Bewegte (Grund-)Schule als ein "Heilmittel" gegen die Volkskrankheit Nr. 1 - den Bewegungsmangel

Kindheit im Wandel


Hausarbeit, 2007
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anzeichen einer neuer Moderne

4. Veränderungen in der Demographie

3. Waren wir noch richtige Jungs?

5. Bewegte Schule – Möglichkeiten und Folgerungen für die Grundschule

6. Fazit und Ausblick

7. Literatur

1. Einleitung

Die vor einigen Jahrzehnten begonnenen soziokulturellen Veränderungsprozesse unserer Gesellschaft haben neben ihren weit reichenden Einschnitten in das alltägliche (Erwachsenen-) Leben auch eindeutige Spuren in der bislang als traditionell verstandenen Kindheit hinterlassen. Diese Auswirkungen einer sich wandelnden Gesellschaft nehmen dabei keinerlei Rücksicht auf die kindgemäßen Entwicklungsprozesse, schlimmer noch – die Kinder, als schwächstes Glied der Gesellschaft, müssen sich den Veränderungstendenzen anpassen.

Banal scheint die Tatsache zu sein, dass ein adäquates Maß an körperlicher Aktivität die Gesundheit stabilisiert. Schaut man sich allerdings bisherige Untersuchungen von Krankenkassen und anderen gesundheitsorientierten Einrichtungen an, scheint diese Banalität einer Vielzahl von Menschen wenig zugänglich zu sein. Nicht anders lassen sich scheinbar folgende Ergebnisse werten. Die Bilanz wirkt erschreckend. Lässt man in den einschlägigen Onlinesuchmaschinen nach den Wörtern „Bewegungsmangel + Kinder“ suchen, ergeben sich binnen weniger Sekunden über 400000 Einträge. In diesem Zusammenhang werden bereits im Kindesalter von den gravierenden Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Störung des Herz-Kreislauf-Systems, Fettleibigkeit respektive Übergewicht, welches sich seit 1980 um 30 % erhöht hat, Wirbelsäulenerkrankungen, Osteoporose, Bluthochdruck und sogar Diabetes gesprochen. Zahlreiche Untersuchungen, wie zum Beispiel bei Breithecker (S. 5, online) nachzulesen, zeigen auf, dass ein Drittel der Grundschulkinder über Schulkopfschmerzen in Verbindung mit Rückenschmerzen und Konzentrationsschwächen klagen. 48 % der 11- bis 14-Jährigen weisen bereits Haltungsschwächen auf. Breuer (vgl. 2002, online) konstatiert zudem bei 10 % aller 6-Jährigen Koordinationsstörungen sowie Probleme mit dem Gleichgewichtssinn. Dabei ist es vielen Kindern und Jugendlichen heutzutage beinahe unmöglich nur halbwegs an die motorischen Leistungen vor 30 Jahren heranzukommen. Viele der heutigen Kinder haben es beispielsweise schwer, nur wenige Schritte auf einem Schwebebalken rückwärts zu gehen oder einige Zeit auf einem Bein zu stehen.

Problematisch wird es bei den Untersuchungen über Haltungsschäden etc. nur dann, wenn der Pädagoge selbst unseren Kindern durch mangelhaftes Wissen oder übertriebene Disziplinbesessenheit die Rückenprobleme provoziert. Äußerungen wie „Sitz still und gerade“ oder „Zappele nicht so viel auf deinem Stuhl herum“ sind dabei nicht selten an der Tagesordnung. Das dies bei täglichem etwa 9 Stunden Sitzen nicht förderlich sein kann, liegt auf der Hand. Fest aber steht, dass dieses intuitive Bewegen des Kindes ein dynamisches Sitzen ist, welches die Wirbelsäule schont sowie die Sauerstoffversorgung wieder anregt. Darüber hinaus sitzen über 83 % der heutigen Grundschüler physiologisch falsch, vor allem da die Tisch-Stuhl-Kombination nicht geeignet ist.

Die vorliegende Arbeit will den Versuch unternehmen, die Veränderungen der Kindheit bezüglich einer gewandelten Bewegungs- bzw. Spielkultur darzustellen und den, als gravierende Folge gesellschaftlicher Modernisierung, etablierten Bewegungsmangel zu erörtern. Die Volkskrankheit Nummer 1 darf somit nicht noch im Zuge einer bewegungsarmen Kindeserziehung angeregt werden. Auf Grund dieser drohenden Gefahr soll in der heutigen Kindheit nicht nur die von vielen Pädagogen herauf geschworene Prämisse eines lebenslangen Lernens in den Erziehungseinrichtungen vermittelt werden, sondern zudem die Bewegungserziehung respektive der Wunsch des lebenslangen Sporttreibens verinnerlicht werden. Ein Fakt, der bei der Frage nach kindgemäßer Erziehung und gutem Unterricht mancherorts wenig Berücksichtigung findet:

„Experten sind sich einig, spätestens mit Eintritt in das Schulalter wird aus dem bewegungsfreudigen Spielkind ein Sitzkind (Breithecker, S. 5, online)

Diesem gefährlichen Mangel trotzend, kann mit dem, aus Kreisen der Sportpädagogik initiiertem Konzept von einer „bewegten Schule“ für unsere Kinder gewinnbringend entgegengewirkt werden.

