Pierre Bourdieu - Sozialisation als Habitualisierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Gegenstandsbereich der Soziologie und Sozialisationsforschung

3. Wo steht die Soziologie?

4. Pierre Bourdieu
4.1 Sein Leben und Werk
4.2 Dualismus von Subjektivität und Objektivität
4.3 Das Habituskonzept
4.4 Der soziale Raum und die sozialen Felder
4.5 Gesellschaftliche Gruppen (Klassen)
4.6 Kapitalarten
4.6.1 Ökonomische Kapital
4.6.2 Soziales Kapital
4.6.3 Kulturelles Kapital
4.7 Alles eine Frage des Geschmacks

5. Kritik an Bourdieu

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Warum bin ich, wie ich bin? Jeder hat sich diese Frage sicherlich schon einmal gestellt und wahrscheinlich in keinem Buch eine Antwort darauf gefunden. Denn es gibt keine einheitliche Erklärung dafür, warum wir bestimmte Dinge mögen, obwohl ein anderer sie nicht mag, warum manche Menschen leidenschaftliche Weintrinker sind und andere immer wieder dem Champagner den Vorzug geben. Eine Antwort darauf wäre, dass wir alle unterschiedliche Geschmäcker besitzen und aus diesem Grund bestimmte Dinge anderen vorziehen. Doch trotzdem kann hinterfragt werden, warum wir so differente Geschmäcker besitzen, sind sie uns angeboren oder erhalten wir unseren Geschmack durch die Position, die wir in der Gesellschaft einnehmen? Diese Thematik hängt nicht nur mit unserem Essverhalten zusammen, sie kann sich beispielsweise auch auf die Partnerwahl, auf unser soziales Umfeld und auch auf unsere Handlungsweisen auswirken. Mit diesen und noch vielen anderen Fragen beschäftigt sich mitunter die Soziologie bzw. die Sozialisationsforschung und somit gibt es zu dieser Thematik einige Theorien, die von Soziologen erforscht und aufgestellt wurden.

Die Soziologie ist die Wissenschaft vom Menschen bzw. der menschlichen Gesellschaft und beschäftigt sich mit der Beobachtung und Erklärung von sozialen Beziehungen. Ich werde im nachfolgenden auf den Gegenstandsbereich der Soziologie, den Bereich der Sozialisationsforschung und der heutigen Stellung der Soziologie in den Gesellschaftswissenschaften kurz eingehen. Im Anschluss daran werde ich eine Theorie von Pierre Bourdieu vorstellen, die sich mit der oben genannten Problematik befasst. Dazu werde ich zunächst einen allgemeinen Überblick über einige biographische Eckpunkt geben, um dann anschließend auf die spezielle Erkenntnisweise von Bourdieu einzugehen. Die wichtigsten Begriffe in seiner Theorie stellen der Habitus, der soziale Raum, die gesellschaftlichen Klassen, die Kapitalarten und die unterschiedlichen Geschmäcker dar. Nachdem ich diese nacheinander erläutert habe, möchte ich sie in einer abschließenden Kritik hinterfragen.

2. Gegenstandsbereich der Soziologie und Sozialisationsforschung

„Die Soziologie ist wie die Humanpsychologie, die Humanbiologie, die Kulturanthropologie, die Ethnologie und andere Spezialwissenschaften ein Teilgebiet der vielschichtigen Wissenschaft vom Menschen.“[1] Wird von „Soziologie“ gesprochen, kann darunter das systematische und kontrollierte Beobachten und Erklären von regelmäßig auftretenden sozialen Beziehungen, von ihren Ursachen, Bedingungen und Folgen verstanden werden.[2] Somit ist die Soziologie eine Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung, der Struktur und dem Ursprung der menschlichen Gesellschaft auseinandersetzt. Dennoch besteht, selbst bis heute, in der Sozialisationsforschung keine allgemein akzeptierte Verständigung über den Bedeutungsinhalt des Begriffs der Sozialisation oder über die allgemeine Gültigkeit einer bestimmten Theorie. Dies beruht auf der Tatsache, dass die mit dem Begriff verbundenen sozialen Aspekte und theoretischen Grundannahmen sehr komplex und unterschiedlich sind. Doch es besteht ein Konsens hinsichtlich einiger formaler Punkte, mit denen sich die Sozialisationsforschung zu beschäftigen hat. Sozialisation wird heute nicht nur als Vergesellschaftungsprozess, sondern auch als Individualisierungsprozess verstanden, in dem das Individuum seine eigene Identität entwickelt. Zudem hat eine umfassende Sozialisationstheorie die verschiedenen Ebenen der Sozialisationsbedingungen zu berücksichtigen. Des Weiteren wird die Sozialisation heute als ein lebenslanger Prozess aufgefasst.[3]

