Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme

Zur Differenz von Interaktions- und Gesellschaftssystemen


Hausarbeit, 2002
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Am Anfang steht die Differenz

3. Autopoietische Systeme

4. Begriffsdefinition
4.1. Komplexität
4.2. Kontingenz

5. Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen
5.1. Psychische Systeme
5.2. Soziale Systeme
5.2.1. Kommunikation
5.2.2. Sinn

6. Unterscheidung von Interaktions- und Gesellschaftssystem
6.1. Interaktionssysteme
6.2. Gesellschaftssystem

7. Resümee

1. Einleitung

Niklas Luhmann wurde am 8.12.1927 in Lüneburg geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg übte er zunächst eine Tätigkeit in der öffentlichen Verwaltung aus. Erst 1960/61 studierte er Soziologie an der renommierten Harvard University. Im Anschluss daran arbeitete Luhmann an verschiedenen Forschungseinrichtungen in Deutschland, etwa als Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle in Dortmund (1965) und war zwischen 1977 und 1980 Mitherausgeber der „Zeitschrift für Soziologie“. Luhmann entwickelt seine Theorie sozialer Systeme seit den 60er Jahren. Im Laufe der Entwicklung verbesserte er seine Theorie ständig. Einen erneuten Paradigmenwechsel in der Systemtheorie übernimmt Luhmann in seinem 1984 erschienen Buch „Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie“. In diesem Werk werden die Grundbegriffe seiner Theorie genau erklärt.

Ausgehend von Erkenntnissen der allgemeinen Systemtheorie, die zuerst im Bereich der Thermodynamik und Kybernetik formuliert und bekannt wurden, beginnt Luhmann, eine für die gesamte Sozialwissenschaft Geltung beanspruchende Theorie sozialer Systeme zu erarbeiten. Luhmanns allgemeine Theorie sozialer Systeme erhebt einen universalistischen Anspruch. Das bedeutet das jeder soziale Kontakt als System begriffen wird, wobei die Gesellschaft die Gesamtheit aller möglichen Kontakte umfasst. Man kann also Luhmanns Theorie auf jedes System anwenden. Luhmann selbst begreift alles was sich in der Welt oder Wirklichkeit befindet als ein System. Der Begriff System dient also beispielsweise zur Bezeichnung von Theoriesystemen, Gedankensystemen, Wirtschaftsystemen, sozialen und psychischen Systemen.

Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegt darin zu verdeutlichen, was Luhmann unter Gesellschafts- und Interaktionssystemen versteht und wie sich diese Systemarten voneinander unterscheiden. Um dies erläutern zu können wird in Abschnitt 2. die Differenz von System und Umwelt, die grundlegend für Luhmann´s Arbeit ist, veranschaulicht. Ebenfalls ist es wichtig erst einige Begriffe, wie Autopoiesis, Kontingenz und Komplexität zu klären. Dies erfolgt in Abschnitt 3. und 4. Daran anschliel3end wird verdeutlicht, was Luhmann unter psychischen und sozialen Systemen versteht und durch welche Merkmale sich diese auszeichnen. Die Unterscheidung von sozialen und psychischen Systemen macht es aul3erdem notwendig, dass Begriffe wie Kommunikation und Sinn näher erläutert werden. In Abschnitt 6. kann nun dargestellt werden, was Interaktionssysteme und Gesellschaftssysteme sind und wie sich diese voneinander unterscheiden.

2. Am Anfang steht die Differenz

Der primäre Gegenstand der Systemtheorie Luhmann´s ist die Differenz von System und Umwelt. Unter einem System kann man allgemein eine Menge von untereinander abhängigen Elementen und Beziehungen verstehen. Der Systembegriff geht davon aus, dass alle Systemteile interdependent, also miteinander gekoppelt sind. Veränderungen einzelner Systemelemente wirken mittelbar oder unmittelbar auf alle anderen Systemelemente ein und verändern so den Zustand des Gesamtsystems. Systemveränderungen folgen einer Struktur, die durch das Prinzip der Selbsterhaltung bestimmt ist (vgl.Lexikon zur Soziologie, S.764). Ein Merkmal für den Systembegriff ist die Unterscheidung von innen und aul3en. Betrachtet man demnach etwas als System, ergibt sich somit eine dazugehörige Umwelt. Für Luhmann ist von Interesse was das System aus seiner Umwelt auswählt und wie es sich gegenüber dieser Umwelt verhält. Die Beziehung zwischen System und Umwelt betrachtet er als „Reduktion von Komplexität“. Für Systeme ist nur ein bestimmter Teil der Umwelt relevant, was daran liegt, dass die Umwelt zu komplex ist, als sie im Gesamten erfassen zu können. Das System nimmt eine Reduktion der als komplex erlebten Umwelt vor. Um das Verhältnis zwischen System und Umwelt zu beschreiben, verwendet Luhmann Begriffe wie

