst durch die Einsicht dessen, was in ihm aufgehoben[3] ist, kann ein Ergebnis beurteilt werden. So stellt sich in der Hegelschen Rechtsphilosophie (aber auch schon in der Phänomenologie des Geistes) dar, wie sich die Freiheit des Menschen in der Weltgeschichte realisiert. Als Ergebnis der Freiheit ist die bestehende Ordnung nicht mehr kritisierbar - so schlägt der absolute Idealismus in einen absoluten Positivismus um. Dies ist der Angriffspunkt für die Marxsche Kritik, die sich nicht mehr im Idealismus bewegt. Ob sie sich dadurch ihrer eigenen Grundlage beraubt[4], muss diskutiert werden. Trifft dies zu, so wird die bestehende Ordnung scheinbar unkritisierbar, und es bleibt nur zu fragen, ob der Idealismus selbst eine vernünftige Ideologiekritik leisten kann.

Im ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus von 1796-1797 sowie in der Schrift "Der Geist des Christentums" von 1799 leistet der frühe Hegel eine idealistische Ideologiekritik. Anhand der beiden Texte soll die idealistische Ideologiekritik beleuchtet werden, um schließlich der materialistischen Ideologiekritik Feuerbachs gegenübergestellt zu werden.

2. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus(1796/97)

"Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus"[5] ist ein kurzer Entwurf eines Programms für ein System der Philosophie. Die Schrift wurde 1796 oder 1797 verfasst[6]. Zeitlich steht diese Schrift zwischen Fichtes Wissenschaftslehre(1794) und Schellings System des transcendentalen Idealismus(1800). Erst in der Phänomenologie des Geistes(1807), die er als eine "Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins"[7] charakterisiert, entwickelt Hegel ein eigenes System der Philosophie. Die hier zu betrachtende Schrift ist noch kein Systementwurf - es wird nur ein Programm für ein System dargestellt, wobei die Darstellung des Programms mit teilweise scharfer Ideologiekritik einhergeht.

2.1. Primat des Moralischen

Das in Hegels Programmentwurf geforderte System der Philosophie soll eine Ethik sein: "- eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt - wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein"[8]. Vom Primat des Praktischen in der Philosophie sprach Kant bereits in der Kritik der reinen Vernunft(1781/1788): Des Kanons der reinen Vernunft Zweiter Abschnitt wird untertitelt mit "Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft"[9]. Der Zweck der spekulativen Anstrengungen der reinen Vernunft ist das Praktische, so Kant, worin ihm Hegel zustimmt. Da weder in der Kritik der praktischen Vernunft(1788) noch in der Metaphysik der Sitten(1797) ein System entwickelt wird, ist "... nichts erschöpft..."[10], so Hegel, wobei er sich womöglich auf die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten(1785) bezieht, denn die Metaphysik der Sitten erscheint 1797, und Hegels Programmentwurf ist spätestens Anfang 1797 bereits verfasst.

Die Ethik, in die die ganze Metaphysik laut Hegel fallen soll, wäre "... ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate..."[11]. Das System soll mit einer Idee der absoluten Freiheit des Menschen beginnen: "Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen"[12]. Aus der Formulierung wird deutlich, dass Hegel die Freiheit des Menschen als eine selbstverständliche Voraussetzung der Ethik betrachtet, wobei diese Freiheit einerseits als die für die moralische Verantwortungsfähigkeit konstitutive Willensfreiheit, andererseits als die Freiheit des Menschen in der Welt in einer freiheitlichen Gesellschaft verstanden werden kann. Die Willensfreiheit muss als seiend postuliert (im System selbst dann bewiesen) werden können, damit eine Ethik möglich ist. Die Freiheit des Menschen in der Gesellschaft muss als sein sollend gedacht werden, da ihre Realisierung erst das Resultat einer angewandten Ethik sein kann, einer Ethik, die auf der inneren Freiheit, der Willensfreiheit basiert. In der theoretischen Philosophie wäre ein Beweis der Willensfreiheit (wenn er in der theoretischen Philosophie überhaupt möglich ist) noch zu leisten; in der praktischen Philosophie kann man mit Kant sagen: "Ein jedes Wesen, das nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln kann, ist eben darum in praktischer Rücksicht wirklich frei, d.i. es gelten für dasselbe alle Gesetze, die mit der Freiheit unzertrennlich verbunden sind, ebenso als ob sein Wille auch an sich selbst und in der theoretischen Philosophie gültig für frei erklärt wurde"[13].

Hegel betrachtet nicht den kreatürlichen Menschen, sondern den Menschen als Person, als Ich, wenn er sagt: "Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt - aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus dem Nichts"[14]. Mit dem selbstbewussten freien Ich tritt zugleich die Welt aus dem Nichts hervor - dieser Gedankengang wird in Fichtes Wissenschaftslehre von 1794 zuerst entwickelt[15]. Hegel scheint im Programmentwurf angesichts der Frage nach dem logischen Ursprung der Welt derselben Ansicht zu sein wie Fichte[16]. Die Welt als das Nicht-Ich des absolut freien Ichs wird zum Gegenstand einer Naturphiloophie, die mit der folgenden Fragestellung auf das Gebiet der Physik herabsteigt: "Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?"[17]

Die philosophische Antwort ist leicht gefunden: Die Welt muss einerseits kausal und deterministisch beschaffen sein, die Naturgesetze müssen ohne Ausnahmen gelten, so dass der Mensch, wenn er sich aus Freiheit zu einer Handlung bestimmt, die Folgen der Handlung voraussehen kann. Der Mensch als freies Wesen muss seine Zwecke verfolgen können - darum darf sich die Natur nicht beliebig, sondern muss sich streng nach Gesetzen verhalten. Wenn Hegel aber sagt: "Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben"[18], so übersieht er, dass die Reflexion über die notwendige Beschaffenheit der Welt für ein moralisches Wesen nicht mehr in die Physik fällt. Die Physik kann nur die notwendig und ausnahmslos geltenden Naturgesetze erkennen; die Verbindung zwischen der physikalischen Beschaffenheit der Welt und der Möglichkeit moralischen Handelns ist kein Gegenstand der Physik.

