Theater im Internet

Die Möglichkeiten der Produktion und Rezeption von Theater Performances im Internet


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gemeinsamkeiten von Internet-Performances und deren Voraussetzungen
2.1. Teilnehmer
2.2. Produzenten

3. Textbasierte Internet-Performances: Aufführungen im IRC, MOO und ATHEMOO
3.1. Der Internet Relay Chat
3.1.1. Produktionsbeispiel: Hamnet Players
3.2. Der MOO
3.2.1. Produktionsbeispiel: Plaintext Players
3.3. Der ATHEMOO
3.3.1. Produktionsbeispiel: The Brigde of Edgefield
3.3.2. Produktionsbeispiel: NetSeduction
3.3.3. Produktionsbeispiel: The Finalists

4. Palace Performances
4.1. Produktionsbeispiel: waitingforgodot.com

5. Telematische Internetperformance
5.1. Produktionsbeispiel: Ornitorrinco in Eden
5.2. Web dance
5.2.1 Produktionsbeispiel: World Wild Simulanteous Dance

6. Vergleich: Theater im Internet und Theater im Real Life

7. Schluss

1. Einleitung

Mitte der 1990er Jahre begannen verschiedene Künstler, die Möglichkeiten des Internets für ihre Arbeiten zu nutzen und damit zu experimentieren. Theatrale Aufführungen finden im Internet seit Dezember 1993 statt und werden im Wesentlichen in textbasierte und telematische Internetperformances unterschieden.

Die Performances zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass Produktion und Rezeption simultan ablaufen. Zudem lösen sie die physische Kopräsenz von Darstellern und Zuschauern auf.[1] Die Darsteller und das Publikum sind nicht präsent, sondern telepräsent, sie befinden sich nicht wie bei einer konventionellen Aufführung im gleichen Raum, sondern stehen über einen virtuellen Raum miteinander in Kontakt.

2. Gemeinsamkeiten von Internet-Performances und deren Voraussetzungen

Allen Internetperformances ist gemein, dass in einem theatralen Kontext Teilnehmer miteinander verbunden werden, die räumlich getrennt voneinander sind. Die Performances werden durch einen klar definierten Zeitraum gerahmt und über verschiedene Dienste des Internets realisiert. Sie setzen das Internet und seine Dienste auf sehr unterschiedliche Weise ein, wobei sich je nach Technologie und Konzeption der Modus unterschiedet, mit dem die Teilnehmer die Aufführung wahrnehmen, sowie auch die Rollen, die sie innerhalb der Aufführung einnehmen.

Die Möglichkeiten und Grenzen der Internetperformances ergeben sich aus den verschiedenen Diensten des Internet, von denen der weitestverbreitete Dienst das WWW ist.

Ihre künstlerischen Potentiale sind direkt von den technischen Voraussetzungen abhängig.[2]

Internet-Performances können als besondere Form von Distributed Performances gesehen werden:

„Als Distributed Performances werden Aufführungen bezeichnet, die bei definiertem Beginn und Ende der Aufführungen die physische Kopräsenz von Darstellern und Zuschauern durch den Einsatz von Telekommunikationstechnologien auflösen.“[3]

2.1. Teilnehmer

Um an einer Internetperformance teilnehmen zu können, benötigt man einen internetfähigen Computer mit Modem und Provider,[4] entsprechende Kenntnisse, um den Computer und die angewendeten Dienste des Internets benutzen zu können und evtl. spezifische Hard- und Software, zu denen z.B. Videokonferenztechnologien, Media Player, Webcameras, Flash[5] und Shockwave[6] gehören.

2.2. Produzenten

Die Produzenten der Performances müssen eine hohe Medienkompetenz vorweisen können, denn meistens programmieren sie selbst die Bereiche der Datenbank, auf denen die Aufführung basiert.[7]

Die Gruppen, die im Folgenden vorgestellt werden, erprobten die Möglichkeiten des Theaters in den 'Räumen' der synchronen computergestützten Kommunikation. Sie alle haben gemeinsam, dass sie mit ihren Unternehmungen versuchten, die Konventionen des Theaters in die 'neuen Räume' der synchronen computergestützten Kommunikation zu 'übersetzen'.

