In der vorliegenden Arbeit wird ein Vergleich dreier Texte, die den Kanarienvogel thematisieren, stattfinden, um daran die Rolle des Kanarienvogels in der Literatur um 1800 zu überprüfen. Betrachtet man nun das Vorkommen von Kanarienvögeln in der Literatur, so ist schnell festzustellen, dass in zahlreichen Werken Kanarienvögel zum Thema werden. So sind Anna Louisa Karschs "Klagelied über den Tod" eines Canarien-Vogels oder Gottlied Konrad Pfeffels "Der Kanarienvogel" als bekannte Beispiele zu nennen, in denen der kanarische Vogel unterschiedlich dargestellt wird.
Um einen kurzen Überblick über den ornithologischen und kulturhistorischen Hintergrund zu erlangen, beginnt die Arbeit mit einer kurzen Betrachtung ebendieser Aspekte. Im Folgenden soll die Darstellung des Kanarienvogels in der Literatur anhand von drei exemplarischen Beispielen betrachtet werden: "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe, "An Daphnens Kanarienvogel" von Ludwig Hölty und "Der Kanarienvogel" von August Friedrich Langbein.
Eine der interessantesten Szenen in "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe ist die Szene des Briefes vom 12. September, in der ein Kanarienvogel einer Unterredung zwischen Werther und Lotte beiwohnt. Das Hinzufügen dieser Szene in der Zweitfassung von 1787 ändert Lottes Rolle in der Beziehung zu Werther maßgeblich und macht sie zu einer aktiven Mitspielerin des Liebesspiels. Dieses indirekte Liebesspiel, durchgeführt mittels eines Kanarienvogels, lässt die Frage aufkommen, aus welchem Grund genau dieses Tier in einem so hoch kanonisierten Werk in die Rolle eines Vermittlers der Liebe schlüpft.
Im Gegensatz zu anderen Tieren in der Literatur, wie beispielsweise der Rabe oder der Fuchs, ist der Kanarienvogel kein Tier, welches durch die Fabeln Äsops geprägt und damit in die Literaturgeschichte etabliert worden war. Mit dieser Etablierung gehen gefestigte Stereotypen einher, die durch die Tradition der Fabeln gefestigt wurden. So verkörpert der Rabe in der Fabel 'Der Rabe und der Fuchs' Eitelkeit, Übermut und Habgier. Für den Kanarienvogel sind solche stereotypen Zuschreibungen nicht pauschal festgehalten. Umso mehr scheint es von Belang, die Rolle dieses Tieres in der Literatur zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ornithologische und kulturhistorische Betrachtung
3 Der Kanarienvogel in Goethes Die Leiden des jungen Werthers
3.1. Die Sprecherkonstellation
3.2. Die Beschreibung des Kanarienvogels
3.3. Die Interaktion mit den menschlichen Subjekten
3.4. Die Verhaltensweisen des Kanarienvogels
3.4.1. Natürliche Verhaltensweisen
3.4.2. Anthropomorphisierungen
3.5. Die Funktion und Rolle des Kanarienvogels
4 Der Kanarienvogel in Höltys An Daphnens Kanarienvogel
4.1. Die Sprecherkonstellation
4.2. Die Beschreibung des Kanarienvogels
4.3. Die Interaktion mit den menschlichen Subjekten
4.4. Die Verhaltensweisen des Kanarienvogels
4.4.1. Natürliche Verhaltensweisen
4.4.2. Anthropomorphisierungen
4.5. Die Funktion und Rolle des Kanarienvogels
4.6. Mythologischer Exkurs: Daphne und Apollon
5 Der Kanarienvogel in Langbeins Der Kanarienvogel an seine Herrin
5.1. Die Sprecherkonstellation
5.2. Die Beschreibung des Kanarienvogels
5.3. Die Interaktion mit den menschlichen Subjekten
5.4. Die Verhaltensweisen des Kanarienvogels
5.4.1. Natürliche Verhaltensweisen
5.4.2. Anthropomorphisierungen
5.5. Die Funktion und Rolle des Kanarienvogels
6 Vergleich und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Kanarienvogels im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert anhand dreier exemplarischer Werke, um dessen Funktion als Symbol für zwischenmenschliche Interaktionen, Erotik und Dichtkunst zu analysieren.
- Kulturhistorische Einordnung der Bedeutung des Kanarienvogels als Zier-Haustier.
- Analyse der narrativen Funktion des Vogels in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers".
- Untersuchung der rhetorischen Gestaltung in Höltys "An Daphnens Kanarienvogel".
- Betrachtung des Rollengedichtes bei Langbeins "Der Kanarienvogel an seine Herrin".
