Migration und Identität - Chinesische Künstler in Wien


Magisterarbeit, 2008
104 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1.Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs

2. Identitätsbildung
2.1. Zusammenfassung Identitätsbildung
2.2. Sinn

3. Narrative Identität und Interviewform
3.1. (Interkulturelle) Kommunikation
3.2. Das narrativ-biographische Interview
3.3. Das Interview als soziale Situation

4. Hintergrundrecherche für mögliche Themenfelder
4.1. Migration
4.1.1. Allgemein
4.1.2. Heterogene Diaspora
4.1.3. Die jüngste Phase der Migration von Chinesen
4.1.4. Stigmatisierung und Chineseness
4.1.5. Loyalität und Autorität
4.1.6. Wandel des primären sozialen Umfelds
4.2. Künstler
4.2.1. Künstlerbegriff im Westen und China
4.2.2. Künstler als Intellektuelle
4.2.3. Niederschlagung der Proteste: Tiananmen 1989
4.3. Gesetzlicher Rahmen

5. Praktische Durchführung und Auswertung
5.1. Das Raster
5.2. Die Fragen
5.3. Trankskriptionsregeln
5.4. Die Auswertung der Interviews
5.4.1. Auswertung IP1
5.4.2. Auswertung IP2
5.4.3. Auswertung IP3
5.4.4. Auswertung IP4
5.4.5. Zusammenfassende Analyse
5.4.6. Das Spektrum der Identitätsbildungen

6. Schlussbemerkung

Anhang

Tabelle 1.

Quellen

Abstract

1. Einleitung

Unser Leben ist heute untrennbar mit China verbunden. Viele der Gegenstände, die wir täglich benutzen, wurden in China gefertigt. Die aktuelle US-Amerikanische Finanzkrise, die auch Europa berührt, wurde durch das Aufkaufen amerikanischer Staatsanleihen durch China und durch das amerikanische Handelsdefizit gegenüber China gefördert. Wir erfahren China als Touristen, oder weil wir geschäftlich dort zu tun haben. Bleiben bei so viel persönlichem und wirtschaftlichem Kontakt die westliche und die chinesische Kultur einfach nebeneinander bestehen, vermischen sie sich oder beeinflussen sich gegenseitig? „Globalisierung“ ist zu einem Platzhalterwort geworden, welches als Erklärung für alle Übel und Segnungen der heutigen Welt dient. Klüger wird man aus diesem Wort nur, wenn man dessen einzelne Aspekte betrachtet. Eines der vielen Phänomene von Globalisierung ist die „Deterritorialisierung von Kultur“, unter anderem durch Migration. (Appadurai 1990, nach Parker 1998:111) Diese Deterritorialisierung wird in den Identitätsbildungsprozessen von Migranten reflektiert. Die Frage nach der Art der Identitätsbildung wird in dieser Arbeit mithilfe Interviews, vor allem narrativ-biographischer Art, behandelt. Die Zielgruppe der Interviews sind chinesische Künstler in Wien. Dabei habe ich angestrebt, keine rein reproduktiven Künstler zu interviewen. Wenn ich den Begriff „Künstler“ in dieser Arbeit gebrauche, schließe ich die Konnotation des „rein reproduktiven Künstlers“ aus. Künstler können als eine „Verkörperung“ der Kultur gesehen werden, und zusätzlich sind sie Sinnproduzenten und Identitätsstifter. Sinnbildung ist gerade für Migranten, die sich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden müssen, ein zentrales Thema. Migranten, die Künstler sind, finden sich, genau wie andere Migranten, in einer fremden Kultur bzw. Kulturkreis wieder (finden ein neues Selbst), sind aber zusätzlich auch noch aktiv Kulturschaffende, wenn man die Konnotation „Hochkultur“ bemüht. Außerdem stehen Künstler in einem bestimmten Verhältnis zu Tradition, sei es, dass sie diese weiterführen oder sie brechen. Auch die Frage nach Identifikation mit einer bestimmten Tradition, ist für die Diskussion der Identitätsfrage von Nutzen. Zudem verfügen Künstler oft über höhere Bildung, was ihnen eventuell durch

Reflektionsfähigkeit einen bewussten Umgang mit ihrer Lebensgeschichte ermöglicht. Dies hat den Vorteil, dass sie ihre Lebensgeschichte für die westliche Zuhörerin vielleicht mit Erklärungen anreichern, die die Umstände ihrer Lebensgeschichte besser verständlich machen. Diese Arbeit gibt auch einen Einblick in das Leben von außergewöhnlichen Menschen, die sich in einer ungewöhnlichen Situation befinden. Wie ungewöhnlich, zeigt sich auch daran, wie schwer es war, genügend Interviewpartner zu finden. Die Beschäftigung mit einer in der Migrationsforschung eher marginalen Gruppe kann dazu beitragen, die Annahmen dieser Forschungsrichtung zu hinterfragen.[1]

Die Sinologin Lena Springer hatte sich in ihrer Diplomarbeit „ Professionelle und kulturelle Positionierung von Ärzten für chinesische Medizin aus der VR China in Wien“ (Springer 2004), mithilfe von narrativ-biographischen Interviews, mit chinesischen TCM Ätzten in Wien beschäftigt. Sie hat sich in Ihrer Arbeit unter anderem auf „Das Selbst als ein Anderer “ von Paul Ricoeur und auf den Psychoanalytiker Erik Erikson bezogen, um den Begriff von Identität zu untersuchen, und um den theoretischen Hintergrund für narrativ-biographische Interviews zu liefern. Für die Interviews stützte sie sich vor allem auf die Arbeit von Lucius-Hoene und Deppermann. Ich habe das Thema der Identitätsbildung von Vertretern einer bestimmten Berufsgruppe, anhand von narrativ-biographischen Interviews, aus ihrer Arbeit über die TCM-Ärzte übernommen, und beziehe mich auf die gerade genannten Autoren. Somit sind unsere Arbeiten zu einem gewissen Grad vergleichbar. Allerdings habe ich im Laufe der Beschäftigung mit besagten Autoren, sowie anderen Quellen, eine Auffassung von Identitätsbildung entwickelt, die sich von der ihren unterscheidet. Auch durch die Konzentration auf eine andere Berufsgruppe von Interviewpartnern, sowie durch meine Beschäftigung mit dem Feld der Overseas Chinese Studies, entwickelte sich die Arbeit in eine etwas andere Richtung.

1.1.Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs

Diese Arbeit ist unter anderem dem wachsenden Gebiet der „Overseas Chinese Studies“, die sich mit der Immigration von Chinesen nach Europa beschäftigen, zuzuordnen. Im Gegensatz zu Overseas Chinese Studies die Regionen mit längerer chinesischer Einwanderungs-Geschichte beihandeln, wie Südostasien oder die USA, sind diese noch relativ wenig entwickelt. Dies ist erstaunlich, da China in den verschiedensten Diskursen in Europa einen prominenten Platz einnimmt, und das Verhältnis der in Europa lebenden Chinesen zu China einen wichtigen Faktor für das Verhältnis zwischen China und Europa darstellt. Erst während der letzten Jahrzehnte entwickelten sich die Overseas Chinese Studies als unabhängige Disziplin. Ihr Ziel ist es, die vorhergehenden Diskurse, die durch „Othering“ geprägt waren, zu kritisieren und neue Herangehensweisen aufzuzeigen. (Harris 2006:179) Denn davor gab es entweder die chinesischen Forscher, die sich vor allem mit der Frage der Loyalität zu China beschäftigten, und die westlichen, durch „Othering“ geprägte Forschung: nämlich die komparative Herangehensweise der Kolonialbeamten, welche zwischen den chinesischen Immigranten und den Einheimischen unterschieden, über die sie regierten, aber auch „ihre“ chinesischen Einwanderer mit denen anderer Kolonien verglichen, oder die Amerikanische Forschung, mit Augenmerk auf die politischen und rechtlichen Seiten von Immigration, Arbeitsplätzen, etc.. (Wang 1998:4-6 ) Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte beschäftigt sich viel mit dem ökonomischen Erfolg von Auslandschinesen und der Frage, welchen Einfluss deren

„Chineseness“ auf diesen Erfolg hat. (Wang 1998:11,12) Durch eine interdisziplinäre Herangehensweise möchte ich zu dem Forschungsfeld der Chinese Overseas Studies beitragen.

