Der Sustainable Livelihoods Ansatz als Konzept fuer eine nachhaltige geschlechtergerechte Entwicklung

Eine Analyse ausgewählter Strategiepapiere der deutschen Entwicklungszusammenarbeit


Diplomarbeit, 2007
150 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Aufbau der Arbeit und Gang der Untersuchung.

2. Zur Einführung: Überlebenssicherung, Umwelt und Geschlecht
2.1. Armut, Umwelt und Geschlecht
2.2. Gefährdung der Lebensgrundlagen durch industrielle Landwirtschaft
2.3. Gefährdung der Lebensgrundlagen durch neoliberale Globalisierung

3. Nachhaltige, geschlechtergerechte Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung
3.1. Armutsbekämpfung auf der entwicklungspolitischen Agenda
3.1.1. Grundlage der Armutsbekämpfung: Mehrdimensionale Armutsdefinition
3.1.2. Die Millenniums-Entwicklungsziele
3.1.3. Die PRSPs als Armutsbekämpfungsstrategie.
3.2. Nachhaltige Entwicklung auf der entwicklungspolitischen Agenda.
3.3. Gender und Nachhaltigkeit
3.4. Frauen- und Genderaspekte in der Entwicklungszusammenarbeit
3.5. Fazit

4. Der Sustainable Livelihood Ansatz
4.1. Entstehung des Sustainable Livelihood Ansatzes.
4.2. Der Sustainable Livelihood Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit
4.2.1. Das Sustainable-Livelihood-Framework.
4.2.2. Normative Prinzipien des Sustainable Livelihood Ansatzes
4.2.3. Operative Prinzipien des Sustainable Livelihood Ansatzes
4.3. Geschlechterverhältnisse und Fraueninteressen im Sustainable Livelihood Ansatz
4.3.1. Gender- und Frauenaspekte im Sustainable Livelihood Framework
4.3.2. Gender- und Frauenaspekte der normativen Sustainable Livelihood Prinzipien
4.3.3. Gender- und Frauenaspekte der operativen Sustainable Livelihood Prinzipien
4.3.4. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Analyse von Strategiepapieren der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
5.1. Auswahl der Dokumente und Methode
5.2. Die Analysekriterien
5.3. Analyse des BMZ-Dokuments „Der Beitrag Deutschlands zur Umsetzung der Millennium-Entwicklungsziele“.
5.3.1. Nicht oder wenig thematisierte sustainable-livelihood-relevante Kriterien
5.3.2. Sustainable-livelihood-relevante Kriterien mit mittlerer Ausprägung.
5.3.3. Sustainable-livelihood-relevante Kriterien mit starker Ausprägung
5.4. Analyse des BMZ-Dokuments „Ländliche Entwicklung. Ein Referenzrahmen“
5.4.1. Nicht oder wenig thematisierte sustainable-livelihood-relevante Kriterien
5.4.2. Sustainable-livelihood-relevante Kriterien mit mittlerer Ausprägung.
5.4.3. Sustainable-livelihood-relevante Kriterien mit starker Ausprägung
5.5. Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

6. Schlusswort: Chancen sustainable-livelihood-basierter Entwicklung für die deutsche Entwicklungspolitik

7. Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Das Sustainable Livelihood Framework des DFID

Tabellen

Tabelle 1: Gender- und Frauenaspekte im Sustainable Livelihood Ansatz

Tabelle 2: Sustainable-livelihood-relevante Analysekriterien

Tabelle 3: Sustainable-livelihood-relevante Zitate im Dokument ‚Der Beitrag Deutschlands zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele’

Tabelle 4: Sustainable-livelihood-relevante Zitate im Dokument ‚ Ländliche Entwicklung. Ein Referenzrahmen’

1. Einleitung

„People are the solution, not the problem“ (Haug 1999: 183).

Für die Mehrheit der Weltbevölkerung bilden Privatisierung staatlicher Leistungen, Liberalisierung der Märkte und fortschreitende Kommerzialisierung von Ressourcen (wie Land, Wasser, Biodiversität und Saatgut) den Rahmen, in dem sie ihr Leben gestalten (vgl. Wichterich 2004: I). Dabei wird das Überleben - insbesondere von Armen in den so genannten Entwicklungsländern1 - durch globalisierte Märkte, Umweltzerstörung und ungesicherte Ernährungslagen zunehmend erschwert (vgl. Grawert 1998: 67).

Weltweit leben schätzungsweise 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut, also von weniger als einem Dollar am Tag, und 2,8 Milliarden von weniger als zwei Dollar pro Tag (vgl. Weltbank 2005: 278). Vor allem Menschen in den Ländern des Südens und Ostens sind von Armut betroffen. Dabei schätzt die FAO für 2003, dass hier 842 Millionen Menschen chronisch unterernährt sind und täglich 100.000 an Hunger sterben (vgl. FAO, zit. n. Ziegler 2004: 19). Im entwicklungspolitischen Diskurs gerät dabei immer mehr in den Blick, dass Armut nicht geschlechtsneutral ist, sondern dass die Mehrheit der Betroffenen weiblich ist. Die wirtschaftliche, rechtliche und politische Kluft zwischen den Geschlechtern führt außerdem dazu, dass arme Frauen weniger Möglichkeiten haben sich aus Not und Rechtlosigkeit zu befreien als Männer in vergleichbarer Situation (vgl. Rodenberg 2004: 1).

Die Herausforderungen, vor denen die internationale Entwicklungspolitik2 steht, erscheinen größer als die vorhandenen Kapazitäten zur Problemlösung (vgl. Märke 1995: 9). Die internationale Gemeinschaft - unter der Federführung der Vereinten Nationen (UN) - steht unter Druck, Strategien zu entwickeln, welche die ökologischen Probleme, Armut und ungleiche Geschlechterverhältnisse lösen können. Dabei steht seit der Millenniumserklärung der UN (UN 2000) die weltweite Bekämpfung der Armut und seit der Weltumweltkonferenz (UNCED - United Nations Conference on Environment and Development) 1992 das Leitbild der ‚nachhaltigen Entwicklung’ im Vordergrund. Beide Strategien haben sich auch der Förderung der Geschlechtergerechtigkeit verpflichtet.

Mit der Millenniumserklärung haben alle Staaten der UN im Jahr 2000 beschlossen, ihren Beitrag zur Halbierung der weltweiten Armut bis zum Jahr 2015 und zur Erreichung weiterer sieben so genannter Millennium Development Goals (MDG) zu leisten. Auch wenn das Ziel Armutsbekämpfung in aktuellen entwicklungspolitischen Strategien dominiert und zum Querschnittsthema erklärt wurde, fehlt es vor allem am politischen Willen der Geberländer alle nötigen entwicklungspolitischen Maßnahmen zu ergreifen und auch in der internationalen Finanz- und Handelspolitik entsprechende Zeichen zu setzen. Nicht zuletzt deshalb kann das Erreichen der Ziele zunehmend infrage gestellt werden, zumal in den letzten sechs Jahren nur kleine Fortschritte erreicht wurden (vgl. Martens 2005: 7).3

Das zentrale Leitbild der ‚nachhaltigen Entwicklung’ betont die Gleichrangigkeit ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte für ein dauerhaftes Überleben von Mensch und Natur.4 Der damit verbundene Diskurs, der vielschichtig auf normativer und politischer Ebene geführt wird, enthält allerdings keinen Konsens, wie eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen sei.

In der entwicklungspolitischen Umsetzung ist festzustellen, dass von der Idee nicht abgewichen wird, Entwicklung sei durch ökonomisches Wachstum, wenn auch ökologisch und sozial verträglich, zu erreichen (dazu kritisch vgl. Rodenberg o.J.: 6).5 Die Orientierung des entwicklungspolitischen Mainstreams auf Wirtschaftswachstum, Modernisierung von Institutionen und Steigerung materiellen Wohlstands, scheint wenig geeignet die Ärmsten der Armen zu erreichen und die ökologische Krise zu überwinden (vgl. Dittrich o.J.: 1). Vielmehr ist es so, dass das Wachstumskonzept wirtschaftliche, soziale und ökologische Ungleichheit fördert (vgl. Rodenberg 2004: 6). Zusätzlich wird oft übersehen, dass viele arme Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten, als nachhaltig zu bewertende Lebenssicherungsstrategien haben und dass Entwicklungspolitik dazu beitragen sollte, die bestehenden Strategien zu sichern oder wieder möglich zu machen.

Von KritikerInnen wird das Wachstumsparadigma sogar als Grund der sozialen und ökologischen Probleme identifiziert: Im Rahmen eines wachstumsorientierten, kapitalistischen Wirtschaftsmodells ließe sich weder ökologische noch soziale Nachhaltigkeit sicherstellen (vgl. Görg/ Brand 2002a: 14ff., Nuscheler 2004: 401, Wichterich 2004). Die Begriffe ‚Nachhaltigkeit’ und ‚Entwicklung’ zielen auf gegensätzliche Interessen ab. ‚Nachhaltigkeit’ soll zum dauerhaften Bestand von Natur und Menschen führen, während ‚Entwicklung’ im Sinne von nachholender, wachstumsorientierter Entwicklung, weniger den Bestand von Natur und Mensch zum Ziel hat, als vielmehr die Ausbeutung und Schädigung natürlicher und sozialer Ressourcen im Rahmen der kapitalistischen Effizienzlogik. ‚Nachhaltige Entwicklung’ erhält so eine marktwirtschaftliche Bedeutung im Sinne einer dauerhaften Versorgung der Industrie mit Rohstoffen, die eine Schädigung von Natur und Mensch mit sich bringt und konträr zu Zielen der Nachhaltigkeit steht (vgl. Shiva 1990: 6f.).

Feministische Diskurse greifen die Problematisierung des mit Wachstum verbundenen Nachhaltigkeitsverständnisses auf. Eine zentrale Rolle spielt dabei das auf das Süd- Frauen-Netzwerk DAWN (Development Alternatives with Women for a New era) zurückgehende Empowerment-Konzept. Bereits 1985 wird es auf der Weltfrauenkonferenz in Nairobi von den Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen von DAWN in die feministische Diskussion um Frauen und Entwicklung eingebracht. Es zielt nicht nur auf Partizipation und Machtgewinn armer Frauen und Männer sowie der Länder des Südens insgesamt. Vielmehr sollen die Länder befähigt werden eine national eigenständige Entwicklung, die nicht auf Weltmarktintegration sondern auf Selbstversorgung aufbaut, anzustreben. Zentral ist, dass soziale Beziehungen, vor allem die Geschlechterverhältnisse, als veränderbare Machtstrukturen wahrgenommen werden. An deren Umgestaltung sollen Frauen, ihre Initiativen und Organisationen beteiligt und gestärkt werden. Dabei geht es auch um die Aufwertung der Arbeit und des Wissens von Frauen und um gleichen Zugang zu Produktionsmitteln und Ressourcen. Das Empowerment-Konzept wurde, zumindest rhetorisch, in entwicklungspolitische Strategien und Ziele aufgenommen. Allerdings wird es im entwicklungspolitischen Mainstream nicht im Sinne nötiger Umgestaltungen ungleicher Machtverhältnisse begriffen, sondern auf ökonomische Unterstützung oder politische Teilhabe von Frauen reduziert (vgl. Rodenberg/ Wichterich 1999: 16ff., dies. 1992: 56f.).

