Die Darstellung des Todes im gesellschaftlichen und religiösen Kontext des Mittelalters und der Gegenwart anhand Hartmanns von Aue 'Der arme Heinrich' und Markus Werners 'Bis bald'


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorstellungen zum Tod im Mittelalter

3. Vorstellungen zum Tod in der Gegenwart

4. Darstellung des Todes im Armen Heinrich Hartmanns von Aue
4.1 Die Hoffnung auf das Seelenheil
4.2 Die Opferbereitschaft der Meierstochter
4.3 Induzieren Opfer wirklich das Wohlwollen Gottes?
4.4 Heinrichs Handeln
4.5 Ethische Entscheidungen

5. Darstellung des Todes in Markus Werners „Bis bald“

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Darstellungen zum Tod im Mittelalter und in der Gegenwart. Während sich die Kapitel eins und zwei mit theoretischen Überlegungen zum Tod und dem Denken über den Tod zur jeweiligen Zeit befassen, wird in den Kapiteln drei und vier die Adaption der Vorstellungen zum Tod in der deutschen Literatur dargestellt. Als Beispieltexte dienen dafür Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“ (im Folgenden mit A. H. abgekürzt) und Markus Werners „Bis bald“. Während Hartmanns Werk aus dem Mittelalter stammt, verfasste Werner seinen Roman im Jahre 1995. Beide Geschichten weisen deutliche Parallelen auf, in „Bis bald“ wird sogar vielfach aus dem „armen Heinrich“ zitiert. Besonderes Augenmerk wird bei der Untersuchung auf die Frage nach der Legitimation bzw. der moralisch-ethischen Verantwortung des Menschenopfers im Mittelalter und der aktuellen Diskussion um die Organspende gelegt.

Es sei an dieser Stelle erlaubt anzumerken, dass alle Kapitel nur jeweils eine fragmentarische Behandlung des jeweiligen Themas bieten können. Es gibt zu jedem Kapitel ein großes Angebot an weiteren interessanten Fragestellungen und ausführlicher Sekundärliteratur. Aufgrund eines festgelegten Seitenumfangs musste daher stark selektiert und eine Auswahl getroffen werden.

Die theologisch-religiösen Abhandlungen beziehen sich auf den katholischen Glauben bzw. die Lehre der katholischen Kirche als in Deutschland dominierende Konfession.

Der Anspruch auf Vollständigkeit oder umfassende Abhandlung der Thematik soll also erst gar nicht gestellt werden, im Gegenteil soll die Arbeit lediglich einige Parallelen und Unterschiede der Vorstellungen zum Tod im unterschiedlichen Zeitkontext und deren Verarbeitung in der Literatur der Zeit aufzeigen und den Leser dazu anregen, individuell über dieses sensible und spannende Thema weiterführend nachzudenken.

Da es sich um eine Arbeit im Fach „Ältere deutsche Philologie“ handelt, liegt der Schwerpunkt auf der Betrachtung des Mittelalters bzw. auf Untersuchungen zu Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“.

Bei Primärzitaten aus dem A. H. werden in Klammern aus Platzgründen lediglich die Verse angegeben. Die verwendete Textgrundlage ist im Literaturverzeichnis angegeben.

2. Vorstellungen zum Tod im Mittelalter

„Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25), und darum „werde ich euch wieder sehen, dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude“ (Joh 16,22).

Dieses Zitat aus der Heiligen Schrift schenkt gläubigen Christen ein großes Maß an Zuversicht und versucht, den Menschen die Furcht vor dem Tode zu nehmen. So klar und verbindlich diese Worte klingen, die Heilige Schrift wurde und wird dennoch stets unterschiedlich gedeutet. Im Mittelalter maßgebend war in diesem Zusammenhang die Kirche, die einen zentralen Platz im Leben der Menschen einnahm, da sie als Hüterin des wahren Glaubens und Religion als Lebensmacht (vgl. Rehm 1967, S. 34) galt. Der großen Hoffnung, der das eingangs genannte Zitat Ausdruck verleiht, wird auch die Tatsache gerecht, dass im Christentum zur Zeit des Mittelalters der Sterbetag als der eigentliche Geburtstag gefeiert wurde. Man ging sogar so weit, den Tag der irdischen Geburt bewusst der Vergangenheit angehören zu lassen (vgl. Angenendt 1997, S. 660). Christliche Glaubens- und Ordensgemeinschaften betrachteten den Tod gar „als Befreiung aus der Gefangenschaft des irdischen Lebens und Leibes“ (ebd.). In diesem Zusammenhang war es auch üblich, seiner Trauer Einhalt zu gebieten, sie zu unterdrücken. Augustinus beschreibt, dass ihn beim Tode seiner Mutter, eine ungeheure Trauer erfüllte, die in Tränenströmen ausbrechen wollte. „Aber unter dem gewaltsamen Befehl des Geistes drängten mein Augen die Tränen so sehr zurück, dass sie trocken blieben“ (Angenendt 1997, S. 660). Wenn der Tod als etwas gutes, etwas erfreuliches, als der Beginn des ewigen Lebens aufgefasst wurde, so war Trauer nicht angebracht. Denn der Verstorbene musste einem nicht leid tun, im Gegenteil ihm ging es wohl besser als den Hinterbliebenen. In diesem Sinne war Trauer also eher eine Art Selbstmitleid, man trauerte gleichsam aus Eigensinn, insofern, dass man selbst traurig war, weil man einen geliebten Menschen, einen guten Freund verloren hat, der nun nicht mehr auf der Erde weilt.

