Volkskrankheit Depression. Gesundheitswissenschaftliche Darstellung der Depression in der heutigen Gesellschaft


Masterarbeit, 2009
73 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1 Einführung in die Problemstellung und Schwerpunkte der Masterarbeit
1.2 Aufbau der Masterarbeit

2 THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Klassifikation der Depression
2.2 Hauptsymptome und Zusatzsymptome der Depression
2.3 Epidemiologische Bedeutung
2.3.1 Bundesgesundheitssurvey 1998
2.3.2 Studien von Krankenkassen 2004-2008

3 HISTORISCHES VERSTÄNDNIS DER DEPRESSION: EINE KRANKHEIT IM WANDEL
3.1 Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges: Die undefinierbare Krankheit
3.2 Seit den 1950er Jahren: Die Depression wird gesellschaftsfähig
3.3 Jahrtausendwende: Depression als Volkskrankheit

4 DIE DEPRESSION IM VERGLEICH MIT ANDEREN VOLKSKRANKHEITEN
4.1 Was ist eine Volkskrankheit?
4.2 Monetäre Schäden durch Volkskrankheiten

5 DIE URSACHENFORSCHUNG
5.1 Kollektive Sichtweisen der Ursachenforschung
5.2 Individuelle Sichtweisen der Ursachenforschung

6 DIE DIAGNOSE

7 THEORETISCHE MODELLE DES KRANKHEITS- UND THERAPIE-VERLAUFS EINER DEPRESSION
7.1 Psychologische und psychosoziale Modelle der Depression
7.1.1 Beurteilung der Modelle nach dem Geschlechteraspekt
7.1.2 Beurteilung der Modelle nach ihrer wissenschaftlichen Anerkennung
7.2 Biologische Modelle der Depression

8 BEGLEITERKRANKUNGEN UND KONSEQUENZEN DER DEPRESSION
8.1 Körperlich krank und depressiv
8.2 Depression und Sucht
8.3 Depression und Erschöpfung
8.4 Suizidalität

9. UMGANG MIT DER DEPRESSION AUS DER GESCHLECHTER-PERSPEKTIVE
9.1 Eigenschaften von Männern und Frauen
9.2 Die männliche Depression

10. MÄNNERSPEZIFISCHE GESUNDHEITSSTRATEGIEN
10.1 Präventionsansätze für Männer
10.1.1 Psychohygiene
10.1.2 Salutogenese
10.2 Präventionskampagnen
10.2.1 Europäischer Raum: „Depression kann jeden treffen“
10.2.2 US-amerikanischer Raum: „Real men. Real depression.“

11 SCHLUSSBETRACHTUNG UND FAZIT

1. Einleitung

1.1 Einführung in die Problemstellung und Zielsetzung der Masterarbeit

Depressive Verstimmung, Traurigkeit und Leiden gehören phasenweise zu jedem Menschenleben. Niemand wird davon ausgenommen; jedoch reagiert jeder Mensch unterschiedlich. Mancher nimmt „eine schwierige Zeit“ klaglos hin und ein anderer trägt seine Gefühle nach außen. Das Auf und Ab der menschlichen Empfindungen ist meist ein vorübergehender Zustand, der völlig natürlich kommt und wieder verschwindet. Trauer und Melancholie, um nur zwei geläufige Begriffe zu nennen, können jedoch auch krankhaft werden. Wenn Intensität, Dauer und Häufigkeit dieser Phasen immer ausgeprägter werden, können sie in einer Depression münden. Ziel dieser Masterarbeit ist eine gesundheitswissenschaftliche Darstellung der Depression in der heutigen Gesellschaft.

Hierzu werden aktuelle epidemiologische Untersuchungen zur Häufigkeit der Depression in Deutschland vorgestellt. Die ermittelten Fallzahlen veranlassen, sowohl in der öffentlichen Berichterstattung, als auch in der Fachliteratur, immer mehr Autoren zur Verwendung des Ausdrucks „Volkskrankheit“ als Umschreibung für die Brisanz des Themas und die Ausmaße der Verbreitung in der Bevölkerung. Die Masterarbeit geht der Frage nach, inwieweit der Begriff in diesem Zusammenhang gerechtfertigt scheint und von welcher gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Relevanz nach Auswertung der Literatur auszugehen ist.

Die Arbeit stellt ebenfalls dar, welche Theorien die Wissenschaft zur Entstehung der Depression diskutiert. Die Entwicklung des Umgangs mit dieser Krankheit wird in einen historischen Kontext gestellt und es wird gezeigt, wie die jeweiligen gesellschaftlichen Einflüsse die Ansichten der Bevölkerung über die Depression und der daran erkrankten Menschen geprägt haben. Sie stellt aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse zu den Ursachen vor und zeigt die gängigen Therapiemöglichkeiten auf.