Das Hauptinteresse der Arbeit liegt in der Erfassung von Veränderlichkeit und Konstruktion persönlicher Identität chinesischer Künstler, die nach Wien immigriert sind. Dazu benutze ich die Methode des narrative-biographischen Interviews. Das narrative Interview wurde in den 1970er Jahren von Fritz Schütze begründet. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:77) Für die Beschäftigung mit Identität von chinesischen Migranten beziehe ich mich sowohl auf renommierte Autoren der Overseas Chinese Studies, wie Wang Gungwu, Lok Siu oder Ronald Skeldon, sowie auf Theorien aus der Psychologie, Sozialpsychologie und Philosophie. Der Psychoanalytiker Erik Erikson ist bekannt für die theoretische Konstruktion von acht psychosozialen Lebenszyklen, wovon einer die Phase der Adoleszenz beschreibt, die eine wichtige Rolle bei der Festigung der Identität spielt. Erikson geht von der amerikanischen/westlichen Gesellschaft aus. Er war Schüler von Anna Freud, und ist daher auch von Freud geprägt: (Zimbardo/Gerrig 182008:388-390) Sexualität im Allgemeinen, Ödipuskomplex oder Penisneid im speziellen sind in seinen

Ausführungen immer wieder von Bedeutung, allerdings viel weniger zentral als bei Freud. George H. Mead war einer der ersten Sozialpsychologen. Seine behavioristische Sicht auf Identitätsformation betont stark den Einfluss der Umwelt auf das Individuum, weshalb seine Theorie für die Beschäftigung mit Individuen, die durch Migration mit einer völlig neuen Umwelt konfrontiert sind, geeignet ist. Aus demselben Grund ist es wichtig, sich auf psychologische sowie soziale Faktoren zu konzentrieren, die sowohl Teil von Meads, als auch Eriksons Theorie sind. Ein weiterer psychologischer Zugang, in dessen Kontext diese Arbeit zu sehen ist, ist die kognitive Psychologie. Im Gegensatz zum Behaviorismus stellt diese nämlich fest, dass das Individuum nur zum Teil von der Umwelt beeinflusst wird. Sie untersucht „höhere geistige Prozesse wie etwa Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache, Problemlösung und Entscheiden auf einer Vielzahl von Ebenen.“ (Zimbardo/Gerrig 182008:13) Paul Ricoeur, „der wesentliche zeitgenössische Hermeneutiker“ neben Hans-Georg Gadamer, allerdings mit einem von Gadamer völlig verschiedenen Verständnis von Hermeneutik (Mattern 1996:7,11,12), hat in „Das Selbst als ein Anderer“ den Begriff der narrativen Identität in Fabeln geprägt, wobei er vorschlug, ihn auch auf die Lebensgeschichte zu übertragen. (Ricoeur 1996:194) Wenn ich mich in dieser Arbeit auf Ricoeur beziehe, dann, in Anlehnung an Lena Springer, nur auf „Das Selbst als ein Anderer“. Auf dem Konzept der narrativen Identität basiert das narrativ-biographische Interview, eines der meistgenutzten Datenerhebungsverfahren der Sozialwissenschaften. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:77) Niklas Luhmanns Systemtheorie ist eine Erweiterung und Abänderung der Theorie des kommunikativen Handelns von Habermass. Auch seine Theorie trägt zu dem Diskurs um Identität und Kommunikation bei. Die Beschäftigung mit diesen Autoren dient dazu, ein fundiertes Verständnis des Konzepts der narrativen Identität, besonders der von Migranten zu schaffen.

2. Identitätsbildung

Im Folgenden stelle ich die Theorien, die sich mit (narrativer) Identitätsbildung im Allgemeinen beschäftigen, einander gegenüber. Sie beleuchten Identitätsbildung von verschiedenen Seiten, stimmen aber darin überein, dass wechselseitiger Einfluss von Umwelt und Individuum, aktiver und passiver Teile der Identität, Verinnerlichung oder

Nicht-Verinnerlichung von Andersheit, sowie Sprache eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung spielen.

Ricoeur beschreibt das Selbst folgendermaßen: „Gemäß der ontologischen Zielrichtung des Zweifels ist die erste Gewißheit, die ihm entstammt, die Gewißheit meiner Existenz“ (Ricoeur 1996:15). Hier stimmt Ricoeur mit Descartes „Ich zweifle, ich denke, also bin ich.“ überein. Das Selbst existiert, da es sich hinterfragt, und da es imstande ist, „sich selbst als denjenigen zu bezeichnen, der einen Körper hat.“ (Ricoeur 1996:159) Das Selbst ist also etwas das zweifelt, hinterfragt und bezeichnet, wobei es gleichzeitig, zusammen mit der Umwelt, als Objekt dieses Zweifelns, Hinterfragens und Bezeichnens dient.

Wie auch Lucius-Hoene und Deppermann, Erikson und Ricoeur, unterstreicht Luhmann, dass „Realität“, das heißt also auch Identität, immer konstruiert ist. (Berghaus 2004:33) Daher benutze ich, in Anlehnung an den Psychoanalytiker Erik Erikson (Erikson:140,141), den Begriff „Identitätsbildung“. Das Subjekt der Identitätsbildung nenne ich „Ich“, im Gegensatz zum Objekt, dem „Selbst“. Der Einzige der Autoren, der nicht zwischen zwei oder mehr Aspekten der Identität unterscheidet ist Luhmann. Er spricht nur vom „psychischen System“, welches er als „Person“ bezeichnet. (Berghaus 2004:33) Meine Verwendung von „Selbst“ ist zu Vergleichen mit der von Ricoeur, Mead und Erikson[2]. (Erikson 1973:188; Mead 1995:18) Den Begriff des „Ich“ habe ich von Mead und Erikson übernommen. (Mead 1995:218-220) Denn bei allen drei Autoren ist das Selbst immer auch Objekt der Identitätsbildung, auch wenn es manchmal das Subjekt mit einschließt: Bei Erikson ist das Ich organisierende Instanz, das Selbst veränderlich, wobei es „jeweils verlangt, mit allen zurückliegenden und in Aussicht stehenden Selbsten (in Übereinstimmung gebracht zu werden.“ (Erikson 1973:190,191) Der Sozialpsychologe Mead unterteilt das Selbst auch in Subjekt und Objekt, indem er die Identität, die das Synonym für das Selbst ist (Mead 1995:18), in >Ich« und >ICH« teilt, wobei das >Ich« aktiv ist, und erfahrene Eindrücke in das >ICH« integriert. (ebd.:220)

Eine besondere Rolle in der Identitätsbildung spielt die Zeit bis zur Adoleszenz: Die „Ich-Identität“ ist ein Konzept, das Erikson nur für die Zeit bis zur Adoleszenz eines Menschen anwendet. (Erikson 1973:123,190,191) „Die Ich-Identität [eigentlich Selbst-Identität, d. Autorin] entwickelt sich (...) aus einer gestuften Integration aller Identifikationen; aber auch hier hat das Ganze eine andere Qualität als die Summe seiner Teile.“ (Erikson 1973:108) Die Identifikationen werden an den sozialen und historischen Kontext angepasst, weiters an die eigenen Chancen und in einer Weise, dass sie zusammenpassen. (ebd.:139) Die Bildung von Selbst-Identität ist gleichzusetzen mit der Bildung eines Identitäts-„Kerns“, etwas, dass im Laufe des weiteren Lebens nur schwer zu verändern ist. Was Erikson als

„Identitätsbildung“ bezeichnet, funktioniert nach ähnlichen Regeln wie die Bildung der Selbst-Identität, ist aber ein lebenslanger Prozess. (ebd.:140,141)