Generell nahm der Tod im Mittelalter eine viel breitere gesellschaftliche Rolle ein, als dies in der Gegenwart der Fall ist. Eine medizinische Versorgung war – verglichen mit heutigen Standards – nur marginalst ausgeprägt. Schwerste körperliche Arbeit, Kampf und Fehde, miserable hygienische Bedingungen und eine hohe Säuglingssterblichkeit machten den Tod nahezu allgegenwärtig. Hinzu kamen die verheerenden Auswirkungen der Pest und der Kreuzzüge. Die Lebenserwartung lag bei gerade einmal 35 Jahren, die Sterblichkeitsrate bei Kindern lag bei 50 Prozent (vgl. Angenendt 1997, S. 661). Der Tod erreichte also mitten im Leben seine „Opfer“: „Media vita in morte sumus“ (Angenendt 1997, S. 661). Aufgrund der Gegenwärtigkeit des Todes starben die Menschen aber nicht allein, sondern zumeist in Gegenwart ihrer Angehörigen. Selbst für Kinder war der Tod ein alltägliches Charakteristikum des Lebens, allein schon durch die beengten Wohnverhältnisse. Über den Zeitpunkt des Todes sollte Gott allein entscheiden und so sollte der Sterbende sich gefasst seinem Schicksal ergeben, er sollte auf den gnädigen Gott und das ewige Leben vertrauen (vgl. Ohler 1990, S. 52f.). Die Kirche lehrte in Bezug darauf, dass man rechtzeitig an die Seele denken sollte, dass dem Tode und dem Gericht derjenige gefasster entgegensehen konnte, der sein Tun an den Lehren des Evangeliums und der Kirche ausrichtete (vgl. Ohler 1990, S. 32). Dass in späteren Jahrzehnten die Kirche daraus Profit zu schlagen versuchte, das Seelenheil gleichsam kapitalisierte, zeigen die Entwicklungen des Ablasshandels mit allen seinen Folgen.

An dieser Stelle sei aber nochmals genauer die Lehre der Kirche zur Zeit des Mittelalters betrachtet: In ihren Ursprüngen geht die christliche Todeslehre auf Platon zurück. Dieser sagt, dass der Geist des Menschen so kostbar sei, dass er im Tode nicht untergehen könne. Lediglich dem Leib sei es möglich zu sterben. Die Seele hingegen beschreibt er als das „unzerstörbar Positive“ (Haas 1989, S. 10), die sich klar gegen den Leib abhebe und unsterblich sei (vgl. Haas 1989, S. 10).

Papst Benedikt XII. (1335 –1342) beschreibt die auf Platon basierenden Vorstellungen wie folgt: „Nach allgemeiner Anordnung Gottes waren, sind und werden sein im Himmel […] mit Christus […] die Seelen aller Heiligen, die aus dieser Welt vor dem Leiden unseres Herrn Jesus Christus hinweggegangen sind. […] Aber trotzdem […] werden am Tage des Gerichts alle Menschen vor dem Richterstuhl Christi in ihrem Leibe erscheinen und Rechenschaft geben über ihre eigenen Taten, ‚damit ein jeder sein Entgelt empfange für das, was er bei Lebzeiten getan hat’ (2. Kor 5,10)“ (Haas 1989, S. 10f.). Gisbert Greshake differenziert die dargestellten Auffassungen und beschreibt, dass die Unsterblichkeit der Seele philosophisch-griechischen Ursprungs sei, während die Auferstehung des Leibes auf die hebräisch-biblische Auffassung zurückgehe. Im Mittelalter würden nun beide Vorstellungen vermischt. Die Scholastik des 13. Jahrhunderts erkennt diese Problematik um die endgültige Vollendung des Menschen bei der Auferstehung und betont ihrerseits die Einheit von Leib und Seele.

Der Mensch bildet also eine Leib-Seele-Einheit. Im Tod wird zunächst der ganze Mensch zerstört. Erst mit der Auferstehung werden Körper und Seele neu verbunden, das heißt, die Auferstehung ist Bedingung für das Überdauern der Geistseele (vgl. Greshake 1989, S. 22ff.).

