Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung in John Stuart Mills Essay "Über die Freiheit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zu Mills Werk
2.1. Einflüsse auf Mills Essay
2.2. Wie führt Mill die Begriffe Freiheit und Verantwortung ein?

3. Freiheit und ihre Einschränkungen
3.1. Freiheit als Selbstverwirklichung des Individuums
3.2. Gesetze als Einschränkung der Freiheit?

4. Der Weg zur liberalen Gesellschaft
4.1. Wann ist ein Mensch anderen gegenüber verantwortlich?
4.2. Verantwortung als Voraussetzung für das Zusammenleben

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Mensch wird frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“

(Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag)

Mit diesen Worten liefert Rousseau eine Definition des Menschen, die ihn als von Natur aus frei auszeichnet. Dennoch existieren Einschränkungen, die dem Menschen diese Freiheiten nehmen können.

Freisein bedeutete in diesem Fall wohl, dass ein Mensch all das tun kann, was er gerade tun will. Da er aber nicht allein auf der Welt ist und so geradezu auf das Zusammenleben mit anderen angewiesen ist, können seine Interessen mit denen seiner Mitmenschen kollidieren. Deshalb muss sich ein menschliches Individuum an gewisse Regeln halten, die ein gesellschaftliches Miteinander überhaupt erst ermöglichen. Denn als Vernunftwesen ist der Mensch durchaus in der Lage, Rücksicht auf andere zu nehmen und Kontrolle über seine Triebe auszuüben; erst dann kann barbarischen Zuständen vorgebeugt und ein friedliches Zusammenleben gesichert werden. Allerdings ergibt sich daraus ein Problem: Die o.g. Regeln können jederzeit als negativ empfunden werden, weil sie die Freiheiten der Menschen in gewisser Weise einschränken. (Immerhin kann das menschliche Individuum dann nicht mehr das tun, was es tun will.) In diesem Fall stehen sich individuelle Freiheit und gesellschaftliches Leben fast feindlich gegenüber. Fraglich wäre hier, ob der Mensch in der Zivilisation überhaupt frei sein kann. Damit die Lebensqualität nicht vollends eingeschränkt wird, müsste also ein Mittelweg ergründet werden, der zwar ein gesellschaftliches Zusammenleben ermöglicht, aber zugleich das Individuum in dem Maße frei sein lässt, dass es die zivilisatorischen ‚Spielregeln’ als nicht allzu negativ und störend empfindet.

Mit eben diesem Mittelweg beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Im Zentrum der Untersuchungen steht dabei John Stuart Mills 1859 publizierter Essay „Über die Freiheit“[1], in dem die bürgerliche oder soziale Freiheit thematisiert wird. Weil Mill schon in seiner Einleitung zu dem Schluss kommt, dass diese Freiheit nur dann gewährleistet werden kann, wenn der Mensch ein gewisses Maß an Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen übernimmt, soll insbesondere der Frage nachgegangen werden, in welcher Beziehung Freiheit und Verantwortung zueinander stehen. Dabei wird auch nachvollzogen, von welcher Freiheit bei Mill überhaupt die Rede ist und ob Mills Auffassung von Verantwortung das oben beschriebene Dilemma lösen könnte.

Zuerst soll darin das Interesse auf die Entstehung des Textes gestützt werden. John Stuart Mill lebte in einer Zeit, die vor allem für ihre Umbrüche im philosophischen Denken bekannt ist. Um aufzeigen zu können, wie seine Gedanken von den Umständen dieser Zeit, aber auch von seinen Vordenkern geprägt wurden, sollen die Einflüsse auf seinen Essay „Über die Freiheit“ an erster Stelle erläutert werden. Darauf aufbauend wird darauf verwiesen, wie die Begriffe Freiheit und Verantwortung bei Mill eingeführt werden. Denn diese bilden die Basis für den weiteren Gang der vorliegenden Untersuchung. Der nächste Abschnitt der Arbeit widmet sich der Freiheit des Individuums in der Gesellschaft. Um überhaupt aufzeigen zu können, wann ein Mensch frei ist oder nicht, muss der Begriff der Freiheit zunächst genauer untersucht werden. Dabei spielen auch die Gesetze eine nicht ganz unerhebliche Rolle, weil sie die Freiheit der Menschen in der Gesellschaft letztendlich einschränken können. Anschließend soll das Augenmerk auf den Begriff der Verantwortung gerichtet werden, weil diese auch aus den Gesetzen resultieren kann. Hier wird zunächst eingegrenzt, unter welchen Voraussetzungen ein Mensch überhaupt seinen Mitmenschen gegenüber verantwortlich ist, um in einem nächsten Schritt die eigentliche Fragestellung der Arbeit zu beantworten: Kann die Verantwortung eine Voraussetzung für das (friedliche) Zusammenleben der Menschen darstellen?