Umwelt und Individuum beeinflussen sich also stark gegenseitig. Dabei wird das Andere in das Selbst integriert. Dies wird in allen oben erwähnten Theorien unterstrichen. Doch auch hier gibt es Unterschiede: Luhmann geht nicht von Individuen aus, sondern allein von Systemen. Seine Theorie ist „anti-humanistisch“, da nur soziale Systeme, und nicht Menschen kommunizieren können. Ein Mensch ist kein System, sondern hat Anteil an verschiedenen Systemen verschiedenen Typs. Die Gesellschaft ist ein System, und auch Wirtschaft, Politik, Familien, etc. sind alles soziale Systeme. (Berghaus 2004:33) Soziales System und psychisches System sind verschiedene Systeme, die sich gegenseitig beeinflussen und sich gegenseitig bedingen. (Berghaus 2004:64) Das soziale System ist die „Umwelt“ des psychischen Systems. Luhmann bezeichnet die System/Umwelt-Differenz als „Leitdifferenz“ der Systemtheorie. „Ein System ist Differenz zur Umwelt. Umwelt gibt es nur durch das System. Die Umwelt ist die ‚Außenseite’ des Systems“ (ebd.:42) Auch wenn Systeme von Außen beobachtet werden, ist die System/Umwelt-Differenz Leitdifferenz. Ein Beobachter vergleicht also ausgehend von dem System, an welchem er Teil hat. Dieses Vergleichen findet durch „Selbstreferenz“ und „Fremdreferenz“ statt. (ebd.:47) Erikson schlägt eine Gliederung von Identität in die drei Teile, nämlich Über-Ich, Ich-Ideal und Ich-Identität, vor. Dabei bezieht er sich auf Freud: „Freud schrieb die verinnerlichte Übernahme kultureller Einflüsse den Funktionen des »Über-Ichs oder Ich-Ideals« zu, welches die aus der Umwelt und ihren Traditionen stammenden Gebote und Verbote repräsentiert.“ (Erikson 1973:189) Das Über-Ich ist archaisches, verinnerlichtes, angeborenes Gewissen, Träger „blinder“ Moralität. Das Ich-Ideal ist beweglicher, mehr mit den wechselnden Realitäten historischer Perioden verbunden. Und die Ich-Identität ist noch beweglicher, noch individueller, und hat die Funktion, gesammelte Selbst-Vorstellungen zu prüfen, zu sortieren und in das Selbst zu integrieren. (Erikson 1973:189)

Ricoeur zeigt, dass Identität durch Identifikation gebildet wird: Es “besteht die Identität einer Person, wie die einer Gemeinschaft, zum Großteil aus diesen Identifikationen mit Werten, Normen, Idealen, Vorbildern, Helden, in denen Person und Gemeinschaft sich wiedererkennen.“ (Ricoeur 1996:151) Wie grundlegend Verinnerlichung von Andersheit für Identitätsbildung ist, wird besonders deutlich durch Ricoeurs Konzept von Selbigkeit und Selbstheit: Ricoeur benennt mit Selbigkeit und Selbstheit die zwei Eigenschaften des Selbst. Selbigkeit ist eine numerische Kategorie. Dasselbe wird n- mal reidentifiziert, zum Beispiel wenn ein Mensch den Raum verlässt und wieder auftaucht, wird er als derselbe Mensch wieder erkannt. (Ricoeur 1996:147) Selbstheit ist eine qualitative Kategorie. Ein wichtiges Selbstheitsmerkmal ist die Leiblichkeit und erdhafte Verfasstheit (Nietzsche, Husserl, Heidegger: leibliche Verankerung in der Welt) und die Selbstständigkeit einer Person. Hier ist die Ethik konstitutiv: Ricoeur geht davon aus, dass das „Wort-Halten“, ein Selbstheitsmerkmal, von Menschen aufgrund ihrer Ethik angestrebt wird.[3] Selbstheit und Selbigkeit fallen am ehesten in der Form des beständigen Charakters zusammen. Ein Charakter-Zug ist „angeeignete, erworbene und zur festen Veranlagung gewordene Gewohnheit“ (ebd.:151) Gewohnheiten werden durch Verinnerlichung von Andersheit gewonnen. (ebd.:151) Die Gesamtheit der Charakterzüge macht einen Menschen wieder erkennbar. Denn jedes Mal, wenn man ihm begegnet, ist er „der Selbe“, auch wenn sich manche seiner Gewohnheiten oder gar Charakterzüge verändert haben. (ebd.:148) Die Selbstständigkeit der Selbstheit bedeutet, dass sich Andere auf die Selbigkeit der Person, also die Beständigkeit ihres Charakters, verlassen können. (ebd.:184,185) Damit wird deutlich, dass die Verinnerlichung von Andersheit die Basis der Identitätsbildung ist; denn ohne sie gäbe es keine Charakterzüge, ohne Charakterzüge keine Selbigkeit und Selbstheit, die Eigenschaften des Selbst.

Diese Beständigkeit des Charakters ist auch für George H. Mead ein Zeichen von Identität. Dabei beschreibt Mead Verinnerlichung von Andersheit auch als zentralen Aspekt von Identitätsbildung, allerdings spielen dabei die anderen Menschen die zentrale Rolle, nicht wie bei Ricoeur das Andere allgemein: Identität ist die komplexe Organisation von Haltungen. (Mead 1995:86) Identitätsbildung einer Person geschieht durch Verinnerlichung der Haltungen der Anderen dieser Person gegenüber und der verallgemeinerten Haltung der Gesellschaft als Ganzes ihm gegenüber. (Mead 1995:201) Somit ist Identität ein individuelles „Spiegelbild der allgemeinen, systematischen Muster des gesellschaftlichen oder Gruppenverhaltens.“ (ebd.:201) „Das >Ich« ist die Reaktion des Organismus auf die Haltung anderer; das >ICH« ist die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt. Die Haltungen der anderen bilden das organisierte >ICH« und man reagiert darauf als ein >Ich«.“ (Mead 1995:218) Jede Handlung, auch z. B. einfaches Gehen, bringt etwas Unerwartetes. Die Reaktion darauf, also wie damit umgegangen wird, wie das Unerwartete, das Fremde oder das Andere in das >ICH« integriert bzw. nicht integriert wird, ist Aufgabe des >Ich«. (ebd.:220) Dafür ist Sprache die Grundvorrausetzung. Denn Haltungen werden durch Sprache vermittelt, also durch signifikante Symbole (ebd.:86). Symbole werden nur von anderen verstanden, wenn sich entweder Sender oder Empfänger des Symbols oder beide in den jeweils Anderen hineinversetzen. (ebd.:81-90) Identitätsbildung setzt also das Übernehmen der Rollen Anderer, also Nachahmung Anderer, voraus. (ebd.:203) Die Vorstufe ist das kindliche „Rollenspiel“. Das Kind verhält sich einmal so, einmal so, probiert verschiedene Rollen aus. Man kann sich nicht auf es verlassen, es hat keinen festen Charakter. (ebd.:201,202)

Die sozialpsychologische Sicht Meads, und Konzepte wie das Über-Ich, Ich-Ideal, die Selbigkeit und Selbstständigkeit zeigen also alle, dass unsere Identität zu einem großen Teil von äußeren Umständen beeinflusst ist, wie von der Gesellschaft in der wir leben. Bei Jucius-Hoene und Deppermann findet sich dieses Andere, vermittelt durch „signifikante Symbole“ (Mead 1995:86), kategorisiert wieder, und zwar in Form von identitätsstiftenden Attributen und identitätskonstitutiven Ressourcen:

Unsere Kultur vermittelt uns Identitätsentwürfe und –bilder aller Art.