Dem feministischen Diskurs um Gender6 und Nachhaltigkeit7 ist es zu verdanken, dass feministische Forderungen in den UNCED-Prozess und in die ‚Agenda 21’, dem zentralen Beschlussdokument der Konferenz, einflossen: Als deutlich wurde, dass im Vorbereitungsprozess der UNCED Frauen- und Gender- aspekte nachhaltiger Entwicklung weitgehend ausgeblendet wurden, mischten sich Frauen aus dem Norden und Süden ein. Es ging ihnen zum einen darum zu zeigen, dass Frauen in Nord und Süd besonders von Umweltzerstörung betroffen sind und zum anderen, dass Frauen nicht nur Opfer, sondern auch starke Akteurinnen im Umwelt- und Ressourcenschutz sind. Eine zentrale Rolle übernahm dabei der Frauenkongress “Women’s World Congress for a Healthy Planet” 1991 in Miami, auf dem Frauenorganisationen der ganzen Welt eine gemeinsame feministische Position erarbeiteten, die sie auf der UNCED vertreten konnten. Die damit verbundenen Debatten in Miami waren durch eine „dominante Entwicklungsskepsis bis hin zu radikaler Entwicklungskritik“ geprägt (Wichterich 2002: 73). Das Konzept ‚nachhaltige Entwicklung’ wurde auf dem Kongress vor allem von Frauen aus dem Süden, insbesondere von DAWN infrage gestellt (vgl. ebd.). Als Gegenkonzept schlugen sie in ihrer „Women’s Action Agenda 21“8 den ganzheitlichen Sustainable Livelihood Ansatz (SLA) vor, der auf dem Empowerment-Konzept aufbaut. ‚Sustainable Livelihoods’ lässt sich am besten mit ‚nachhaltige Sicherung der Lebensverhältnisse’ (vgl. Grawert 1998: 68) oder ‚nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen’ (Wichterich 2004: 47) übersetzen.9 In der Definition von DAWN setzt er auf der lokalen Mikroebene bei der alltäglichen Überlebenssicherung in der unmittelbaren sozialen und natürlichen Umwelt an (vgl. DAWN, zit. n. Wichterich 2004: 47). Er orientiert sich nicht an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Länder und deren Regionen, sondern an den lokalen Kreislaufökonomien und nachhaltiger Selbstversorgungswirtschaft (ebd.: 32).

Im Rahmen vorliegender Arbeit möchte ich den SLA als alternatives Entwicklungskonzept, insbesondere für die Armutsbekämpfung, diskutieren und untersuchen, inwieweit Elemente des SLA in der deutschen Entwicklungspolitik und - zusammenarbeit10 angewendet werden und welchen Mehrwert er für selbige im Zusammenhang mit einer geschlechtergerechten, nachhaltigen Entwicklung entfalten kann. Zentrale Kategorien sind dabei Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. In diesem Zusammenhang ergeben sich die Fragen, inwieweit

1. der SLA einen besonderen Beitrag zu geschlechtergerechter, nachhaltiger Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit leisten kann,
2. die deutsche Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit den Grundprinzipien des SLA und dessen Nachhaltigkeitsverständnis Rechnung trägt und
3. welche Chancen sich für selbige aus der Umsetzung des SLA ergeben um einen nachhaltigeren Beitrag zu Armutsbekämpfung und Förderung der Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.

In Anbetracht der Tatsache, dass 80 % aller Armen in den ländlichen Gebieten der so genannten Entwicklungsländer leben, konzentrieren sich folgende Ausführungen vor allem auf ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung.

1.1. Aufbau der Arbeit und Gang der Untersuchung

Die Arbeit gliedert sich in Einleitung, vier Haupt- und ein Schlusskapitel. Im zweiten Kapitel wird zunächst die Situation armer Frauen und Männer in den südlichen Ländern, insbesondere in ländlichen Gebieten, skizziert. Dabei sollen vor allem die Lage armer Frauen in den Vordergrund gerückt und mögliche Armutsursachen identifiziert werden. Dazu wird vor allem auf Umweltzerstörung, neoliberale Globalisierung und Industrialisierung des Agrarsektors eingegangen.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels werden zentrale entwicklungspolitische Rahmenbedingungen für eine geschlechtergerechte nachhaltige Entwicklungspolitik und Armutsbekämpfung behandelt. In 3.1. werden die aktuellen internationalen Bemühungen um Armutsbekämpfung dargestellt und die mehrdimensionale Definition von Armut erläutert, die auch dieser Arbeit zugrunde liegt. In 3.2. wird auf das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, seine Implikationen für die Entwicklungspolitik und den kritischen Diskurs um Ziele und Zielerreichung des Leitbildes eingegangen. Anschließend wird der Diskurs um ‚Gender und Nachhaltigkeit’ thematisiert. Im abschließenden Unterkapitel werden die entwicklungspolitischen Konzepte zur Integration von Frauen, den Geschlechterverhältnissen und Umweltfragen in den Entwicklungsprozess thematisiert. Am Ende des Kapitels werden Kriterien erarbeitet, welche die zentralen Kritikpunkte der Ausführungen reflektieren und geeignet sind, den und zum anderen um die operative Ebene von Entwicklungspolitik geht, werden beide Begriffe verwendet. Soll die operative Ebene betont werden, wird von ‚EZ’ die Rede sein.

SLA auf seine Eignung als Ansatz für eine geschlechtergerechte nachhaltige Entwicklung zu prüfen. Im vierten Kapitel wird der SLA ausführlich vorgestellt. Dabei werden zunächst die operativen und normativen Kernprinzipien des Ansatzes herausgearbeitet und das SLA- Framework vorgestellt. Darauf folgend steht die Diskussion der 1. Forschungsfrage im Mittelpunkt. Hier untersuche ich, inwieweit der SLA dazu geeignet ist, die Geschlechterverhältnisse und die Gleichstellung von Frauen in Entwicklungsprozessen zu thematisieren und zu beeinflussen. Für die Analyse werden die in Kapitel 3 erarbeiteten Kriterien angewendet.

In Kapitel 5. wird die 2. Forschungsfrage untersucht. Dafür untersuche ich die Relevanz des SLA für die deutsche Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit anhand zweier Grundsatzpapiere. Im ersten Unterkapitel wird die Auswahl der Dokumente begründet und das methodische Vorgehen erklärt. In 5.2. werden Kriterien entwickelt, anhand derer die Entwicklungspolitik des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) untersucht werden kann. Die folgenden beiden Kapitel dienen der empirischen Analyse der Dokumente. Abschließend wird eine kritische Zusammenfassung vorgenommen um aus den erarbeiteten empirischen Ergebnissen Schlüsse auf die deutsche Entwicklungspolitik zu ziehen.

Im Schlusskapitel folgt eine kurze Zusammenfassung der relevanten Ergebnisse. Im Vordergrund steht jedoch die 3. Forschungsfrage nach den Chancen des SLA für die deutsche Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit.

2. Zur Einführung: Überlebenssicherung, Umwelt und Geschlecht

Im Rahmen des SLA steht die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen in den Ländern des Südens im Mittelpunkt. Deshalb ist es sinnvoll, die sozialen, ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu betrachten, in denen sie ihr Überleben gestalten, bzw. die selbiges gefährden.

2.1. Armut, Umwelt und Geschlecht

Für Frauen und Männer in den ländlichen Gebieten des Südens sind Land, Wasser, Biodiversität, Energie und Bildung Schlüsselressourcen ihrer Lebensführung, von deren Verfügbarkeit und vor allem Schonung sie unmittelbar abhängen. Der Zugang zu diesen Ressourcen - und damit das Überleben - ist für Arme allerdings zunehmend gefährdet (vgl. Wichterich 2004: 33).11 Mögliche Ursachen liegen in der wachsenden ökologischen Krise und der neoliberalen Globalisierung. Es wird davon ausgegangen, dass überwiegend Frauen von Armut betroffen sind.12 Sie sind beim Zugang zu den oben genannten Ressourcen besonders benachteiligt, so dass sie eine größere Verwundbarkeit gegenüber Krisen aufweisen. Sie können weniger soziale und ökonomische Dienstleistungen in Anspruch nehmen und haben geringere soziale sowie politische Mitspracherechte haben als Männer in vergleichbaren Situationen (vgl. Rodenberg 2004: 1).

Im Rahmen einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung tragen Frauen zudem oft die Hauptverantwortung für die Bereiche der Reproduktions- und Subsistenzarbeit13, welche - im Vergleich zu Einkommen schaffenden oder politischen Tätigkeiten von Männern - häufig abgewertet werden. Dabei sind Frauen maßgeblich an der Überlebenssicherung ihrer Familien beteiligt. Sie sind die Hauptproduzentinnen in der Subsistenzlandwirtschaft (vgl. Davidson/ Dankelmann 1990: 18) und erarbeiten weltweit etwa die Hälfte der Grundnahrungsmittel. In Subsahara-Afrika sind es sogar 90 %, in Asien 60 % und in Lateinamerika 40 %. Sie verrichten einen größeren Teil der Hausarbeit und der Kindererziehung als Männer, übernehmen handwerkliche Tätigkeiten wie Spinnen, Weben oder Mattenflechten und sind meist für Transporte und Suche von Brennholz und Wasser zuständig (vgl. Nuscheler 2004: 173). Außerdem üben sie oft auch Einkommen schaffende Tätigkeiten aus und tendieren dazu, einen größeren Teil ihres Einkommens zum Unterhalt der Familie zu verwenden als Männer (vgl. Davidson/ Dankelmann 1990: 19f.).

Die ökologische Krise durch Klimawandel, Verlust der Ressourcen wie fruchtbaren Boden, Wasser und Wäldern führt zu zusätzlichen Arbeitsbelastungen. Immer weitere Wege müssen für die Wasser- und Brennholzsuche zurückgelegt werden und die landwirtschaftliche Produktion wird aufwendiger. Birte Rodenberg spricht in diesem Zusammenhang von ‚Zeitarmut’, die arme Frauen überproportional trifft (vgl. Rodenberg 2004: 60). So arbeiten sie täglich bis zu drei Stunden länger als Männer. Bei Frauen in den ‚Entwicklungsländern’ werden daher oft chronische Erschöpfungszustände festgestellt (vgl. WHO14, zit. n. Nuscheler 2004: 173). Zusätzlich haben sie weniger Zeit für Bildung sowie für soziale und politische Aktivitäten.

Trotz des Übermaßes an Arbeit in Haushalt, Familie und Landwirtschaft verfügen Frauen selten über eigenes Land. Nach Ziegler (2004: 21) sind nur 5,1 % der LandeigentümerInnen weltweit Frauen. Beispielsweise arbeiten in Kenia 98 % der Frauen Vollzeit in der Landwirtschaft doch nur 5 % von ihnen besitzen auch das Land, auf dem sie arbeiten.

Weil sie für die Ernährung ihrer Familien zuständig sind und auch sonst viele naturnahe Tätigkeiten übernehmen, verfügen Frauen oft über viel Wissen im Umgang mit nachhaltiger, diversifizierter Subsistenzlandwirtschaft und/oder nachhaltiger Nutzung der Wälder. Daher wird ihnen eine besondere „Handlungskompetenz und innovative Kraft“ (Schäfer 2002: II) im Schutz der Ressourcen zugeschrieben. Während für Frauen eher langfristige Ernährungssicherheit handlungsleitend ist, ist es bei Männern eher der schnelle monetäre Gewinn, für den auch Risiken und ökologische Schäden in Kauf genommen werden. So sind Männer beispielsweise eher geneigt technische Risiken zu verharmlosen und lassen sich schneller zum Anbau von Cashcrops bewegen - um den Preis hoher Bodenausbeutung und der Notwendigkeit Dünger und Pestizide anzuwenden (vgl. Wichterich 2004: 34). Doch viele Frauen sind „aus Verarmungsdruck“ (ebd.: 35) gezwungen, mehr Holz zu schlagen als nachwachsen kann oder Böden zu übernutzen. Der häufig gemachte Vorwurf, sie seien durch ihr nicht nachhaltiges Verhalten maßgeblich an der Umweltzerstörung im Süden beteiligt ist jedoch nicht haltbar (vgl. Wichterich 2004: 34, Davidson/ Dankelmann 1990: 35ff.): Das Gros der Umweltzerstörung in den ländlichen Gebieten der so genannten Entwicklungsländer ist auf die industrielle (Export)Landwirtschaft zurückzuführen.

2.2. Gefährdung der Lebensgrundlagen durch industrielle Landwirtschaft

Die weltweite Umweltkrise besteht aus komplexen lokalen und globalen, zu großen Teilen anthropogen bedingten Umweltveränderungen. Dazu zählen die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden sowie eine übermäßige Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Die Länder des Südens sind besonders betroffen: Etwa 90 % des Artensterbens, der Bodenerosion, der Verknappung der Wasserressourcen und der Waldvernichtung ereignen sich hier und bedrohen die Ernährungssicherheit von Millionen, überwiegend armer Menschen (vgl. Nuscheler 2004: 385).

Wichtiger Grund für den Verlust der natürlichen Ressourcen ist - neben industrieller Fischerei und Holzindustrie - unangepasste industrielle Landwirtschaft. Mehr als drei Viertel der Bodendegradation geht auf sie zurück, sie verbraucht weltweit ca. 70 % aller Süßwasserressourcen und der Verlust der Artenvielfalt ist in hohem Maße der landwirtschaftlichen Ausbeutung und Verschmutzung der Gewässer, Böden und Wälder zuzuschreiben (vgl. Stephan 1999: 298ff.).