Der Verlauf der Sozialisation wird in der Sozialisationsforschung wie auch in der Entwicklungspsychologie häufig in verschiedene Phasen eingeteilt. Vom Säugling über das Kleinkind, dem Schulkind zu einem Jugendlichen, hin zu einem pflegebedürftigen Menschen. In allen diesen Phasen wird unsere Lebenswelt durch verschiedene soziale Institutionen und durch die allgemeine, ökonomische, technologische, politische, soziale und kulturelle Formation des gegebenen Gesellschaftssystems konstituiert und strukturiert.[4] Ein Kleinkind wird stark durch seine Familie, Verwandte, Freunde oder auch Nachbarn beeinflusst und lernt in dieser Phase der Sozialisation das Laufen und Sprechen, die eigene Autonomie. Hingegen prägen einen pflegebedürftigen alten Menschen zunehmend gesundheitliche und körperliche Beeinträchtigungen, wie beispielsweise der Tod des Partners oder von Freunden oder die Erfahrung in einem Pflegeheim zu leben. Bei diesem lebenslangen Lernprozess ist zu beachten, dass jedes Individuum die einzelnen Phasen auf sehr differente Art und Weise durchläuft. Allerdings wird der Sozialisationsprozess für fast alle Kleinkinder durch bestimmte ähnliche Institutionen und ihnen gemeinsame bedeutsame Ereignisse geprägt. So wird die Mehrheit der Kinder im Alter von 6 Jahren eingeschult, und der Übergang von der Schule in das Berufsleben bzw. in ein Studium vollzieht sich überwiegend zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr. Jedoch weisen die Lebensläufe mit zunehmenden Alter eine immer stärkere Verzweigung auf.[5] Eine herausragende Bedeutung in der Sozialisationsforschung kommt denjenigen sozialen Systeme zu, die sich eigens zum Zwecke der Sozialisation und Erziehung des gesellschaftlichen Nachwuchses herausgebildet haben. Hier sind die geplanten und institutionell spezialisierten Bildungsinstitutionen wie etwa Kindergärten, Schulen, Hochschulen oder sozialpädagogische Einrichtungen gemeint: Speziell ausdifferenzierte Einheiten, wie sie typisch für Industriegesellschaften zur Bewältigung begrenzter Aufgaben sind. Denn die Existenz organisierter Sozialisationsinstanzen ist ein Charakteristikum industrieller Gesellschaften. Die Erziehung für eine äußerst komplex gewordene soziale Welt wird heute in spezialisierten Sonderwelten mit eigener sozialer Gesetzmäßigkeit und eigener Dynamik absolviert, sie lässt sich offenbar nur in Grenzen noch beiläufig im alltäglichen Handlungsvollzug bewerkstelligen.[6]

Die Soziologie stand als Wissenschaft schon oft im Mittelpunkt der Kritiker, die ihr keine genaue Stellung zuordnen wollen oder auch können. Deswegen drängt sich die Frage auf, wo die Soziologie in unseren heutigen Gesellschaftswissenschaften steht.

3. Wo steht die Soziologie?

„Nie ist die Soziologie frei von Zweifeln darüber gewesen, was für ein Fach sie sei, welche Aufgabe sie habe und wo sie sich im Konzert der Gesellschaftswissenschaften so richtig und unumstritten wieder finden könnte.“[7] Immer wieder wird die offenkundige Krise der Soziologie beschworen sowie die bangen Erwartungen, dass das Ende der Soziologie nah sei und diese zweifelnden Stimmen, sind bis heute nie verstummt. Diese Befürchtungen sind nie ganz grundlos gewesen, denn nach dem Ausbau des Faches in den 70er Jahren gab es eine rasche, berechtigte Ernüchterung. Die Soziologen hatten zu wenig zu bieten und zuviel versprochen, das nicht eingehalten werden konnte. Dies war mitunter ein Grund dafür, warum die Soziologie einen Absturz im öffentlichen Ansehen erfahren musste, warum sie nach wie vor in der Öffentlichkeit und bei ihren Nachbardisziplinen in Erklärungsnöte gerät, wenn ihre Daseinsberechtigung in Frage gestellt wird. Für die immerwährende Randposition der Soziologie gibt es Gründe, die schon seit längerem bekannt sind.[8] Der wichtigste Grund dafür kann darin gefunden werden, dass die Soziologie ein Marginal- Fach ist.

Sie ist keine (Sozial-) Psychologie, kommt aber nicht ohne gewisse Konzepte und Theoreme der (Sozial-) Psychologie aus. Sie ist ebenfalls keine Geschichte, wird aber trotzdem auf der Basis von Kenntnissen über historische Hintergründe betrieben. Sie ist auch keine Rechtswissenschaft, beruht aber in ihren Grundannahmen auf der Analyse von Normen und Institutionen. Sie ist zudem keine Ökonomie, muss aber trotzdem mit den Knappheiten und Interessen der Menschen rechnen und wird zudem von diesen auf ihren eigenen Feldern bedroht. Sie ist zwar keine Statistik, benötigt aber dennoch deren Instrumente, ohne sich immer um alle mathematischen Hintergründe kümmern zu können. Und sie ist keine Philosophie, obwohl gerade von ihr öfters philosophische Deutungen verlangt werden. Kurz gesagt befindet sich die Soziologie auf einer immerwährenden Reise nach Jerusalem und muss sich stets bemühen, den einen freien Platz zu finden den man ihr lässt.[9] Aber um diesen Platz finden zu können, muss zunächst die Frage geklärt werden, was unter einer guten Soziologie zu verstehen ist. Max Weber hat diese Frage folgendermaßen beantwortet: Soziologie soll eine Wissenschaft sein, die soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will. Nach diesem Verständnis werden alle Einseitigkeiten vermieden, die inzwischen im Fach Soziologie bekannt sind. Verstehen und Erklären, Sinn und Kausalität, Handeln und Struktur, Mensch und Gesellschaft, Mikro und Makro, Lebenswelt und System, Konstitution von oben und Emergenz von unten, Handlungstheorie und Systemtheorie werden eben nicht getrennt, sondern zusammengeführt und zwar in einem theoretischen Argument.[10]