Gruppenzugehörigkeiten wie Nationalität oder Ethnizität,

Glaubensgemeinschaft oder politische Organisation, Geschlecht oder Alter bieten uns Identitätsstiftende Attribute an. Sozialisationstragende Einrichtungen unserer Gesellschaft wie Familie, Schule und Ausbildungsstätten bis zu unseren professionellen Vertretungen liefern uns Vorlagen wie Grenzen und Zwänge unserer möglichen

Identitätsbestimmungen. Macht- und Funktionsbeziehungen, in die wir eingebunden sind, weisen uns Identitäten zu, deren Übernahme verpflichtend ist und deren Verweigerung Sanktionen nach sich zieht. (Lucius-Hoene/ Deppermann 2002:49,50)

Den Vorgaben und Spielräumen gegenüber, stehen die identitätskonstitutiven Ressourcen. Das sind „sprachliche, kognitive, instrumentelle und materielle Mittel, mit denen sie [die Person, d. Autorin] ihre Identitätsansprüche sozial durchsetzen und sich ihrer selbst vergewissern kann“. (z.B. „rhetorische Kompetenzen oder der Zugang zu narrativen Formen, Deutungsmustern und Sinnstiftungsangeboten“) (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:50) Auf die identitätsstiftenden Attribute und identitätskonstitutiven Ressourcen, die in der Kindheit und Jugend gebildet werden, wird besonders oft zugegriffen, was Erikson mit der „Ich-Raum-Zeit“ beschreibt. Die Ich-Raum-Zeit ist eine Eigenschaft oder Wahrnehmungsweise, die sich bis zur Adoleszenz heranbildet, und dann bestehen bleibt: „Das, was man als Ich-Raum-Zeit des Menschen bezeichnen könnte, konserviert also die soziale Topologie des Kindheitsmilieus wie auch die Umrisse seines Körper-Ichs.“ (Erikson 1973:31) Um das Konzept zu verdeutlichen, folgt ein Beispiel übertrieben starr konstruierter Ich-Raum-Zeit: Geschwister, die in der Villa des hoch angesehenen Großvaters aufwuchsen zogen aus der Villa aus.

Einige (...) nehmen aber die Villa als verinnerlichte Lebensweise mit sich, als untergründigen Ich-Raum, der ihre Abwehrmechanismen stolzer, leidender Zurückgezogenheit, ihre Zwangssymptome und sexuelle Empfindungslosigkeit bestimmt.“ (Erikson 32) „Daher leisten sie der Heilung Widerstand, weil Heilung ja bedeuten würde, daß sie ihre Ich-Identität aufgegeben und eine neue Ich-Synthese im Rahmen des gewandelten Wirtschaftslebens vollziehen müßten. (ebd.:33)

2.1. Zusammenfassung Identitätsbildung

Man könnte die Selbst-Identität mit einer chemischen Substanz vergleichen, die manche Stoffe an sich bindet, andere aber nicht. Dabei verändert sich ihre Struktur, was sie befähigt, wieder andere Stoffe an sich zu binden. Wichtiges Merkmal der Identitätsbildung ist die relative Beständigkeit des Charakters. Die Identität/das Selbst ist immer nur der momentane Stand der Konstruktion des Selbst. Es gibt den objekthaften Teil der Identitätsbildung, der z. B. Identität oder Selbst oder ICH genannt wird, der nur eine jeweilige Momentanaufnahme der Identitätsbildung darstellt, bzw. für den beobachtet, geordnet und beurteilt wird, bzw. der beobachtet, geordnet und beurteilt wird. Und es gibt den subjekthaften Teil, der z. B. Ich oder Selbst-Identität genannt wird, der beobachtet, urteilt und ordnet. Sie konstituieren gemeinsam mit den äußeren Einflüssen die Identitätsbildung. Äußere Einflüsse, wie die Gesellschaft und die Geschichte, repräsentieren entweder äußere Faktoren (wie das Über-Ich) oder sind durch die Wahrnehmung des Ichs konstruiert (wie das Ich-Ideal). Identitätsbildung geschieht durch gesellschaftliche Interaktion, unter Verwendung von Sprache, in Form von signifikanten Symbolen als einzigem Medium, durch das Kommunikation mit Anderen, aber auch Kommunikation zwischen Ich und Selbst, möglich ist. Durch Identifikation und „Nicht-Identitfikation“ bzw. Selbstreferenz und Fremdreferenz, bestätigt sich Identität ständig selbst wieder. Das Ich identifiziert bzw. „nicht-identifiziert“ das Selbst mit der Umwelt und mit vergangenen und zukünftigen Selbsten. Dabei verändert sich die Identität aber gleichzeitig. Denn für soziale Interaktion durch Sprache, inklusive einfachsten Verhaltens (wie Gehen), ist Verinnerlichung von Andersheit in das Selbst die Vorraussetzung. Durch Verinnerlichung von Andersheit kann aus Nicht-Identifikation Identifikation werden. Das Ich greift auf identitätsstiftende Attribute und identitätskonstitutive Ressourcen zurück. Identitätsbildung ist ein lebenslanger Prozess, wobei die Phase der Kindheit sich von den Phasen danach grundlegend unterscheidet, da in dieser Zeit der Kern der Identität geformt wird, der schwer veränderlich ist.

2.2. Sinn

„Sinn“ ist ein Begriff, der sowohl für die Identitätsbildung, als auch für die Themenfelder Kunst und Migration relevant ist. Für all diese Felder, ja für alle Handlungen, die ein Mensch tätigt, muss angenommen werden, dass jeder Handlung Sinn zugrunde liegt. So definiert Max Weber „Handlung“ und „soziale Handlung“ in Wirtschaft und Gesellschaft so: „‚Handeln’ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales’ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber 51976, zitiert nach Ricoeur 1996:191) Speziell bei der Identitätsbildung kommt Sinn dann ins Spiel, wenn teilweise unzusammenhängende Teil-Identitäten oder Ereignisse von Person von dieser zu einer (subjektiv) sinnvoll zusammenpassenden Identität verknüpft werden. Es ist also klar, dass Sinn grundlegend wichtig ist. Was aber genau als sinnvoll betrachtet wird ist subjektiv: Die Welt ist nicht an sich sinnvoll geordnet (Aristoteles), sondern Sinn wird vom Beobachter konstruiert. („mit seinen fünf Sinnen wahrgenommen“) Somit ist das potenzielle Sinnrepertoire in der Welt unendlich: „Daß alles Beobachten auf Unterscheidungen angewiesen ist, erklärt den Sinnreichtum der Welt. Denn man kann das, was man bezeichnet, identifizieren, indem man es immer wieder anderen Unterscheidungen aussetzt.“ (Luhmann 1997:56 zitiert nach Berghaus 2004:122) Durch die Medien beziehen wir einen großen Teil der Informationen und des Wissens darüber, wie die Welt geordnet ist. Durch die neuen Medien wurde die Kommunikation extrem ausdifferenziert, vermehrt und beschleunigt. Es kann „alles“ übertragen, gespeichert und gezeigt werden. Die Medien wählen Berichtenswertes außerdem vor allem danach aus, ob es etwas Neues, Abweichendes ist, was also nicht unbedingt heißt, dass es außerdem besonders erwähnenswert sein muss. Es gibt keine übergeordnete Wahrheit, die uns bei der Selektion hilft, keine zentrale Konsensstiftung. (Berghaus 2004:292-295)

Für die Beschäftigung mit Migranten/Künstlern sind die Konnotationen von Kultur als „Hochkultur“ sowie „Kultur eines Kulturkreises/einer Nation“ relevant. Beide Kulturbegriffe beruhen folgendermaßen auf Sinn, wobei Pankokes Definition von Sinn mit der von Weber übereinstimmt:

‚Kultur’ bedeutet auch in soziologischer Perspektive jene besondere Qualität menschlicher Kommunikation, über welche der ‚Sinn’ sozialen Handelns und Erlebens ‚sinnfällig’ Gestalt gewinnt und zum Ausdruck kommt. ‚Sinn’ bedeutet dabei die Richtung, Gewichtung, Stimmung und Färbung, worin soziales Handeln sich ausrichtet (Pankoke 2002:103,104)

In den heutigen komplexen, sich schnell wandelnden Sozialstrukturen (wobei dieser Wandel für Migranten besonders extrem ist) fehlen selbstverständliche Bewertungsrahmen, und Sinn wird umso mehr zur persönlichen Wahl und persönlichen Erleben. Sinn wird kommuniziert durch Hochsprache, Muttersprache, Schrift, Körper, Symbol, Mythos, Rationalität, Kreativität, etc. (Pankoke 2002:103,104) Der Künstler schafft nicht nur Kultur, er wird gleichzeitig zum „personalisierten Sinn“, zum „Repräsentanten kultureller Produktivität“ (ebd.:106) also auch zum „personalisierten Identitätsstifter“.