- Vergleichende Zusammenführung der Ergebnisse bezüglich Identität und Symbolik.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Sprecherkonstellation
In der Szene des Briefes vom 12. September zeigen sich zwei menschliche Textsubjekte: Lotte und Werther, die im Dialog miteinander stehen (Vgl. LW 6 u.a.). Hinzu kommt ein Kanarienvogel, welcher Hauptgegenstand der Unterredung zwischen Werther und Lotte ist (Vgl. ebd 5). Die Unterredung wird aus Werthers Sicht geschildert und wird damit intern fokalisiert erzählt, so wie es im gesamten Briefroman geschieht (Vgl. u.a. 2). Dementsprechend werden die Gedanken Werthers geschildert, während Lottes Gedanken lediglich durch Werther wiedergegeben werden: „Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun [...] sie weiß, wie ich sie liebe!“ (Ebd. 24-29). Gleichermaßen verhält es sich mit den Handlungen Lottes in der Szene: Der Kanarienvogel, der zuerst an ihren und anschließend an Werthers Lippen pickt, würde laut letzterem dazu benutzt, ihn durch seine Einbildungskraft zu reizen (Vgl. ebd. 26). So ergibt sich eine Sprecherkonstellation, die einen Dialog zweier Textsubjekte durch den Filter der internen Fokalisierung wiedergibt: Die indirekte Rede Lottes und die damit verbundene internen Fokalisierung wirft eine einseitige Sicht auf die Szene, welche Lotte als Verführerin darstellt; das Instrument ihrer Verführung ist dabei der Kanarienvogel.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Funktion des Kanarienvogels in kanonisierten literarischen Werken und legt das methodische Vorgehen dar.
2 Ornithologische und kulturhistorische Betrachtung: Hier wird der historische Hintergrund des Kanarienvogels als Importgut und Statussymbol in der europäischen Gesellschaft beleuchtet.
3 Der Kanarienvogel in Goethes Die Leiden des jungen Werthers: Das Kapitel analysiert, wie Lotte das Tier gezielt als Instrument einsetzt, um Werther trotz seiner Verliebtheit zu reizen.
4 Der Kanarienvogel in Höltys An Daphnens Kanarienvogel: Die Analyse zeigt, wie das lyrische Ich sich in den Vogel projiziert, um eine unerreichbare Nähe zur Geliebten Daphne zu simulieren.
5 Der Kanarienvogel in Langbeins Der Kanarienvogel an seine Herrin: Das Gedicht wird als Rollengedicht untersucht, in dem das lyrische Ich als Vogel auftritt und eine fiktive Verbindung zum Dichter bzw. dessen Schaffen herstellt.
6 Vergleich und Zusammenfassung: Der abschließende Vergleich verdeutlicht, dass der Vogel in allen Werken als Symbol für unerfüllte Liebe und als Mittel zur Distanzverringerung dient.
Schlüsselwörter
Kanarienvogel, Literaturgeschichte, Johann Wolfgang Goethe, Ludwig Hölty, August Friedrich Langbein, Rollengedicht, Symbolik, Erotik, Interaktion, Anthropomorphisierung, Poetologie, Liebeslyrik, Sehnsucht, 18. Jahrhundert, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht die spezifische Darstellung und die erzählerische Funktion des Kanarienvogels in ausgewählten literarischen Werken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle des Kanarienvogels als vermittelndes Element zwischen Liebenden, die metaphorische Nutzung von Tieren in der Literatur sowie die Transformation menschlicher Gefühle auf das Tier.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Parallelen in der literarischen Verwendung des Kanarienvogels aufzuzeigen und zu klären, warum das Tier in diesen spezifischen Texten als Instrument für inszenierte Nähe oder Erotik auftritt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse angewandt, bei der die Texte auf Sprecherkonstellation, Beschreibung, Interaktionsmuster und Verhaltensweisen des Tieres systematisch untersucht und miteinander verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", Höltys "An Daphnens Kanarienvogel" und Langbeins "Der Kanarienvogel an seine Herrin", wobei jedes Werk einzeln nach identischen Fragen analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Symbolik, Rollenlyrik, anthropomorphe Zuschreibung, Erotik in der Literatur und poetologische Reflexion charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in "Werther" von der in Höltys Gedicht?
Während bei Goethe der Vogel als Instrument eines realen, flirtenden Liebesspiels eingesetzt wird, dient der Vogel bei Hölty primär als Projektionsfläche für das lyrische Ich, dessen Sehnsucht ohne echte Interaktion in der Fantasie bleibt.
Inwiefern spielt die Form des Rollengedichts bei Langbein eine Rolle?
Diese Form erlaubt dem Verfasser, das Tier als Dichter agieren zu lassen, wodurch die Trennung zwischen dem fiktiven Sprecher und der realen Verfasserinstanz innerhalb des Textes bewusst thematisiert wird.
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- Sarah Anna-Gisela Fremgen (Author), 2022, Die Darstellung des Kanarienvogels in der deutschsprachigen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1319239