Über den Roman "Sin Rumbo" von Eugenio Cambaceres

Inwieweit trägt der städtische Raum zur Entfremdung des Individuums bei?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung:

2. Der historische Hintergrund des Werkes

3. Das städtische Milieu
3.1 Die Garçonnière
3.2 Andrés’ Zweitwohnung
3.3 Der Club del Progreso
3.3.1 Vergleich mit La gran aldea
3.4 Das Hotel de la Paz
3.5 Das teatro Colón
3.5.1 Vergleich mit La gran aldea
3.5.2 Vergleich mit En la sangre
3.6 Die Straßen

4. Die Entfremdung des Individuums im städtischen Raum – Andrés als Repräsentant des modernen Menschen

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

1. Einleitung:

Im Vorwort der Cátedra-Ausgabe von Eugenio Cambaceres´ Roman Sin Rumbo führt der Herausgeber Claude Cymerman ein Schopenhauer-Zitat an: „Vivir es querer y querer es sufrir: luego la vida es por esencia dolor“[1]. Andrés, der Protagonist von Sin rumbo, scheint mit diesem Schmerz bestens vertraut. Von sich selbst entfremdet, stets auf der Suche nach etwas, das ihn von seinem Leiden ablenkt oder gar erlöst, erweist sich sein seelischer Zustand als tragendes Motiv des gesamten Romans.

In dieser Arbeit soll erörtert werden, was die Ursachen für diese Entfremdungssituation sind. Zum einen stellt sich die Frage, auf welche Weise der städtische Raum – sprich das städtische Milieu, welches Andrés bei seinem Aufenthalt in Buenos Aires umgibt – zur Entfremdung des Individuums beiträgt. Vergleiche mit der Darstellung bestimmter städtischer Milieus in anderen zeitgenössischen Werken sollen darüber hinaus zeigen, inwieweit sich der städtische Raum zum Ende 19. Jahrhunderts im Sinne eines historischen moment selbst als Raum der Entfremdung darstellt, und somit den Protagonisten Andrés als Repräsentant einer ganzen Generation determiniert.

2. Der historische Hintergrund des Werkes

Eugenio Cambaceres schrieb und veröffentlichte sein Werk im Jahre 1885, zu einer Zeit also als Argentinien eine Epoche großer Umbrüche durchlief. Ab den fünfziger Jahren veränderten sich – zunächst vor allem von den ländlichen Gebieten ausgehend – die sozialökonomischen Strukturen. So wurden neue technische Verfahren eingeführt, insbesondere im Bereich der Kühlung, um die Landwirtschaft für den Export ertragreicher zu gestalten. Diese zunächst auf das Land beschränkten Modernisierungsprozesse hatten auch starken Einfluss auf Buenos Aires, das nun am weltweiten Kapitalismus teilnahm. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich Buenos Aires von einer eher dörflich strukturierten Stadt zur Metropole, zum „París de América del Sur ingresando a la modernidad de las metrópolis europeas y a su cultura“[2]. Durch diesen raschen Wandel der argentinischen Hauptstadt, welche die aus Europa stammenden ökonomischen und kulturellen Strömungen absorbierte, öffnete sich eine Kluft zwischen dem fortschrittlichen Buenos Aires und der Pampa, die an den alten, traditionellen Werten festhielt und vergleichsweise sehr rückständig blieb[3]. Diesen Unterschied zwischen der fortschrittlichen Stadt und dem traditionellen, eher kolonial strukturierten ruralen Gegenden spiegelt sich auch deutlich in Sin rumbo wider. Bei seiner Rückkehr von Buenos Aires aufs Land ertrinkt Andrés beinahe im Fluss: ein Unfall, der sich nur aufgrund der fehlenden Straßen auf dem Land ereignen konnte und somit die angeführte Rückständigkeit dokumentiert.

Zu der Zeit, in welcher der Roman spielt, waren die reichen Großgrundbesitzer, denen auch Andrés angehört, die herrschende Elite des Landes. Sie vertraten neue, damals fortschrittliche Werte wie den Positivismus, eine philosophische Strömung des 19. Jahrhunderts, deren Begründer und wichtigster Vertreter August Comte war. Die Erkenntnisse des Positivismus beschränken sich sind auf empirisch beobachtbare Phänomene und so bildet die Evolutionstheorie Darwins bei der weiteren Entwicklung zum soziologischen Positivismus einen wichtigen Bezugspunkt. Dieser stellte die These auf, dass das Zusammenspiel von Organismus und Milieubedingungen zu einer natürlichen Auslese führt, die das Überleben der am besten angepassten Spezies gewährleistet. Durch Herbert Spencer fand diese Theorie eine Übertragung auf menschliche und gesellschaftliche Sphären. Dies führte zu einer Rassenlehre, nach der sich die europäische Rasse global gesehen an oberster Stelle befand[4].