Entfremden (von sich selbst) und Befremden (der Anderen) kann zu Anomie führen, oder aber in Innovation umschlagen. Der Wechsel der Lebenssituation kann in drei Stufen geschehen: Erst durchläuft man eine Phase der „traditionsfixierten Distanzierung“, also des Betrachtens der neuen Umgebung vom Standpunkt des alten Systems aus. Danach kommt die Phase der „rationalisierenden Relativierung“, also ein sich Annähern an die neue Umgebung und der „kontextualisierenden Partikularisierung“, die Erkenntnis, dass etwas, was vorher als absolut angesehen wurde, nun als partikular gesehen wird. (Z.B. partikular dörflich) Diese Begriffe der Distanzierung und Relativierung stammen aus der „Wissenssoziologie“ Karl Mannheims. Diese Theorie kann zwar nicht vollständig für transnationale Migranten übernommen werden, da sie in Bezug auf Arbeiter entwickelt wurde, die damals aufgrund der Industrialisierung vom Land in die Stadt zogen. So kommt für transnationale Migranten beispielsweise hinzu, dass sie auch mit einer fremden Sprache konfrontiert sind. (Pankoke 2002:94) Modernisierungstheoretische Konzepte beschreiben heute diese Art sich in einem neuen Lebenskontext zurechtzufinden als „Empathie“. (Pankoke 2002:99) Dabei heißt Empathie nicht, dass man, wenn man das neue System nachvollziehen kann, und man erkennt, dass das alte System partikular ist, sich mit dem neuen System identifiziert. Dafür wäre bewusste Sinnbildung erforderlich, wie Pankoke vorschlägt: Denn derjenige, dessen Denken noch zu tief in seiner „vor-modernen“ Kultur verwurzelt ist, könne in Anomie verfallen. Wenn es nicht zu bewusster Sinnbildung kommt, kann durch Empathie der Lebenssinn zusammenbrechen. (ebd.:103) Ein Beispiel hierfür ist, wenn jemand aus einem Umfeld, in dem traditionelle Familienstrukturen vorherrschen, in eine moderne Großstadt zieht, nach einiger Zeit eine nicht-eheliche Lebensgemeinschaft eingeht, dann aber innerlich gespalten ist: An dem, was (in der Stadt) als normal angesehen wird, hat er nun Teil und kann es auch nachvollziehen. Doch es widerspricht dem, was er davor über Jahrzehnte für normal hielt, in das er noch „verwurzelt“ ist. Nur wenn er sein Weltbild, und damit sich selbst, neu konstruiert, eben aktiv Sinn bildet, muss er seine Wurzeln nicht „irgendwie“ ausreißen, sondern kann sie behutsam, weil bewusst, „verpflanzen“. Der Künstler müsste durch seine Beschäftigung des Erschaffens „Übung“ im Bilden von Sinn haben. Somit sollte es ihm leichter fallen, nicht aufgrund von Empathie von den neuen Eindrücken der neuen Umgebung überschwemmt und fortgerissen zu werden.[4]

3. Narrative Identität und Interviewform

Die in dieser Arbeit gebrauchte Interviewform ist hauptsächlich die des narrativ-biographischen Interviews, da dieses für die Beschäftigung mit Identitätsbildung geeignet ist. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:9) Dabei sind die Interviews aber berufsgruppenspezifisch, was nicht einem „reinen“ narrativ-biographischen Interview entspricht, bei dem es um das gesamte Leben des Interviewten geht. Die Interviewten wurden vor allem in ihrer Funktion als Künstler und Migranten interviewt, weshalb ich für die Erzählung ihrer Lebensgeschichte um einen Fokus auf diese beiden Themen gebeten habe. Daher haben die Interviews zum Teil Qualitäten von Expertinnen-Interviews.

3.1. (Interkulturelle) Kommunikation

Für jede Art von Interview mit Menschen anderer Herkunft als der eigenen, ist es zu allererst wichtig, sich mit (interkultureller) Kommunikation zu beschäftigen. Bonny Duala-M`bedy entwickelte in seiner Habilitation 1977 die Umrisse der Xenologie. Dabei wird nicht Fremdes anderer Kulturen von einem Verstehenszentrum (z.B. Europa) aus betrachtet, sondern davon ausgegangen, dass kulturelle Fremdsysteme oder Subjekte gegenseitig ihr Fremdsein anerkennen und in einem aktiven Austauschprozess miteinander stehen. Verständigung ist Ausgangspunkt und Ziel, nicht das Verstehen. (Schmied-Kowarzik 2002:20,21) Für eine bessere Verständigung muss immer aktiv auf eine ‚Hybridisierung’ von Fremdkultur hingearbeitet werden. Kulturen müssen nicht logisch und widerspruchsfrei sein. So könnte der Andere als eine von vielen möglichen Ausgestaltungen seiner Kultur betrachtet werden. Da die Kultur aber nicht homogen ist, ist er Vertreter nicht einer, sondern vieler Kulturen. Beschreiben wir das Fremde, so sollten wir nicht versuchen, Ambivalenzen aufzulösen, sondern sie aufzeigen. (Heteroglossie) Um dies zu erreichen sollte weniger über den Fremden geredet werden, sondern mit ihm. Wir können uns mit Fremden annähern, indem wir einsehen, dass wir, wie auch der Fremde innerhalb sowie außerhalb der eigenen hybriden Kultur stehen. Außerdem ist entweder das Anstreben von Sinnlosigkeit eine für den Künstler eine Art, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen, und damit sinnvoll, bzw. er entgeht dem Problem des inneren Zwiespalts, da er, wenn er Sinnlosigkeit anstrebt, da in der Sinnlosigkeit keine Widersprüche zwischen Sinnhaftigkeit früherer Strukturen und dem neuen Umfeld bestehen würden. uns nicht intuitiv zugänglich, was beim Fremden einzig individuell vorkommt, und was eine Eigenart seiner Kultur/Kulturen ist. (Wehlte 2002:44-48) Damit weniger Missverständnisse entstehen, sollte neben dem Versuch des Verstehens, auch Raum für Aspekte bleiben, die nicht verstanden, sondern nur hingenommen werden können. (siehe auch: Fornet-Betancourt 2002:53,54) In diesem Sinne hat Kimmerle in seinem ersten Buch über afrikanische Philosophie von der „Methodologie des Hörens“ als Alternative zu Hans-Georg Gadamers Hermeneutik gesprochen. Das Gehörte wird „sehr vorläufig“ in bestehende Kategorien eingeordnet, man versucht aber auch neue, andere Einordnungen. (Kimmerle 2002:93,298) Weil Hören ohne Kategorisieren nicht möglich ist, aber auch weil die Fragen für die Interviews vorbereitet werden müssen, sowie aufgrund des Status der Interviewpartner als Experten, ist eine Vorrecherche in den Gebieten, die eventuell relevant sind erforderlich. Und gleichzeitig muss die Interviewerin während der Interviews offen für neue Gebiete sein, also bzw. antizipierte Gebiete fallen lassen, wenn sie sich für die Interviewten als nicht relevant erweisen.

Eine weitere Perspektive auf Kommunikation bietet Luhmanns Systemtheorie: „Bewusstseine“ können nicht miteinander kommunizieren. Immer läuft die Kommunikation über die sozialen Systeme, von denen die psychischen Systeme beeinflusst sind. (Berghaus 2004:68) Zwei Menschen können also nie direkt und ausschließlich miteinander kommunizieren. Somit ist es wichtig sich über die sozialen Systeme zu informieren, die an der Kommunikation beteiligt sind.

