Im Nahostkonflikt gibt es Situationen, die von palästinensischer und israelischer Seite jeweils eigene Interpretationen erhalten. Meine These in der vorliegenden Arbeit ist daher, dass diese beiden Parteien unterschiedliche Auslegungen verschiedener Tatsachen nutzen, um die eigene Bevölkerung zu geschlossenem Auftreten gegen den gemeinsamen Gegner zu bewegen, eigene Standpunkte zu legitimieren und dem Kontrahenten gleichzeitig die Rechtfertigung für seine Ansprüche und Handlungen zu nehmen. Da es sich um einen räumlich sehr konzentrierten Konflikt handelt, in dem beide Seiten als Ziel die Gründung eines eignen Staates auf teils ein und demselben Gebiet verfolgen, wird die Legitimation von territorialem Anspruch im Vordergrund stehen. Als theoretisches Modell für meine Untersuchung wird der Konstruktivismus dienen, welcher sich als einer der wenigen Ansätze in der IB Forschung mit den verschiedenen Interpretationen der Wirklichkeit beschäftigt.
Hierzu wird Gert Krells Standardwerk "Weltbilder und Weltordnung" mein zentrales Bezugswerk sein, um im ersten Kapitel die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus zu erläutern. Zusätzlich wird hier auf die Konstruktion von staatlichen Interessen nach Alexander Wendt eingegangen. Anschließend wird dem Leser die Bedeutung der Sprache in dessen Ansatz des Konstruktivismus näher gebracht. Da für die Untersuchung des Nahostkonflikts im Hinblick auf die Interpretation der Wirklichkeit Identitäten eine unverzichtbare Rolle spielen, wird deren Rolle in einem Konflikt ebenfalls erläutert. Im zweiten Teil der Arbeit wird die gewonnene theoretische Basis auf den Israel-Palästina-Konflikt angewendet. Zur Überprüfung meiner These werden für die palästinensische Seite die Palästinensische Nationalcharta (1968) und die Unabhängigkeitserklärung (1988), und auf israelischer Seite die Erklärung zur Staatsgründung von 1948 darauf hin überprüft, wie sie die Wirklichkeit zur Beeinflussung des Konfliktes konstruieren und welchen Einfluss die Konstruktionen der beiden Seiten auf eine Lösbarkeit des Konflikts haben. Im letzten Abschnitt werden abschließend Ansätze präsentiert, die zu einer Lösung des Konflikts beitragen können.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung und Vorstellung der These
B. Theoretische Rahmenstruktur: Der Konstruktivismus
I. Grundlagen des Konstruktivismus
II. Die Rolle der Sprache im Konstruktivismus nach Nicholas Onuf
III. Das ‚Selbst‘ und die ‚Anderen‘ – Identität und Narrative im Konstruktivismus
C. Die soziale Konstruktion des Israel-Palästina-Konflikts
I. Israelische und palästinensische Meta-Narrative
1. Konstruktion der israelischen Identität in der Staatsgründungserklärung von 1948
2. Konstruktion der palästinensischen Identität: Die Palästinensische Nationalcharta 1968 und die Unabhängigkeitserklärung 1988
II. Israelische und palästinensische Meta-Narrative im Vergleich
III. Maßnahmen zur Deeskalation des Identitätskonflikts
D. Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie der Israel-Palästina-Konflikt durch nationale und Meta-Narrative sozial konstruiert wird. Dabei wird analysiert, wie beide Konfliktparteien Identitätskonstruktionen nutzen, um territoriale Ansprüche zu legitimieren, die eigene Bevölkerung zu einen und den politischen Gegner zu diskreditieren.
- Konstruktivistische Analyse von Identität in den Internationalen Beziehungen
- Die Rolle der Sprache und Kommunikation als Mittel der sozialen Konstruktion
- Vergleichende Untersuchung der israelischen und palästinensischen Meta-Narrative
- Analyse von Gründungsdokumenten (Staatsgründungserklärung, Nationalcharta, Unabhängigkeitserklärung)
- Ansätze zur Deeskalation durch Reflexion und Perspektivwechsel
Auszug aus dem Buch
I. Grundlagen des Konstruktivismus
Looking back on a decade of global change, I am convinced that the constructivistik framework, as I called it, makes better sense of international relations than any of its rivals.