Ferner wird verdeutlicht, wie heutige Betroffene und ihr Umfeld mit der Depression umgehen. Dabei wird aufgezeigt, welche Fortschritte im Umgang mit der Erkrankung gegenüber früheren Zeiträumen festgestellt werden können.

Eine Auffälligkeit in allen epidemiologischen Untersuchungen neueren Datums liegt in den Geschlechterunterschieden. Demnach sind Frauen stärker von Depressionen betroffen als Männer. Hierzu werden in der Literatur Erklärungsansätze diskutiert, die in dieser Masterarbeit besprochen werden. Ein weiteres Ziel ist somit die Darstellung dieser Unterschiede und ihrer Auswirkungen.

Ein wichtiger Punkt hierbei ist die Erläuterung des geschlechtstypischen Verhaltens von Männern und Frauen. Die Masterarbeit thematisiert, ob diese Unterschiede für die Inanspruchnahme von Hilfe und für die Behandlung förderlich oder hinderlich sind.

Es wird die Frage aufgeworfen, ob die Erkenntnisse aus den dargestellten Fragestellungen bei Präventionskampagnen und Ansprache der Betroffenen Berücksichtigung finden. Hierzu werden zwei Kampagnen betrachtet.

1.2 Aufbau der Masterarbeit

In Kapitel zwei wird der theoretische Hintergrund zu diesem Thema beleuchtet, die Depression im Sinne dieser Arbeit definiert und die Symptome gemäß dem Diagnoseschema ICD 10 vorgestellt. Das Bundesgesundheitssurvey 1998 und neuere Studien großer Krankenkassen und deren Verbände zeigen erhebliche Steigerungen der Fallzahlen.

Kapitel drei steht im Zeichen des historischen Verständnisses der Depression. Die Entwicklung zur Volkskrankheit wird nachgezeichnet und die gesellschaftlichen Zusammenhänge in Verbindung mit der Krankheit erläutert.

Der Bedeutung des Begriffs der Volkskrankheit und dem Vergleich der Depression mit den Krankheiten Diabetes mellitus Typ 2 und Koronarer Herzkrankheit widmet sich Kapitel vier.

Kapitel fünf geht auf die Ursachen für die Entstehung der Krankheit ein. Diese lassen sich in übergeordneten, kollektiven Zusammenhängen und individuellen Sichtweisen des einzelnen Menschen erläutern.

Die Diagnose wird in Kapitel sechs thematisiert. Die Zuverlässigkeit der Diagnosestellung ist zu hinterfragen, da eine erhebliche Dunkelziffer vermutet wird.

Theoretische Modelle des Krankheits- und Therapieverlaufes einer Depression werden in Kapitel sieben vorgestellt. Besprochen werden psychologische und psychosoziale Modelle. Diese Therapieverfahren sind hinsichtlich ihres Geschlechteraspektes und ihrer wissenschaftlichen Anerkennung gut untersucht. Die stark naturwissenschaftlich geprägten biologischen Depressionsmodelle sind etwas kürzer gefasst.

Begleiterkrankungen und Konsequenzen der Depression sind Thema des Kapitels acht. Körperliche Komorbiditäten sind häufig anzutreffen. Süchte sind vorwiegend bei Männern verbreitet. Auch Erschöpfung ist für Depressionen typisch. Ein Teil der Depressionen enden mit Suizid, vor allem bei Männern.

Dem Geschlechteraspekt zu den Auswirkungen von Depressionen bei Männern und Frauen widmet sich Kapitel neun, indem Forschungen zu den Eigenschaften von Männern und Frauen vorgestellt werden. Aus ihnen ergibt sich das Bild der „männlichen Depression“.

In Kapitel zehn wird die Frage gestellt, wie Depressionen speziell bei Männern verhindert werden können. Dazu gehören männerspezifische Gesundheitsstrategien. Vorgestellt werden die theoretischen Konzepte der Psychohygiene und der Salutogenese.

Neben Präventionskonzepten ist die Aufklärungsarbeit wichtig. Ein Vergleich der aktuellen Europäischen mit der US-amerikanischen Kampagne schließt das Thema inhaltlich ab. Die Ergebniszusammenfassung, das Resümee und die Benennung des weiteren Forschungsbedarfes folgen in Abschnitt elf.

2. Theoretischer Hintergrund

In diesem Kapitel wird zunächst beschrieben, welche beiden Klassifikationssysteme für die Depression verwendet werden und worin die wesentlichen Unterschiede bestehen. Thematisiert werden die Schwierigkeiten in der Klassifikation der Krankheit. Daraus ergeben sich erste Hinweise, warum Männer in der Krankheitsstatistik der Depression seltener geführt werden. In diesem Zusammenhang wird die Depression im Sinne dieser Arbeit definiert und mit ihren Symptomen vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einem Blick auf die epidemiologische Entwicklung der vergangenen zehn Jahre in Deutschland.