Die Anwendung dieser Theorie, welche völlig von der Tradition der christlichen Schöpfungsgeschichte abweicht, zeigte sich in Argentinien beispielsweise in der schlechten Behandlung von Immigranten. Durch die florierende Wirtschaft, den technischen Fortschritt, das Wachstum, und die stark zunehmenden Anzahl von Immigranten kam es zu einer Erschütterung der Moral und der alten Werte und somit zum Aufkommen neuer sozialer Probleme. Die Kehrseite des Fortschritts war eine Identitätskrise des modernen Menschen, der mit dem raschen Wandel nicht Schritt halten konnte[5]. Dies lässt sich auch deutlich am Zustand von Andrés ablesen, der überhaupt nicht mehr weiß, ob er sich zur alten Klasse der Großgrundbesitzer oder zur modernen bonaerensischen Oberschicht zugehörig fühlen soll. Er kann sich weder in die traditionell orientierte ländliche Gesellschaft, noch in die fortschrittliche, städtische Gesellschaft eingliedern. Das Resultat ist ein Phänomen, das man getrost als generationsbedingtes Symptom bezeichnen kann: eine Entfremdung von sich selbst und von den Menschen seines Umfelds.

3. Das städtische Milieu

Wie Andreas Mahler in seinem für die Thematik äußerst fruchtbaren Aufsatz deutlich macht, ist die literarische Stadtkonstitution ein äußerst verbreitetes Verfahren der Stadtdarstellung in Romanen. Bei der referentiellen Stadtkonstitution werden explizit der Name einer realen Stadt oder einzelner Elemente wie Straßen oder Plätze genannt, so dass der Leser sein Wissen darüber abrufen kann. Bei der semantischen Stadtkonstitution werden verschiedene semantische Merkmale der Stadt genannt, es werden also verschiedene Gebäude, Straßen oder Plätze beschrieben. In der Regel werden in der Literatur beide Verfahren miteinander kombiniert, da eines dieser Verfahren allein nicht ausreichend ist, um eine Stadt ausreichend wiederzugeben[6]. So liegt auch in Sin rumbo eine Mischung aus referentieller und semantischer Stadtkonstitution vor, je nach Raum allerdings in unterschiedlicher Gewichtung. Manche Räume wie Andrés’ Garçonnière oder das teatro Colón werden beispielsweise sehr ausführlich beschrieben, wohingegen bei anderen Räumen wie dem Club del Progreso allein der Name ausreichen muss, um beim Leser die entsprechenden Konnotationen hervorzurufen. Im Folgenden werde ich die Darstellung des städtischen Milieus in Sin rumbo untersuchen, um bewerten zu können, welche Funktionen die städtischen Räume für Andrés haben und inwieweit sie zu seiner Entfremdung beitragen.

3.1 Die Garçonnière

Bei der Beschreibung der Garçonnière, der Junggesellenwohnung von Andrés in Buenos Aires, fällt zunächst auf, dass darin eine Mischung aus referentieller und semantischer Stadtkonstitution vorliegt. Zunächst wird Andrés’ Wohnung genau situiert: „En la calle de Caseros, frente al zanjeado de una quinta.“ (S. 140). Im Anschluss daran wird die Garçonnière durch die Nennung verschiedener semantischer Merkmale ausführlich beschrieben. Den Anfang macht dabei eine Beschreibung der Außenansicht der Garçonnière, die eher unscheinbar, ja fast heruntergekommen wirkt: „Sobre la madera apolillada de sus ventanas toscas y chicas, se destenguían aun los restos solapados de la pintura colorada del tiempo de Rosas.“ (S. 140). Vor allem durch den Verweis auf die Regierungszeit Rosas wird an eine längst vergangene Zeit erinnert und eine Verwahrlosung evoziert, die vor allem im Kontrast zu der luxuriösen Einrichtung der Innenräume der Garçonnière steht[7]. Dieser Kontrast fällt auch Andrés´ Geliebter Marietta Amorini bei ihrem ersten Besuch der Garçonnière auf und sie fragt Andrés nach dem Grund: „¿Por qué tan lindo aquí y tan feo afuera?“ (S. 141), woraufhin Andrés antwortet: „Porque es inútil que afuera sepan lo que hay adentro“ (S. 141). Damit wird deutlich, dass der Kontrast zwischen Inneneinrichtung und der Fassade der Garçonnière eine klare Intention hat: Andrés möchte nicht beobachtet werden, im Gegensatz zur neureichen Bourgeoisie hat er es nicht nötig, seinen Reichtum zur Schau zu stellen und damit zu protzen.

