Was ist der Mehrwert von außerschulischen Lernorten vor allem im Hinblick auf die Erinnerungskultur?
Diese Ausarbeitung befasst sich mit dieser fachdidaktischen Frage.
Verfolgt man die aktuellen pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen Diskurse und die breite Masse an fachwissenschaftlicher Literatur, so ist im Kontext der „Schule von morgen“ vermehrt von außerschulischen Lernorten die Rede. Klassenfahrten, Wanderfahrten, Exkursionen, Tagungen - diese Dinge gehören schon längst zum Schulleben aller Schul- und Altersstufen dazu. Durch sie sollen neue Lehr- und Lernstrukturen etabliert und Schule nachhaltig entwickelt und geöffnet werden, um dem Bildungsauftrag, Schülerinnen und Schülern auf die komplexe Lebenswelt vorzubereiten, nachkommen zu können.
Eine zeitgemäße Schule muss etwas mit dem Leben der Schülerinnen und Schüler zu tun haben, mit der Welt, in der sie heute leben. Sie muss sich dem Leben öffnen, um den Schülern einen Raum und die Möglichkeit zu geben, sie zu entdecken, sie zu begreifen und sie zu bestaunen. Außerschulische Lernorte eigenen sich besonders, um die Vielfalt von Politik, Kultur, Religion, Ökonomie und Naturwissenschaft zu vermitteln und zu veranschaulichen. Um das Lernen an außerschulischen Lernorten und die Nachhaltigkeit des Lernens geht es primär in dieser Ausarbeitung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Annäherung an den Begriff „Außerschulische Lernorte“
2.1. Definition und Vielfalt außerschulischer Lernorte
2.2. Didaktische Grundlagen und Perspektiven
2.3. Die Wirkung und Bedeutung von ASL für Jugendliche
2.4. Warum außerschulische Lernorte ?
3. ASL im Religionsunterricht
3.1. Fachdidaktische Konzepte
3.2. ASL in den Bildungsplänen und Curricula
4. Die Gedenkstätte Auschwitz als Lernort ?
4.1. Definition Gedenkstätte
4.2. Möglichkeiten und Grenzen der Gedenkstättenpädagogik
4.3. Gelebte Erinnerungskultur - mit Schülern in Auschwitz
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial und die didaktischen Herausforderungen von außerschulischen Lernorten, insbesondere von Gedenkstätten wie dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz, im Hinblick auf ein nachhaltiges Lernen und eine lebendige Erinnerungskultur im schulischen Kontext.
- Grundlagen und Definitionen des Konzepts „Außerschulische Lernorte“ (ASL)
- Die didaktische Relevanz und Wirkung von ASL für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen
- Integration außerschulischer Lernorte in Curricula des Religionsunterrichts
- Pädagogische Möglichkeiten und Grenzen bei der Vermittlung des Holocaust
- Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Geschichte für die heutige Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
4.2. Möglichkeiten und Grenzen der Gedenkstättenpädagogik
Der Gedenkstättenpädagogik liegt Adornos Satz zugrunde, der bis heute die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Punkt deutscher Geschichte prägt: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die erste an Erziehung.“ Eine Erziehung, nach Auschwitz passiere, so Brumlik, habe Auschwitz zum Thema. Wie aber kann eine Erziehung nach Auschwitz konkret aussehen? Wie ist es möglich, das Unvorstellbare zu vermitteln, geschweige denn für didaktische Zwecke zu verwenden? In diesem Zusammenhang erstellt der Erziehungswissenschaftler Ibo Abram seine konkreten Forderungen für die Schulen auf, die unter dem Aspekt einer „Erziehung der Entbarbarisierung“ ausgeführt werden. Diese beinhalten, dass SuS nicht nur lernen, einen Bezug nach außen, sondern auch den induviduellen Bezug herzustellen. Des Weiteren plädiert er für eine bereits in frühen Kindheit stattfindende Auseinandersetzung, wobei sich bei einer frühen Behandlung die Frage stelle, ob Kinder kognitiv überhaupt erfassen könnten und soweit gefestigt sind, dass sie begreifen, worum es sich bei einem KZ-Besuch handelt.
Eine weitere Forderung Abrams betrifft den Perspektivenwechsel der SuS - sie sollen die Motive und Beweggründe der Täterinnen und Täter nachvollziehen. Schließlich schreibt er: „Der Schüler muss versuchen, zu einer Einsicht in die Mechanismen und Umstände zu kommen, die unter dem Nationalismus Menschen zu Aggressoren und Mördern werden ließen.“ Aus den Forderungen einer „Erziehung nach Auschwitz“ leitet sowohl Adorno als auch Abram eine enorme Verantwortung der Lehrer und Pädagogen ab. Sie sollen „dem Entsetzen standhalten durch die Kraft, selbst das Unbegreifliche noch zu begreifen“ Wie können nun Fahrten zu KZ-Gedenkstätten ihren Beitrag dazu leisten?