2.1 Klassifikationen der Depression

Die Operationalisierung und Objektivierung von psychischen Erkrankungen, und damit auch der Depression, anhand fester Kriterien zu einem Katalog ist ein noch junges Unterfangen im deutschsprachigen medizinischen Raum. Erst 1980 begann die Ärzteschaft ein Klassifikationssystem in deutscher Sprache zu entwickeln, um diese Krankheiten einheitlich zu beschreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wissenschaft eher an einzelnen und schweren Krankheitsverläufen mit Klinikaufenthalt interessiert (Simhandl. u. Mitterwachauer, 2007, S. 1).

Zunächst begann die Entwicklung eines elaborierten Diagnoseschemas mit 180 Krankheiten, basierend auf dem US-amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association. 1982 war das deutschsprachige DSM fertig gestellt, konnte sich jedoch nicht durchsetzen[1]. Es wurde durch die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation – WHO) in das System International Classification of Diseases – ICD überführt. Dieses ist inzwischen das verbindliche kategoriale Diagnosesystem für die Gebührenabrechnung in Deutschland. Seit 1992 wird ICD 10 verwendet (Hoffmann u. Schauenburg, 2009, S. 2).

Als wesentlicher Unterschied beider Systeme gilt, dass der ICD 10 die Diagnose nur beschreibt, während das DSM-IV auch etwas stärker die Ursachen berücksichtigt (Neumann u. Dietrich, 2005, S. 22). Als Schwächen beider Systeme im Zusammenhang mit der Depression ist anzuführen, dass ethische, kulturelle und Geschlechterunterschiede keinen Niederschlag finden und die Abgrenzung einzelner psychischer Störungen immer wieder zu Diskussionen führt. Die Autoren des DSM-IV mahnen daher auch an, dass es sich nur um eine Richtlinie handelt, die einen Konsens widerspiegelt (Wolpert 2008, S. 46).

An zwei Beispielen soll deutlich werden, warum Mediziner sich lange Zeit schwer taten, ein Klassifikationssystem einzuführen: Zahlreichen Komorbiditäten und Überlappungen der Symptome machen jede Diagnosefindung schwierig. Beispielsweise ist die Angst eine eigenständige Krankheit. Demnach ist sie kein Symptom der Depression, obwohl sie in der Regel damit einhergeht und beide Klassifikationen teilweise identische Symptome aufweisen. Der Arzt jedoch muss entscheiden: Überwiegt die Angst oder die Depression?

Auch übermäßiger Alkoholkonsum ist kein Symptom der Depression. Dennoch sind viele Alkoholkranke depressiv. Psychische Störungen durch Alkohol waren 2007 sogar die häufigste Einzeldiagnose bei stationärem Aufenthalt von Männern (BKK-Bundesverband 2008, S. 117). Meist werden sie ausschließlich als Suchtkranke in der Statistik geführt, nicht als an Depression erkrankte. Letzteres gilt als einer der Gründe, warum Männer bei Depressionen unterrepräsentiert sind. Dies wird in Abschnitt 8.2 noch vertieft.

Ungeachtet der Schwierigkeiten, hat sich dennoch ein sehr breites Spektrum an anerkannten depressiven Erkrankungen entwickelt (Tölle 2000, S. 9). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff unspezifisch im Sinne einer Minderung der Befindlichkeit oder emotionaler Beeinträchtigung verwendet (Müller u. Volz 2006, S. 9). Diese Gefühle haben in der Regel keinen Krankheitswert, d. h. es handelt sich nicht um eine Depressionen im medizinischen Sinne. Für die Eingrenzung des Themas ist es daher wichtig sich auf eine Definition festzulegen, welche die Bedeutung der medizinischen Depression ausdrückt.

Für diese Arbeit relevant ist die so genannte „depressive Episode“ des ICD-Code F32. In der Literatur wird auch der englische Begriff „Major Depressive Episode“ angeführt. Sie gehört zu den drei Krankheiten der unipolaren Störungen[2] , welche wiederum ein Krankheitsbild aus der Hauptgruppe der affektiven Störungen sind. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information definiert im ICD 10 – GM Version 2009 die Krankheit wie folgt:

„Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zur Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt“.

Die depressive Episode stellt die weitaus häufigste Störungsform affektiver Erkrankungen dar (Hoffmann u. Schauenburg 2000, S. 6). Von einer Episode wird gesprochen, weil sie nur eine vorübergehende Zeit andauert (ohne Behandlung meist sechs bis zwölf Monate) und danach zeitweise (oder in seltenen Fällen auch für immer) wieder verschwindet (Müller u. Volz 2006, S. 11). Sie beinhaltet keine zusätzlichen psychiatrischen Erkrankungen, wie Manie, Psychose oder Schizophrenie, was in der folgenden Grafik verdeutlich wird.

Rudolf (2000, S. 60) hat folgenden Entscheidungsbaum für Ärzte zur Eingrenzung der Diagnose entwickelt.