„Komplexitätsdifferenz“ oder „Komplexitätsgefälle“. Ein Komplexitätsgefälle liegt im Verhältnis eines Systems zu seiner Umwelt vor. Die interne System-Komplexität ist niedriger, als die externe Umwelt-Komplexität. Die interne Komplexität kann geregelt werden, die externe nicht. Ein Sozialsystem könnte zum Beispiel eine Schulklasse sein. Die interne Komplexität wird geregelt, indem beispielsweise nur schulische Inhaltsthemen im Untericht behandelt werden. Die externe Komplexität der Umwelt wie die Produktion von Gütern kann nicht durch dieses soziale System reguliert werden.

Der Begriff Komplexität beschreibt systeminterne Vorgänge. Komplexität setzt Elemente und Relationen zwischen den Elementen voraus. Auf die Bedeutung dieses Begriffes wird innerhalb dieser Hausarbeit genauer in Abschnitt 4.1. eingegangen.

Um zu verdeutlichen, was Luhmann unter psychischen und sozialen Systemen versteht und wie diese operieren, wird nachfolgend das Konzept der Autopoiesis erklärt.

3. Autopoietische Systeme

Das Konzept der autopoietischen Systeme geht auf die beiden chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto R.Maturana und Francisco J.Varela zurück.

Der Begriff der Autopoiesis wurde in den sechziger Jahren von Humberto Maturana selbst geprägt und setzt sich aus den griechischen Worten autos (selbst) und poiein (machen) zusammen. Er meint damit soviel wie Selbstherstellung oder Selbsterzeugung. Mit diesem Begriff formulierte Maturana ein allgemeines Organisationsprinzip des Lebendigen (vgl. Kneer/Nassehi, N.L. Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung, S.47). Er definierte autopoietische Systeme als eine -spezielle Klasse von Systemen-, folgendermaßen:

„Jedes Element dieser Klasse ist ein dynamisches System, das als ein Netzwerk von Prozessen der Produktion seiner eigenen Bestandteile definiert ist; diese Bestandteile wirken zum einen durch ihre Interaktion in rekursiver Weise an der ständigen Erzeugung und Verwirklichung eben des Netzwerkes von Prozessen der Produktion mit, das sie selbst produziert hat, und konstruieren zum anderen dieses Netzwerk von Prozessen der Produktion von Bestandteilen als eine Einheit in einem Raum, den sie (die Bestandteile) dadurch definieren, dass sie seine Grenzen verwirklichen“ (vgl. Soz.Theorien, S.219) .

Über Luhmann gelangte das Konzept der Autopoiesis in die soziologische Systemtheorie. Dies geschah jedoch nicht durch unmittelbare Übertragung der biologischen Theorie, sondern erst auf dem Wege einer Umformulierung der Autopoiesis in ein allgemeines Systemprinzip. Luhmann generalisiert den Autopoiesis-Begriff und kann ihn somit auch auf andere Systeme und nicht nur auf lebenden Systeme anwenden. Er hebt dabei hervor, dass die jeweils eigene Weise der Autopoiesis eines System auf verschiede Weise zustande kommt und dass somit trotz des generalisierten Autopoiesis-Begriffs Unterschiede und Differenzen zwischen den einzelnen Systemarten bestehen. Mit der Generalisierung des Begriffs wird allerdings die