Mit zunehmender Export-Agrarindustrie setzten Bäuerinnen und Bauern mehr und mehr auf Monokulturen und (gen-)manipuliertes Saatgut, die den natürlichen Kreislauf der Ökosysteme zerstören: Der Boden und die Pflanzen werden anfällig für Krankheiten und Schädlinge, müssen aufwendig gedüngt und mit Pestiziden versorgt werden. Durch aufwendige Bewässerung versalzt der Boden und die Chemikalien vergiften das schwindende Grundwasser. Nach einiger Zeit intensiver Ausbeutung sind die vergifteten, versalzenen oder erodierten Böden nicht mehr für die Landwirtschaft nutzbar. Traditionelles, ökologisch optimal angepasstes Saatgut und traditionelle, nachhaltige Anbauweisen wurden und werden mit zunehmender Industrialisierung im Agrarbereich verdrängt.

Durch agroindustrielle Tierhaltung versteppen Weiden, die durch Rodung großer Teile der Ur- und Regenwälder neu “gewonnen“ werden müssen (vgl. UNEP, zit. n. Nuscheler 2004: 385). Auch durch die Holzindustrie gehen in hohem Maße die Regenwaldbestände und damit Lebensraum für Mensch und Tier verloren.

Auf Selbstversorgung ausgerichtete lokale Landwirtschaft hingegen kann nur eine dauerhafte Lebensgrundlage bieten, wenn die natürlichen Ressourcen schonend und erhaltend bearbeitet werden. Dementsprechend findet die traditionelle, oft von Frauen übernommene Subsistenzlandwirtschaft meist im Einklang mit den bestehenden Ökosystemen statt und baut auf ihrem Erhalt auf (vgl. Davidson/ Dankelmann 1990: 35ff.).

Umweltbewegungen des Südens haben deutlich gemacht, dass der Zugang zu Ressourcen und die Betroffenheit von Umweltrisiken und -schäden weder zwischen den Geschlechtern, noch zwischen sozialen Klassen gleich verteilt sind, sondern dass es besonders marginalisierte Gruppen wie Frauen, Arme oder Indigene, sind, deren Lebensgrundlagen zerstört werden (vgl. Wichterich 2004: 13). Dabei verschärfen die neoliberal globalisierten Märkte und die Umweltkrise die gefährdete Existenz ländlicher Gemeinschaften (vgl. ebd.: 35):

2.3. Gefährdung der Lebensgrundlagen durch neoliberale Globalisierung

Hochsubventionierte Agrarimporte aus der EU, den USA und Japan15 machen die kleinbäuerliche Produktion für die Binnenmärkte unrentabel und zwingen die Bäuerinnen und Bauern, die lokalen Land- und Biodiversitätsressourcen für die Exportmärkte zu nutzen. Auch die Weltbank drängt zu Exportsteigerungen. Gleichzeitig schützen die westlichen Staaten ihre Agrarmärkte durch hohe Agrarzölle, während die Welthandelsorganisation (WTO - World Trade Organisation) auf die Öffnung der Märkte der südlichen Länder - auch im Agrarbereich - drängt (vgl. Hochuli 2004: 31). Darüber hinaus werden Kleinbäuerinnen und -bauern durch zunehmende Konzentration von Land in den Händen der Agrarindustrie in marginalisierte Gebiete verdrängt: Sie müssen in Gegenden mit schlechter Bodenqualität, schwankendem Klima und Regen, in unwägbarem Gelände, in Regionen mit starkem Schädlingsbefall und schlechter Infrastruktur wirtschaften, um ihr Überleben zu sichern (vgl. FIAN 2005: 7f.). Dahinter steht die, im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme (SAP) des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank forcierte, Privatisierung von Gemeinschaftsland und -wäldern, die vor allem für Landlose die Lebensgrundlage sind oder waren.

Die SAP entstanden im Rahmen der Kreditvergabepolitik in den 1980er und 1990er Jahren. Um die Rückzahlung der Schulden gewährleisten zu können, forderten IWF und Weltbank die südlichen Schuldnerländer zu gravierenden Kürzungen der Staatshaushalte, zu Privatisierungen öffentlicher Güter und zu Deregulierungen der Handels- und Arbeitsmärkte auf. Diese Maßnahmen führten zwar teilweise zu makroökonomischen Erfolgen, verschärften jedoch die Ungleichverteilung von Einkommen und Besitz, wodurch Arme, insbesondere Frauen,16 benachteiligt wurden (vgl. Wichterich 1998: 169ff.).

Die Privatisierungen und die Zerstörung der landwirtschaftlichen und natürlichen Ökosysteme durch exportorientierte Agrarindustrie entziehen den Armen die Lebensgrundlagen: Das Land, die Wälder und Gewässer stehen ihnen weder für die Subsistenzproduktion, noch für den Einkommenserwerb aus Exportlandwirtschaft zur Verfügung. Christa Wichterich nennt diesen Prozess zugespitzt „weltmarkt-vermittelte Landnahme“, denn der Norden gewinnt Land für seine Versorgung durch oben genannte Prozesse, während der Süden Land verliert (Wichterich 2004: 37). Die kleinbäuerliche, auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft wird marginalisiert und „entwertet gleichzeitig die ‚weibliche’ Agrarwirtschaft und die Kleinbäuerinnen, die in den lokalen Gemeinschaften […] als Ernährungssicherinnen eine hohe Wertschätzung genossen“ (ebd.: 36).

Vor diesem Hintergrund ist vorauszusehen, dass die nicht konkurrenzfähigen Kleinbauernfamilien des Südens in den nächsten Jahrzehnten mehr denn je um ihr Überleben kämpfen müssen und dabei oft verlieren werden. „Was aber wird aus diesen Milliarden von Menschen, die zu den Ärmsten der Armen gehören, die sich bis anhin wenigstens selbst ernähren konnten?“ (Amin 2004: 25). Einseitig auf Wachstum setzende Entwicklungskonzepte sind keine Antwort. Zum einen kann der weitere ökologische Raubbau an den Ressourcen dieser Erde nicht im gleichen Maße fortgesetzt werden. Zum anderen könnte nach Amin selbst bei einem kontinuierlichen 7 %- Wirtschaftswachstum noch nicht einmal ein Drittel der ländlichen Bevölkerung des Südens beschäftigt und ernährt werden. Es gelte vielmehr das Menschenrecht auf Ernährung auf sozial-ökologische Weise sicher zustellen und dabei nicht auf freie Märkte und neoliberale Entwicklungskonzepte zu vertrauen.

Im folgenden Kapitel werden die entwicklungspolitischen Strategien der internationalen Gemeinschaft, welche die drängenden Probleme um Armut, Umweltzerstörung und Frauendiskriminierung lösen sollen, im Mittelpunkt stehen. Zentrale Frage hierbei ist, ob sie geeignet sind, die oben beschriebenen Problemlagen zu bewältigen.

3. achhaltige, geschlechtergerechte Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung

In vorliegender Arbeit soll diskutiert werden, welchen Beitrag der SLA und die deutsche Entwicklungspolitik für eine geschlechtergerechte nachhaltige Armutsbekämpfung leisten. Deshalb sollen im Folgenden die theoretischen, politischen und praktischen Hintergründe zu Armutsbekämpfung, Nachhaltigkeit und Gender dargelegt werden. Die hier gewonnenen Erkenntnisse werden zum einen in die Diskussion des SLA und zum anderen in die Analyse der Grundsatzpapiere der deutschen Entwicklungspolitik einfließen. Hierbei steht in den ersten beiden Unterkapiteln die internationale Politik um Armutsbekämpfung und ‚nachhaltige Entwicklung’ im Vordergrund, da diese die Gestaltung der deutschen Entwicklungspolitik maßgeblich beeinflussen. In 3.3. und 3.4. werden die Grundlagen des Diskurses um Nachhaltigkeit und Gender sowie die entwicklungspolitischen Strategien zu Frauen und Gender thematisiert. Dies wird Grundlage für die in 3.5. vorgenommene Herleitung von Kriterien, anhand derer der SLA auf seine Genderrelevanz geprüft werden kann, dienen.

3.1. Armutsbekämpfung auf der entwicklungspolitischen Agenda

Im Bereich der Armutsforschung und -bekämpfung gab es in den letzten 15 Jahren einige zentrale Wandlungen. Zum einen entwickelte sich in den 1990er Jahren ein umfassenderer und ganzheitlicher Begriff von Armut. Zum anderen verpflichteten sich die UN mit ihrer Milleniumserklärung im Jahr 2000 (vgl. UN 2000) zur gemeinsamen Armutsbekämpfung. Die darin beschlossenen MDG und Kritik an selbigen werden im zweiten Unterkapitel dargestellt. Außerdem werden die so genannten Poverty Reduction Strategy Papers (PRSP)17 als Strategien der armutsorientierten Entschuldungsinitiative von IWF und Weltbank vorgestellt. Dabei soll erörtert werden, ob sich diese Entschuldungsmaßnahmen, wie proklamiert, wesentlich von der neoliberalen Ausrichtung der SAP der 1980er und 1990er Jahre unterscheiden und auf Armutsbekämpfung ausgerichtet sind.

3.1.1. Grundlage der Armutsbekämpfung: Mehrdimensionale Armutsdefinition

Armutsforschung und Geberorganisationen entwickelten - als Gegenkonzept zur eindimensionalen, auf Einkommen basierenden Armutsdefinition der Weltbank - ein mehrdimensionales Verständnis, nach dem Armut von Klassen- oder Gruppenzugehörigkeit, Geschlecht und Regionen abhängig ist. Für das BMZ ist Armut auch durch geringe Chancen und mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten am politischen und wirtschaftlichen Leben, besondere Gefährdung durch Risiken, Missachtung der Menschenwürde und Menschenrechte sowie fehlenden Zugang zu Ressourcen gekennzeichnet (vgl. BMZ 2001a: 1). Gender wird in dieser mehrdimensionalen Sichtweise als Querschnittsaufgabe integriert (vgl. Rodenberg 2003a: I).

Die DAC-Guidelines18 beschreiben Armut als „Unfähigkeit, ein Leben zu führen, das den wirtschaftlichen, sozialen und sonstigen Maßstäben für menschliches Wohlergehen entspricht“ (DAC, zit. n. Nuscheler 2004: 149f.). Zentrale Dimensionen der Fokussierung auf ‚menschliches Wohlergehen’ sind wirtschaftliche, menschliche, politische, soziokulturelle und Selbstschutz-Fähigkeiten sowie Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern. Strategien zur Armutsbekämpfung sollen alle diese verschiedenen Dimensionen berücksichtigen. Sie sind dabei nicht als unabhängig voneinander zu verstehen, sondern beeinflussen oder verstärken sich gegenseitig (vgl. ebd.: 150f.).

Im Rahmen dieser Arbeit ist die Änderung der Perspektive der internationalen Entwicklungspolitik in der Armutsbetrachtung zentral, da daraus Chancen für ganzheitliche Entwicklungsansätze wie dem SLA erwachsen:

1. Die mehrdimensionale Armutsdefinition überwindet die auf finanzielle Mittel beschränkte Definition absoluter Armut, die Subsistenzwirtschaft und Tauschwirtschaft aus ihrer Betrachtung ausschließt und so nicht fähig ist, Armut richtig abzubilden.19 Das eröffnet die Möglichkeit, dass unentgeltliche, oft von Frauen geleistete Subsistenz- und Reproduktionsarbeit gleichwertig in Armutsbekämpfungsmaßnahmen einbezogen werden und ihr maßgeblicher Beitrag zur Erhaltung lokaler Lebensverhältnisse im Entwicklungsprozess thematisiert werden kann.
2. Eine mehrdimensionale Perspektive eröffnet die Möglichkeit, geschlechtsspezifische Differenzen im Zugang zu Ressourcen, politischen Rechten und sozialen Handlungsspielräumen oder die besondere Verletzbarkeit von armen Frauen durch Krisen in die Armutsdebatte und armutsorientierten Maßnahmen einzubeziehen. So können ihre Lebensrealitäten thematisiert werden, ohne sich auf statistische Zahlen beziehen zu müssen, die selten geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt werden. Auch nicht-ökonomische Disparitäten wie Zeitarmut und zunehmende Gewalt gegen Frauen müssen dann als Armutsphänomene anerkannt werden (vgl. Rodenberg 2003a: V).
3. Wenn Armut mehrdimensional wahrgenommen wird, reichen eindimensionale, auf Geldeinkommen bezogene Entwicklungsansätze zur Armutsbekämpfung nicht mehr aus (vgl. Chambers/ Carney 1991: 2). Vielmehr müssen entwicklungspolitische Maßnahmen sehr viel komplexer angelegt sein. In diesem Zusammenhang werden mehrdimensionale Ansätze zur Erfassung und Bekämpfung von Armut benötigt, die zudem in der Lage sind, den Armen die Definitionsmacht über ihre Bedürfnisse zu geben. Darin ist die Chance und Stärke des SLA zu sehen, da er die Menschen, ihre Ziele und ihre komplexen lokalen Strategien der Lebensabsicherung ins Zentrum stellt (vgl. DFID o.J.: 1.3.)20.