Für diese Arbeit konzentriere ich mich auf die folgenden Diskurse innerhalb der sozialen Systeme: „Künstler im Westen“, „Künstler in China“, „chinesische Migration allgemein“ und „chinesische Migranten in Wien“. Luhmann erklärt auch, dass jede Kommunikation ein selektiver Prozess ist, da das andere System immer nur ausgehend vom eigenen System verstanden wird. (Berghaus 2004:75) Reinhard Sieder hat drei Kulturen identifiziert, denen ein ausländischer Forscher, der in China oder Japan forscht, gerecht werden muss: der beobachteten Kultur, die sich ihm als weitgehend ‘fremd’ darstellt, der eigenen [...] Lebenswelt, die ihm auch in der Fremde mit einem Set an selbstverständlichen Kompetenzen, Begriffen und Kategorien ausgestattet hat, und schließlich drittens der jeweiligen Wissenschaftskultur, deren Theorien, Methoden und Begriffe er diszipliniert anwenden muß, wenn er ein anerkanntes Mitglied seiner ‘scientific community’ bleiben will. (Sieder 1993:3)

Betrachtet man die Migranten als Teil einer anderen Kultur – selbst wenn Interviewte ihre Identität als „österreichisch“ konstruieren würden – da sie hier als Teilnehmer an einer sinologischen Forschungsarbeit gesehen werden, kann die Forscherin bei der Kommunikation mit chinesischen Migranten auch als von diesen drei Kulturen geprägt gesehen werden. (Berghaus 2004:295,296)

3.2. Das narrativ-biographische Interview

Ausschlaggebend für die narrative Theorie zur Konstitution des Selbst ist nach Ricoeur die Selbigkeit, sowie „diskordante Konkordanz“. Selbigkeit besteht aus drei Komponenten: Re-Identifizierung (numerisch) und größtmögliche Ähnlichkeit (quantitativ) des Selben, sowie ununterbrochene Kontinuität. (Ricoeur 1996:144,145) Der ununterbrochenen Kontinuität der Veränderung muss das Prinzip der

„Beständigkeit in der Zeit“ zugrunde liegen. (Ricoeur 1996:146,173,174) Konkordanz ist das Ordnungsprinzip, das nach Aristoteles die „Zusammensetzung der Handlungen“ beherrscht. (ebd.:174) Diskordanz sind Brüche oder „Wendungen des Schicksals, die die Fabel zu einer geregelten Transformation – von einer Ausgangssituation bis hin zu einer Endsituation – machen.“ (ebd.:174) Konfiguration ist die „Kompositionskunst“ der Fabel. Charakteristisch dafür ist die diskordante Konkordanz, definiert durch den Begriff der Synthese des Heterogenen. (ebd.:174)

In der Fabelkomposition (wie auch in der Erzählung der Lebensgeschichte) ist ein Ereignis gleichzeitig Quelle von Diskordanz, sowie von Konkordanz. Das Unerwartete, Überraschende, wird im nachträglichen Verständnis zum notwendigen Bestandteil der Geschichte. (ebd.:176) Dies entspricht Eriksons Verinnerlichung des Anderen, wobei das Andere das ist, was Diskordanz herbeiführt: Das Vorkommnis im Herzen des Ereignisses ist, was die vom bisherigen Verlauf der Ereignisse geschaffenen Erwartungen enttäuscht, das Unerwartete, Überraschende.

Ricoeurs Ausführungen über die Dialektik in der Fabelkomposition können auch auf die einzelne Figur in der Fabel übertragen werden:

Diese Dialektik besteht darin, daß auf der Ebene der Konkordanz die Figur ihre Einzigartigkeit aus der Einheit ihres Lebens schöpft – einer Einheit, die ihrerseits als selber einzigartige zeitliche und sich von jeder anderen unterscheidende Totalität angesehen wird. Dies ist das, was vorher mit Selbstheit beschrieben wurde. Auf der Ebene der Diskordanz wird diese

Totalität durch den Unterbrechungseffekt unvorhersehbarer Ereignisse bedroht. (Begegnungen, Zwischenfälle usw.) Die konkordant-diskordante Synthese bewirkt, daß die Kontingenz eines Ereignisses zur gewissermaßen nachträglichen Notwendigkeit einer Lebensgeschichte beiträgt, die mit der Identität der Figur gleichzusetzen ist. (ebd.:181,182)

Und nicht nur auf die Figur in der Fabel können sie angewendet werden, sondern auch auf das erzählte Ich in der Erzählung der eigenen Lebensgeschichte: Dabei müssen wir von der Annahme ausgehen, dass der Mensch von Ethik beeinflusst ist, einer Annahme die Ricoeur in seiner „humanen, Menschen-freundlichen“ Philosophie vertrat: „Wie könnten (...) ein Handlungssubjekt seinem eigenen, als Ganzes genommenen Leben eine ethische Qualifikation verleihen, wenn dieses Leben nicht zusammengefaßt wäre, und wie könnte es zusammengefaßt sein, wenn nicht genau in Form einer Erzählung?“ (Ricoeur 1996:194) Er erklärt die Verbindung zwischen Narrativität und Ethik, indem er auf Walter Benjamin verweist, der die Kunst des Erzählens auf die Kunst des „Erfahrungsaustauschs“ zurückführt. Mit Erfahrung ist dabei die „alltägliche Ausübung praktischer Weisheit“ gemeint. „Im Erfahrungsaustausch, den die Erzählung herbeiführt, werden alle Handlungen gutgeheißen oder mißbilligt und die Handelnden gelobt oder getadelt.“ (Ricoeur 1996:201) Erzählungen dienen also auch dazu, Gut und Böse zu unterscheiden. (ebd.:201) Es sind aber einige Unterschiede zwischen dem erzählten Ich[5] in einer Lebensgeschichte und der Figur in einer Fabel zu beachten. Unter anderem ist der Erzähler der eigenen Lebensgeschichte zwar Erzähler und Figur zugleich, ist aber höchstens Co-Autor, da sein Leben auch von der Umwelt beeinflusst wird. Außerdem ist das Interview eine soziale Situation. Zudem mangelt es dem Leben an „literarischer Abgeschlossenheit“, da der Anfang und das Ende offen sind. Und die eigene Lebensgeschichte ist mit den Lebensgeschichten anderer verstrickt, wobei die narrative Einheit des Lebens verloren geht. Andererseits enthalten die Erzählungen in Vergangenheitsform aber viele Elemente, die auf die Zukunft ausgerichtet sind, wie Entwürfe, Erwartungen, etc. Somit wird die Erzählung „kompletter“, da sie auch auf eine mögliche Zukunft hinweist, weshalb man doch von einer narrativen Einheit des Lebens sprechen kann. Die Form der narrativen Erzählung und die der Lebensgeschichte sind ineinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Die narrative Erzählung „kehrt ins Leben zurück“. (ebd.:196-200)

So, wie Ricoeur beschreibt, dass einem Ereignis im Nachhinein die Qualifikation verliehen wird, dass es notwendig für die Geschichte war, beschreibt Erikson die für die Identitätsbildung konstitutive Praxis der nachträglichen Sinngebung . Und zwar zum einen durch Andere, denn die Identitätsbildung hängt damit zusammen, dass die Gesellschaft „den jungen Menschen identifiziert, indem sie ihn als jemanden annimmt und anerkennt, der so werden mußte, wie er ist.“ (Erikson 1973:140) Zum anderen durch das Ich: „Das Gefühl der Ich-Identität ist (also) das angesammelte Vertrauen darauf, daß der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität (...) aufrechtzuerhalten. (Erikson 1993:107) Da eine narrativ-biographische Erzählung in einem aktuellen zeitlichen und sozialen Kontext steht, muss sie je nach Kontext neu konstruiert werden. Wir schreiben die vergangenen Ereignisse so um, dass sie „der Aufrechterhaltung eines positiven Identitätsgefühls dienen, Kohärenz und Integrität wahren und die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz absichern“, sowie um uns sozial anzupassen. Wir belegen ein Ereignis im Nachhinein neu mit Sinn und Motivation. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:22,30) Dieses Einordnen und Umordnen der Ereignisse in die aktuelle Geschichte bezeichnet man als „Emplotment“. (ebd.:22) Wird ein Ereignis als motiviert beschrieben, spricht man von Agency: Das Aktantenmodell, ursprünglich von Greimas entwickelt, (Ricoeur 1996:179) hilft bei der Analyse der narrativen Identität. Eine Lebensgeschichte kann damit unter anderem auf Agency, also Handlungsoptionen und Handlungsinitiativen oder auf Widerfahrnis untersucht werden. Dadurch, dass der Erzähler erklärt, weshalb er sich für eine von mehren Handlungsoptionen entschieden hat, eine Handlungsinitiative ergriffen hat, stellt er sich als Akteur dar. Als Widerfahrnis wird dagegen das Ereignis bezeichnet, das nicht aktiv angestrebt wurde, also oft vor allem etwas, das nicht als sinnvoll betrachtet werden kann. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:59)