Alle genannten Protagonisten haben in Interviews und Veröffentlichungen ihre Überzeugung kundgetan, Theater zu machen. Demnach handelt sich also ohne Zweifel um intermediale Phänomene. Christopher Balme schreibt dazu, sie seien "der Versuch, in einem Medium die ästhetischen Konventionen und / oder Seh- und Hörgewohnheiten eines anderen Mediums zu realisieren"[8]

3. Textbasierte Internetperformances: Aufführungen im IRC, MOO und ATHEMOO

Textbasierte Internetperformances verwenden ausschließlich Text[9] und präsentieren folglich eine theatrale Aktion – also Körper, Raum und Handlung – in den Diensten des Internets, die ausschließlich über Text funktionieren. Dazu gehören der Internet Relay Chat und der MOO, die anschließend noch näher definiert werden, aber auch andere webbasierte Räume.[10]

Visuelle Repräsentationen bei sind textbasierten Internetperformances nur beschränkt möglich, vielmehr entfalten sich hier dramatische Dialoge zwischen den Teilnehmern, wobei die Grenzen zwischen den aktiven Teilnehmern, welche Rollen übernehmen, und den passiven Teilnehmern fließend sind. Die Teilnehmer übernehmen ihre Rollen meist erst kurz vor der Aufführung. Oft geht die gesamte dramatische Handlung von einem vorgegebenen Szenario aus, das die Teilnehmer während der Aufführung durch Improvisation ausbauen.

Bei diesen Formen textbasierter Internetperformances sind nur aktive Teilnehmer vorgesehen, auch wenn die Art der Aktivität unterschiedlich ausfallen kann. Für alle Mitspieler erscheint eine textbasierte Internet Performance als fließender dramatischer Dialog mit Haupt- und Nebentext.[11]

3.1. Internet Relay Chat

Der Internet Relay Chat – kurz IRC – bezeichnet einen Internet-Service, der die Kommunikation von zwei oder mehreren Personen ermöglicht. Der Teilnehmer gibt seine Mitteilungen per Tastatur ein und sendet sie ab. Die anderen Teilnehmer erhalten diese Nachricht in Echtzeit und können sofort darauf antworten. IRCs gibt es zu allen erdenklichen Themen. Um teilzunehmen wählt man über ein spezielles Programm, den IRC-Client, den gewünschten IRC-Server an und meldet sich an. Der Server nimmt nun die einzelnen Beiträge entgegen und versendet sie zeitgleich an die Teilnehmer des Chats.[12]

Die Teilnehmer sind einander durch ihre Nicknames bekannt, alle Nachrichten, die ein Teilnehmer eingibt, erscheinen für alle anderen sichtbar unter diesem Nickname . Kommuniziert wird über Kanäle (channels), die verschiedene Themen behandeln. In den IRCs gibt es eine spezifische Sprache, die sich meist durch Abkürzungen oder Akronyme

(aus Anfangsbuchstaben gebildetes Wort, Bsp. asap für as soon as possible), sowie durch emoticons auszeichnet. Emoticons bestehen aus einer Kombination von Zeichen der Standardtastatur und sind Symbole für bestimmte Stimmungen, Gefühlsäußerungen und Personentypen, aber auch für das Aussehen. Ihr Beschreibungspotential bleibt dabei auf mimische und gestische Zeichen beschränkt.[13]

3.1.1. Produktionsbeispiel: Hamnet Players

1993 erprobte eine Gruppe von Theaterbegeisterten die Möglichkeiten des Theaters im Internet. Der ehemalige Schauspieler und Computerexperte Stuart Harris kam auf die Idee, im Internet Relay Chat ein Theaterstück aufzuführen. Sein Stück „Hamnet“ ist eine Travestie des Hamlet. Harris hat das Original zu fünf Szenen zusammengestrichen und lässt ­Shakespeares Sprache auf den radikal verkürzten Slang des IRC treffen. Der so entstandene Text ist witzig und anspielungsreich, kann aber nur verstanden werden, wenn man sowohl die literarische Vorlage als auch die typischen Gebräuche und Redewendungen des IRC sehr gut kennt.

Die Minimalversion des berühmten “To be or not to be"-Monologs liest sich in “Hamnet” beispielsweise so: „2b or not 2b.“ Harris nutzt hier die Sprache des IRC, besonders die beinahe lautschriftlichen Verkürzungen der Sprache und die Akronyme.

Nach dem 'Monolog' folgt die Unterhaltung Hamlets mit Ophelia. Im Original fordert Hamlet Ophelia mehrfach auf, sie möge in ein Kloster gehen, was sich in der Internet-Performance nun wie folgt liest:

„Oph: suggest u /join #nunnery.“ Dieser verkürzte Satz bedeutet, dass Hamlet Ophelia auffordert, den Channel #Hamnet zu verlassen und stattdessen in den Channel #nunnery zu wechseln. Die Situation wird in ihrer Gänze in einen IRC-Befehl übersetzt. Gäbe jemand den Befehl /join #nunnery ein, so hätte dies wirklich zur Folge, dass der Tippende den Chatroom #hamnet verlässt und jenen mit dem Namen #nunnery beträte. Shakespeare wird also richtiggehend in die Sprache des IRC übersetzt.