3.1.2. Die Millenniums-Entwicklungsziele

Die UN und somit auch die Bundesrepublik Deutschland haben sich auf dem Jahrtausendgipfel 2000 in New York das Ziel gesteckt, weltweit absolute Armut und Hunger bis 2015 weltweit zu halbieren (MDG 1) und weitere sieben MillenniumsEntwicklungsziele zu erreichen:

- MDG 2: Primarschulbildung für alle;
- MDG 3: Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frau;
- MDG 4: Senkung der Kindersterblichkeit;
- MDG 5: Verbesserung der Gesundheit von Müttern;
- MDG 6: Bekämpfung von HIV/ AIDS, Malaria und anderen Krankheiten;
- MDG 7: Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit;
- MDG 8: Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft.

Zu den acht Hauptzielen gibt es 18 Unterziele und 48 Indikatoren (vgl. BMZ 2005: 12f.).

Die MDG und insbesondere die weltweite Halbierung der Armut sind zum „neuen ‚Mantra’ der internationalen Entwicklungspolitik“ (Martens 2005a: 44) avanciert. Von der Weltbank und anderen bi- und multilateralen Gebern (vgl. Cahn o.J.: 1) wie dem BMZ wird Armutsbekämpfung seitdem als „überwölbende Aufgabe“ (BMZ 2001b: 7) aller entwicklungspolitischen Maßnahmen verstanden, wobei den MDG die mehrdimensionale Definition von Armut zugrunde liegt.

Doch trotz aller Dynamik, welche die MDG in die entwicklungspolitischen Diskussion gebracht hat, wird ihnen auch Kritik entgegen gebracht:

In einem Bericht über die Fortschritte der MDG stellt das UN-Millenniums-Projekt unter der Leitung von Jeffrey Sachs (2005: 47f.) fest, dass die Hilfe des Nordens quantitativ und qualitativ unzureichend und zu wenig auf Armutsbekämpfung ausgerichtet sei, um die MDG in den nächsten zehn Jahren zu erreichen. Die Entwicklungszusammenarbeit der Geberländer ist dazu oft an Lieferbindungen21 geknüpft und dient somit eher ihren Interessen. Zudem muss auch die gesamte NordSüd-Politik, also auch die Handels- und Finanzpolitik auf die MDG ausgerichtet werden, was in unzureichendem Maße erfolgt (vgl. Sachs 2005: 5).

Eberlei (2003: 57) ergänzt, es fehle zur Verwirklichung der Ziele

- an den weltwirtschaftlichen Voraussetzungen,
- am Willen der internationalen Geber die nötigen 40-60 Milliarden US$ (Berechnungen der Weltbank, zit. n. Eberlei 2003: 57) aufzubringen und
- an der Bereitschaft der politischen Eliten des Südens, innergesellschaftliche Verteilungsgerechtigkeit herzustellen.

Darüber hinaus bleibt die Verantwortung des Nordens vage formuliert. Außerdem birgt die Konzentration entwicklungspolitischer Anstrengungen auf die MDG die Gefahr der Abkehr von umfassenderen Entwicklungsansätzen, vor allem Konzepten zu einer ökologisch tragfähigen und sozial gerechten Entwicklung (vgl. Martens 2005b: 5). Auch aus feministischer Sicht gibt es Kritikpunkte (vgl. Rodenberg 2004: 65): Zwar ist positiv zu sehen, dass Gender Querschnittsthema der MDG und Geschlechtergleichstellung eigenständiges Entwicklungsziel (MDG 3) ist. Allerdings sind weder überprüfbare Zeitziele noch zu erreichende Quoten vereinbart worden. Rodenberg kritisiert außerdem, dass „Empowerment-Indikatoren fehlen, die auf die extrem benachteiligte wirtschaftliche Verfügungsmacht von Frauen verweisen, wie z.B. Landbesitz“ (ebd.). Zudem wird Gender zwar als Querschnittsthema deklariert, wird allerdings bei Schlüsselzielen, wie dem MDG 7 zur Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit oder dem MDG 8 zur Kohärenz internationaler Entwicklungspolitik und Schaffung eines nicht-diskriminierenden Handels- und Finanzsystems, nicht mitgedacht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Menschenrechte kein Referenzrahmen für die MDG sind. So fallen sie hinter die mühsam erkämpften frauenpolitischen internationalen Vereinbarungen wie der ‚Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women’ (CEDAW)22 zurück. Dabei sieht Rodenberg sogar die Gefahr, dass diese durch die „karitativ ausgerichteten MDG von der politischen Agenda verdrängt und damit in ihrer Bindungskraft geschwächt“ (Rodenberg 2004:: 65) wird.

Trotz dieser Kritik muss beachtet werden, dass die MDG die Notwendigkeit der Armutsbekämpfung auf die Tagesordnung der internationalen Entwicklungspolitik bringen: „Keine entwicklungspolitische Erklärung kommt […] ohne einen Verweis auf die Millenniumsziele aus“ (Martens 2005b: 4). Viele Regierungen haben Aktionsprogramme verabschiedet, die den nationalen Beitrag zur Erreichung der Ziele definieren. So auch die BRD, deren Bundeskabinett 2001 das „Aktionsprogramm 2015“ (BMZ 2001a) verabschiedete. Sogar die neoliberalen Institutionen IWF, Weltbank und WTO beziehen sich auf die MDG. Das Umschwenken von IWF und Weltbank von den neoliberalen SAP auf Armutsbekämpfung als Bedingung für Entschuldung oder Kreditvergabe ist allerdings überraschend. Doch Nuscheler bezweifelt, dass „der auf das neoliberale Glaubensbekenntnis eingeschworene Apparat des IWF nun plötzlich seinem Credo abschwor“ (vgl. Nuscheler 2004: 590). Dennoch kann man die aktuellen Bemühungen um Armutsbekämpfung beispielsweise im Rahmen der Entschuldungsinitiative HIPC II23 von IWF und Weltbank als wichtige Maßnahme im Rahmen der internationalen Armutsbekämpfung, zumindest als Absichtserklärung in die richtige Richtung betrachten.

3.1.3. Die PRSPs als Armutsbekämpfungsstrategie

Zentrales Instrument im Rahmen der HIPC II- Initiative ist die Erarbeitung von nationalen Armutsbekämpfungsstrategien, den PRSPs. Sie sollen makroökonomische Strukturreformen an Maßnahmen der Armutsbekämpfung koppeln und so sicherstellen, dass die aus der Entschuldung frei werdenden Mittel auch der Armutsbevölkerung zugute kommen. Dabei sollen die Strategien in einem partizipativen Prozess, d.h. unter breiter Einbeziehung der Zivilgesellschaft, erarbeitet werden. Dabei wird von der mehrdimensionalen Definition von Armut ausgegangen. Fragen sozialer Ungleichheit, wie die zwischen den Geschlechtern, sollen Querschnittsthema sein. Die internationale Gebergemeinschaft ist beratend an der Erarbeitung der Papiere beteiligt, wobei immer die nationale Eigenständigkeit (ownership) aller Strategien gewahrt sein sollte (vgl. Rodenberg 2003a: I).

Rodenberg (2004, 2003a und 2003b) stellt in Studien über erarbeitete PRSPs fest, dass die Genderfrage im internationalen PRSP-Prozess thematisiert wird und zumindest Anstrengungen unternommen werden, Frauenorganisationen und -netzwerke zu beteiligen (vgl. dies. 2004: 64). Allerdings weist die aktuelle Umsetzung der PRSPs auch Mängel im Bezug auf die Genderrelevanz der erarbeiteten Prioritäten auf. In den analysierten PRSPs von Ghana und Kenia fehlt es an einem Fokus auf politisches Empowerment von Frauen als eigenständigem Entwicklungsziel. Fraueninteressen sind eher in klassischen Sektoren wie Gesundheit und Bildung berücksichtigt worden. Dies liegt zum einen an einer mangelnden Partizipation von Frauenorganisationen (vgl. dies. 2003b: 2). Zum anderen wird in den vorliegenden Strategiepapieren deutlich, dass eine marktorientierte makroökonomische Politik dominiert, die anstelle von Umverteilung auf den ‚trickle-down-Effekt’ wirtschaftlichen Wachstums setzt. Dadurch bleiben Lebensrealitäten und geschlechtsspezifische Interessen armer Frauen wieder unberücksichtig. Denn wie bei den, von feministischer Seite stark kritisierten SAP der 1980er und 1990er Jahre sollen Wachstums- und Stabilisierungspolitik durch Reduktion öffentlicher Ausgaben und Privatisierung öffentlicher Leistungen erreicht werden. Dadurch entstehen häufig Nutzungsgebühren für ehemals öffentliche Ressourcen und Dienstleistungen. Oft übernehmen Frauen diese Leistungen dann innerfamiliär oder ehrenamtlich selbst. Solche Maßnahmen führen somit zu finanziellen Mehrbelastungen oder höherem Arbeitsaufwand armer Frauen. Des Weiteren wird in den analysierten Papieren ein Fokus auf Beschäftigungsförderung gelegt. Dies soll überwiegend durch internationale Handelsliberalisierung und Exportorientierung geschehen (vgl. dies. 2003a: 63).

Nuscheler behält also mit seiner Skepsis Recht: Die Entschuldungsmaßnahmen der HIPC II-Initiative orientieren sich - ähnlich wie die SAP - an neoliberalen Privatisierungs- und Liberalisierungskonzepten.

Die Kritik an den MDG und PRSPs macht deutlich, dass ein Umdenken in der Entwicklungspolitik stattfinden muss, um die MDG zu erreichen, aber auch um eine einseitige Fokussierung auf Wirtschaftswachstum zu vermeiden und die Menschenrechte sowie ganzheitliche, sozial-ökologische Entwicklungsansätze nicht aus den Augen zu verlieren.

3.2. achhaltige Entwicklung auf der entwicklungspolitischen Agenda

Das Leitbild der ‚Nachhaltigen Entwicklung’ geht auf den 1987 erschienenen Bericht „Our Common Future“ der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (WCED)24 zurück. Er stellte eine Entwicklung, die eindimensional auf ökonomisches Wachstum ausgelegt ist infrage und forderte eine neue, soziale und ökologische Art von Wachstum. Nachhaltige oder hier dauerhafte Entwicklung wird folgendermaßen definiert:25

„Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir die Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung diese Entwicklung dauerhaft zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Umweltvernichtung in der Dritten Welt“ (Hauff 1987: 5).

Auf der UNCED im Jahr 1992 wurde versucht, die Themen Umwelt und Entwicklung zusammen zu denken und die ökologische Problematik erreichte durch sie endlich die internationale Ebene (vgl. Görg/ Brand 2002 b: 7). 178 Staaten, unter anderen Deutschland, unterzeichneten die völkerrechtlich nicht verbindliche ‚Agenda 21’ und weitere internationale Vereinbarungen zu Klima- und Ressourcenschutz sowie Finanzierungszusagen an Entwicklungsländer für Entwicklungs- und Umweltprogramme (vgl. Vinz 2005: 5). Diese Länder haben sich verpflichtet, den Prozess einer nachhaltigen Entwicklung durchzuführen und bis 2005 nationale Nachhaltigkeitsstrategien zu erarbeiten.

‚Nachhaltige Entwicklung’ hat seit der UNCED einen großen Stellenwert für die Deutsche Entwicklungspolitik erhalten. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), eine der wichtigsten Durchführungsorganisationen der deutschen Entwicklungspolitik,26 nennt sich selbst „Bundesunternehmen der Internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung“ (GTZ 2005: 1, Herv. d. Verf.).