Lucius-Hoene und Deppermann bezeichnen Kontinuität und Kohärenz als die strukturellen Aspekte von narrativer Identität. Qualitative Aspekte dagegen sind Eigenschaften, Gruppenzugehörigkeiten, etc., Bezieht man sich auf Ricoeur, wären diese qualitativen Eigenschaften mit dem in der Zeit beständigen Charakter zu vergleichen, und haben daher auch „numerischen“, also strukturellen Charakter. (n- mal wieder identifizierbar) Kohärenz ist hier mit Ricoeurs Konkordanz zu vergleichen. Sie bezieht sich auf die „innere Stimmigkeit“ der Person, also wie die unterschiedlichen Teilidentitäten in einer einzigen Person integriert sind. Dabei müssen diese integrierten Identitäten kein rundes Ganzes ergeben. Es können sich auch fraktale oder polyzentrische Identitäten herausbilden. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:48,49) Der strukturelle Aspekt der narrativen Identität hat eine temporale Dimension: Bei der Untersuchung der Erfahrung der Lebenszeit können verschiedene narrative Modelle unterschieden werden. So z. B. das lineare, bei dem ein Ereignis logisch dem nächsten folgt, das zirkuläre, bei dem das Gewesene immer wieder retrospektiv im Hinblick auf den gegenwärtigen Zustand konstituiert wird, das statische oder das fragmentarische, also das ungeordnete, das jeder Kategorisierung und Bewertung von Erfahrung entgeht, oder eine Kombination verschiedener Modelle. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:58)

Das Verhältnis von erzähltem und erzählendem Ich zeigt sich in mehreren Aspekten: Der Erzähler nimmt eine doppelte Zeitperspektive ein: Er kann sich zwischen zwei Darstellungsmodi bewegen und diese mischen: der erzählten Zeit und der Erzählzeit. (ebd.:25) In der Erzählzeit ist er sein erzählendes Ich, er macht von Emotionsausdruck Gebrauch, in der erzählten Zeit findet sich sein erzähltes Ich und beschriebene bzw. thematisierte Emotionen. (ebd.: 38,60) Zum Beispiel kann der erwachsene Erzähler mit traurigem Gesichtsausdruck von einer Handlung berichten, auf die er als Jugendlicher besonders stolz war, seine damalige Freude beschreiben, und dabei erklären, dass er diese aus heutiger Sicht für töricht hält. Damit distanziert er das erzählende Ich vom erzählten Ich. (ebd.:38)

Als erzählerische Ressourcen dienen primäre Bezugspersonen, verschiedenste Institutionen, Wissenschaftsbestände, etc. Alles, was uns narrative Schemata und Themen anbietet, (ebd.:42) also was uns hilft, Sinn und Kohärenz in unsere Lebensgeschichte zu bringen. Die Interviewsituation ist Ort der Identitätsbildung. Daher sind auch die identitätsstiftenden Attribute und identitätskonstitutiven Ressourcen der Kindheit und Jugend (siehe Punkt 2. Identitätsbildung) erzählerische Ressourcen. Dies wird als soziale Dimension der Erzählung bezeichnet. Individuelle Erfahrung wird durch das zurückgreifen auf diese Ressourcen in kulturell vorgeprägte Muster eingebunden, was z. B. durch die Wahl eines bestimmten Sprachstils vermittelt wird. (Lucius-Hoene / Deppermann 2002:65,66) Damit positioniert sich der Erzähler sozial. Dabei kann er Selbst- und Fremdpositionierungen vornehmen: Er kann sein erzähltes Ich, dessen Interaktionspartner in der Geschichte, sowie sich selbst und die Zuhörerin in der Erzählsituation positionieren (ebd. 63) Die Weltkonstruktion ist Konstruktion, Kategorisierung und Qualifizierung, entsprechend der Relevanz für den Erzähler (ebd. 63,64) Nach Ricoeur ist das Qualifizieren und Kategorisieren deshalb konstitutiv für die Identitätsbildung, weil es Zeichen der ethischen Einstellung, nämlich der „Ausrichtung auf ein gutes Leben“ ist, der Basis von Identitätsbildung. (Ricoeur 1996:210)

3.3. Das Interview als soziale Situation

In den Interviews dieser Arbeit bin ich, bzw. sind die Leser das Publikum. Eine Erzählung kann eher kontextorientiert, also innerhalb eines übergeordneten Diskurses stehen, oder auf den Hörer ausgerichtet sein, so dass sich der Interviewte auf die Erwartungshaltung des Interviewers einstellt. Oder sie kann im Dienste des Erzählers stehen. Meist ist es eine Mischung aus zwei oder drei der Ausrichtungen. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:43,44) Dass sich der Erzähler der sozialen Situation bewusst ist, erkennt man z.B. am öffnen von Slots für den Zuhörer, es wird ausgetestet, inwieweit dieser bereit ist, den Darstellungen zu folgen. (ebd.:38) Versteht der Interviewte z. B. eine Frage nicht, bzw. reagiert nicht, so muss dies auch als eine Aussage gewertet werden. (Lenz 1993:10) Denn er ist sich bewusst, dass er in einer sozialen Situation ist. Das Interviewgespräch kann als ein Tauschakt angesehen werden. Der Nutzen für den Interviewten kann vielgestaltig sein. Das Publikum übernimmt unter anderem die Funktion der sozialen Anerkennung, was sich daran zeigt, dass der Erzähler versucht zu unterhalten, also z. B. durch rhetorische Mittel Höhepunkte zu schaffen, sich als Experte darzustellen, etc.. (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:33,88) Zum Anderen kann der Nutzen darin liegen, dass der Interviewte für seine persönlichen Belange eintreten kann, oder darin, dass das Interview eine Möglichkeit ist, seine Lebensgeschichte neu zu reflektieren. Für diesen Tauschakt ist gegenseitiges Vertrauen nötig. (Lenz 1993:5,6) Den Nutzen, den der Erzähler aus seiner Erzählung zieht, kann man die selbstbezügliche Dimension (Lucius-Hoene / Deppermann 2002:67) der Erzählung nennen:

Solange wir Erinnerungen und aktuelle Erfahrungen nur für unsere eigene Selbstverständigung abgleichen müssen, können wir sie in unserer jeweiligen Bedürfnislage einpassen und vieles unhinterfragt lassen. Ein Publikum, von dem wir verstanden werden wollen, zwingt uns jedoch zur Mitteilung intersubjektiv nachvollziehbarer und plausibler Zusammenhänge, es verlangt Verdeutlichungen und Festlegungen und setzt uns der Beurteilung ihrer Überzeugungskraft aus. (Zwang zur Kondensierung,, also Auswahl von

Relevantem, Detaillierung und Gestaltschließung, also Erstellen eines Gesamtzusammenhanges) (Lucius-Hoene / Deppermann 2002:36)

Unterscheidbar sind explizite, implizite und eigentheoretische Formen des Selbstbezugs. Mit eigentheoretisch ist die Konstruktion von Theorien gemeint, die bestimmte Aspekte der eigenen Lebensgeschichte zu erklären versuchen. (ebd.:69) „Autoepisthemische Prozesse“ werden die Aspekte des Interviews genannt, bei denen durch Erzählen Erlebtes verarbeitet werden kann, bisher kaum reflektierte Konflikte aufgedeckt werden können und der Erzähler einen ‚Mehrwert’ produzieren kann, indem er vor allem durch die Einbeziehung des Hörers zur Erinnerungsarbeit gezwungen ist. (Wiedergewinnung von Details und neue Assoziationen, Anpassung in neue soziale Kontexte) Autoepisthemische Prozesse zeigen sich im Interview z. B. durch Spannungen oder Konflikten zwischen erzähltem und erzählendem Ich, Detaillierungszwang, „Unordnung“ in der Erzählstruktur mit Reformulierungen, Pausen, grammatikalisch unkorrekter Satzfortführung, etc. oder auch durch argumentative und eigentheoretische Einschübe. (ebd.:70-73)

„Die Versprachlichung unserer Erinnerungen in Anpassung an den jeweiligen Erzählkontext wirkt sich wiederum darauf aus, wie sie in Zukunft in unserem Gedächtnis bewahrt werden.“ (Lucius-Hoene/Deppermann 2002:31) So kann es passieren, dass sogar zentrale Teile unserer Lebensgeschichte neu konstruiert werden, wenn sich unsere Lebenssituation schwerwiegend ändert. ( ebd.:31)

4. Hintergrundrecherche für mögliche Themenfelder

Interviewfragen sollen die Vergleichbarkeit der Interviews gewährleisten. Diese Fragen werden sich an Hypothesen zu den Themenfeldern chinesische Migration und westliche und chinesische Künstler orientieren. Die Hintergrundrecherche zu diesen Themenfeldern dient nicht nur dazu, Fragen zusammenzustellen. Das Hintergrundwissen hilft auch, zu vermeiden, dass manche Aspekte der Erzählungen von mir unbewusst übergangen werden, da ich keine Anhaltspunkte habe, mit deren Hilfe ich diese Aspekte kategorisieren könnte.

