Mythos ‚Tool’: Gedanken zu Werk und Image der US-amerikanischen Progressive Metal-Band Tool


Seminararbeit, 2008

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

“Our goal remains to touch our audience on a deep, psychological level.”

(Tool-Sänger Maynard Keenan)

Tool und das Image des Mysteriösen: Ein dekonstruierbarer Mythos

Kryptische Texte, beschwörender Gesang und obskure Theorien über versteckte mathemati-sche Formeln: Es ist der Ruch des Geheimnisvollen, mit dem die US-amerikanische Metal-band Tool behaftet ist. Die vier Kalifornier um Sänger Maynard Keenan haben sich ange-schickt, die Tradition des Progressive Rock auf zeitgerechte Weise fortzuschreiben und pfle-gen zugleich ein mysteriöses Image. Die Ingredienzien des Erfolgs sind schnell genannt: Eine auffällig reduzierte Medienpräsens trifft auf ein so kunstvolles, wie abstraktes Bandkonzept. Neben durchtriebenen Arrangements, düster-expressionistisch anmutenden Musikvideos und imposanten Bühneninstallationen, fügen sich aufwendig gestaltete Albencover zu einem ein-drucksvollen Gesamtkunstwerk zusammen. Wenngleich ein geschlossenes künstlerisches Konzept nicht eindeutig auszumachen ist. Insofern bliebe im Folgenden zu diskutieren ob der Modebegriff des Gesamtkunstwerks dem Schaffen von Tool gerecht wird.

„Thinking Man’s Metal“ hat Sänger Maynard Keenan die Musik von Tool einmal genannt.[1] Womit er die Arbeit seiner Band auch als Abkehr vom sogenannten Mainstream verstanden wissen möchte. Mainstream, damit sind hier vor allem jene - vornehmlich US-amerikanischen - Künstler gemeint, die sich der relativ unspezifischen Zeitströmung des New Rock[2] zuordnen lassen. Gefragt nach dem Einfluss von Tool auf die New Rock-Szene, winkt Keenan ent-schieden ab:

“When I see these loud, goofy posturing idiots jumping up and down, more concerned about their hairdots than their music, it’s just we do not do that, what am I missing? There’s nothing to this music that moves me, or compels me to want to sit down and listen to it, which is unfortunate.”[3]

Der hier zur Sprache gebrachten Distanzierung vom Mainstream-Rock, steht ein klares Be-kenntnis zur Tradition des Progressive Rock gegenüber. Stellt man „Progressive Rock“ als Sammelbegriff für verschiedene Spielarten künstlerisch ambitionierter Rockmusik voran, läßt sich der Stil von Tool als Mischform dreier Subgenres beschreiben. Neben der Rückbindung an die Zeitströmung des Psychedelic Rock finden sich ebenso Elemente des Art Rock, wie Einflüsse der noch jungen Progressive-Metal Szene. Die Band selbst betrachtet ihr Schaffen als Weiterführung dessen, was Progressive-Pioniere wie King Crimson, Emerson Lake and Palmer oder Yes Anfang der siebziger Jahre auf den Weg gebracht haben. In der Grundten-denz eint diese frühen Vertreter des Genres die Aspiration, Rockmusik mit Kunstanspruch zu kreieren. Die stilprägenden Merkmale, wie die oft epische Länge der Stücke oder die komple-xe rhythmische Struktur derselben, pflanzen sich auf den Tool-Alben nahtlos fort. Der feine Unterschied liegt indes in der emotionaleren Auslegung der „intellektualisierten Rockmusik“, wie die Band erklärt:

Do you consider making a record as producing a piece of art? Absolutely, there’s an artistic approach to this music. I think speaking in terms of what would be considered progressive rock, say Pink Floyd or King Crimson, or bands like Yes. I think we’re picking up what they left off. [...] I think what Tool brings to this kind of music is more heart, more emotional aspects of the intellectualised music.”[4]

Offen bleibt allerdings, was genau an dieser Stelle unter Emotionalität zu verstehen ist. Zumal der, mitunter als unterkühlt bewertete, instrumentale Perfektionismus von Tool den Hörer kaum dazu animiert, sich in die Musik einzufühlen. Stattdessen wirke besonders das Album Lateralus kalt und überkonstruiert, moniert ein Rezensent. Die Musik, so heißt es weiter, habe mehr zu tun mit einer wissenschaftlichen Abhandlung, mit einer mathematischen Gleichung oder spirituellen Beschwörung als mit persönlicher Verzweifelung. So als würde stets nur in der dritten Person erzählt.[5]

In der Tat läßt die, für Tool charakteristische, spiel- und produktionstechnische Exaktheit, schnell den Eindruck aufkommen ein Album wie Lateralus wäre „auf Millimeterpapier entwi-ckelt worden“, wie es an anderer Stelle heißt.[6] Verstärkt wird die unzugängliche Atmosphäre des Albums durch Songtexte, die letztlich nur aus zusammenhangslosen lyrischen Phrasen bestehen und sich damit einer klaren Deutung entziehen. So kursieren in Internetforen längst unzählige Interpretationsversuche der kryptischen Texte, bis hin zu Theorien über verborgene Botschaften. Wohl mit Bedacht kommentiert die Band selbst ihr Werk nicht, sondern läßt Raum für eine Vielzahl individueller Lesarten.