Sie definiert:

„Nachhaltige Entwicklung heißt für uns:

- erfolgreich wirtschaften, um mehr Wohlstand zu ermöglichen,
- Chancen gerecht verteilen; zwischen arm und reich, Nord und Süd, Mann und Frau,
- die natürlichen Ressourcen zum Wohl der Menschen heute so nutzen, dass sie

auch künftigen Generationen erhalten bleiben“ (ebd.).

Wohlstand wird nach dieser Sicht hauptsächlich durch erfolgreiches Wirtschaften erreicht. Genauso wenig wie der Brundtlandbericht oder die ‚Agenda 21’ stellt die deutsche Entwicklungspolitik das Modell ‚Entwicklung durch Wirtschaftswachstum’ infrage (vgl. Märke 1995: 52, Rodenberg 2004: 9).

Das wird auch auf der internationalen Ebene deutlich:

Die westlichen Industrieländer entkoppeln entgegen der Verpflichtungen aus der ‚Agenda 21’ Umweltfragen zunehmend von Fragen der sozialen Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Machtverhältnisse. Die in Rio beschlossene Nord-Süd-Partnerschaft mit dem gemeinsamen Ziel der ‚nachhaltigen Entwicklung’ wurde nicht erreicht und „an die Stelle der Verpflichtungserklärung der Industrieländer für eine grundlegende Umstrukturierung der ökonomischen Nord-Süd-Beziehungen trat der alte Nord Süd- Konflikt“ (Rodenberg o.J.: 9). Zwar wurden seit der UNCED viele internationale Umweltabkommen verabschiedet, „mit denen Umweltregime geschaffen wurden, die die Dynamik der Weltwirtschaft in ökologisch weniger schädliche Bahnen lenken sollte“ (Sachs 2000: 35). Demgegenüber wurde 1995 in Marrakesch die WTO gegründet, die weltweit den neoliberalen Freihandel fördert. Die Abkommen der WTO sind - im Gegensatz zu UN-Abkommen zu Armutsbekämpfung, Geschlechtergerechtigkeit oder Naturschutz - für alle Mitgliedstaaten völkerrechtlich verpflichtend und Regelverstöße sanktionierbar (vgl. Wahl 2000: 10f.). Wichterich kritisiert dabei, dass sich die WTO über soziale Rechte und Umweltschutz hinwegsetzt, die sozialen und ökologischen Kosten globalisierter Märkte der Eigenverantwortung der Regierungen und lokalen Gemeinschaften überlässt und bezeichnet die auf Umweltschutz und Menschenrechten basierenden UN-Abkommen als „zahnlose Tiger“ (Wichterich 2004: 20).

In diesem Zusammenhang muss auch der Handlungsspielraum der bi- und multilateralen Entwicklungszusammenarbeit gesehen werden, die im Sinne der nachhaltigen Agenda nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen und ökologischen Entwicklung verpflichtet ist. Gegenüber internationaler Finanz-, Wirtschafts- und Subventionenpolitik, die durch internationale Verpflichtungen des Freihandels bestimmt sind, ist die Entwicklungspolitik mit ihren engen Budgets und den komplexen Aufgaben27 jedoch weitgehend machtlos. Entwicklungspolitische Bestrebungen müssen deshalb weit über den Zuständigkeitsbereich des BMZ hinausgehen und andere Ressorts einbeziehen (vgl. Nuscheler 2004: 76).

Eine wachstumskritische Nachhaltigkeitsposition wird auch im Diskurs um Gender und Nachhaltigkeit reflektiert. Außerdem haben sich nationale und internationale Frauenorganisationen aus Nord und Süd früh in die Nachhaltigkeitsdiskussionen eingemischt und auf die Notwendigkeit von Geschlechtergerechtigkeit aufmerksam gemacht. Im Folgenden sollen die hier wesentlichen Aspekte der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Geschlecht skizziert werden.

3.3. Gender und achhaltigkeit

Im Diskurs um Gender und Nachhaltigkeit identifiziert Ines Weller (2002: 1ff.) zwei zentrale Aspekte: Eine normative Dimension, die auf eine geschlechtergerechte nachhaltige Entwicklung abzielt und eine inhaltlich-methodische Dimension, die Gender als Analysekategorie zur Aufdeckung von Ausblendungen und Verzerrungen im Nachhaltigkeitsdiskurs heranzieht.

Die normative Dimension zielt darauf ab, dass intra- und intergenerative Gerechtigkeit

- als zentrales Element des allgemeinen Nachhaltigkeitsdiskurses - untrennbar mit Geschlechtergerechtigkeit verbunden ist. Nach Weller bedeutet Geschlechtergerechtigkeit in diesem Zusammenhang, dass mögliche Geschlechterunterschiede bei der gesellschaftlichen Umgestaltung in Richtung Nachhaltigkeit wahrgenommen und berücksichtig werden müssen, ohne sie jedoch festzuschreiben. Außerdem müssen dabei Be- und Entlastungen genauso gerecht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden wie Chancen und Risiken. Auch die mit den Geschlechterverhältnissen verbundenen Machtstrukturen im gesellschaftlichen Änderungsprozess sind dabei in den Blick zu nehmen (vgl. Weller 2002: 3) Der aktiven Einmischung von Frauenorganisationen und -netzwerken ist es zu verdanken, dass auch in der ‚Agenda 21’ Geschlechtergerechtigkeit thematisiert wird. So wurde ein Kapitel aufgenommen, das sich explizit mit Fragen von Gender und Umwelt beschäftigt. Außerdem wurde Gender zum Querschnittsthema des Abkommens erklärt (vgl. Vinz 2005: 5). Neben umweltbezogenen Forderungen wie ein Recht auf Umweltschutz oder Anspruch auf Partizipation von Frauen bei umweltpolitischen Entscheidungen, flossen auch allgemeine Forderungen nach Chancengleichheit und Empowerment28 von Frauen in die Agenda ein. Weiterhin wird anerkannt, dass Frauen anders und stärker von Umweltzerstörung betroffen sind. Es wird hervorgehoben, dass sie besonderes Wissen um Umweltschutz und Ressourcenschonung haben und somit eine aktive Rolle im Veränderungsprozess zu einer nachhaltigen Entwicklung einnehmen sollen (vgl. Rodenberg o.J.: 10f.).

Doch den radikalen Forderungen des Frauenkongresses in Miami wurde in der ‚Agenda 21’ „die radikale Spitze abgebrochen“ (Wichterich 1992: 38). Ein wesentlicher Bestandteil der Kritik von Miami war das Infragestellen des Konzeptes ‚nachhaltige Entwicklung’ mit seiner Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum und das Einbringen einer neuen Definition von Nachhaltigkeit im Sinne nachhaltiger Sicherung der Lebensgrundlagen.

Das Fundament des herrschenden Entwicklungsmodells blieb in Rio damit unberührt. Frauen werden zwar, im Sinne des Effizienzansatzes, als Ideen- und Arbeitskräftepotenzial für eine nachhaltige Entwicklung wahrgenommen. An den Strukturen - die Ungleichheit und Armut hervorbringen, in denen Frauen für die immer schwerer zu erbringende Überlebenssicherung und nun auch die ökologischen Aufräumarbeiten verantwortlich gemacht werden, ohne sie und ihre Arbeit aufzuwerten - wurde nicht gerüttelt (vgl. ebd.: 27ff.). Ressourcengerechtigkeit, politische Gestaltungs- und Entscheidungsmacht von Frauen oder gar die Transformation der Herrschaftsverhältnisse wurden nicht in die Programmatik von Rio aufgenommen.

Die inhaltlich-methodische Dimension der Diskurses bezieht sich auf Gender als Analysekategorie, die „nach unzulässigen Trennungen und Abspaltungen, nach Hierarchisierungen und Polarisierungen im Nachhaltigkeitsdiskurs fragt“ (Weller 2002: 1) und so das Zusammendenken und Zusammenführen getrennt betrachteter Bereiche und Probleme ermöglicht. Carolyn Merchants Analyse (1987) über die Zerstörung des vormals organischen Weltbilds in den neuzeitlichen Naturwissenschaften identifiziert Geschlecht als Strukturelement, das Denk- und Handlungsmuster der neuzeitlichen Gesellschaften, ihre Naturwissenschaft und Wirtschaftsform bestimmt. Menschen, Verhaltensweisen, Werte, Eigenschaften oder gesellschaftliche Sphären werden als eher weiblich oder männlich betrachtet. So wird zwischen Begriffspaaren wie Mann - Frau, Öffentlichkeit - Privatheit, Rationalität - Emotionalität, Kultur - Natur, Expertenwissen - Alltagskompetenz oder Produktion - Reproduktion eine polarisierende und hierarchisierende Trennlinie gezogen, die Interdependenzen, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen verdeckt. Jeweils zweites wird dabei als weiblich gedacht, abgewertet, aus der öffentlichen Sphäre ausgeschlossen und als nicht-produktiv begriffen (vgl. Merchant 1987, zit. n. Weller 2002: 5f.). Diese Dichotomisierung und Hierarchisierung leitete einen „verwertungsreduktionistischen Umgang“ (Wichterich 2002: 76) mit der Natur ein, der bis heute der kapitalistischen Ökonomie zugrunde liegt. Auch die Externalisierung der Reproduktionsarbeit aus der ökonomischen Sphäre ist Teil dieser Logik (vgl. dies. 2004: 10). Versorgungsarbeit wird genauso wenig als produktiv begriffen wie die Natur. So werden beide in volkswirtschaftlichen Rechnungen nicht erfasst und somit unsichtbar gemacht. Dabei wird übersehen, dass sie die Basis für das Funktionieren der Ökonomie und untrennbar mit ihr verbunden sind (vgl. Weller 2004: 12).

Nach Weller muss in der gendersensiblen Nachhaltigkeitsforschung deshalb nicht nur nach bestehenden Unterschieden zwischen den Geschlechtern auf der normativen Ebene (explizite Genderbezüge), sondern auch nach Ausgrenzung und Abspaltung eigentlich zusammenhängender Bereiche (implizite Genderbezüge) gefragt werden (vgl. ebd.: 8f.). Maßgeblich im Rahmen dieser Arbeit ist dabei die Ausgrenzung und Entwertung des Reproduktiven. Nur im Zusammendenken von (Re)Produktivität29 als gleichwertige Teile eines einheitlichen Prozesses kann nachhaltige Entwicklung, die nicht nur auf wirtschaftlichem Wachstum aufbaut, erreicht werden (vgl. Hofmeister 1999: 75).

Der Entwicklungspolitik muss es deshalb nicht nur gelingen, ungleiche Geschlechterverhältnisse im Zugang zu Ressourcen und politischen Mitspracherechten zu thematisieren und zu überwinden (explizite Genderbezüge). Vielmehr muss auch versucht werden, polarisierte und hierarchisierte Bereiche, vor allem reproduktive Arbeit und erfahrungsbasiertes Wissen, im Entwicklungsprozess zusammen zu denken und als gleichwertig in einen selbstbestimmten Entwicklungsprozess einfließen zu lassen sowie darauf hinzuwirken, polarisierende Strukturen aufzubrechen (implizite Genderbezüge).

Um analysieren zu können, inwieweit ein Entwicklungskonzept wie der SLA Frauenund Genderaspekte thematisiert, ist es sinnvoll, bestehende Ansätze der Integration dieser Themenfelder in die Entwicklungszusammenarbeit zu erörtern. Im Folgenden wird historisch aufgearbeitet, welche Strategien verfolgt wurden und werden.

3.4. Frauen- und Genderaspekte in der Entwicklungszusammenarbeit

Frauen und Gleichberechtigung sind schon seit den 1960er Jahren integraler Bestandteil staatlicher und nichtstaatlicher Entwicklungspolitik. Es ist vor allem der Weiterentwicklung von frauen- und genderspezifischen Konzepten der Entwicklungszusammenarbeit zu verdanken, dass in Armutsbekämpfungskonzepten ungleiche Geschlechterverhältnisse und soziale Ungleichheit als wichtige Bestandteile hervorgehoben werden (vgl. Rodenberg 2003a: 7).

In den 1960er bis 1970er Jahren wurden Frauen von der Entwicklungszusammenarbeit zwar als Zielgruppe von Maßnahmen anerkannt, die Projekte konzentrierten sich allerdings auf reproduktive Aufgaben von Frauen und waren in Wohlfahrtsmaßnahmen eingebunden. Gesellschaftspolitische Veränderungen von Macht- und Entscheidungsstrukturen zugunsten von Frauen blieben unberücksichtigt (vgl. Rodenberg 2003a: 7).

