In der vorliegenden Arbeit soll die Margareten-Handlung in Faust I untersucht werden und dabei ihre Rolle für das Verständnis des Dramas als Tragödie aufgezeigt werden. Wie die Figur des Fausts hat auch Margarete eine historische Vorlage. Hintergrund der Margareten-Tragödie war die öffentliche Exekution der Kindsmörderin Susanna Margareta Brandt 1772 in Frankfurt. Goethe verfolgte den Prozess und war vermutlich auch bei der Enthauptung dabei. Das Schicksal Margareta Brandts, welche auch namensgebend für Goethes weibliche Hauptfigur war, scheint Goethe somit ganz klar zur Margareten-Tragödie in Faust I inspiriert zu haben.
Im Folgenden werde ich diese anhand verschiedener Aspekte erläutern, um zu klären, inwiefern man von Margarete als eine tragische Figur sprechen kann. Dabei soll zunächst die Bedeutung des Prologs im Himmel für die Margareten-Tragödie untersucht werden. Im Anschluss daran soll auf die unterschiedlichen Namen der weiblichen Hauptfigur eingegangen werden: Es soll erörtert werden, ob die Tatsache, dass sie von ihren Mitfiguren und – das ist das eigentlich Interessante – in den Regieanweisungen unterschiedlich benannt wird, für eine Dopplung oder gar Spaltung ihrer Persönlichkeit steht. Des weiteren soll mit Hilfe der Betrachtung der Margareten-Handlung und der Lieder innerhalb des Dramas untersucht werden, ob Margarete determiniert ist (was Tragik ja ausschließen würde) oder ob sie ein freies, autonomes Subjekt ist, und somit die Bedingung für ihre Schuldfähigkeit und damit für die Tragödie gegeben sind: Insbesondere die Betrachtung der finalen Kerkerszene soll in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bedingungen für Tragik in der klassischen Tragödie
3. Der Prolog im Himmel als Voraussetzung für die Margareten-Tragödie
4. Die Margareten-Handlung
4.1 Margarete / Gretchen – Spaltung der Person?
4.2 Ist Margarete determiniert oder ist sie ein Subjekt? Untersuchung der Margareten-Handlung und der Lieder
4.3 Die Kerkerszene: die Tragik der Margareten-Handlung in ihrer Funktion für die Faust-Handlung
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Margareten-Handlung in Johann Wolfgang Goethes "Faust I", um zu erörtern, inwiefern Margarete als tragische Figur verstanden werden kann und welche zentrale Rolle ihr Schicksal für den Status des Dramas als Tragödie einnimmt.
- Die Bedeutung des "Prologs im Himmel" als metaphysischer Rahmen für die Tragik.
- Die Analyse der Namensgebung (Margarete vs. Gretchen) als Indiz für Persönlichkeitsentwicklung.
- Die Rolle der Lieder als Ausdruck der Wandlung vom determinierten Objekt zum autonomen Subjekt.
- Die Funktion der finalen Kerkerszene für die Emanzipation der Figur und ihre moralische Eigenverantwortung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Margarete / Gretchen – Spaltung der Person?
Die Protagonistin des ersten Teil des Faust-Dramas wird sowohl von ihren Mitfiguren als auch – und dies ist das eigentlich Interessante – in den Regieanweisungen des Stückes mal mit ihrem vollen Namen Margarete, mal mit ihrem Kosenamen Gretchen bezeichnet. Das bedeutet, dass sie nicht nur in der Ebene des Spiels, also der vorgestellten Welt, sondern auch auf der Ebene des Diskurses unterschiedlich benannt wird. In den Szenen Straße, Abend, der Nachbarin Haus, Garten, Gartenhäuschen trägt die Protagonistin den Namen Margarete, in der Szene Stube wird sie zum ersten Mal mit ihrem Kosenamen Gretchen bezeichnet, in der darauf folgenden Szene Marthas Garten ist sie wieder Margarete, in den Szenen Brunnen, Zwinger, Nacht / Straße vor Gretchens Tür, Dom wird sie wiederum zu Gretchen, um schließlich in der finalen Szene Kerker erneut zu Margarete zu werden.
