Der Kriminalroman und das Mysterium seiner Popularität


Hausarbeit, 2007

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Kriminalroman
1.1 Detektiv, Krimi, Rätsel? Versuch einer Definition
1.2 Entwicklung des Kriminalromans
1.2.1 Die Urväter der Gattung: Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle
1.2.2 Die Klassiker: Agatha Christie und Dorothy L. Sayers
1.2.3 The American Way of crime: Die amerikanische Hard-Boiled Schule

2. Die Popularität des Kriminalromans
2.1 Brecht über einen “blühenden Literaturzweig”
2.2 Was macht den Kriminalroman so populär?

3. Der schwedische Kriminalroman
3.1 Henning Mankell und Kurt Wallander
3.2 Die Popularität des Kriminalromans am Beispiel von Henning Mankell

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Der Kriminalroman gehört in ein Genre, „dessen Beliebtheit immer noch eines seiner großen Mysterien für die Literaturwissenschaft ist.“[1] Seit über 160 Jahren – wie lange genau, soll noch untersucht werden – ist er eine der beliebtesten Gattungen und somit aus den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken.

Ich möchte mit dieser Hausarbeit versuchen, der Popularität des Kriminalromans so gut es geht auf die Spur zu kommen um dieses Phänomen – zumindest ein kleines Stück weit – zu erklären. Um die Beliebtheit und den Erfolg einer Sache zu beschreiben, muss zunächst geklärt sein, worum es sich bei der Sache handelt, wie sie entsteht, was die Wurzeln sind und wie sie und ihr Erfolg sich entwickelt haben. Es soll also zunächst untersucht werden, wie die Erfolgsstory des Kriminalromans ihren Anfang nahm, wer also die Gründungsväter sind und was den Kriminalroman überhaupt von Verbrechensgeschichten früherer Zeiten unterscheidet, was seine typischen Merkmale sind.

Nachdem wir dies getan haben und verstanden haben, welche Arten des Kriminalromans erfolgreich, in seiner Entwicklung also entscheidende Pfeiler sind, dann können wir auch versuchen das Rätsel der Popularität zu lösen. Dies soll zunächst allgemein und später dann bezogen auf den skandinavischen Kriminalroman am Beispiel von Henning Mankells Wallander geschehen.

1. Der Kriminalroman

1.1. Detektiv, Krimi, Rätsel? Versuch einer Definition

Millionen von Menschen lesen ihn. Man redet über ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Zweifel bestehen lässt - den Kriminalroman. Nur besteht völlige Uneinigkeit in der Terminologie. Richard Alewyn unterscheidet:

„Der Kriminalroman erzählt die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens. Man kann jeden Kriminalroman auf den Kopf stellen und ihn als Detektivroman erzählen, und man kann umgekehrt jeden Detektivroman auf die Füße stellen und damit den ihm zugrunde liegenden Kriminalroman herstellen.“[2]

Suerbaums Definition sorgt zumindest dafür, dass ältere Werke wie beispielsweise Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre oder auch Dostojewskis Schuld und Sühne nicht in diese Gattung integriert sind. Er geht davon aus, dass es eine Gesamtgattung „Krimi“ gibt, unter der alle modernen Werke zu fassen sind, die Vorgänge um Mord und Verbrechen „auf spannend unterhaltende Weise präsentieren“.[3] Damit ist im Wesentlichen das gemeint, was unter Detektivroman, Kriminalroman oder Rätselroman verstanden wird.

Ich werde mich im Folgenden an Heißenbüttel halten und die in Bezug auf den Namen so umstrittene Sache als den Kriminalroman bezeichnen.

„Der Kriminalroman, so wie er sich historisch entwickelt hat und wie er heute eine bestimmte und nicht wegzudiskutierende Rolle spielt, ist immer ein Detektivroman. Ihm zugrunde liegt ein festes Schema, das zunächst drei Faktoren enthält: Die Leiche, den Detektiv und die Verdächtigen. Der Ermordete, der entweder vor Beginn der Erzählung oder auf den ersten Seiten sein Ende findet, bringt alles in Gang. Die Leiche ist gleichsam der Hebel, der der Story den Anstoß liefert.“[4]

Mit dem Kriminalroman soll in dieser Arbeit also all das bezeichnet werden, was sich mit einem Verbrechen, üblicherweise mit dem Mord, und seiner Aufklärung befasst.

