Die Taliban wurden öffentlich beschuldigt, enge Verbindungen zu Osama bin Laden zu pflegen und ihn sogar zu schützen. Für die Vereinigten Staaten von Amerika war dies eine Legitimation, in beiden genannten Ländern zu intervenieren. Ob dadurch die Sicherheitslage verbessert oder verschlechtert wurde, sei dahin gestellt, jedoch kann unzweifelhaft behauptet werden, dass die Taliban, die sich ursprünglich aus einer „Gruppierung afghanischer Religionsstudenten“ (Bergen 2001: 181) zusammensetzte, nicht vollständig vertrieben werden konnten. Die Führungsspitze dieser Einheit setzt sich hauptsächlich aus Paschtunen zusammen, eine ethnische Gruppe in Afghanistan, die die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Wie aber sind die Taliban organisiert, dass sie im Jahr 1994 einen so plötzlichen und erfolgreichen Aufschwung erreichen konnten? Diese Frage soll in der vorliegenden Arbeit weitestgehend beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
KAPITEL 1: WER SIND DIE TALIBAN? DIE ENTSTEHUNG DER GRUPPIERUNG AFGHANISCHER RELIGIONSSTUDENTEN HISTORISCH EINGEBETTET.
KAPITEL 2: DIE ORGANISATION DER TALIBAN UND IHR PLÖTZLICHER ERFOLG IN AFGHANISTAN.
KAPITEL 3: DIE STRUKTURELLEN ELEMENTE DER TALIBAN.
KAPITEL 4: DIE AUSBREITUNG DER MACHT DER TALIBAN.
KAPITEL 5: DER „TERROR“ DER AFGHANISCHEN RELIGIONSSTUDENTEN UND IHRE STRATEGIE ZUM DURCHSETZEN IHRER ZIELE.
FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Entstehung, Organisation und den schnellen Machtaufstieg der Taliban in Afghanistan in den 1990er Jahren unter Berücksichtigung historischer Rahmenbedingungen und externer Einflüsse. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der inneren Strukturierung der Bewegung sowie den Gründen für ihren plötzlichen Erfolg in einem von Bürgerkrieg und Fragmentierung gezeichneten Land.
- Historische Einbettung der Afghanistankrise und Bedeutung der Ethnizität
- Struktureller Aufbau und Führungsebene der Taliban-Bewegung
- Die Rolle internationaler Unterstützung durch Pakistan, USA und Saudi-Arabien
- Strategien zur Machtausbreitung und militärische Eroberungsfeldzüge
- Politische Praxis, Ideologie und Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung
Auszug aus dem Buch
Kapitel 3: Die strukturellen Elemente der Taliban.
Um die Struktur dieser neuartigen Bewegung näher darzulegen, soll vorab erläutert werden, auf welchen Fundamenten sie entstanden ist. Denn es spielt nicht nur die Finanzierung eine Rolle, sondern auch die schon vorher bestehenden Fraktionen, aus denen sich die Taliban später formierten. Eine wesentliche Voraussetzung war der Wechsel der Regierungsführung in Pakistan, wodurch sich auch die außenpolitische Einstellung offensichtlich veränderte, was in Afghanistan deutliche Folgen hatte. Vornehmlich beteiligte sich der Innenminister General Nasirullah Babar und die islamistische, hauptsächlich paschtunisch ausgerichtete Jam'at-e 'ula-ma (JUI) – die Koalitionspartei Benazir Bhuttos – an dem Aufbau der Taliban. Grundlage dafür stellten die Netzwerke der Widerstandspartei harakat-i enqelab von Nabi Mohammadi, die sich hauptsächlich aus Schülern der reaktionären Deoband Schule formierten (vgl. Schetter 2004: 125). Demnach können die Taliban nicht als vollkommen neue Bewegung benannt werden, auch wenn ihre Strategie, ihr Handeln und ihr erfolgreiches Vorgehen einem neuartigen Modell entsprachen.
Seit der Herrschaft der Mujaheddin hatte die ethnische Ausrichtung im afghanischen Konflikt eine bedeutendere Rolle als zuvor eingenommen, allerdings waren die Taliban zu Beginn ihres Auftretens in Südafghanistan zumindest äußerlich nur religiös ausgerichtet. Sie wollten die Fragmentierung innerhalb der Paschtunen überwinden und die Paschtunistanfrage ein für alle mal bewältigen, wobei eine Betonung der ethnischen Zugehörigkeit gegen die Grundsätze der islamischen Religion verstoßen hätte. Eines ihrer obersten Ziele stellte die Wiederherstellung einer islamischen Gesellschaftsordnung durch die Einführung der scharia – dem islamischen Gesetz – dar, wobei die Gemeinschaft, wie sie zu Mohammeds Zeiten bestand – um 622 n. Chr. – als Vorbild dienen sollte. Die Theorie der reinen islamischen Lehre stand jedoch weitestgehend im Wiederspruch zu der praktischen Durchsetzung religiöser Elemente.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die historische Situation Afghanistans nach 2001 ein und stellt die Forschungsfrage nach den Organisationsformen und dem schnellen Erfolg der Taliban-Bewegung.