Die Beschreibung der Innenausstattung der Räume der Garçonnière kann als exemplarisch für den Geschmack der argentinischen Oberschicht des späten 19. Jahrhunderts angesehen werden. Es werden eine Reihe von Kunstgegenständen beschrieben, die durchaus als Zeichen guten Geschmacks und reichem Erbe betrachtet werden können: „[...] un lujo a la vez de mundano refinado y de artista caprichoso“ (S. 140). Die Beschreibung der Wohnung spiegelt Reichtum und Luxus wider, was unter anderem an der Aufzählung der Einrichtungsgegenstände aus teuren Materialien wie Seide oder Marmor sowie diversen Toilettenartikeln deutlich wird[8]. Die Darstellung der Wohnung erfolgt relativ neutral, der Erzähler hält sich bezüglich einer Wertung stark zurück. Allerdings ist in der Erwähnung der teilweise lasziven Motive wie „un grupo de Jupiter y Leda en tamaño natural“ (S. 140) oder „bronces obscenos de Pompeya“ (S. 140) eine implizite Kritik des Erzählers herauszulesen. Durch diese erotischen Konnotationen wird die Funktion der Wohnung charakterisiert: es handelt sich dabei nämlich um den Ort, an dem Andrés seine Geliebten empfängt: „Allí recibía Andrés a sus amigas; allí esperó a la Amorini.“ (S. 141). Durch die Verwendung des iterativen Imperfekts im ersten Satzteil schwingt gleichzeitig die Gewohnheit mit, mit der Andrés in seiner Garçonnière Frauen empfängt. Durch die Beschreibung der Garçonnière als Ort der Verführung mit den bereits erwähnten, zahlreichen erotischen Konnotationen, die ihren Höhepunkt in der Beschreibung des Betts finden („[...]una cama colchada de raso negro“ (S. 141)), wird Andrés’ Wohnung als unmoralisch und somit eher negativ gekennzeichnet. Zugleich wird jedoch auch deutlich, dass es sich bei Andrés nicht um einen typischen argentinischen Criollo handelt.

3.2 Andrés’ Zweitwohnung

Abgesehen von der Garçonnière, in der Andrés seine Geliebten trifft, besitzt der Protagonist von Sin rumbo noch eine weitere, offizielle Wohnung in Buenos Aires. Diese wird jedoch nicht situiert, sondern nur beschrieben, so dass bei der Darstellung dieser Wohnung eine semantische Stadtkonstitution vorliegt, die von Melancholie und Einsamkeit zeugt: „ Una vaga y misteriosa melancolía parecía flotar en la atmósfera de aquella casa inhabitada de soltero.“ (S. 163). Der Erzähler vergleicht die eher düster eingerichtete Wohnung sogar mit einem Grab: „Dominaba una impresión de soledad, de tumba, entre aquellos muros encerrados, los muebles severos, viejos, lóbregas, oscuras las alfombras, las colgaduras sombrías [...].“ (S. 163). Eine Beschreibung, die gut zu Andrés’ Stimmung passt und wohl auch genau in seiner Perspektive ihren Ursprung hat: unzufrieden mit seiner Situation in der Stadt isoliert er sich vom städtischen Milieu und verkriecht sich tagelang in seiner Wohnung, sogar ohne zu lesen[9]. An dieser Stelle wird Andrés’ Selbstentfremdung besonders deutlich, die in diesen Passagen beinahe romantische Züge trägt.

[...]


[1] Siehe Eugenio Cambaceres: Sin rumbo, Madrid 2005, S. 38. Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] Siehe Gioconda Marún, „Relectura de Sin Rumbo: floración de la novela moderna“, in: Revista Iberoamericana 52 (1986), S. 380.

[3] Marún, „Relectura de Sin Rumbo: floración de la novela moderna“, S. 379ff.

[4] Siehe Heinrich Schmidt / Georgi Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch (2 1. Aufl. / neu bearb. von Georgi Schischkoff), Stuttgart 1982, S. 550f.

[5] Marún, „Relectura de Sin Rumbo: floración de la novela moderna“, S. 381-385.

[6] Siehe Andreas Mahler, "Stadttexte - Textstädte. Formen und Funktionen diskursiver Stadtkonstitution", in: ders. (Hrsg.), Stadt-Bilder. Allegorie, Mimesis, Imagination, Heidelberg 1999, S. 11-36.

[7] „[El] interior hacía contraste con el aspecto miserable que de afuera el edificio presentaba.“ (S. 140).

[8] Weitere Belege hierfür: „[...] una espesa alfombra de Esmirna.“; „[...] viejas tapicerías de seda de la China, varios divanes se veían de un antiguo tejido turco.“; „[...] almohadones orientales arrojadas al azar[...].“ (S. 140) sowie „[...] mil pequeños objetos de toilette: tijeras, pinzas, peines, frascos, filas de cepillos de márfil.“ (S. 141).

[9] „Se encerraba en su casa; no leía.“ (S. 162).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Über den Roman "Sin Rumbo" von Eugenio Cambaceres
Untertitel
Inwieweit trägt der städtische Raum zur Entfremdung des Individuums bei?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Realismus uns Naturalismus im argentinischen Roman
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V132167
ISBN (eBook)
9783640419555
ISBN (Buch)
9783640419661
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanisch, Literatur, Argentinien, Realismus, Naturalismus, Roman, Cambaceres
Arbeit zitieren
Nina Armbruster (Autor), 2007, Über den Roman "Sin Rumbo" von Eugenio Cambaceres, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132167

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