Mit dem Erstarken feministischer Bewegungen im Norden und Süden und ihrer Kritik, Frauen seien häufig Opfer von Entwicklungsprojekten30, wurden neue Perspektiven auf Gleichberechtigung und formale Gleichstellung von Frauen eröffnet (vgl. Braig 2001: 112). Dies wurde von den UN mit der ersten Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko und der folgenden Weltfrauendekade unterstützt. Gleichzeitig wurden Forderungen nach einem Paradigmenwechsel der Entwicklungspolitik und einer effektiveren Armutsbekämpfung erhoben. Dies sollte durch ein Wirtschaftswachstum erreicht werden, von dem auch die Armen profitieren sollten.

Statt auf die reproduktiven Aufgaben der Frauen konzentrierten sich entwicklungspolitische Institutionen zunehmend auf deren ökonomische Rolle. Sie wurden nun vorwiegend als ökonomische Akteurinnen in Entwicklungsprozesse integriert (‚Women in Development’ (WID) - Ansatz). Dies wurde von den UN als Grundlage für die Herstellung von Geschlechtergleichheit gesehen (equity approach).

Für die Weltbank und den IWF war es allerdings eher die ökonomische Notwendigkeit, ihr ungenutztes Arbeits- und Investitionspotenzial für Entwicklung nutzbar zu machen (efficiency approach) (vgl. Rodenberg 2003a: 8).

Im Zuge der SAP von IWF und Weltbank setzte sich der so genannte Effizienzansatz durch. In marktorientierten und Einkommen schaffenden Projekten sollten im Rahmen der effizienzorientierten WID-Programmatik die Haushaltseinkommen erhöht werden. Außerdem sollte die Produktivität der Frauen zugunsten des Wirtschaftswachstums aktiviert werden. Forderungen nach erweiterten Handlungsspielräumen von Frauen und Gleichberechtigung blieben jedoch weitgehend ausgeklammert. „Reduziert auf Produktivität, Effizienz und Marktfunktionalität, hat der Effizienzansatz der frauenpolitischen Forderung nach Gleichstellung […] für lange Zeit den Boden entzogen“ (ebd.: 8). Bis heute gelte für die meisten Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, dass sich Frauenförderung nur durch eine höhere Effizienz legitimieren lasse.

Gegen Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre änderte sich die entwicklungspolitische Strategie der Frauenförderung durch den WID-Ansatz zu einer stärkeren Fokussierung auf Geschlechterverhältnisse als sozialem Konstrukt, d.h. auf die gesellschaftlich und kulturell erlernten Geschlechterrollen. Der ‚Gender and Development’ (GAD) - Ansatz will das Empowerment von Frauen durch die Veränderung der Geschlechterverhältnisse erreichen. Dabei bezieht sich der Ansatz nicht auf den visionären Empowerment-Ansatz von DAWN. Er hat zwar die volle Gleichberechtigung von Frauen zum Ziel, die Forderung nach einer Veränderung der Herrschaftsstrukturen und der hierarchischen Geschlechterordnung bleiben jedoch im entwicklungspolitischen Mainstream unbeachtet (vgl. Rodenberg 1999: 42).

Zentrale Instrumente des GAD-Ansatzes sind das Gender Mainstreaming31 und die Genderanalyse. Gender Mainstreaming ist eine Makrostrategie und hat zum Ziel, die Geschlechterperspektive in allen Politikbereichen und -entscheidungen einzubringen, um so Geschlechterdisparitäten aufzudecken und zu überwinden. Das BMZ verankerte 1997 den Gender-Ansatz als Querschnitts- und Mainstreamingaufgabe (vgl. Nuscheler 2004: 174).

Bei der Genderanalyse wird zwischen praktischen und strategischen Genderinteressen unterschieden. Erstere stellen unmittelbar wahrgenommene Interessen und Probleme, die in geschlechtsspezifisch zugewiesenen Konventionen und Rollenzuweisungen begründet liegen, in den Vordergrund. Sie zielen auf die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen, hierarchische Geschlechterverhältnisse werden aber nicht infrage gestellt. Diese werden im Rahmen der strategischen Genderinteressen hinterfragt. Hier sollen strukturelle Verbesserungen wie Mitsprache- und Verfügungsrechte erreicht werden (vgl. Molyneux 1985: 227ff.).

Dabei muss beachtet werden, dass der Gender Mainstreaming die Instrumente der klassischen Frauenförderung ergänzt und nicht ersetzt. Es bezeichnet die übergeordnete, breit angelegte Handlungsstrategie, welche die Vielfalt individueller Interessen beider Geschlechter berücksichtigt, während Frauenförderung ein konkretes, effektives Instrument ist, das nur die praktischen Fraueninteressen im Blick hat (vgl. Dunst 2002: 39 ff.). Dabei ist aber die Ausgewogenheit beider Strategien zu beachten.

In ihrer Analyse der Anwendung des GAD-Ansatzes in der Entwicklungszusammenarbeit stellt Rodenberg allerdings fest, dass sich die Entwicklungszusammenarbeit - in Anlehnung an den Armutsbekämpfungs- und den Effizienzansatz - oft nur auf praktische Bedürfnisse von Frauen bezieht, während strategische Genderinteressen weitgehend ausgeklammert bleiben (vgl. Rodenberg 2003a: 9). Zudem kritisierten vor allem Expertinnen aus Institutionen und Feministinnen aus Nichtregierungsorganisationen (NRO), dass zwar die so genannte ‚Gender-Rhetorik’ Verbreitung gefunden habe, die Genderperspektive allerdings weniger als Querschnittsaufgabe denn als herkömmliche Frauenförderung wahrgenommen werde. Außerdem sei der Anspruch auf Transformation der Machtverhältnisse des GAD- Ansatzes mit seiner Institutionalisierung verloren gegangen (vgl. Rodenberg 2003a: 9).

Wie im vorigen Unterkapitel dargestellt, gibt es eine enge Verknüpfung zwischen Gender, Nachhaltigkeit und Entwicklung, die seit Beginn der 1990er Jahre in der entwicklungspolitischen Auseinandersetzung eine Rolle spielt.

Die Themen Umwelt und Gender sind Querschnittsthemen in den Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit. Seit der UNCED in Rio wurde begonnen beide Themenfelder zusammen zu denken. Nach einer Studie des DAC (zit. n. Wichterich 2001: 22) haben zwar alle OECD-Staaten das Thema Gender in ihre Entwicklungszusammenarbeit integriert, umweltpolitische Ressorts sind aber mehr oder weniger immer noch geschlechtsblind. Andersherum bleiben Umweltfragen in Maßnahmen der Frauenförderung und Geschlechtergleichstellung oft unbeachtet. Auf der Projektebene bei umweltbezogenen Maßnahmen spricht Wichterich (ebd.: 23) von einem „merkwürdigen Verdunsten der Geschlechterperspektive im Projektverlauf“. So stehen technische oder quantitative Indikatoren und nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung im Vordergrund. Praktische Bedürfnisse von Frauen sind zwar aufgegriffen worden, ihre Arbeitsbelastung hat durch Umweltschutzmaßnahmen aber zugenommen. Strategische Genderinteressen wie Ressourcengerechtigkeit wurden in vielen Umweltprojekten kaum berücksichtigt, so dass Männer eher von den Maßnahmen profitierten als Frauen. Wichterich kritisiert außerdem die Trennung entwicklungspolitischer Aktivitäten nach thematischen Sektoren. Dadurch kann sich Entwicklungszusammenarbeit nicht an realen, ganzheitlichen Problemlagen orientieren und reflektiert nicht die mehrdimensionale Armutsdefinition. Sie übersieht so den ökologischen, sozialen und ökonomischen Gesamtzusammenhang aller Themenfelder (vgl. ebd.).

3.5. Fazit

In diesem Kapitel wurden relevante Strategien für eine geschlechtergerechte nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung dargestellt. Dabei wurde auch auf zentrale Kritikpunkte an den MDG, PRSPs, dem Leitbild der ,nachhaltigen Entwicklung’ und der Integration von Frauen- und Genderaspekten in die Entwicklungszusammenarbeit eingegangen. Verbindender Kritikpunkt ist dabei die Wachstumsorientierung dieser entwicklungspolitischen Strategien.

Im Folgenden Kapitel soll der SLA vorgestellt und vor diesem Hintergrund analysiert werden. Hauptaugenmerk soll dabei auf der Relevanz des SLA für die Überwindung ungleicher Geschlechterverhältnisse und Frauenbenachteiligung sowie für eine wachstumskritische Nachhaltigkeitsperspektive liegen.

Für eine fundierte Analyse sollen im Folgenden Kriterien entwickelt werden, anhand derer überprüft werden kann, ob das hier behandelte SLA-Konzept geschlechtergerechte nachhaltige Entwicklung sicherstellen kann. Weller (2004: 46) schlägt vor, die Genderrelevanz von Nachhaltigkeitskonzepten und -maßnahmen nach dem Gender Mainstreaming Konzept der EU-Kommission zu prüfen (vgl. Europäische Kommission, zit.n. Weller 2004: 46). Die Kriterien sind:

- Beteiligung: z.B. Anteil von Frauen und Männern in Entscheidungspositionen und
-prozessen,
- Ressourcen: Geschlechterunterschiede in der Verteilung und Nutzung von Ressourcen, z.B. Zeit, Information, Geld, politische und wirtschaftliche Macht, neue Technologien, Gesundheitsversorgung oder Wohnen,
- Recht: Zugang zum Recht im legalen, politischen und sozioökonomischen Umfeld und
- Normen und Werte: Einstellungen und Verhaltensweisen, Ungleichheiten in der Wertschätzung gegenüber Männern und Frauen bzw. gegenüber eher als männlich bzw. weiblich gedachten Werten.

Letzter Punkt thematisiert mit der Frage nach eher männlich oder weiblich gedachten Werten bereits implizite Genderbezüge, wird dabei aber m.E. nicht genug konkretisiert. Zusätzlich soll deshalb reflektiert werden, inwieweit implizite Genderbezüge von einem Konzept thematisiert und überwunden werden. Zentrale Frage ist, inwieweit

- reproduktive Arbeit, die Orientierung an Vorsorge und die Produktivität der Natur als gleichwertiger Teil eines nachhaltigen Entwicklungsprozesses gesehen wird. Zudem muss die wachstumskritische Nachhaltigkeitsperspektive reflektiert werden, die DAWN in seinem Empowerment-Ansatz entwickelt und die auch zu den oben behandelten Themenfeldern (PRSPs, ‚nachhaltige Entwicklung’ und Effizienzansatz der Entwicklungspolitik) formuliert wird. Somit muss diskutiert werden, ob
- ein Konzept geeignet ist, das herrschende auf Wachstum aufbauende, natürliche Ressourcen ausbeutende Entwicklungskonzept zu überwinden.

4. Der Sustainable Livelihood Ansatz

4.1. Entstehung des Sustainable Livelihood Ansatzes

Chambers (1988) und Crown & Sebstad (1989) begannen im Rahmen der Hungersnot- forschung mit dem Begriff „Livelihood“ zu arbeiten. Für sie waren Umwelterhaltung und der sichere Zugang zu Ernährung Grundlagen der Lebensabsicherung. Maxwell (1991) entwickelte den Begriff zu „Livelihood Security“ weiter. Er schließt Aufwendungen zur Abfederung bevorstehender Krisen, die über Ernährungssicherung hinausgehen, mit ein, wie z.B. die Bewahrung von Zukunft sichernden Vermögenswerten und sozialen Beziehungen (vgl. Grawert 1998: 67f.). Chambers und Conway beziehen später zusätzlich benötigte oder bereits vorhandene Fähigkeiten der Armen und einen Nachhaltigkeitsbezug ein und definieren ‚Sustainable Livelihoods’ folgendermaßen:32

“A livelihood comprises the capabilities, assets (including both material and social resources) and activities required for a means of living. A livelihood is sustainable when it can cope with and recover from stresses and shocks and maintain or enhance its capabilities and assets both now and in the future, while not undermining the natural resource base“ (Chambers/ Conway 1991: 1).