Auffällig ist, dass die Protagonistin den Namen Margarete trägt, wenn sie als „glückliche Geliebte“ auftritt (mit der Ausnahme der Szene Stube, wo sie Gretchen genannt wird). Erst als die Liebe unglücklich geworden ist, als sich Faust von ihr abwendet, wird die Protagonistin als Gretchen bezeichnet. Auch hierbei gibt es eine Ausnahme: in der Finalszene Kerker, auf die ich später noch ausführlich eingehen werde, wird sie in der Regieanweisung als Margarete bezeichnet. Es ist also offenkundig so, dass die unterschiedliche Benennung einer Systematik folgt, die jeweils von der An- oder Abwesenheit Fausts und dem jeweiligen Stand der Liebesgeschichte abhängt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung gibt einen historischen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Faust-Dramas und stellt die Forschungsfrage nach der Rolle der Margareten-Handlung für die Tragik des Werkes.
2. Bedingungen für Tragik in der klassischen Tragödie: Dieses Kapitel erläutert die aristotelischen Grundlagen der Tragödie, insbesondere die Konzepte von Handlung, Fehlhandlung (Harmatia) und das Erfordernis eines freien Subjekts.
3. Der Prolog im Himmel als Voraussetzung für die Margareten-Tragödie: Es wird analysiert, wie die Wette zwischen Gott und Mephistopheles den metaphysischen Rahmen schafft, der die Figuren determiniert und den Weg zur Tragödie ebnet.
4. Die Margareten-Handlung: Dieser Hauptteil analysiert die Identitätsentwicklung Margaretes durch ihre unterschiedlichen Namen, die Bedeutung ihrer Lieder sowie ihre Emanzipation und Selbstverantwortung in der Kerkerszene.
5. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, dass Margarete das tragische Prinzip des Werkes verkörpert und durch ihr autonomes Handeln die Faust-Handlung erst zur vollen tragischen Dimension erhebt.
Schlüsselwörter
Faust I, Johann Wolfgang Goethe, Margareten-Handlung, Gretchen, Tragödie, aristotelische Poetik, Subjektivierung, Harmatia, Prolog im Himmel, Kerkerszene, Stellvertretung, Autonomie, Schuld, Erlösung, Dramentheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Margareten-Handlung in Goethes "Faust I" und analysiert, wie diese Figur zur tragischen Dimension des Dramas beiträgt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Bedingungen für Tragik, die Namenssemantik der Figur (Gretchen/Margarete), die Analyse der Lieder sowie das Verhältnis von Determiniertheit und menschlicher Autonomie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Margarete im Laufe des Dramas vom determinierten Objekt zu einem autonomen, handelnden Subjekt reift, das die Verantwortung für seine Taten übernimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die unter Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur die Szenenfolge, die Symbolik und die dramaturgische Struktur des Textes interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Interpretation der Namenswechsel, der Analyse der gesungenen Lieder ("König in Thule", "Meine Ruh ist hin") und der Untersuchung der finalen Kerkerszene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Margareten-Handlung, Autonomie, Tragik, Schuld, Erlösung und dramatische Struktur charakterisieren.
Wie verändert sich die Bezeichnung der Protagonistin im Verlauf des Dramas?
Der Wechsel zwischen "Gretchen" und "Margarete" korreliert mit dem Status ihrer Liebesbeziehung zu Faust sowie ihrer Entwicklung von einem naiven "Naturkind" zu einer moralisch eigenverantwortlichen Persönlichkeit.
Welche Bedeutung kommt dem Lied "Meine Ruh ist hin" zu?
Das Lied wird als "luzide Selbstaussprache" interpretiert, in der Margarete ihre innere Zerrissenheit und ihre Sehnsucht reflektiert, was ihre Entwicklung zum handelnden Subjekt unterstreicht.
Warum spielt die Kerkerszene eine entscheidende Rolle für die Tragik?
In der Kerkerszene beweist Margarete durch ihre Ablehnung der Flucht mit Faust, dass sie nicht mehr determiniert handelt, sondern zu ihren Taten steht, wodurch sie ihre tragische Größe erlangt.
Inwiefern ist Faust für das Schicksal von Margarete verantwortlich?
Die Arbeit stellt dar, dass Faust zwar durch seine Verführung den Prozess auslöst, Margarete jedoch durch ihre eigenständige Entscheidung vor dem göttlichen Gericht ihre individuelle Verantwortung wahrnimmt.
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- Nina Armbruster (Author), 2007, Die Margareten-Handlung in Goethes Faust I:, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132164