Zitate sind in der vorliegenden Arbeit als solche kenntlich gemacht und mit einer Fußnote versehen. Alle anderen eingeklammerten Hinweise, z.B. (vgl. Kap. 2.1.), sind Binnenverweise dieser Arbeit.

2. Zu Mills Werk

2.1. Einflüsse auf Mills Essay

Mills Essay „On Liberty“ (deutsch: „Über die Freiheit“) wurde 1859 publiziert. Mill hatte seit 1854 zusammen mit seiner Frau Harriet an dem Werk geschrieben und es häufiger als all seine anderen Schriften überarbeitet.[2] Er ließ sich dabei von vielen Vordenkern inspirieren; die bedeutsamsten Einflüsse jedoch übten Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und Alexis de Toqueville (1805-1859) auf Mills Essay aus.

Vor allem Humboldts frühe Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ war für John Stuart Mill prägend. Darin spricht Humboldt sich für einen Individualismus der Persönlichkeit aus und entwickelt ein idealtypisches Staatsmodell, das zunächst mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen steht dabei im Vordergrund: Der universale Mensch verkörpert „die höchste Stufe umfassender Bildung.“[3] Das Individuum müsse sich auf verschiedene Situationen einstellen können und gewinne nur dann an Stärken und Fähigkeiten, wenn es auftretende Schwierigkeiten selbst bewältigen könne. Aus diesem Grund steht für Humboldt neben der Bildung noch die Freiheit als geeignete Erziehungsmethode. Der Mensch ‚wächst dabei also mit seinen Aufgaben’ und wird so letztendlich befähigt, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Nur die Begrenzung der eigenen Kräfte oder allgemeine Gesetze können diese Freiheit nach Humboldt einschränken.[4] Deshalb obliegt dem Staat laut Humboldt nur die Aufgabe, das Individuum zu beschützen und sich auf die allgemeine Sicherheit zu beschränken; denn das menschliche Individuum sei nicht allein in der Lage, sich diese Sicherheit zu beschaffen. Allerdings könne, so Humboldt, später selbst der Staat überflüssig werden, indem diese Aufgaben durch freiwillige Organisationen übernommen werden.[5] Zusammenfassend kann also angeführt werden, dass für Humboldt die Ausbildung der Kräfte im Menschen an höchster Stelle stand, damit dieser sich selbst verwirklichen und somit Glück erfahren kann. John Stuart Mill war von dieser Kernidee fasziniert und übernahm wichtige Elemente daraus in seinen Essay „Über die Freiheit“ (vgl. auch Kap. 2.2.).

Einen weiteren großen Einfluss auf Mills Werk übte der französische Publizist und Politiker Alexis de Toqueville aus. Mill hatte zwei Abschnitte aus Toquevilles Schrift „De la Démocratie en Amérique“ rezensiert. In diesem Werk thematisiert Toqueville am Beispiel Amerikas die Entwicklung und den Fortschritt der Demokratie. Allerdings warnt er darin auch vor dem Konflikt zwischen Demokratie und Liberalismus: Ohne ein Prinzip von Freiheit könne Gleichheit zum Untergang der Gesellschaft führen, weil sich das Individuum an die Mehrheit anpassen müsse, um nicht zum Außenseiter degradiert zu werden. Damit gehe aber das Menschliche im Menschen verloren: Die Freiheit gilt nach Toqueville als das natürliche Recht des Menschen, das ihm von Geburt an zustehe und ihm erlaube, ein eigenständiges Leben zu führen.[6] Jenes Recht aber könne völlig unberücksichtigt bleiben, wenn Personen die Macht übernehmen, die auf es nur wenig Wert legen. Deshalb funktioniere die Demokratie laut Toqueville als Lebensform nur dann, wenn ein Ausgleich zwischen Gleichheit und Freiheit gewährleistet ist.[7] Mill fühlte sich durch die Ausführungen Toquevilles in seinem ohnehin vorherrschenden Misstrauen gegen das Demokratiesystem bestätigt. Immerhin ist die Verteidigung der Freiheit gegen die „Tyrannei der Mehrheit“ sein eigentliches Anliegen im Essay „Über die Freiheit“[8] (vgl. auch Kap. 2.2.).