In der vorliegenden Arbeit wird eingangs der Wandel unserer heutigen Gesellschaft charakterisiert, um auf die im zweiten Teil behandelten Überlegungen zur veränderten demographischen Entwicklung hinzuführen. Im Anschluss daran soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Kindheit, vor allem in Bezug auf die Spielkultur, heute von früher (aus Erlebnissen des Autors) unterscheidet, um dann im vierten Teil Aussagen und Notwendigkeiten zur Legitimation einer rundum bewegten (Grund-) Schule treffen zu können.

2. Anzeichen einer neuer Moderne

„Die Zeiten ändern sich“ heißt eine oft gehörte Phrase des Alltags. Damit verbunden sind mittlerweile auch Veränderungen in vermeintlich etablierten Strukturen, aber auch in Normen, Ansichten und Denkweisen. Nach Becks (vgl. 1986, S. 25) Gedanken über die „Logik der Reichtumsverteilung und der Risikoverteilung“ geht die fortgeschrittene Gesellschaft und die damit verbundene Produktion von Reichtum „systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“. In Anlehnung an Schulze (1993) kann dabei auch von einer Erlebnisgesellschaft die Rede sein, welche durch die „Vermehrung der Möglichkeiten“ (Schulze, 1993, S. 33) geprägt ist. Ob der Anstieg des Lebensstandards, die Ausweitung der Bildungsmöglichkeiten, die Auflösung starrer biographischer Muster, die technischen Fortschritte oder eben die Zunahme der Freizeit sowie deren Gestaltungsoptionen – alles das lässt eine „sich perpetuierende Handlungsdynamik (entstehen - S. K.), organisiert im Rahmen eines rasant wachsenden Erlebnismarktes, der kollektive Erlebnismuster beeinflusst und soziale Milieus als Erlebnisgemeinschaften prägt“ (ebd., S. 33).

Digel (2001), beschreibt diesen gesellschaftlichen Wandel aus einer modernisierungstheoretischen Sichtweise anhand von sieben Tendenzen, die seines Erachtens den Übergang aus der „Industriegesellschaft in eine Informations- und Wissensgesellschaft“ (Digel, 2001, S. 9) andeuten. Neben der Individualisierung, bei der es zu einer schrittweisen Erosion tradierter Lebensgemeinschaften sowie der Infragestellung ursprünglicher, handlungsleitender Muster und kultureller Normen, nach Digel auch als fortschreitende Säkularisierung verstanden, zu kommen scheint, steht die Rationalisierung. Hierunter wird die steigende Zuwendung hinsichtlich zweckrationaler Entscheidungen zusammengefasst. Statt Prinzipientreue und Wertüberzeugungen bilden Input/Output-Kalkulationen das Primat für die Bürger. Internationalisierung bzw. Globalisierung, Ökonomisierung, Verrechtlichung und Verwissenschaftlichung bilden weitere Eckpfeiler der sich herausbildenden Moderne. Schlussendlich gilt die Mediatisierung als folgenreicher und vielerorts unverzichtbarer Trend der heutigen Gesellschaftsform. Das dadurch jedoch häufig einzig und allein von den Massenmedien definiert wird, was in dieser Gesellschaft Relevanz erlangt und was nicht, bleibt manchmal unberücksichtigt. Nach Ansicht Digels (2001, S. 11) existiert heutzutage auch das Problem der Routinisierung, Bürokratisierung und Langeweile im Arbeitsleben, weshalb die Menschen in ihrer Freizeit vermehrt Spannung, Abenteuer, Nervenkitzel und Risiko suchen. Diese Optionen werden einerseits ohne Risiken für die eigene Person beispielsweise vom Sportfernsehen befriedigt. Man setzt sich keinerlei Gefahren i. e. S. aus, wenn man sich die Formel 1, ein Fußballspiel oder ein Kajakrennen im TV anschaut. Das Bedürfnis nach Spannung und Unterhaltung, eben gerade dieses Mittendrin sein, kann durch den technologischen Fortschritt mittlerweile von den Medien (völlig gefahrlos) befriedigt werden. Andererseits reichen vielen Menschen diese Stimuli im Zeitalter der „dicken Bäuche“ (Beck, 1986, S. 27) nicht mehr aus, ja sie fühlen sich sogar von der enormen Flut unterhalterischer, teils inszenierter Offerten der Medienwelt bedrängt und auf Grund deren Inhalte ungesättigt und in Langeweile versetzt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Bewegte (Grund-)Schule als ein "Heilmittel" gegen die Volkskrankheit Nr. 1 - den Bewegungsmangel
Untertitel
Kindheit im Wandel
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Grundschulpädagogik)
Veranstaltung
Entwicklung und Erziehung des Grundschulkindes
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V131919
ISBN (eBook)
9783640378142
ISBN (Buch)
9783640377688
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegte, Heilmittel, Volkskrankheit, Bewegungsmangel, Kindheit, Wandel
Arbeit zitieren
Sandro Knoll (Autor), 2007, Bewegte (Grund-)Schule als ein "Heilmittel" gegen die Volkskrankheit Nr. 1 - den Bewegungsmangel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131919

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