KAPITEL 1: WER SIND DIE TALIBAN? DIE ENTSTEHUNG DER GRUPPIERUNG AFGHANISCHER RELIGIONSSTUDENTEN HISTORISCH EINGEBETTET.: Dieses Kapitel erläutert die historischen Hintergründe und die vier Phasen der Afghanistankrise nach dem Modell von Conrad Schetter, um die Entstehung der Taliban einzuordnen.
KAPITEL 2: DIE ORGANISATION DER TALIBAN UND IHR PLÖTZLICHER ERFOLG IN AFGHANISTAN.: Das Kapitel analysiert die Gründungsgeschichte unter Mullah Omar im Jahr 1994 sowie die Rolle internationaler Akteure und finanzieller Unterstützung bei der Machtkonsolidierung.
KAPITEL 3: DIE STRUKTURELLEN ELEMENTE DER TALIBAN.: Hier werden die Fundamente der Bewegung, die Einflüsse pakistanischer Koranschulen sowie die ideologische Mischung aus islamischer Lehre und paschtunischem Kodex untersucht.
KAPITEL 4: DIE AUSBREITUNG DER MACHT DER TALIBAN.: Dieses Kapitel beschreibt den Eroberungsfeldzug von Kandahar bis Kabul und die machtpolitischen Konsequenzen durch die Formierung der Nordallianz.
KAPITEL 5: DER „TERROR“ DER AFGHANISCHEN RELIGIONSSTUDENTEN UND IHRE STRATEGIE ZUM DURCHSETZEN IHRER ZIELE.: Der letzte Teil behandelt die politische Praxis der Taliban, einschließlich der restriktiven sozialen Vorschriften, der Unterdrückung von Minderheiten und der Etablierung einer „Religionspolizei“.
FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass historische Umstände, strategisches Taktieren und ausländische Unterstützung die entscheidenden Faktoren für den Aufstieg der Bewegung waren.
Schlüsselwörter
Taliban, Afghanistan, Paschtunen, Mullah Omar, Mujaheddin, Sharia, Paschtunwali, Bürgerkrieg, Islamismus, Nordallianz, Kandahar, Conrad Schetter, Politische Organisation, Religion, Ethnizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und den strukturellen Aufbau der Taliban-Bewegung in Afghanistan während der 1990er Jahre, um zu erklären, wie diese Gruppe so schnell die Macht im Land übernehmen konnte.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Im Fokus stehen historische Hintergründe, die Bedeutung ethnischer Strukturen, die Rolle internationaler Unterstützer sowie die ideologische Ausrichtung der Taliban.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie die Taliban in Afghanistan organisiert und strukturiert waren und welche Faktoren ihren plötzlichen militärischen und politischen Erfolg ermöglichten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und verwendet bestehende Erklärungsmodelle, wie etwa die Phasen-Einteilung der Afghanistankrise nach Conrad Schetter, um die historischen Abläufe zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung, die Beschreibung der organisatorischen Grundlagen, den Verlauf der Eroberungsfeldzüge sowie eine Analyse der politischen Strategien und gesellschaftlichen Unterdrückungsmechanismen der Taliban.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Taliban, Afghanistan, Ethnizität, Sharia, Paschtunwali, Ideologie, politische Organisation und militärische Strategie.
Inwiefern beeinflussten die "madrasas" den Erfolg der Taliban?
Die Koranschulen in Pakistan boten vielen Flüchtlingen eine rein religiöse Ausbildung, die diese jungen Männer zu treuen Anhängern der Taliban formte und somit eine solide Rekrutierungsbasis für die Bewegung schuf.
Warum wird die Organisation der Taliban oft als "Karawane" bezeichnet?
Der Ethnologe Dr. Bernt Glatzer vergleicht die Taliban mit einer Karawane, um aufzuzeigen, dass die Bewegung durch eine lockere und unübersichtliche Struktur gekennzeichnet war, der sich verschiedene Akteure aus unterschiedlichen Gründen anschlossen.
- Quote paper
- Daniela Schölch (Author), 2008, Wie sind die Taliban in Afghanistan organisiert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132073