Auch die Umstände des viktorianischen Zeitalters selbst mögen Mill zum Verfassen seines Essays veranlasst haben. Diese waren von Widersprüchen durchzogen: Zwar hatten sich die Menschen konventionellen Normen und religiösen Absolutheitsansprüchen anzupassen, die bis in die privatesten Lebensbereiche kontrolliert werden konnten (wer davon abwich, wurde alsbald von der Gesellschaft geächtet). Doch auf der anderen Seite hatte der Staat nur wenig Einfluss auf private Ereignisse. Beispielsweise existierten so gut wie gar keine Steuerabgaben, durch die das wirtschaftliche und soziale Leben hätten reguliert werden können. Mill schlussfolgerte aus diesen Umständen, dass die Bürger den Kampf, eine Verbindung zwischen Gleichheit und Freiheit herzustellen, aufgegeben hatten. Die Gleichheit dominierte – allerdings zuungunsten der Freiheit.[9]

2.2. Wie führt Mill die Begriffe Freiheit und Verantwortung ein?

Schon in der Einleitung seines Essays geht Mill auf das Grundproblem der menschlichen Freiheit ein: Der Mensch lebt in einer Gesellschaft, in der unterschiedliche Interessen vorherrschen. Jeder versucht nun, sein eigenes Wohl durch individuelle Handlungen zu fördern und wirkt damit zugleich auf die Handlungen anderer ein. Damit berührt die Freiheit des Individuums also auch die Freiheit seiner Mitmenschen in eben dieser Gesellschaft. Dadurch können Probleme auftreten, auf die Mill anhand eines Beispieles aufmerksam macht: In einer Demokratie herrsche zwar eine Kompatibilität zwischen den Interessen des Volkes und denen der herrschenden Autoritäten vor; dennoch könne durchaus der Fall eintreten, dass der Wille des Volkes nur dem Willen des zahlenmäßig Stärksten entspreche.[10] Die Minderheit kann demzufolge tyrannisiert werden und ist dadurch in ihren Handlungsfreiheiten eingeschränkt. Um die Freiheit aller Menschen vor solchen Regierungseingriffen zu schützen, stellt Mill ein einfaches Prinzip auf: Die Freiheit eines Menschen dürfe nur dann eingeschränkt werden, wenn durch deren Ausleben andere Menschen in irgendeiner Weise geschädigt werden könnten. Unter dieser Voraussetzung existieren für Mill drei bedeutende Bereiche der Freiheit: 1) Die innere Freiheit des Bewusstseins (z.B. Freiheit des Denkens und der eigenen Meinung); 2) Die äußere Freiheit des Handelns (die ungehinderte Freiheit der eigenen Entfaltung, z.B. Gewerbefreiheit und Freizügigkeit); 3) Die Assoziationsfreiheit (die Freiheit, sich für eine „Sache zu vereinigen, die nicht eine Schädigung anderer einschließt, unter der Voraussetzung, daß die sich vereinigenden Personen volljährig und nicht gezwungen noch

[...]


[1] Vgl. Mill, John Stuart: Über Freiheit. Aus dem Englischen übertragen von Achim v. Borries. Frankfurt am Main 1969.

[2] Vgl. Gaulke, Jürgen: Freiheit und Ordnung bei John Stuart Mill und Friedrich August von Hayek: Versuch, Scheitern und Antithese eines ethischen Liberalismus. Frankfurt/Main 1994, S. 132.

[3] Vgl. ebd., S. 135.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd., S. 136.

[6] Vgl. ebd., S. 137.

[7] Vgl. ebd., S. 138.

[8] Vgl. dazu ebd., S. 149.

[9] Vgl. ebd., S. 150.

[10] Vgl. Mill, John Stuart: Über Freiheit. Aus dem Englischen übertragen von Achim v. Borries. Frankfurt am Main 1969 , S. 10.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung in John Stuart Mills Essay "Über die Freiheit"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Freiheit und Verantwortung als Grundprobleme des Liberalismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V132334
ISBN (eBook)
9783640384570
ISBN (Buch)
9783640384983
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John, Stuart, Mill, Über, die, Freiheit, Verantwortung
Arbeit zitieren
Mirco Rauch (Autor), 2008, Der Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung in John Stuart Mills Essay "Über die Freiheit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132334

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