Der Ansatz wird von DAWN aufgenommen und auf dem Frauenkongress in Miami 1991 als Alternative zum wachstumsorientierten Nachhaltigkeitskonzept in die feministischen Diskussionen im Vorfeld der UNCED eingebracht.

In der deutschen Diskussion um ‚Nachhaltigkeit und Gender’ stellen feministische Wissenschaftlerinnen, auf Miami verweisend, den SLA als alternatives Nachhaltigkeitskonzept vor. Dabei bleiben sie in ihrer Diskussion des Ansatzes auf einer normativen Ebene und beschreiben die Grundgedanken des SLA insbesondere im Kontrast zur nachhaltigen Wachstumsorientierung und zum Paradigma der nachholenden Entwicklung. Dabei heben sie den Bezug der lokalen Ebene und die Bedeutung der Selbstbestimmung der lokalen Gemeinschaften und Frauen hervor. Das Empowerment von Frauen und den Ländern des Südens ist deshalb eng mit dem Ansatz verbunden. Zudem ist er auf die Bedürfnisse für menschliches Wohlergehen ausgerichtet und wertet so die Bedeutung der Versorgungsökonomie auf (vgl. Vinz 2005: 5; Wichterich 2004: 32ff.; Weller 2004: 79ff.).

Weitere zentrale Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne von Sustainable Livelihoods sind nach Wichterich

- das integrierte System von allen materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen der Lebenssicherung,
- Selbst- und Mitbestimmung der lokalen Gemeinschaften,
- Dezentralisierung und Würdigung der Vielfalt lokaler Lebensverhältnisse,
- biologische Vielfalt,
- kollektive Rechte auf Zugang zu Ressourcen,
- Orientierung an regionaler Kreislauf- und Mischwirtschaft und
- Bezug auf lokales, durch Erfahrung erzeugtes Wissen (vgl. Wichterich 2004: 32).

Die operative Umsetzung des SLA im Rahmen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit wird in der feministischen Diskussion allerdings kaum thematisiert. Weller bemängelt, dass die Teilnehmerinnen von Miami zwar den SLA in die Diskussion einbrachten, ihn aber nicht explizit definierten (vgl. Weller 2004: 79). Die Ausgestaltung und Anwendung des Ansatzes in der Entwicklungszusammenarbeit wurde seit Ende der 1990er Jahre vor allem im angelsächsischen Raum, von NROs, staatlichen und multilateralen Organisationen, vorgenommen. So verwenden unter anderen das Department for International Development UK (DFID), das United Nations Development Programme (UNDP), Oxfam, CARE und die Food and Agricultural Organisation (FAO) den Ansatz zur Armutsbekämpfung und ländlichen Entwicklung (vgl. Cahn o.J.: 1; Stewart Carloni/ Crowley 2005). Die britische Durchführungsorganisation DFID wendet den SLA seit 1998 an und entwickelt ihn auf der Durchführungsebene kontinuierlich weiter (vgl. Carney 2002: 9).33 Weder der DFID (vgl. DFID o.J.) noch die FAO (vgl. Stewart Carloni/ Crowley 2005) beziehen sich bei ihren Ausführungen zur praktischen Anwendung des SLA auf den feministischen Diskurs zu Sustainable Livelihoods.

Im deutschsprachigen Raum wird der Ansatz außerhalb der Diskurse um ‚Nachhaltigkeit und Gender’ noch wenig erforscht und umgesetzt. So wurde er in einigen entwicklungstheoretischen Fallstudien untersucht (vgl. z.B. Grawert 1998). Im Rahmen der Recherchen nach Anwendung des Ansatzes beim BMZ und der GTZ bin ich nur auf zwei Studien (Göhler 2003, Klein 2004) gestoßen, die von der GTZ veröffentlicht wurden, allerdings einen stark regionalen bzw. sektoralen Bezug haben und keine strategischen oder praktischen Handlungsanweisungen für die deutsche Entwicklungspolitik enthalten. Weiteren Bezug zum SLA gibt es nach meinen Re- cherchen weder auf den Webseiten noch in anderen Veröffentlichungen von BMZ und GTZ (vgl. www.bmz.de; www.gtz.de, Zugriff am 28.08.06).

4.2. Der Sustainable Livelihood Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit

Der SLA kann als Gegenentwurf zum sektoralen und wachstumsorientierten Mainstream in der Entwicklungszusammenarbeit verstanden werden. Er ist ein Bottom- Up-Ansatz34 und beruht auf einer ganzheitlichen Definition von Armut. Hier werden Handlungsmuster und Bewältigungsstrategien der Armutsbevölkerung in den Vordergrund gestellt (vgl. Dittrich o.J.: 1). Die Armutsbevölkerung mit ihren sozialen, natürlichen, finanziellen, physischen sowie humanen Ressourcen und ihren Überlebensstrategien (nicht mit ihren Verlusten und Nöten) steht im Zentrum (vgl. Carney 2002: 14 ff.). In diesem Zusammenhang werden die Sustainable-Livelihood- Ziele von den armen Frauen und Männern selbst definiert und erschöpfen sich nicht in der Forderung nach einem höheren Einkommen oder Wirtschaftswachstum (vgl. DFID o.J.: 2.6.).

Der SLA kann als Strategie für Planung, Prüfung und Bewertung von Entwicklungsprojekten und -programmen, entwicklungspolitischer Forschung und Analysen auf lokaler oder auch nationaler Ebene angewendet werden (vgl. Cahn o.J.: 1). Dabei handelt es sich um ein flexibles Konzept, das von PraktikerInnen mit unterschiedlichen entwicklungspolitischen Hintergründen auf ihre spezifischen Bedürfnisse oder durch neue Erfahrungen und theoretische Erkenntnisse angepasst werden kann. Dabei können auch bereits bestehende Analyse- und Maßnahmeninstrumenten einbezogen werden. Allerdings gibt es normative und operative Kernprinzipien, welche alle Konzeptionen und Instrumente erfüllen sollen. Diese Prinzipien unterliegen auch einer kontinuierlichen Diskussion und werden dementsprechend erweitert (vgl. Carney 2002: 13f.).

Um die deutsche Entwicklungspolitik auf eine Ausrichtung auf Sustainable Livelihood analysieren zu können, muss die praktische Umsetzung des SLA in der Entwicklungspolitik thematisiert werden. Da der SLA in der deutschen Entwicklungspolitik aber (noch) nicht umgesetzt wird, beziehen sich folgende Ausführungen auf die praktische Ausgestaltung des Ansatzes bei der britischen Durchführungsorganisation DFID und die Sustainable Livelihood Guidance Sheets (DFID o.J.). Dort werden die Kernprinzipien des SLA und die Prozesse der Umsetzung mit entsprechenden Instrumenten ausführlich dargestellt. Zahlreiche AutorInnen und Organisationen beziehen sich auf die praktischen Handlungsanleitungen des DFID (vgl. beispielsweise FAO 2005; Cahn o.J.; Ellis 2000).

Um deutlich zu machen wie versucht wird, die Komplexität lokaler Lebensverhältnisse zu erfassen und welche Kategorien dabei zentral sind, wird im Folgenden das SLA-Fra- mework des DFID vorgestellt. Anschließend werden die Kernprinzipien des SLA herausgearbeitet. Diese Ausführungen dienen als Grundlage der Diskussion zur Genderrelevanz des SLA.

4.2.1. Das Sustainable-Livelihood-Framework

Ein zentrales Instrument des SLA ist der SLA-Analyserahmen (SLA-Framework) mit dem die Komplexität lokaler Lebensverhältnisse analysiert werden kann. Verschiedene Organisationen haben Frameworks erarbeitet, die gemeinsam haben, dass sie die zentralen armutsrelevanten Bedingungen wie

- den Verwundbarkeitszusammenhang (vulnerability context)
- Livelihood Ressourcen (livelihood assets),
- sich ändernde Strukturen und Prozesse (transforming structures & processes),
- Livelihood-Strategien (livelihood strategies) und
- Livelihood-Ergebnisse (livelihood outcomes)

miteinander in Beziehung setzen und ihre gegenseitigen Beeinflussungen darstellen.35 Die Erhebungen mittels des Frameworks sollen dazu führen, einen ersten Überblick über die lokalen Lebensrealitäten zu erhalten und verschiedene Armutsgruppen mit verschiedenen Livelihood-Strategien und gewünschten -Ergebnissen zu identifizieren. Außerdem ist das Framework ein sinnvolles Instrument um Makrotrends auf ihre Wirkungen auf die Mikroebene zu überprüfen (vgl. Carney 2002: 15).

Bei der Analyse der verschiedenen Kategorien können zusätzlich zur Sustainable- Livelihood-Analyse weitere Analyseinstrumente wie Environmental Appraisal, Governance Assessment, Participatory Poverty Assessment oder Genderanalyse genutzt werden (vgl. DFID o.J.: 4.3f.). Das Framework kann je nach Prioritätensetzung von den AnwenderInnen weiterentwickelt und angepasst werden, wobei verschiedene Schwerpunkte gesetzt werden können. Im Folgenden wird das Framework des DFID vorgestellt (vgl. ebd.: 2.1-2.6).

[...]


1 Der Begriff ‚Entwicklung’ und somit der der ‚Entwicklungsländer’ wird infrage gestellt, da mit Entwicklung oft nachholende, modernisierende Entwicklung mit einem vorgezeichneten Ziel, nämlich das des westlichen, industrialisierten Landes, gemeint ist. Der dieser Arbeit zugrunde liegende Entwicklungsbegriff lehnt sich an das Konzept Sustainable Livelihoods an, also an nachhaltiger Überlebenssicherung, die beim Lokalen ansetzt. Im Folgenden werde ich mangels treffenderer Alternativen die Begriffe ‚Länder des Südens’ oder ‚Entwicklungsländer’ benutzen. Dabei ist aber wichtig, dass ich nicht von einer Homogenität dieser Länder ausgehe, sondern davon, dass sie in ihrer ökologischen, sozialen, politischen, kulturellen oder ökonomischen Situation höchst unterschiedlich sein können, genauso wie die Probleme ihrer - ebenso wenig als homogen angenommenen - Bevölkerung.

2 Dieter Nohlen (1998: 224) definiert Entwicklungspolitik als „die Summe aller Mittel und Maßnahmen […], die von Entwicklungsländern und Industrieländern eingesetzt und ergriffen werden, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Entwicklungsländer zu fördern, d.h. die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu verbessern.“ Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist die direkte Durchführung von technischen oder finanziellen Maßnahmen zur Erreichung der Ziele der Entwicklungspolitik.

3 So gibt es heute ca. 130 Millionen Menschen weniger extrem arme Menschen als noch 1990. Diese Erfolge sind aber vor allem auf die verbesserte Einkommenssituation in China und Indien zurückzuführen. In einigen Ländern, insbesondere in Subsahara-Afrika stagniert die Situation hingegen oder hat sich sogar verschlechtert (vgl. Martens 2005: 7).

4 Weitgehend alle Nachhaltigkeitsansätze bauen auf die von Bas Arts (1995: 26) beschriebenen Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie auf. Einige Organisationen erweitern die Dimensionen um institutionelle Nachhaltigkeit (DFID o.J.: 1.4) oder politische Nachhaltigkeit (BMZ 2001a: 2). Eine ausführliche Diskussion um die verschiedenen Nachhaltigkeitsansätze kann in dieser Arbeit nicht geleistet werden.

5 Das Konzept geriet bereits in den 1980er Jahren zunehmend in die Kritik da hohe Wachstumsraten das Anwachsen der Armut nicht verhindern konnten. Zentraler Irrtum der Annahme, Entwicklung würde sich automatisch aus Wachstum ergeben, war die „Illusion des trickle down“ (Nuscheler 2004: 79), dass Wachstum also automatisch auch rückständige Regionen erreichen würde und bestehende Ungleichheiten aufheben oder abmildern würde.

6 Im Unterschied zum biologischen Geschlecht meint Gender das soziale, d.h. die durch gesellschaftliche und kulturelle Prozesse erlernten und somit kontextabhängigen und veränderbaren Geschlechterrollen. „Im alltäglichen Handeln werden diese Geschlechterkonstruktionen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen hergestellt, verfestigt und vor allem hierarchisiert“ (Döge 2001: 16).

7 Der Diskurs um Nachhaltigkeit und Gender ist umfangreich und vielschichtig und kann im Rahmen dieser Arbeit nur auf seine zentralen Punkte reduziert dargestellt werden. Ein Gesamtüberblick über den aktuellen Diskurs- und Forschungsstand findet sich bei Hofmeister u.a. 2002 und Weller 2004.