Unterscheidung zwischen Selbstreferenzialität und Autopoiesis wie bei Maturana und Varela hinfällig. Autopoietische Systeme sind selbstreferenziell organisiert und selbstreferenzielle Systeme operieren autopoietisch (vgl. Kneer/Nassehi, N.L. Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung, S.52). Allgemein kennzeichnen sich also autopoietische oder selbstreferenzielle Systeme dadurch, dass es sie sich bei der Erzeugung ihrer Elemente, ihrer Operationen und ihrer Strukturen auf sich selbst beziehen. Bezeichnet man ein System als autopoietisch, so muss es bezüglich seiner Operationsweise als geschlossen angesehen werden. Von der Umwelt abgegrenzt bildet es seine Elemente und ordnet es zu einer für das System selbst geeigneten Struktur an. Trotz seiner Geschlossenheit ist es gegenüber seiner Umwelt gleichzeitig auch offen. Zwischen Umwelt und System muss ein Austausch stattfinden können. Die Umwelt schafft erst die materiellen und informationellen Voraussetzungen damit das System überhaupt autopoietisch verfahren kann. Was von der Umwelt in das System aufgenommen wird, bestimmt dabei aber nicht die Umwelt sondern das System selbst.

4. Begriffsdefinition

4.1. Komplexität

Bei Systemen die aus einer Vielzahl von Elementen bestehen, kann nicht jedes Element mit jedem in Beziehung gesetzt werden. Das System muss mögliche Verknüpfungen zwischen den Elementen beschränken, also bestimmte Beziehungen unter ihnen selektieren und damit mögliche andere Beziehungen ausschließen. Ist dies in einem System der Fall, so kann man diesen Umstand mit dem Begriff Komplexität charakterisieren. Komplexität zwingt ein System immer zur Selektion. „Als komplex wollen wir eine zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn aufgrund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann“ (N.L., soziale Systeme, S.46). Diese interne Komplexität erzeugt das System durch Differenzierung. Komplexität innerhalb des Systems kann geringer sein als die Komplexität der Umwelt.

Die Universität beispielsweise erzeugt interne Komplexität durch Differenzierung. Der Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist getrennt vom Bereich der Lehre oder der Bereitstellung der Nahrungsversorgung durch die Mensen. Es gibt viele Vorgänge in denen diese Bereiche nicht miteinander verknüpft sind und in denen auch keine Rücksprache untereinander erfolgt.

Bevor geklärt werden kann, wie sich psychische und soziale Systeme unterscheiden, muss erläutert werden, was unter dem Begriff der doppelten Kontingenz zu verstehen ist.

4.2. Kontingenz

Der Begriff „Kontingenz“[1] geht schon auf Aristoteles und die mittelalterliche Philosophie zurück und bezeichnet als kontingent etwas (...) „was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist“(N.L. soziale Systeme, S.152). Luhmann beschreibt diesen Umstand der Unbestimmbarkeit mit der Begrifflichkeit der doppelten Kontingenz. Mit diesem Begriff macht Luhmann deutlich, dass sich für jedes beteiligte Systeme dieses Problem stellt. Zwei psychische, also sinnverwendende Systeme erfahren Kontingenz, da sie füreinander geschlossenen Systeme sind. Sie können sich gegenseitig nicht berechnen und somit ist für die Systeme gegenseitig ungewiß wie sich das jeweils andere System verhalten wird.

„Das Problem der doppelten Kontingenz ist virtuell immer präsent, sobald ein Sinn erlebendes psychisches System gegeben ist“ (N.L. ,Die Gesellschaft der Gesellschaft, S.851). Trifft dieses System auf ein anderes psychisches System dann wird das Problem der doppelten Kontingenz als Verhaltensabstimmung aktuell. Die bloße Begegnung der Systeme reicht allerdings nicht aus, sie müssen das Problem der doppelten Kontingenz auch erfahren. Dazu ist notwendig, dass sich die Systeme jeweils auf den Output des anderen Systems konzentrieren. Doppelte Kontingenz ermöglicht die Ausdifferenzierung besonderer Handlungssysteme, nämlich sozialer Systeme.

[...]


[1] Ebenfalls findet er sich bei Talcott Parsons und Edward Shils

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme
Untertitel
Zur Differenz von Interaktions- und Gesellschaftssystemen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V132057
ISBN (eBook)
9783640379798
ISBN (Buch)
9783640379514
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas, Luhmanns, Theorie, Systeme, Differenz, Interaktions-, Gesellschaftssystemen
Arbeit zitieren
Claudia Müller (Autor), 2002, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132057

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