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Abbildung 1: Entscheidungsbaum zur Abgrenzung der Diagnose Depression; eigene Darstellung in Anlehnung an Rudolf (2000, S. 60).

Mit einer weltweiten durchschnittlichen Prävalenz von 10% ist die depressive Episode die häufigste psychische Erkrankung. Es wird davon ausgegangen, dass sie im Jahr 2020 in der Liste der häufigsten Erkrankungen insgesamt an zweiter Stelle stehen wird. Die Suizidrate beträgt etwa 5%, d. h. jeder 20. betroffene Mensch wird sein Leben auf diese Weise beenden (Hell 2007, S. 58)[3]. Daher soll der Fokus dieser Arbeit speziell auf der depressiven Episode liegen.

Bei der Betrachtung der Literatur fällt auf, dass die „depressive Episode“ ein rein theoretischer Begriff ist. Außerhalb des Klassifikationsschemas findet er kaum Verwendung. Geläufig ist stattdessen, im Volksmund ebenso wie in der Fachliteratur, das Wort Depression. Daher soll es auch in dieser Arbeit verwendet werden, wenngleich die depressive Episode gemeint ist.

2.2. Hauptsymptome und Zusatzsymptome der Depression

An dieser Stelle ist zu klären, was unter einer Depression zu verstehen ist. Um die Bedingungen zu erfüllen, muss eine bestimmte Anzahl von gleichzeitig vorhandenen Symptomen vorliegen, die mindestens zwei Wochen andauern und nicht durch anderweitige Erkrankungen bzw. Umstände erklärbar sind. Trauer, z. B. aufgrund eines Todesfalls, wäre ein solcher erklärbarer Umstand. Somit wird deutlich dass z. B. eine Trauerreaktion keine Depression ist; auch wenn therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird (Tölle 2000, S. 11).

Depressionen äußern sich in Haupt- und Zusatzsymptomen. Die nachfolgende Abbildung beschreibt diese konkret. Aus der unterschiedlichen Häufung der Symptome ergibt sich eine Einteilung nach Schweregraden (Neumann u. Dietrich 2005, S. 22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kriterien der depressiven Episode nach ICD 10, eigene Darstellung.

Nachfolgend soll kritisch auf dieses Diagnoseschema eingegangen werden. Hell (2007, S. 89) merkt dazu an, dass damit die Schwelle für Depressionen insgesamt herabgesetzt wurde. Demnach werde heute jegliches Leiden pathologisiert, anstelle Leid und Not als natürliche menschliche Herausforderung zu sehen. In diesem Sinne würden heute nur noch die Symptome behandelt. Stattdessen sei der Depression als soziales Problem durch eine andere Gesellschaftspolitik zu begegnen.

Kaspar (2001) hält das Kriterienschema im Hinblick auf die Diagnosestellung bei Männern für ungenügend. Männer drücken ihre Depression anders aus und dies wird durch die zur Verfügung stehenden Symptome in der Tabelle nicht ausreichend erfasst. Als Beispiele nennt er reduzierte Impulskontrolle, vermehrten Ärger oder Aggressivität bei Männern mit Depression. Die vorhandenen Symptome seien dagegen zu stark an Frauen orientiert. Insofern sei die Geschlechterverteilung in der Epidemiologie der Depression künstlich erzeugt.

2.3 Epidemiologische Bedeutung

Die Epidemiologie beschreibt das Studium der Häufigkeit und der Veränderung von Krankheiten im Laufe der Zeit und im Vergleich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen (Krech et. al.1992, Band 6, S.102).

In der Literatur, z. B. bei Becker et. al. (2008, S. 31), wird durch aktuelle epidemiologische Befunde eine erhebliche und anhaltende Belastung der Bevölkerung durch psychische Erkrankungen gesehen. Verschiedene Anhaltspunkte deuten auf eine Zunahme der Prävalenz hin. Diese These soll anhand mehrerer Untersuchungen überprüft werden. Betrachtet wird hierzu die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre. Es sei darauf hingewiesen, dass einzelne Statistiken psychische Erkrankungen nicht immer sauber voneinander trennen; d. h. die Depression nicht separat ausweisen. Dennoch können sie aufschlussreiche Informationen für diese Arbeit enthalten. Im Einzelfall wird jeweils darauf hingewiesen.