Für die einzelnen Rollen seines „Hamnet“ hatte Stuart Harris im Vorfeld der ersten Aufführung andere IRC-User gewonnen, die allerdings nicht den gesamten Text bekamen, sondern jeweils nur ihre nummerierten Zeilen. Die Darsteller mussten demnach warten, bis ihre Ziffer an der Reihe war und dann ihren Text eintippen. Stuart Harris wollte so die

übrigen Teilnehmer zur Improvisation anhalten.

Bei der ersten Aufführung am 12. Dezember 1993 trafen sich etwa zehn Schauspieler, die über Computertastaturen in aller Welt verteilt waren, in einem virtuellen Raum. Dort befanden sich in etwa genauso viele Zuschauer, die ebenfalls jeder für sich irgendwo auf der Welt alleine vor ihrem Rechner saßen. Der Aufführungsort war ein speziell für dieses Ereignis eingerichteter Chat-Kanal mit der Bezeichnung #hamnet.

Auf seinen Bildschirmen verfolgte das Publikum eine Art Script, das Zeile für Zeile im Fenster des Chatrooms erschien und jeweils vom Darsteller der entsprechenden Rolle eingetippt wurde. Die Schwierigkeit der Aufführung bestand vor allem darin, dass während des Stückes nicht nur die Texte der Schauspieler auf dem Bildschirm erschienen, sondern sich auch die Zuschauer immer wieder zu Wort meldeten. Auch die gesamte Backstage-Kommunikation lief durch den Chatroom. Dabei kam es auf Seiten der Zuschauer zu unterschiedlichen Reaktionen. Während einige genervt aufgaben, konnten andere, die die ständige Polyphonie des IRC gewohnt waren, die Aufführung durchaus ernst nehmen und mit Interesse verfolgen. Daneben bestand ein wesentliches Problem darin, dass immer wieder technische Probleme auftraten. So musste eine erste Aufführung abgebrochen werden, weil Stuart Harris wegen eines Stromausfalles in Kalifornien plötzlich unwiederbringlich aus dem IRC verschwunden war.[14]

[...]


[1] Vgl. Glesner, Julia: Theater und Internet, Bielefeld: transcript Verlag, 2005, S.11.

[2] Ebd., S. 55.

[3] Ebd., S.60.

[4] Bei einem Provider handelt es sich um eine Firma oder Organisation, die den Kunden gegen Gebühr die Verbindung zum Internet anbietet, vgl. hierzu: Provider, Artikel in: dtv Lexikon, Bd. 17, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006, S. 293.

[5] Flash ist ein Animationswerkzeug für Vektorgrafiken mit Grafik und Sound, vgl. hierzu: Zirbik, Jürgen; Sturm, Robert: Lexikon elektronische Medien: Radio – Fernsehen - Internet, Konstanz: UVK Medien, 2001, S. 76.

[6] Shockwave ist ein Dateiformat des Herstellers Adobe, das interaktive Inhalte enthält und diese in einem Webbrowser mittels des Shockwave Players abspielt, vgl hierzu: Shockwave, Artikel in: Wikipedia, Online-Publikation, http://de.wikipedia.org/wiki/Shockwave , Zugriff 18.06.2009.

[7] Vgl. Glesner, Julia: Theater und Internet, S. 59.

[8] Vgl. Horbelt, Andreas: "All the world's a unix term. And all the men and women merely irc addicts."
Das Virtuelle Theater der Hamnet Players und ihrer Nachfolger, Online-Publikation, http://www.inbeta.de/theatermaschine/netzwerk/theorie/hamnet2.htm , Zugriff 22.06.2009.

[9] Vgl. Glesner, Julia: Theater und Internet, S. 12.

[10] Ebd., S. 64.

[11] Vgl. ebd., S. 65.

[12] Vgl. IRC: Artikel in: dtv Lexikon, Bd. 10, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006, S. 253.

[13] Vgl. Glesner, Julia: Theater und Internet, S. 66-68.

[14] Vgl. Horbelt, Andreas: "All the world's a unix term. And all the men and women merely irc addicts."
Das Virtuelle Theater der Hamnet Players und ihrer Nachfolger.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Theater im Internet
Untertitel
Die Möglichkeiten der Produktion und Rezeption von Theater Performances im Internet
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Medien und Theater)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V132109
ISBN (eBook)
9783640378449
ISBN (Buch)
9783640378845
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theater, Internet, Möglichkeiten, Produktion, Rezeption, Performances
Arbeit zitieren
Caroline Schließmann (Autor), 2009, Theater im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132109

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