8 deutsche Übersetzung: Wichterich 1992: 130ff.

9 Im Folgenden werden beide Begriffe verwendet.

10 Der Begriff ‚Entwicklungspolitik’ beinhaltet bereits die operative EZ (vgl. Nohlen 1998: 224, s. Fußnote 3). Wenn jedoch hervorgehoben werden soll, dass es zum einen um die politische Ausgestaltung

11 Dabei ist zu beachten, dass weder ‚die Armen’ oder ‚die Frauen’ in den ‚Entwicklungsländern’ als homogene Gruppe angenommen werden. Die Lebenssituationen variieren stark nach Region, Kulturkreis, Religion, Alter oder sozialem Status. Nach Davidson und Dankelmann (1990: 17) lassen sich aber zumindest Tendenzen genereller Lebensumstände der Frauen in den ländlichen Gebieten dieser Länder skizzieren. Sie verbindet vor allem die überproportionale Betroffenheit von Armut und die ungeheure Arbeitsbelastung.

12 Nach Rodenberg (2003a: II) gehen viele AutorInnen (beispielsweise Unmüßig 2005: 1; Nuscheler 2004: 146) davon aus, dass ca. 70 % aller Armen weiblich sind. Diese Angabe wird von UNIFEM (2000: 12) allerdings infrage gestellt, da keine ausreichend geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselten Daten vorliegen. Hauptproblem ist dabei, dass eher die Einkommenslage von Haushalten und nicht von einzelnen Haushaltsmitglieder erhoben wird. Es gibt allerdings Hinweise, welche die Annahme der ‚Feminisierung der Armut’ stützen. So belegen Studien, dass von Frauen geführte Haushalte überproportional von Armut betroffen sind (vgl. Ellis 2000: 141ff.). Weitere Hinweise sind, dass Frauen auf der ganzen Welt bis heute im Durchschnitt weniger verdienen als Männer und eher in informellen, schlecht bezahlten Berufsfeldern arbeiten (vgl. Wichterich 1998: 11) und weltweit nur 5,1 % des Grund und Bodens besitzen (vgl. Ziegler 2004: 21).

13 Reproduktionsarbeit = Versorgungsarbeit in Familien und/oder Gemeinschaften; Subsistenzproduktion = Produktion für den eigenen Gebrauch.

14 World Health Organisation = Weltgesundheitsorganisation

15 90 % der weltweit 286 Milliarden US$ betragenden landwirtschaftlichen Subventionen werden in der EU, den USA, Kanada und in Japan gezahlt. Die Subventionen lassen die Preise auf konkurrenzlose Beträge sinken. Das führt wiederum dazu, dass die Nachfragekapazität der internen Märkte weit überschritten wird und es dadurch zu aggressiven Agrarexporten kommt (vgl. Amin 2004: 26).

16 Bereits 1983 stellt der United Nations International Children’s Fund (UNICEF) (zit. n. Wichterich 1998: 171) fest, dass es vor allem Kinder und Frauen sind, die große Nachteile durch die SAP haben. Je mehr sich der Staat aus sozialen Leistungen zurückzieht, desto mehr Arbeit wird in den Haushalten oder von zivilgesellschaftlichen Gruppen, die Volksküchen, Gesundheits- und Bildungsinitiativen organisieren, übernommen. In beiden Fällen sind es Frauen, die dabei besonders viel ihrer Zeit und Kraft investieren (vgl. Wichterich 1998: 169ff.).

17 PRSP = nationale Armutsbekämpfungsstrategie

18 DAC = Development Assistance Committee (Entwicklungshilfe-Ausschuss der OECD): 22 westliche Industrieländer und die EU-Kommission gehören zum DAC. Die entwicklungspolitischen Leistungen der Mitglieder werden alle zwei Jahre anhand der gemeinsam beschlossenen DAC-Leitlinien überprüft (vgl. Nuscheler 2004: 479).

19 So stellt Helena Norberg-Hodge in ihrer Analyse der Entwicklung von Ladakh (Hochplateau im westlichen Himalaja) fest, dass der Lebensstandard vor dem Einsetzen „herkömmlicher Entwicklung“ (2003: 104) hoch gewesen sei, aber vor allem aus Subsistenzwirtschaft resultierte. Das in Geldeinheiten gemessene Einkommen sei entsprechend gering gewesen und qua Definition wären die Ladakhis arm gewesen. Tatsächlich waren sie aus der mehrdimensionalen Perspektive im Vergleich zu heute, wo das Brutto National Einkommen (BNE) höher ist, die Subsistenzwirtschaft aber marginalisiert wurde und soziale Gemeinschaften auseinander brechen, nicht arm (vgl. Norberg-Hodge 2003: 105f.).

20 DFID - Department for International Development of the United Kingdom. Die Ausführungen zum SLA in der praktischen Anwendung des DFID beziehen sich auf die ‚Sustainable livelihoods guidance sheets’ des DFID (o.J.). Diese praktische Handlungsanweisung wird ohne Seitenangaben veröffentlicht, da sie für Erweiterungen offen steht. Im Folgenden wird deshalb bei dieser Quelle das Kapitel anstatt der Seitenzahl zitiert.

21 Die Lieferbindung sah vor, dass die ‚Entwicklungsländer’ die ihnen gewährten Hilfsgelder teilweise nur im Geberland für entwicklungsrelevante Lieferungen einsetzen durften. 2005 wurde sie vom BMZ abgeschafft.

22 Die 1979 verabschiedete, rechtsverbindliche CEDAW definiert genau, was unter Diskriminierung zu verstehen ist, wobei es nicht nur um beabsichtigte sondern auch um unbeabsichtigte, vor allem strukturelle Benachteiligung geht. Die unterzeichnenden Staaten (derzeit 175) verpflichten sich zudem auch im privaten Bereich, d.h. in Familien und Unternehmen, jeglicher Art von Diskriminierung Einhalt zu gebieten (vgl. Wolprecht 2001: 56f.).

23 HIPC = Heavily Indepted Poor Countries (hoch verschuldete, arme Länder). Die Entschuldungsinitiative wurde 1999 für die 50 bis 60 am stärksten verschuldeten Länder auf dem Kölner G 7-Gipfel von den Gläubigerländern, dem IWF und der Weltbank beschlossen. Durch sie soll sichergestellt werden, dass die durch Schuldenerlasse frei werdenden Mittel für die nationale Armutsbekämpfung eingesetzt werden.

24 Mit Bezug auf die damalige Vorsitzende Gro Harlem Brundtland, auch Brundtlandbericht genannt. Deutsche Übersetzung findet sich bei Volker Hauff (1987).

25 Das Konzept ‚Nachhaltigkeit’ hat bis jetzt noch keine einheitliche Definition erfahren. Nach Weller (1999: 12) kann als „gemeinsamer Bezugspunkt und insofern Basisdefinition“ die Vorstellung der Brundtland-Kommission gelten, auf welche die meisten Nachhaltigkeitsdefinitionen aufbauen.

26 Die deutsche staatliche EZ wird von verschiedenen Durchführungsorganisationen der Technischen und Finanziellen Zusammenarbeit getragen. Letzteres ist Aufgabengebiet der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die 2005 mit einem Budget von 1.233 Mio. € den größten Anteil der ODA (Official Development Assistance - Öffentliche Entwicklungshilfe) Deutschlands erhält. Die GTZ übernimmt die Technische Zusammenarbeit, also die klassische Projekt- und Programmarbeit vor Ort und folgt mit 636,9 Mio. €. Weitere Durchführungsorganisationen, wie die Internationale Weiterbildung und Entwicklung GmbH (InWent), der Deutsche Entwicklungsdienst (DED), das Deutsches Institut für Entwicklung (DIE) und das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) erhalten wesentlich weniger Gelder (vgl. BMZ 2006: 95).

27 Nuscheler (2004: 90) führt aus, dass der Aufgabenkatalog der EZ ständig erweitert wurde und sie allein deshalb schon überfordert ist. So soll EZ Massenarmut überwinden, durch präventive Sicherheitspolitik den Frieden sichern, den ökologischen Kollaps vermeiden, ökologisch und armutsbedingte Flüchtlingsströme verhindern, weltweit Marktwirtschaft und Demokratie durchsetzen und auffangen, was die Globalisierung an sozialen und ökologischen Kosten mit sich bringt.

28 Wobei das Konzept ‚Empowerment’ hier nicht im Sinne von DAWN verstanden wird, sondern im Sinne von Integration und Partizipation von Frauen in bestehende Strukturen.

29 Der Begriff (Re)Produktivität (Biesecker/ Hofmeister 2003, zit. n. Gottschlich/ Mölders 2006: 344) überwindet die hierarchisierende Trennung der beiden Bereiche und verweist auf die Produktiviät des Reproduktiven (reproduktive Arbeit und Natur).

30 Wenn z.B. Agrarprojekte auf Männer konzentriert durchgeführt wurden, wodurch Frauen die Subsistenzbasis verloren (vgl. Nuscheler 2004: 174). So wurden z.B. in landwirtschaftlichen Entwicklungshilfeprojekten in Afrika Frauen bei Mittelzuweisungen und Bildungsmaßnahmen ausgeschlossen obwohl Männer keine landwirtschaftlichen Tätigkeiten ausführten. Dies hat eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse zum Nachteil der Frauen bewirkt (vgl. Braig 2001: 111).

31 Das Konzept Gender Mainstreaming stammt aus der entwicklungspolitischen Diskussion und wurde erstmals auf der Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi erwähnt und verbreitet. Auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking wurde eine Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft erwirkt, das Konzept der Chancengleichheit anzuerkennen und mit Hilfe dieses neuen Instrumentes umzusetzen. Es geht um die Verbesserung und Überprüfung von politischen Prozessen, um in allen Konzepten, auf allen Ebenen, in allen Phasen und durch alle Akteure eine geschlechterbezogene Sichtweise einzubeziehen. Dabei soll Gender Mainstreaming auf die Veränderung der Lebensbedingungen, die nach wie vor zu Chancenungleichheit führen, zielen. Die Betonung liegt auf allen Politik- und Arbeitsbereichen. Viele Entwicklungsorganisationen u.a. das BMZ haben sich ebenso wie die EU dem Gender Mainstreaming verpflichtet (vgl. Dunst 2002: 31).

32 Nach Ellis beziehen sich die meisten der Autoren zum SLA auf diese Definition (vgl. Ellis 2000: 127). Tatsächlich definieren beispielsweise der DFID (o.J.: 1.1.), die FAO (vgl. Stewart Carloni/ Crowley 2005: 2), Cahn (o.J.: 1), Norton/ Foster (2001: 33) den Begriff ‚Sustainable Livelihoods’ von Chambers und Conway ausgehend.

33 So wird der SLA beim DFID beispielsweise für nationale Entwicklungsplanung, Sektorprogrammplanung, zur Armutseinschätzung bei der PRSP-Beratung, Soforthilfe, Planung, Monitoring und Evaluation von Projekten oder Policy-Analysen angewendet (vgl. Carney 2002: 19).

34 Zum einen ist er ein Bottom-Up-Ansatz weil er die Mikroebene ins Zentrum allen entwicklungspolitischen Handelns, auch auf der Makroebene, stellt. Zum anderen weil er von der feministischen Basisbewegung des Südens DAWN in den entwicklungspolitischen Diskurs um Nachhaltigkeit eingebracht wurde.

35 Die Frameworks ähneln sich größtenteils. Eine Übersicht über verschiedene Frameworks finden sich bei Carney (2002: 56 - 62), das Framework der FAO findet sich bei Stewart Carloni/ Crowley (2005: 2).

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Der Sustainable Livelihoods Ansatz als Konzept fuer eine nachhaltige geschlechtergerechte Entwicklung
Untertitel
Eine Analyse ausgewählter Strategiepapiere der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Sozialwissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
150
Katalognummer
V131935
ISBN (eBook)
9783640380596
ISBN (Buch)
9783640380336
Dateigröße
2219 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachhaltigkeit, gender, sustainable livelihoods, entwicklungspolitik, entwicklungstehorie, nachhaltige Entwicklung
Arbeit zitieren
Cynthia Dittmar (Autor), 2007, Der Sustainable Livelihoods Ansatz als Konzept fuer eine nachhaltige geschlechtergerechte Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131935

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