2.3.1 Bundesgesundheitssurvey 1998

Im Rahmen des Bundesgesundheitssurveys 1998/99 und dessen Zusatzsurveys Psychische Störungen wurde eine repräsentative Stichprobe der deutschen Allgemeinbevölkerung erstmals umfassend erfasst. Die Ergebnisse ermöglichen eine verlässliche Prävalenzabschätzung für die Bundesrepublik Deutschland (Wittchen 1999, S. S216). Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Datenlage zur Häufigkeit psychischer Störungen von Experten als mager und unbefriedigend empfunden (Jacobi 2004, S. 739). Depressionen wurden im Bundesgesundheitssurvey in der Gruppe der „Affektiven Störungen“ gefasst[4]. Das Ergebnis zeigt eine Verbreitung von 6,3% ausschließlich affektiver Störungen über alle Altersgruppen (zwischen 18 und 65 Jahren) in Deutschland. Vollständig eingeschränkte Arbeitsproduktivität war im Mittel an 1,3 Tagen pro Monat die Folge. An 7,2 Tagen pro Monat war dies bei teilweise eingeschränkter Arbeitsproduktivität der Fall. Frauen waren signifikant häufiger betroffen als Männer. Abbildung 2 zeigt die detaillierten Ergebnisse:

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Abb. 3: Prävalenz des Jahres 1998 von affektiven Störungen in den letzten vier Wochen in Deutschland nach Alter und Geschlecht; eigene Darstellung (Quelle: Wittchen 1999, S. S220).

Besonders in der Gruppe der 36-45 jährigen differieren die Geschlechter stark von einander. Frauen sind hier 2,4-mal so häufig betroffen; im Gesamtschnitt 1,69-mal häufiger.

2.3.2 Studien von Krankenkassen 2004 - 2008

Die Barmer Ersatzkasse veröffentlichte im Mai 2008 (Presseinformation, S. 2ff) eine Analyse ihrer Mitgliederdaten zu Personen, die als depressiv diagnostiziert wurden. Die Zahlen stellen sich im Zeitverlauf wie folgt dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Depressive Erkrankungen bei Versicherten der Barmer- Ersatzkasse 2004 - 2006 (eigene Darstellung).

Die Ergebnisse weisen auf ein Wachstum von ca. 20% bei der Versichertenklientel der größten Krankenkasse in Deutschland hin; auch wenn berücksichtigt werden muss, dass die Barmer in diesen Jahren, insgesamt betrachtet, Mitglieder verloren hat. Frauen waren dabei stärker vertreten als Männer. Im gleichen Zeitraum stiegen die Verordnungszahlen für Psychotherapie bei Männern um 8,5% und für Frauen um 16% an (nicht in der Abbildung enthalten). Die Barmer-Studie betont das Problem der „lavierten“ Depression[5], welche sich zunächst hinter einem organischen Leiden versteckt: Bei 23% aller Barmer-Versicherten, die in einem Jahr die Diagnose „Rückenschmerzen“ gestellt bekamen, wurde im selben Jahr auch eine Depression diagnostiziert. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Studie sich hier nicht korrekt ausdrückt, denn eine lavierte Depression gibt es nicht. Laviert bedeutet lediglich eine phänomenologische Charakterisierung eines auf Depression verdächtigen Krankheitsbildes, welches in allen Depressionsformen auftreten kann (Rudolf 2000, S. 136f).

Die Studie schließt mit der Feststellung, dass “die Depression eine Volkskrankheit mit zunehmender Bedeutung für die Krankenkassen“ sei.

Die Innungskrankenkassen (IKK) legten im September 2008 ihren Jahresbericht „Arbeit und Gesundheit im Handwerk“ vor. Datenbasis waren 2,5 Mio. ganzjährig beschäftigte Pflichtversicherte mit Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Während im Jahr 2007 bei den drei großen Haupterkrankungsarten im Handwerk (Muskel/Skelett, Verletzungen, Atemwege) eine rückläufige Anzahl von Arbeitsunfähigkeitstagen im Zehnjahresvergleich zu verzeichnen war, nahmen psychische Erkrankungen zu[6].

Die Größenordnung zeigt die folgende Abbildung:

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Abbildung 5: Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage pro 100 Versichertenjahre nach ausgewählten Krank-heitsarten 1997 – 2007 (Quelle: IKK-Bundesverband 2008, S. 20); eigene Darstellung.

Werden die Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) nach Geschlecht differenziert, zeigt sich folgendes Bild: Männer dominieren organische Erkrankungen, Frauen sind jedoch bei psychischen Erkrankungen stark vertreten. Die nachfolgende Abbildung zeigt Anteile wichtiger Krankheitsarten an den AU-Tagen im prozentualen Verhältnis: Männer führen bei Muskel- und Skeletterkrankungen. Bei Atemwegserkrankungen kehrt sich das Verhältnis leicht um (+ 23%). Bei psychischen Erkrankungen ist der Unterschied jedoch massiv. Hier führen Frauen die Statistik mit doppelt so vielen Falltagen an.

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Abbildung 6: Anteile der wichtigsten Krankheitsarten an den AU-Tagen nach Geschlecht 2007 in Prozent

(Quelle: IKK-Bundesverband 2008, S. 23); eigene Darstellung.