Hegel will die Physik womöglich zu einer Kosmogonie ausgeweitet sehen: "Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne"[19]. Die Physik war am Ende des 18. Jahrhunderts weitgehend vom Paradigma der Newtonschen Mechanik bestimmt. Die Schwerkraft galt noch als der Inbegriff der Kraft; andere Fundamentalkräfte wurden erst später erforscht[20], doch auch am Anfang des 21. Jahrhunderts konnte die Physik ihren Bereich nicht ausweiten - sie stößt bei teleologischen Fragestellungen immer noch auf ihre Grenzen. Mit ihrer Emanzipation von der Naturphilosophie in der Neuzeit ist die Physik an ihren Gegenständen ärmer geworden, gewann aber wissenschaftliche Methoden, mit denen sie zu richtigen Erkenntnissen in ihrem Bereich kam, die sich im technischen Fortschritt der letzten Jahrhunderte manifestierten. Hegels Versuch, die Physik mit der Naturphilosophie wieder zusammenzuführen, sollte vermutlich der Einheit des Wissens dienen.

2.2. Der Staat als Maschine

Aus der Physik entlehnt Hegel die Vorstellung des Staates - er vergleicht den Staat mit einer Machine: "Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt"[21]. 25 Jahre später schreibt er in der Rechtsphilosophie: "Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee - der sittliche Geist, als der offenbare, sich selbst deutliche, substantielle Wille, der sich denkt und weiß und das, was er weiß und insofern er es weiß, vollführt"[22]. Im Systemprogramm von 1796/97 gibt es keine Idee vom Staat, in der Rechtsphilosophie von 1821 ist der Staat die Wirklichkeit der sittlichen Idee. In einem Punkt stimmt der frühe Hegel mit dem späten Hegel aber überein: "Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee"[23]. In der Rechtsphilosophie ist der Staat ein Gegenstand der Freiheit: "An der Sitte hat er seine unmittelbare und an dem Selbstbewußtsein des Einzelnen, dem Wissen und Tätigkeit desselben, seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch die Gesinnung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Produkte seiner Tätigkeit, seine substantielle Freiheit hat"[24].

[...]


[1] Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Paderborn, Voltmedia. S. 26f.

[2] Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts. In: Werke in 20 Bänden. Band 7. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1970. S. 24.

[3] Zum Aufheben im Hegelschen Sinne ein Satz aus der Phänomenologie des Geistes: "Das Aufheben stellt seine wahrhafte gedoppelte Bedeutung dar, welche wir an dem Negativen gesehen haben; es ist ein Negieren und ein Aufbewahren zugleich..." (Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Hamburg: Meiner, 1988/2006. S.80).

[4] Im Materialismus wird die Autonomie der Vernunft kassiert. Zugleich bedient sich das materialistisch argumentierende Subjekt der Freiheit, die ohne die Autnonomie der Vernunft nicht zugestanden werden kann, sondern zu den materiellen Grundlagen zurückgeführt werden muss, so dass der Materialismus selbst als ein Produkt materieller Verhältnisse und nicht als ein autonomer Standpunkt der kritischen Vernunft zu betrachten ist.

[5] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234ff.

[6] Vgl. a.a.O., S. 628.

[7] Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Hamburg: Meiner, 1988/2006. S. 68.

[8] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234.

[9] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hamburg: Meiner, 1998. A 804/B832.

[10] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234.

[11] A.a.O., S. 234.

[12] A.a.O., S. 234.

[13] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart: Reclam, 2005. S. 105.

[14] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234.

[15] Vgl. Fichte, J.G.: Grundlage der Gesamten Wissenschaftslehre. In: Fichtes Werke Band 1. Berlin: Walter de Gruyter & Co, 1971. S.91ff.

[16] Die Kritik Hegels und Schellings an Fichtes subjektivem Idealismus wenige Jahre nach dem hier diskutierten Systemprogramm kann hier nicht ausführlich thematisiert werden, da der thematische Schwerpunkt nicht auf den Systemen des deutschen Idealismus, sondern auf der idealistischen Ideologiekritik liegt.

[17] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234.

[18] A.a.O., S. 234.

[19] A.a.O., S. 234.

[20] Das angemessene Paradigma für die Elektrizität/den Magnetismus wurde im 19. Jahrhundert mit der Feldtheorie erschaffen; die starke und die schwache Wechselwirkung innerhalb der Atome wurden erst im 20. Jahrhundert entdeckt.

[21] A.a.O., S. 234.

[22] Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1970. S. 398.

[23] Hegel, G.W.F.: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1971. S. 234.

[24] Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts. In: Werke in 20 Bänden. Band 1. Frankfurt a. M. : Suhrkamp, 1970. S. 398.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Idealismus als Ideologiekritik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
"-"
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V131907
ISBN (eBook)
9783640378104
ISBN (Buch)
9783640377640
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Hegel 1797, Feuerbach, Materialismus, Idealismus, Ideologie, Deutscher Idealismus, Marx
Arbeit zitieren
Konstantin Karatajew (Autor), 2009, Idealismus als Ideologiekritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131907

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