Abgesehen von all den zuvor genannten Problemen und den fragwürdigen Einordnungen der Soziologie können mit ihr viele ausstehenden Fragen zu unseren menschlichen Angewohnheiten und Handlungsweisen, zur Persönlichkeitswerdung oder auch zur menschlichen Integration beantwortet werden. Es gibt ähnliche, aber auch sehr differente Ansätze mit denen diese Fragen beantwortet werden können. Einen eher allein da stehenden Ansatz hat Pierre Bourdieu entwickelt, bei dem es vielfältige Begrenzungen für die menschlichen Freiheiten gibt, die zum einen auf historische Gegebenheiten, das Geschlecht oder unter anderem auch durch unbewusst verinnerlichte Faktoren bestehen können. Émile Durkheim beschäftigte sich mit der Frage, wie ein Individuum in eine vorherrschende Gesellschaftsform eingegliedert werden soll.[11] Er war ein Vorläufer von Bourdieus, welcher wiederholt auf ihn referiert. Ebenfalls stellen Karl Marx und Max Weber wissenschaftliche Vorläufer von Bourdieu dar, die ihn auf unterschiedliche Art und Weise in seinem Gesamtwerk beeinflussten haben.

4. Pierre Bourdieu

„Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat im Laufe seiner mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte währenden Forschungstätigkeit ein Werk vorgelegt, das nicht allein in seinem erstaunlichen Umfang [...], sondern auch in seiner thematischen Vielfalt beeindruckend ist.“[12]

4.1 Sein Leben und Werk

Pierre Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin geboren und verbrachte dort den größten Teil seiner frühen Jugend. Ab 1950 studierte er in Paris und erwarb vier Jahre später an der Ecole Normale Supérieure, einer der berühmten französischen Bildungseinrichtungen, die Agrégation in Philosophie.[13] Im Anschluss an sein Studium war er für kurze Zeit als Lehrer tätig, bevor er sich als Assistent an der Faculté des Lettres in Algier für die Forschung qualifizierte. Im Jahr 1964 wurde er Professor für Kultursoziologie an der Ecole Pratique des Hautes Etudes en Sciences Sociales und nur vier Jahre später Direktor des Centre de Sociologie Européenne in Paris. „1982 wird Bourdieu auf den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France berufen, der wohl prestigeträchtigsten französischen Bildungsinstitution.“[14] Sein Ausbildungs- und Karriereweg erscheint zunächst als untypisch, lässt dann aber den musterhaften Aufstieg innerhalb der französischen Sozialwissenschaften erkennen. Mit seiner Herkunft aus der rückständigen Peripherie war ein solcher Karriereweg, wie er ihn eingeschlagen hatte, durch Frankreichs besonders ausgeprägte Sozialschichtung fast ausgeschlossen. Da der Weg zu einem renommierten Forschungsprofessor in der Regel an bestimmte Schulen gebunden ist, wird der Durchmarsch von Bourdieu durch die sogenannten Grandes écoles als spektakulär erachtet. Am 23.1.2002 verstarb Pierre Bourdieu in Paris an einem Krebsleiden.

[...]


[1] Weiß, 1965, S. 9.

[2] Vgl. Henecka, 1989, S. 23.

[3] Vgl. Heuwinkel/Krämer/Kühmel, 1993, S. 34.

[4] Vgl. ebenda, S. 36. 2

[5] Vgl. Heuwinkel/Krämer/Kühmel, 1993, S. 38.

[6] Vgl. ebenda, S. 37.

[7] Esser, 2002, S. 20. 3

[8] Vgl. Esser, 2002, S. 21.

[9] Vgl. ebenda, S. 22.

[10] Vgl. ebenda, S. 22. 4

[11] Vgl. Brock/Junge/Krähnke, 2002. S. 109.

[12] Schwingel, 1998, S. 7.

[13] Vgl. Treibel, 1997, S. 200.

[14] Bohn/Hahn, 1999, S. 252. 5

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Pierre Bourdieu - Sozialisation als Habitualisierung
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik)
Veranstaltung
Bildungstheorien – Lerntheorien – Sozialisationstheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V132075
ISBN (eBook)
9783640379842
ISBN (Buch)
9783640379552
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pierre, Bourdieu, Sozialisation, Habitualisierung
Arbeit zitieren
Simone Kuhmann (Autor), 2007, Pierre Bourdieu - Sozialisation als Habitualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132075

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