Die Gründe für die gestiegene Bedeutung psychischer Erkrankungen sieht der IKK-Bundesverband in der allgemein angespannten Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage, die sich auf die Gesundheit einzelner niederschlägt, als auch in einem geänderten Diagnoseverhalten der Ärzte, die Erkrankungsursachen inzwischen vermehrt im psychischen Bereich suchen (IKK-Bundesverband 2008, S. 21).

Der DAK-Gesundheitsbericht 2005 hat sich schwerpunktmäßig mit „Angst und Depression“ beschäftigt. Die Daten der psychischen Erkrankungen am Versichertenkollektiv der DAK sind insgesamt in etwa vergleichbar mit den Ergebnissen des IKK-Systems und sollen daher hier nicht wiederholt werden. Interessant ist jedoch die Verteilung der Arbeitsunfähigkeitstage am Gesamtvolumen psychischer Erkrankungen. Wie bereits erwähnt, zählen Depressionen zur ICD-Gruppe der affektiven Erkrankungen. Das Ergebnis zeigt einen Anteil von 41% am Gesamtvolumen psychischer Erkrankungen. Weitere 41% entfallen auf neurotische Störungen, die ebenfalls häufig mit Depressionen auftreten, hier aber nicht näher betrachtet werden sollen.

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Abbildung 7: Anteil der Diagnosegruppen am AU-Volumen aufgrund psychischer Erkrankungen bei DAK-Versicherten 2004 (DAK-Gesundheitsreport 2005, S. 60); eigene Darstellung.

Werden die 41% affektive Störungen weiter aufgegliedert, ergibt sich ein Anteil von 35,8% der AU-Tage aufgrund einer depressiven Episode (ICD-Code F32) am Gesamtvolumen der psychischen Erkrankungen (in der Grafik nicht enthalten). D. h. etwa 87% der affektiven Erkrankungen sind depressive Episoden (DAK-Gesundheitsreport 2005, S. 62).

Der BKK-Bundesverband hat im Oktober 2008 neueste Zahlen zu den Entwicklungstrends bei psychischen Erkrankungen innerhalb des Versichertenkollektivs der deutschen Betriebskrankenkassen vorgelegt. Aufgrund der hohen Steigerungsraten psychischer Erkrankungen - die sich auch im BKK-System widerspiegeln – erhielt der Report in diesem Jahr den Schwerpunkt Seelische Krankheiten prägen das Krankheitsgeschehen. Die Zahlen haben sich in den letzten Jahren aus Sicht der Betroffenen extrem verschlechtert: Der Anteil der Arbeitsunfähigkeitszeiten von BKK Pflichtmitgliedern aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich mit 9,3 % des Gesamtvolumens aller Krankheiten seit 1976 verfünffacht (BKK-Bundesverband 2008, S. 13).

Die Einzelauswertung zeigt, dass die Depression die psychischen Erkrankungen auch bei BKK-Versicherten dominiert. Insgesamt ist die Krankheit bei den Frauen auf Rang drei aller Erkrankungen mit 575,4 Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen) zu finden. Männer verursachen deutlich weniger Tage und erreichen im Schnitt 302,8 AU-Tage. Dies entspricht dem vierten Rang in ihrer Geschlechtergruppe.

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Abbildung 8: Rangfolge der wichtigsten Einzeldiagnosen bei Frauen und Männern nach AU-Tagen 2007 (BKK-Bundesverband 2008, S. 109); eigene Darstellung.

Als Fazit wird festgehalten, dass die Fallzahlen der psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und der Depression im Speziellen seit Jahren stark steigen, und zwar über verschiedene Auswertungen hinweg. Wann genau der Anstieg erstmals einsetzte, lässt sich nicht mehr bestimmen, da es vor 1998 an großen Studien mangelte. Haubl (2006, S. 12) hat die Ergebnisse zusammengefasst: Aktuell geht die Forschung je nach Studiendesign von einer Punktprävalenz (d. h. aktuell Erkrankte) von 8% bis 20% depressiv erkrankter Menschen in Deutschland aus. Die Lebenszeitprävalenz (d. h. irgendwann im Leben Erkrankte) beträgt bis zu 15% bei der depressiven Episode und bis zu 30% bei allen depressiven Erkrankungen. Die Rückfallquote nach der ersten depressiven Episode liegt bei knapp 90%.

Deutlich wird ebenfalls das Missverhältnis der Geschlechter: Frauen dominieren das Krankheitsbild Depression. Allerdings ist auch bei Männern die Tendenz steigend.

3. Historisches Verständnis der Depression: Eine Krankheit im Wandel

Es wurde im vorangegangenen Kapitel verdeutlicht, dass die Depression im Bezug auf Fallzahlen und Kosten eine hohe Bedeutung im deutschen Gesundheitssystem einnimmt. Ein weiterer wichtiger Aspekt für das Verständnis einer Krankheit ist eine Betrachtung aus dem historischen Blickwinkel. Die Geschichte der Depression soll daher in den wesentlichen Auszügen nachgezeichnet werden, um wichtige Stationen bei der Entwicklung zur Volkskrankheit deutlich zu machen. An verschiedenen Beispielen wird zudem gezeigt, dass Möglichkeiten nicht genutzt wurden, dieses Thema auch Männern nahe zubringen.