Für die einen sind die undurchsichtigen Songs und das reservierte Auftreten der Musiker ein kalkulierter Akt der Effekthascherei, für die anderen ist es die gekonnte Konfrontation des Massenpublikums mit dem ungewohnten Fremden. In jedem Fall ist das gezielte Zurückhal-ten von Antworten seit jeher ein konstitutives Prinzip der Mythosbildung und des Starkults. Je weniger ein Künstler preisgibt, desto mehr wollen die Leute wissen, weiß auch Tool-Drummer Danny Carey:

„Je größer das Mysterium um jemanden ist, desto mehr Leute sind ernsthaft interessiert. Es gibt genug Medien-huren, die alles tun, um auf jedem Cover zu sein. Mich fasziniert eine Band wie Pink Floyd, die haben nie Inter­views gegeben.“[7]

Wie so oft liegt die Wahrheit wohl in der Mitte: Einerseits ist davon auszugehen, dass die Musiker sich sehr wohl der imagefördernden Wirkung ihres undurchsichtigen Bandkonzepts bewußt sind und das Mysterium zumindest ein Stück weit konstruiert ist. Andererseits findet sich die zum Ziel erklärte Interpretationsoffenheit der Stücke ja schon in der Programmatik des Bandnamens: „Tool“ wäre demnach durchaus wörtlich zu nehmen, als Werkzeug für die persönliche Sinnfindung oder geistige Selbsterfahrung, wie Sänger Maynard Keenan bestä-tigt:

„Wir sind hungrig danach die Leute zu veranlassen mehr Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Un-ser Ziel ist es sowieso die Leute tiefer graben zu lassen und in sich selbst hineinzuschauen, um die Antworten zu finden, als uns zu fragen, worum geht es in diesem Song? Hör ihn dir an! Wovon meinst du, dass er handelt? Denn davon handelt er dann auch für dich und darum geht es.“[8]

Seminarreflexion

In dem Maße wie die Deutung der Stücke im Auge des Betrachters liegt, bleibt es ihm über-lassen, diese Interpretationsoffenheit als Konzept aufzufassen. Man könnte Lateralus, mit Blick auf die im Seminar vorgestellten Konzeptalben, als „offene Form“ bezeichnen, im Ge-gensatz zur „geschlossenen Form“ des Rockoperklassikers Tommy von The Who. Natürlich bietet auch Tommy Raum für Interpretationen, das Album ist jedoch so angelegt, dass es den Hörer förmlich an die Hand nimmt und durch die Story führt. Der Plot beginnt chronologisch mit der Geburt des Protagonisten und erreicht mit Tommys Erlösung (dem zerbrochenen Spiegel), gegen Ende des Albums, den narrativen Höhepunkt. Ein typisches Drama also, das den Hörer dazu anleitet die Entwicklung des Charakters nachzuempfinden und nachzulesen,was im Falle von Lateralus, das keine abgedruckten Lyrics enthält, wohlmöglich bewußt vermieden werden sollte.[9]

[...]


[1] Der Begriff geht ursprünglich zurück auf Aaron Turner, Sänger der kalifornischen Metalband Isis, Vgl. Jon Caraminica: The alchemy of art-world heavy metal, The New York Times 20.09.2005

[2] Sammelbegriff für amerikanische Rockbands wie Limp Bizkit, Linkin Park oder Filter, die seit Ende der neunziger Jahre - auch durch die Radiofreundlichkeit ihrer Stücke - an Popularität gewannen.

[3] Vgl. Rod Yates: Happy Meals versus TOOL Albums (Interview), Drum Media Magazine, 14.07.2001

[4] Matthew Coleman: The Art of Noise (Interview), Rock-Sound 05.05.2001

[5] Vgl. Lateralus-Hörerrezension von „dewretching“: ...und jetzt - wie weiter ?, www.amazon.de 12.06.2006

[6] Vgl. Lateralus-Hörerrezension von „idhenry2k“: Schlechtestes Tool-Album, www.amazon.de, 04.01.2003,

[7] Jochen Schliemann: Die letzte Instanz in Sachen ‘Alternative’ (Interview), Vision Heft Nr. 97 2001,

[8] Transkribiertes Interview mit Konstanze Hampe, Los Angeles 2001(ausgestrahlt in der Sendung 2Rock auf Viva2), www.toolband.de 2005 http://www.toolband.de/bandinfos/interviews/viva2/

[9] Wenngleich das Album im Gegensatz zu Tommy nicht narrativ angelegt ist.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Mythos ‚Tool’: Gedanken zu Werk und Image der US-amerikanischen Progressive Metal-Band Tool
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
8
Katalognummer
V132181
ISBN (eBook)
9783640384006
ISBN (Buch)
9783656495697
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tool, Progressive Metal
Arbeit zitieren
Jens Frieling (Autor), 2008, Mythos ‚Tool’: Gedanken zu Werk und Image der US-amerikanischen Progressive Metal-Band Tool, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132181

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