4.1. Migration

4.1.1. Allgemein

Für die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte wurde die Migration nur in ihren spezifischen Ausprägungen wahrgenommen, wie Reisen, Eroberung oder Flucht. Da der Begriff „Migration“ ein so großes Spektrum an Phänomenen abdeckt, ist es schwierig ihn klar zu definieren. Die allgemeine Bezeichnung für ethnische Chinesen, die außerhalb Chinas leben ist 'A (haiwai huaren). (huaqiao) werden diese genannt, wenn sie einen chinesischen Pass besitzen. (Pan 1999:104,105) Allerdings wurde der Begriff huaqiao politisch aufgeladen. Er wurde von der chinesischen Regierung popularisiert, um die Loyalität der Chinesen zu ihrem Vaterland zu fördern. (Wang 1996:3) Für Chinesische Migration gibt es eine Fülle von Bezeichnungen: „Sojourning“, also der zeitlich begrenzte Aufenthalt entfernt von der Heimat, war für die längste Zeit die einzig akzeptable Selbst- und Fremdbezeichnung in den Augen der Chinesen, die im Ausland lebten. Dies hatte verschiedene Gründe, unter anderem weil andere Formen der Migration eher negativ besetzt waren. Zum einen die von Autoritäten angeordnete unfreiwillige Migration, yimin shibian, die Umsiedlung aus Gründen der Grenzverteidigung, und yimin tongcai, die Umsiedlung wegen Hungersnöten oder Naturkatastrophen. „Freiwillige Migration war auch negativ besetzt, und zwar mit dem Begriffen liumin, für Menschen die aus anti-sozialem, verantwortungslosem Verhalten heraus die Heimat verließen, wie z. B. Verbrecher. (Wang 1996:2-4) Seit der Ming-Dynastie (1368-1644) bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Emigration sogar offiziell verboten. (Wang 1996:6) Es hatte sich also eine „Sojourner-Mentalität“ entwickelt, mit einer Einstellung, dass man sich nur temporär im Ausland aufhält, und früher oder später wieder nach China zurückginge. Und zwar selbst bei Chinesen, die über Generationen im Ausland lebten. (Wang 1996:11) Erst mit der Festigung der Nationalstaaten nach 1945, setzte sich auch eine Mentalität der Migration[6], mit dem Ziel sich niederzulassen, bei den Chinesen durch. Denn: „If they decided to settle and become citizens of the newly independent states, they had to convince the national government of their change of loyalties.” (Wang 1996:10) Für die Festigung der Nationalstaaten, auch Taiwans und der VRCh, war es nötig, zwischen deren Bürgern und „Fremden“ zu unterscheiden. (Wang 1996:9-11) Eine jüngere Gruppe von gebildeten, ethnischen Chinesen profitiert von der Globalisierung von Handel, Finanz und Kommunikation, unter der Vorraussetzung, dass sie mobil sind. Diese Entwicklung führte wieder zu einer Zunahme der Sojourner-Mentalität. Durch ihre hohe Mobilität sind sie immer nur zu Gast, durch die neue Kommunikationstechnologie können sie den Kontakt zu China über lange Zeit hinweg aufrechterhalten. (Wang 1996:13,14) Generell kann zwischen dem Chinesen, der nur temporär im Ausland lebt, dem Sojourner, und dem, der sich dort als Bürger niederlässt, auf zwei Arten differenziert werden. Ein Differenzierungsparameter ist die Staatsbürgerschaft, ein anderer die eigene Mentalität. Für diese Arbeit ist vor allem die Mentalität von Interesse. Selbst wenn ein ethnischer Chinese die Österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat, kann es sein, dass er sich eine Sojourner-Mentalität bewahrt.

Migration is a profound biographical event that engrains on many migrants a new cosmopolitan attitude: their life, social environment and aspirations will never again be limited to just one place. Once on the move, many migrants, even those who have returned home, never reach a final destination, but can always move on if the conditions are right. (Pieke 2004:8)

4.1.2. Heterogene Diaspora

„Die Kultur des Fremden ist per definitionem immer schon homogener als die unsrige, denn diese Homogenitätsunterstellung ist Bedingung der Möglichkeit des Zugangs zum Fremden.“ (Wehlte 2002:44) Spricht Wehlte von Fremdkultur, so spricht er als Forscher im Territorium einer fremden Kultur. Man kann seine Aussage aber genauso auf die umgekehrte Situation beziehen, also darauf, wie z. B. ein Europäer einen Chinesen, der sich in Europa befindet, betrachtet. Ronald Skeldon kritisiert, dass „die chinesische Diaspora“ als homogene Einheit gesehen wird, deren Teile untereinander vernetzt sind. Er nennt dies eine orientalistische Sichtweise, z. B. auf Grund der Stereotypisierung chinesischer Migranten, und wegen der Einordnung von Chinesen im Ausland weniger als Siedler (settlers) sondern eher als Gäste (sojourners), die sich nicht in die Gastgesellschaft integrieren und vorhaben früher oder später wieder nach China zurückzukehren. (Skeldon 2001:111-113) Auch an der Sprache erkennt man, wie heterogen die chinesische „Diaspora“ ist. So stammen die meisten Auslandschinesen aus verschiedenen Teilen Guangdongs, Fujians und Zhejiangs, und ihre Dialekte unterscheiden sich so stark, dass sie untereinander kaum verständlich sind. (ebd.:114) Zudem stammen die Migranten aus verschiedensten ökonomischen Verhältnissen. (ebd.:119)

[...]


[1] Auf die in der Einleitung angesprochenen Themen gehe ich im Laufe der Arbeit näher ein.

[2] Erikson schreibt, dass der „Begriff der Identität sich weitgehend mit dem deckt, was verschiedene Autoren das > Selbst« nennen“. (Erikson 1973:188)

[3] Die „Ethische Ausrichtung“ des Lebens beschreibt Ricoeur als „Ausrichtung auf das „gute Leben“ mit Anderen [autrui] und für sie in gerechten Institutionen“ (Ricoeur1996:210) Das „gute Leben“ sieht er, in Anlehnung an Aristoteles, praktisch, nämlich als „Gutes für uns“. (ebd.:211,214) Es ist „ein nebulöses Gebilde von Idealen und Erfüllungsträumen, angesichts deren ein Leben als mehr oder weniger erfüllt oder unerfüllt gilt“. (Ricoeur:218)

[4] Es gibt auch Künstler, denen es in ihrem Schaffen gerade um Sinnlosigkeit geht. Dann ist aber

[5] Siehe weiter unten.

[6] Wang Gungwu stellt die Frage, ob Sojourning als ein Aspekt von Migration gesehen werden soll, oder ob Sojourning und Migration zwei Phasen bezeichnen, wobei Sojourning die erste Phase ist. (Wang 1996:14)

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Migration und Identität - Chinesische Künstler in Wien
Hochschule
Universität Wien  (Sinologie)
Note
gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
104
Katalognummer
V132148
ISBN (eBook)
9783640377084
ISBN (Buch)
9783640377190
Dateigröße
1033 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ricoeur, Identitätsbildung, Erikson, Überseechinesen, Overseas Chinese Studies, Künstler, Sinnstifter, Kultur, Luhmann, Lucius-Hoene, Deppermann, narrativ-biographisches Interview
Arbeit zitieren
Mag. Katharina Steiger (Autor), 2008, Migration und Identität - Chinesische Künstler in Wien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132148

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