Die Depression war lange Zeit als Krankheit unbekannt und entsprechend in der Literatur nicht erwähnt. Stattdessen wurde meist von einer psychischen oder seelischen Erkrankung gesprochen. So soll auch in dieser Arbeit im Rückblick zunächst von psychischen Erkrankungen die Rede sein, bis eine Differenzierung in der Dokumentation möglich ist.

3.1 Bis Ende des Zweiten Weltkrieges: Die undefinierbare Krankheit

Schon seit dem Mittelalter fand eine medizinische Versorgung für Menschen mit psychischen Erkrankungen statt. Das Krankheitsbild war jedoch als solches noch völlig unbekannt (Becker et. al. 2008, S. 32). Erstmals wurden im 19. Jahrhundert Menschen mit seelischen Störungen in eigenen medizinischen Institutionen versorgt (ebd., S. 35). Von einem differenzierten Krankheitsbild wurde dennoch nicht gesprochen. Betroffene wurden als „Geisteskranke“ tituliert, die stationären Einrichtungen als „Irrenasyle“. Mediziner beschäftigten sich in ihren Forschungen ausschließlich mit schweren psychischen Krankheiten, die heute dem Spektrum der Manien und Schizophrenien zugeordnet werden (Simhandl u. Mitterwachauer 2007, S. 2). Aus heutiger Sicht ein nicht akzeptabler Zustand und doch schon der erste Fortschritt. Die Menschen in der frühen Neuzeit gingen davon aus, die Seele des psychisch kranken Menschen sei von einem Dämon besetzt und unheilbar (Ehrenberg 2008, S. 41). Bis in die 1940er Jahre war die Krankheit den „Gesunden“ in der Bevölkerung fremd, was zur Folge hatte, dass sie ihnen Angst machte. Die Betroffenen wurden vom sozialen Leben ausgeschlossen und in ihrer Persönlichkeit rein auf ihre Krankheit reduziert. Diesen Effekt beschreibt Steger (2007, S. 24), indem er sagt, dass unter dieser „Urangst“ der Bevölkerung, von Generation zu Generation weitergegeben, letztlich auch noch die heutigen Kranken leiden, wenn auch nicht mehr in dieser Ausprägung.

Da sich die Bevölkerung nicht mit der Depression auseinandersetzen wollte und die Medizin dies nur am Rande tat, blieb dies ein Betätigungsfeld der Philosophie und Literatur. Für das Krankheitsbild fanden sie das Wort „Melancholie“, für den daran leidenden Menschen den Typus melancholicus (Engelhardt 1990, S. 26). Schopenhauer schrieb dazu „Es ist bemerkenswert, dass die Leiden und Qualen leicht so anwachsen können, dass selbst der Tod, in der Flucht vor welchem das ganze Leben besteht, wünschenswert wird und man freiwillig zu ihm eilt“ (Schopenhauer 1977, zit. nach Engelhardt 1990, S. 187). Melancholie war hier das Privileg genialer Künstler und Denker (ebd., S. 191).

Ehrenberg (2008, S. 56) sieht in seinen Forschungen die Eisenbahnunglücke des 19. Jahrhunderts als Wendepunkte in der Wahrnehmung psychischen Leidens. Eisenbahnen galten zu dieser Zeit als Symbol der Modernität. Hierzu schreibt Ehrenberg: „Die Eisenbahn hat die moderne Vorstellung vom Unfall geprägt“. Es wurde ein neuer Typus der Katastrophe geschaffen: Der technische bzw. industrielle Unfall[7]. Jenseits der physischen Verletzungen tritt ein neues Phänomen auf, welches die Forschung um Depressionen erheblich voranbringen wird: Die Betroffenen klagten über Leiden (z. B. Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen, Amnesien und Lähmungen), die nicht auf körperliche Verletzungen zurückzuführen waren. Um 1870 setzt sich hierfür zunächst der Begriff Hysterie durch. Unklar blieb, was die Symptome hervorrief. Das Leiden des „leicht“ Geisteskranken wird entdeckt.

Jedoch gibt es weitere Erklärungsansätze, wie sich die Depression ab dem 19. Jahrhundert ausbreitete: Es war auch die Zeit der gesellschaftlichen Transformation. Das einfache Volk ist nicht mehr an das Schicksal gebunden, in einer bestimmten Klasse, z. B. den Bauern, geboren zu sein. Der Beginn der Industrialisierung entwickelt die Chance auf Wohlstand; auch für einfache Bevölkerungskreise. Die Veränderung des psychosozialen Umfeldes verursacht jedoch Stress, der sich wiederum in Depressionen äußern kann (Ehrenberg 2008, S. 144f). Andere Studien gehen auf der Suche nach dem Ursprung der Depression noch weiter zurück. Preiter (2006, zit. n. Unger und Kleinschmidt 2007, S. 56ff) hat beschrieben, dass bereits bei den Primaten Depressionen vorkamen. Er beschreibt die Krankheit als psychischen Notfallkoffer für das Leben in sozialen Bezügen. Der depressive Primat hat sich in diesem Fall dem Diktat der Gruppe unterworfen, damit die Abläufe der Gruppe weiter funktionieren konnten.