1.2. Entwicklung des Kriminalromans

1.2.1 Die Urväter der Gattung: Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle

Wie die Geschichte von Abel und Kain zeigt, sitzen die Wurzeln des Kriminalromans sehr tief. Diese Geschichte handelt von einem Mord und sie wurde aufgeschrieben, was aus ihr natürlich noch lange keinen Kriminalroman macht. Dies zeigt nur, dass das Verbrechen natürlich so alt wie die Menschheit ist, das daher aber Geschichten über Verbrechen noch keine kriminalliterarischen Werke darstellen. Logisch erscheint aber, dass eine Gattung wie der Kriminalroman erst zum Leben erweckt werden konnte, nachdem die „alte Vorstellung von der Aufdeckung des Verbrechens als einer Sache Gottes durch die Vorstellung von der vollen Zuständigkeit und Verantwortung des Menschen“[5] abgelöst wurde. Zeitlich gesehen befänden wir uns also spätestens in der Aufklärung, die die Vernunft dem Glauben gegenüberstellt und die von der Annahme überzeugt ist, dass die Moral zuletzt siegt.

Dieser aufklärerische Gedanke war zumindest ein Entstehungsgrund für den Schauerroman oder „gothic novel“ im 18. Jahrhundert.

Was aber den Kriminalroman als moderne Gattung von den Verbrechensdichtungen, die bis ins 19. Jahrhundert reichen, unterscheidet, ist der Aspekt der Aufklärung eines Verbrechens. Es geht nicht länger um den Mord an sich, sondern um die Beschreibung „der Sammlung von Verbrechensspuren und Indizien“[6] Der erste, der diesen Gedanken zum Kern seiner Erzählung macht ist der Amerikaner Edgar Allan Poe mit seiner Erzählung The Murders in the Rue Morgue (1841). Die Schlüsselszene in diesem Werk ist ein brutaler Doppelmord an zwei Damen – Mutter und Tochter – in einem von innen verschlossenen Raum[7]. Nun betritt ein junger Mann mit scharfem Verstand die Bühne, welcher zum Vorbild für alle nachfolgenden Detektive werden soll. C. Auguste Dupin. Er beweist, dass diese grausame Tat unmöglich von Menschenhand vollführt werden konnte und schließt daraus, dass es eine wilde Bestie – ein Menschenaffe nämlich - mit übermenschlichen Kräften gewesen sein muss. Tatsächlich war das Tier einem Matrosen aus Borneo entflohen und hatte diese Morde vollbracht. Es geht hier nicht um die Morde an sich. Schon die Tatsache, dass ein Affe der Mörder ist, macht deutlich, dass „nicht der Mord mit seinen rechtlichen Konsequenzen, sondern die Aufklärung eines Rätsels im Vordergrund steht.“[8]

Es folgten in den Jahren danach vier Detektiverzählungen, von denen The Gold Bug (Der Goldkäfer) die berühmteste war. Poe hatte zu der Zeit große Geldschwierigkeiten und reichte diese Erzählung deshalb bei einem Wettbewerb des „Graham´s Magazine“ ein. Er gewann den Wettbewerb und somit das Preisgeld von 100 Dollar, seine bisher höchste Gage. 1844 bezifferte er die Auflage mit 300.000 Exemplaren.[9]

Nach dem Tod Poes im Jahre 1849 brachte Emile Gaboriau die Entwicklung der Gattung des Kriminalromans weiter in Schwung. Unter anderem mit einem Plagiat von „Murders in the Rue Morgue“ (1860), durch das Poes Popularität erst gänzlich zur Geltung kam.[10]

Poes Anregungen mittels einer Geschichte, die Vernunft und kombinatorische Fähigkeiten eines Menschen zum Gegenstand hat, gelangten einige Jahre später auch nach England und wurden unter anderem von Charles Dickens, Wilkie Collins mit seiner Figur des Sergeant Cuff, und nicht zuletzt einem schottischen Arzt entgegengenommen, der mit seinem Helden Sherlock Holmes eine Figur ins Leben rief, die „das Image der Gattung prägen wird wie keine andere:“[11] Arthur Сonan Doyle. Er wurde am 22. Mai 1859 in Edinburgh geboren und studierte dort auch Medizin, bevor er in Southsea 1881 eine Arztpraxis eröffnete. Da er in seinem Beruf nicht sehr erfolgreich war, begann er 1887 aus finanziellen Gründen mit dem Schreiben und erweckte in seinem ersten Roman A Study in Scarlet mit Sherlock Holmes den ersten Seriendetektiv der Gattung zum Leben.[12] Holmes ist leidenschaftlicher Geigenspieler, Pfeifenraucher, konsumiert hin und wieder gerne auch härtere Drogen, ist ein ausgezeichneter Boxer und kennt annähernd jedes Verbrechen aus seinem Jahrhundert.[13]

Fast alle Geschichten um Sherlock Holmes werden von dem jungen Militärarzt und gleichzeitig Holmes´ Mitbewohner Dr. John H. Watson erzählt. Er begleitet und hilft ihm bei der Aufklärung, stellt Fragen und stellt somit sozusagen die Verbindung vom „intellektuellen Übermenschen“[14] Holmes zum Leser dar, der sich durch Watson einigermaßen orientieren kann und mit ihm ungefähr auf einem Wissensstand ist.