Bemerkenswert ist, dass der Mensch aber nicht allein auferstehen wird, sondern dass er in der „heiligen Gemeinschaft der Gläubigen“ (Haas 1989, S. 26) enthalten sei. In diesem Sinne sei die höchste Form des Seins gemeinschaftliches Sein. Dieses gemeinschaftliche Sein war die katholische Kirche, war das „Vereintsein aller Geister in einem Geist und einem Glauben“ (Haas 1989, S. 26). Es war also nicht der Glaube oder die moralisch Gesinnung, nein, das Sein in der Kirche war das Wesen des Einzelnen. Die Kirche war also auch das Reich Gottes - als Gemeinschaft der Gläubigen – es gab keine Trennung zwischen Diesseits und Jenseits. Wesentlich war somit nicht das Individuum, sondern der Glaube an Himmel und Hölle, wobei hier der Glaube an die Realität des Guten und die Nichtigkeit des Bösen hervorzuheben ist (vgl. Haas 1989, S. 26f.). Der Sinn dieser Vorstellung lag in der Erkenntnis eines gütigen Gottes, der die Sünden vergibt, so würden „die Guten […] im Guten belohnt und die Bösen im Bösen bestraft“ (Haas 1989, S. 27).

Im Zuge dieser Betrachtungsweise ist es unabdingbar, auch die Vorstellungen zu den so genannten vier letzten Dingen zu thematisieren. Hierbei handelt es sich um Tatsachen der Offenbarung, die nur im Glauben voll erfassbar sind, nämlich Tod, Gericht, Himmel und Hölle (vgl. Haas 1989, S. 32). Die Vorstellungen dazu waren im Mittelalter sehr bildhaft geprägt, so dass der Glaube weit verbreitet war, man käme nach dem Tod vor ein Endgericht mit Gott als Richter. Im Fegefeuer, welches sehr schmerzhaft sein sollte, sollte man für seine Sünden büßen. Je nach Schwere der eigenen Schuld, dem Willen zur Reue und der Bereitschaft zur Buße kam man schließlich in den Himmel oder in die Hölle. Wobei letztere auch als Unterwelt bezeichnet wurde, während der Himmel gleichbedeutend mit dem Erlangen des Seelenheils war. Der Glaube an den gütigen Gott überwog klar gegenüber der Vorstellung des Bösen, dessen Nichtigkeit ja gerade dadurch bewiesen werden sollte (s. o.). Die Zuversicht auf einen positiven Ausgang nach dem Tod, auf Erlangen des Seelenheils wird in den Worten des Apostels Paulus besonders deutlich: „Christus hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“ (Kol 2,14). Generell kann das mittelalterliche Todesbild folgendermaßen charakterisiert werden: Der „Tod steht am Tor zum Himmel und zur Hölle; er führt sie Seele zum Heil, aber er gefährdet sie auch“ (Rehm 1967, S. 34).

Zweifel am Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben gab es zwar auch im Mittelalter, jedoch getraute sich kaum jemand, dies öffentlich zu äußern, da eine solche Anfechtung der Lehre der Kirche von der Inquisition streng bestraft wurde. Es kann also abschließend festgehalten werden, dass von der christlichen Überzeugung zwar der Glaube an eine durchweg positive Periode nach dem Tod ausgeht, die Menschen durch die oft brutalen Handlungen der Kirche im Mittelalter aber stark verunsichert wurden und bildliche Darstellungen von Endgericht und Unterwelt oft Angst auf das Nahe Ende und einen vielleicht doch nicht so über alle Maßen gütigen Gott machten. Dass daraus mittels des Ablasshandels seitens der Kirche Kapital geschlagen wurde, wurde bereits erwähnt. Die Erkenntnis aus diesem, aus heutiger Sicht zweifelhaften Verhalten der Kirche, brachte nicht nur Luthers Reformationsbewegung hervor, sondern bot auch reichlich Stoff für die Literatur der folgenden Jahrhunderte. So schrieb zum Beispiel Molière im 17. Jahrhundert:

„Scheint mir auf Erden auch nichts anderes so gemein
Wie des gespielten Glaubens erborgter äußerer Schein, […]
Das Edelste missbraucht und ungestraft verspielt,
Was Sterblichen als heilig und unantastbar gilt,
Die Leute, die sich ganz dem Eigennutz verschreiben,
Die mit dem Glauben schachern, die mit Andacht Handel treiben, […]
Geheiligt wirkt die Untat, wenn das, womit sie schlägt,
Den segensreichen Stempel der höchsten Weihe trägt“ (Molière 1966, S. 24f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Todes im gesellschaftlichen und religiösen Kontext des Mittelalters und der Gegenwart anhand Hartmanns von Aue 'Der arme Heinrich' und Markus Werners 'Bis bald'
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V132205
ISBN (eBook)
9783640381098
ISBN (Buch)
9783640380787
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Todes, Kontext, Mittelalters, Gegenwart, Hartmanns, Heinrich, Markus, Werners
Arbeit zitieren
Eberth Andreas (Autor), 2008, Die Darstellung des Todes im gesellschaftlichen und religiösen Kontext des Mittelalters und der Gegenwart anhand Hartmanns von Aue 'Der arme Heinrich' und Markus Werners 'Bis bald', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132205

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