Letztlich lässt sich der Ursprung der Depression nicht klären. So vielfältig wie die Krankheit selbst, sind auch die Einflüsse ihrer Entstehung. Keine der Veröffentlichungen geht jedoch bei der Erklärung der Ursprünge auf den Geschlechteraspekt der Erkrankung ein. Dies kann im Umkehrschluss bedeuten, dass dies zur damaligen Zeit noch keine Rolle spielte. Die Entwicklung in Richtung einer Krankheit, an der scheinbar vor allem Frauen leiden, muss erst in jüngerer Zeit eingesetzt haben.

3.2 Seit den 1950er Jahren: Die Depression wird gesellschaftsfähig

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gab es keine spezifische medikamentöse Behandlung der Depression. Erst 1952 wurde der erste Wirkstoff Chlorpromazin entdeckt. Ursprünglich für Schizophrenie entwickelt, zeigte er stattdessen bei Depressionen Wirkung (Breyer-Pfaff 2005, S. 11). Die neuen Behandlungsmethoden mit Antidepressiva führten dazu, dass sich Psychiater in eigener Praxis niederließen. Auch für die Forschung war ein Anreiz geschaffen, sich des Themas weiterhin intensiv anzunehmen. 1955 beginnt ein pharmazeutischer Wettlauf. Konferenzen und Kongresse zum Thema vervielfachen sich (Ehrenberg 2008, S. 114). Shorter (1999, zit. nach Becker et. al. 2008, S. 38) beschreibt diese Phase als Revolution; eine Zeit in der gravierende psychische Probleme erklärt wurden. Jedoch gibt es hierzu unterschiedliche Auffassungen: Summer (2008, S. 45) sieht noch bis in die 1960er Jahr die Meinung der Wissenschaft über Depressionen in der Nähe der Simulation. Ehrenberg (2008, S. 99ff) beschreibt den Wendepunkt wie folgt: „Zwischen 1965 und 1970 wurde die Depression für die Allgemeinmediziner zu einer alltäglichen Erscheinung. Sie wurde gesellschaftsfähig und das psychische Leben trat aus seinem Schattendasein“. Die Medien verringerten die Scham über die Leiden zu sprechen. Es wurde klar gestellt, dass die Depression auch den Gesündesten treffen kann. Die gesellschaftliche Legitimation, die Krankheit zu “haben“, war geschaffen. Publikumszeitschriften nahmen sich des Themas an (ebd., S. 150). 1970 stellt Lehmann (1971, zit. nach Ehrenberg 2008, S. 142) auf einem Kongress fest: Die Depression wird zur am meisten verbreiteten Krankheit der Welt. Wissenschaftler warnten bereits 1972 vor dem inflationären Gebrauch des Wortes Depression.

[...]


[1] Im amerikanischen Raum ist die aktuelle Version DSM-IV weiter in Gebrauch.

[2] In Abgrenzung zur bipolaren Störung, bei der sich depressive und manische Zustände abwechseln. Weitere unipolare Störungen sind die Dysthymien und Anpassungsstörungen.

[3] Hierzu gibt es unterschiedliche Forschungsergebnisse, auf die in Abschnitt 8.4 ausführlich eingegangen wird.

[4] Die Häufigkeit depressiver Episoden in der Gruppe der Affektiven Störungen wird anhand des DAK-Gesundheitsberichts 2005 in Abschnitt 2.3.2 belegt.

[5] Bei der „lavierenden“ Depression wird diese, z. B. aus Scham, verleugnet und in Form unverdächtiger physischer Symptome präsentiert (Haubl 2007, S. 16).

[6] Depressionen wurden in der Studie nicht separat erfasst.

[7] Im Gegensatz zu den bisherigen Unglücksformen der Naturkatastrophe oder des Krieges.

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Details

Titel
Volkskrankheit Depression. Gesundheitswissenschaftliche Darstellung der Depression in der heutigen Gesellschaft
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Gesundheitswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
73
Katalognummer
V132210
ISBN (eBook)
9783640377114
ISBN (Buch)
9783640381760
Dateigröße
891 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volkskrankheit, Depression, Gesundheitswissenschaftliche, Darstellung, Gesellschaft
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Christian Betschel (Autor), 2009, Volkskrankheit Depression. Gesundheitswissenschaftliche Darstellung der Depression in der heutigen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132210

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