Grundsätzlich geht die Gedenkstättenpädagogik davon aus, dass oftmals die abstrakten Fakten über Kriege erst am Ort selbst in ihrem vollen Ausmaß begreifbar werden, auch wenn dies bei einem Konzentrationslager selbst dann nur schwer der Fall sein kann, zumal sich niemand das Ausmaß der Gräueltaten nur annähernd vorstellen kann. Zudem sind es Orte, die sich nicht aus sich heraus erschließen lassen, sondern deren Besuch einer gründlichen Vorbereitung bedarf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Bedeutung außerschulischer Lernorte (ASL) im modernen Bildungswesen und führt in die zentrale Fragestellung der Arbeit zum nachhaltigen Lernen am Beispiel der Gedenkstätte Auschwitz ein.
2. Annäherung an den Begriff „Außerschulische Lernorte“: In diesem Kapitel werden grundlegende Definitionen, didaktische Perspektiven und die pädagogische Bedeutung sowie Wirksamkeit von ASL für Jugendliche theoretisch erarbeitet.
3. ASL im Religionsunterricht: Hier wird der spezifische Nutzen von außerschulischen Lernorten für den Religionsunterricht analysiert, wobei fachdidaktische Konzepte und deren Verankerung in Bildungsplänen betrachtet werden.
4. Die Gedenkstätte Auschwitz als Lernort ?: Dieses Kapitel analysiert die Sonderrolle von Gedenkstätten, thematisiert die Herausforderungen der Gedenkstättenpädagogik und reflektiert Formen der praktischen Erinnerungskultur mit Schülern.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer professionellen didaktischen Vor- und Nachbereitung, um das Potenzial von Gedenkstätten pädagogisch sinnvoll und verantwortungsvoll zu nutzen.
Schlüsselwörter
Außerschulische Lernorte, ASL, Gedenkstättenpädagogik, Auschwitz, Religionsunterricht, Holocaust, Erinnerungskultur, Didaktik, Nachhaltiges Lernen, Nationalsozialismus, Schulentwicklung, Resonanzerfahrung, Identitätsbildung, Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Potenzial und die pädagogische Relevanz von außerschulischen Lernorten im schulischen Kontext, unter besonderer Berücksichtigung der Gedenkstätte Auschwitz im Fachbereich Religion.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Definition außerschulischer Lernorte, didaktische Grundlagen der Lernortpädagogik, die Integration solcher Orte in den Religionsunterricht sowie die spezifischen Chancen und Herausforderungen der Gedenkstätte Auschwitz bei der Vermittlung des Holocaust.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, inwiefern der Besuch von Gedenkstätten wie Auschwitz als außerschulischer Lernort zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beitragen und nachhaltiges Lernen fördern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse erziehungswissenschaftlicher und fachdidaktischer Diskurse, ergänzt durch die Auswertung aktueller Bildungspläne und dokumentarischer Quellen zur Gedenkstättenpädagogik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung außerschulischen Lernens, die didaktische Einordnung in den Religionsunterricht und eine kritische Auseinandersetzung mit der Gedenkstätte Auschwitz bezüglich ihrer pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Außerschulische Lernorte (ASL), Gedenkstättenpädagogik, Holocaust, Erinnerungskultur, nachhaltiges Lernen und die fachdidaktische Transformation historischer Orte in den Unterricht.
Warum ist eine Vorbereitung auf den Besuch einer Gedenkstätte so wichtig?
Die Arbeit betont, dass Orte wie Auschwitz nicht für sich selbst sprechen. Aufgrund der emotionalen Belastung und der Komplexität des Themas ist ein sorgfältiger didaktischer Rahmen essenziell, um Überforderung zu vermeiden und ein echtes Verständnis zu ermöglichen.
Kann Gedenkstättenpädagogik Ideologien bei Jugendlichen korrigieren?
Die Arbeit stellt klar, dass eine Gedenkstätte keine „Umerziehungsanstalt“ sein kann. Sie leistet jedoch wertvolle Beiträge zur Aufklärung und zum kritischen Reflexionsprozess, die langfristig das Bewusstsein gegen menschenverachtendes Gedankengut stärken können.
- Arbeit zitieren
- Elvira Graf (Autor:in), 2020, Gedenkstätten im Religionsunterricht. Außerschulische Lernorte als Chance für nachhaltiges Lernen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1320702