Doch Doyles eigentliche Leistung besteht nicht alleine darin, seinen Detektiv weiter zu entwickeln, zu popularisieren, sondern vor allem in „der Verankerung des Detektivs in seiner eigenen Zeit. Mit Holmes tritt der Detektiv ins wissenschaftliche Zeitalter.“[15] Nicht nur seine analytischen Fähigkeiten lösen das Rätsel, sondern auch die modernen Hilfsmittel aus der Wissenschaft, vor allem der Chemie, helfen Holmes bei der Aufklärung der Fälle und sind damit wichtiger als persönliche Motive und Hintergründe, die bei Doyle kaum eine Rolle spielen.

Um nun die Frage nach den Anfängen des Kriminalromans zu beantworten, seien die Worte Alewyns aus dem Jahre 1968 herangezogen, die zwar nicht unbedingt eine Antwort geben, zumindest aber eine endlose Erbsenzählerei unnötig machen: „Wann immer man die Anfänge des Detektivromans ansetzt, mit Conan Doyle oder Edgar Allan Poe oder mit dem Schauerroman des späten 18. Jahrhunderts, älter als 80 oder 130 oder 180 Jahre ist seine Geschichte nicht.“[16] Nun muss man lediglich noch 50 Jahre hinzurechnen, um die Aussage zu aktualisieren.

1.2.2. Die Klassiker: Agatha Christie und Dorothy L. Sayers

Gemessen an den Zahlen verkaufter Bücher ist Agatha Christie die erfolgreichste Krimiautorin aller Zeiten.[17] 1890 wurde sie in Torquay geboren und wuchs also in eine Zeit hinein, die man aufgrund der Beliebtheit des Kriminalromans das goldene Zeitalter nennt.[18] Ihr Kriminalschauspiel The Mousetrap (Die Mausefalle, Uraufführung 1952 in London) wurde 20 Jahre lang am Londoner Theater gespielt; länger als jedes andere Theaterstück. Von 1910 bis in die Mitte der 70er Jahre schrieb sie 80 Krimis, die weltweit rund 5 Millionen Mal verkauft wurden.[19] Ihre Handlungen spielen meist in der englischen Provinz, in einem „Milieu nach Gutsherrenart.“[20] In der oberen Mittelklasse, in der sich Mörder als auch Opfer bewegen, fragen Christies Ermittelnde nicht nach Motiven oder persönlichen Gründen. Sie suchen nach Indizien und prüfen, wer die Gelegenheit hatte, den Mord zu begehen.

[...]


[1] Spörl, Uwe : Die Chronotopie des Kriminalromans. URL: http://www.erlangerliste.de/ede/krimi.pdf [Stand: 24. Juli 2007]

[2] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans (1968). In: Jochen Vogt (Hg.): Der Kriminalroman. Poetik – Theorie - Geschichte. München: Fink, 1998, S. 53

[3] Suerbaum, Ulrich: Krimi. Eine Analyse der Gattung. Stuttgart: Reclam, 1984, S.14

[4] Heißenbüttel, Helmut: Spielregeln des Kriminalromans (1963). In: Jochen Vogt (Hg): Der Kriminalroman. Poetik – Theorie – Geschichte. München: Fink, 1998, S. 113

[5] Suerbaum: Krimi, S. 33

[6] Schmidt, Jochen: Gangster, Opfer, Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. Frankfurt/M; Berlin: Ullstein,1989, S.29

[7] Dieses Motiv des „locked Room“ ist in vielen Kriminalgeschichten ein beliebtes Werkzeug

[8] Roos, Claudia:Die deutsche Detektiverzählung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Berlin: Mensch-und-Buch Verl., 2003, S.9

[9] Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, S. 76

[10] Ebd., S. 77

[11] Ebd., S. 81

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 82

[14] Ebd., S. 83

[15] Ebd., S. 85

[16] Alewyn: Anatomie des Detektivromans, S. 52

[17] Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, S.86

[18] Krieg, Alexandra: Auf Spurensuche. Der Kriminalroman und seine Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Marburg: Tectum Verlag, 2002, S.37

[19] Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, S. 86

[20] Ebd., S. 87

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Kriminalroman und das Mysterium seiner Popularität
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Kafka, Karl May und der Kanon oder: Was ist "gute" Literatur und woran kann ich sie erkennen?
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V132243
ISBN (eBook)
9783640381258
ISBN (Buch)
9783640502677
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krimi, Kriminalroman, Popularität, Berühmtheit, Wallander, Henning Mankell, Verbrechen, Aufklärung, Detektiv, Ermittler, Gut und Böse
Arbeit zitieren
Simon Wordtmann (Autor), 2007, Der Kriminalroman und das Mysterium seiner Popularität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132243

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