– Nicholas Greenwood Onuf, Worlds of our making, 2002
Der amerikanische Professor Nicholas Onuf, einer der Mitbegründer des konstruktivistischen Ansatzes in den IB, beschrieb durch dieses Zitat in seinem Werk ‚Worlds of our making‘ unterschwellig die Grundsteinlegung für das Entstehen des Konstruktivismus: Der Ost-West-Konflikt hatte in der vorangegangenen Dekade sein jähes Ende gefunden, was zumindest nicht primär durch die Veränderung materieller Größen, sondern durch einen veränderten Blick auf die Wirklichkeit - namentlich Michael Gorbatschows ‚Neues Denken‘ - eingeleitet worden war. Dementsprechend spielten hier weniger Machtinteressen und militärische Schlagkraft eine Rolle, sondern vielmehr eine neue Perzeption der Wirklichkeit und Ideen über eine renovierte Identität der Sowjetunion - eine Perspektive, welche von den bis dato bestehenden Ansätzen der IB, mit Ausnahme institutionalistischer Theorien, wie beispielsweise der Englischen Schule, weitestgehend ignoriert worden war.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung und Vorstellung der These: Diese Einleitung führt in die Problematik des Israel-Palästina-Konflikts ein und postuliert, dass Narrative als Instrumente zur Identitätsbildung und Legitimierung territorialer Ansprüche dienen.
B. Theoretische Rahmenstruktur: Der Konstruktivismus: Dieses Kapitel etabliert das theoretische Fundament, indem es die konstruktivistische Perspektive in den IB, die Bedeutung von Sprache und das Konzept von Identität als soziales Konstrukt erläutert.
C. Die soziale Konstruktion des Israel-Palästina-Konflikts: Hier werden die theoretischen Modelle auf die konkreten Meta-Narrative beider Seiten angewandt, wobei die jeweiligen Gründungsdokumente hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden und konfliktverschärfenden Wirkung analysiert werden.
D. Ergebnisse und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse über die diametral konstruierten Narrative zusammen und diskutiert Möglichkeiten der Deeskalation durch reflektierte Kommunikation und politische Maßnahmen.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Israel-Palästina-Konflikt, Identität, Meta-Narrative, Nationale Narrative, Staatsgründung, Palästinensische Nationalcharta, Soziale Konstruktion, Sprache, Frieden, territoriale Ansprüche, Identitätskonflikt, Internationale Beziehungen, Politik, Nahost
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht wissenschaftlich, wie der Israel-Palästina-Konflikt primär als Identitätskonflikt verstanden werden kann, der durch soziale Narrative und unterschiedliche Deutungen der Wirklichkeit aufrechterhalten wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die konstruktivistische Theoriebildung, die Bedeutung von Identität für staatliche Akteure sowie die Analyse von offiziellen Texten und Gründungserklärungen im israelisch-palästinensischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Seiten durch die Nutzung spezifischer Meta-Narrative ihre Ansprüche auf denselben Raum legitimieren und durch die Abgrenzung zum "Anderen" ihre eigene Identität festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen konstruktivistischen Forschungsansatz und führt eine diskursanalytische Untersuchung von wegweisenden Dokumenten beider Konfliktparteien durch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die israelische Staatsgründungserklärung von 1948 sowie die palästinensische Nationalcharta von 1968 und die Unabhängigkeitserklärung von 1988 im Hinblick auf ihre narrativen Gehalte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Konstruktivismus, Identität, Meta-Narrative, soziale Konstruktion und die Analyse der Konfliktlogik im Nahost-Raum.
Wie spielt Sprache eine Rolle bei der Identitätsbildung im Nahost-Konflikt?
Sprache dient laut Onuf nicht nur als Abbild der Welt, sondern als Medium der sozialen Konstruktion, durch welches Akteure ihre Wünsche und Ziele formulieren und somit die soziale Realität des Konflikts mitformen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Deeskalation?
Der Autor schlägt vor, dass langfristige Deeskalation nur durch Selbstreflexion, den Abbau von entmenschlichenden Feindbildern und direkte persönliche Kontakte zwischen den Bevölkerungsgruppen möglich ist.
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- Anonym (Autor:in), 2017, Die soziale Konstruktion des Israel-Palästina-Konflikts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1320776