Harry G. Frankfurt 'Willensfreiheit und der Begriff der Person'

Eine Analyse


Essay, 2004

4 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Harry G. Frankfurt: „Willensfreiheit und der Begriff der Person“[1]

Essay

Der Begriff der „Person“ ist aus dem Lateinischen entlehnt. „Persona“ hieß dort ursprünglich „Maske“, wurde dann jedoch auch im Sinn von „Rolle von Schauspielern“ und schließlich – so etwa bei Cicero – von Rollen von Individuen im gesellschaftlichen Kontext verwendet. Im Rechtsbereich dagegen war die Bedeutungsdimension eine etwas andere. Eine Person war dadurch definiert, dass sie im Gegensatz zur Sache – „res“ – über sich selbst verfügen und das eigene Handeln bestimmen konnte. Auf dieser Ebene setzt auch die Definition von Harry G. Frankfurt an. Der Autor wendet sich in seinem Aufsatz zunächst vor allem gegen das psychophysische Konzept, das er bei Philosophen wie Ayer und Strawson diagnostiziert. Diese Definition stelle, so Frankfurt, einen „Sprachmissbrauch“[2] dar. Sie sei unpräzise und unzureichend, da sie auf „zahllose Kreaturen“ zutreffe, „die zwar sowohl psychische wie materielle Eigenschaften haben, die aber offensichtlich in keinem gebräuchlichen Sinne des Wortes Personen sind“[3]. Ihm gehe es darum, „zu verstehen, was es denn bedeutet, ein Wesen zu sein, das nicht nur Geist und Körper hat, sondern darüber hinaus auch eine Person ist“[4]. Es gibt für den Autor also eine Dimension, die jenseits von „Leib und Seele“ einen Menschen zu einer Person macht. Dies ist, wie im Titel schon angedeutet, die Willensstruktur eines Lebewesens. Diese besteht nach Frankfurt im Kern aus unterschiedlich ausdifferenzierten Wunschformen, die er sowohl bezüglich ihrer Akkumulation oder Stufung als auch nach Bezug zur realen Handlung unterscheidet. Zunächst unterscheidet Frankfurt jedoch ganz grundlegend zwischen Wunsch und Wille. Der Begriff „Wunsch“ bezeichnet den mentalen Zustand eines Wesens, das etwas erreichen oder tun möchte, „Wille“ bedeutet in logischer Fortführung, dass dieser Wunsch in entsprechende Tat umgesetzt wird – oder mit Frankfurts Worten, dass er „effektiv“ bzw. „handlungswirksam“[5] wird. Unabhängig von dieser handlungsabhängigen Definitionsebene ist für den Autor eine weitere Dimension entscheidend für die begriffliche Kategorisierung: er differenziert zwischen Wünschen unterschiedlicher „Stufung“, wobei er grundsätzlich von einem dichotomischen Modell ausgeht. Die untere Ebene bilden für den Autor Wünsche, bei denen sich das Verlangen eines Lebewesens auf eine konkrete Handlungen oder Gegenstände richtet. Sie sind nicht auf die menschliche Art beschränkt. Vielmehr scheine es, schreibt Frankfurt, als seien viele Tiere zu diesen – wie er es nennt – „Wünschen erster Stufe“ fähig – und fährt fort: „Es scheint aber eine besondere Eigentümlichkeit von Menschen zu sein, dass sie, wie ich sie nennen werde, ´Wünsche zweiter Stufe` zu bilden fähig sind. Neben wünschen und wählen und bewegt werden, dies oder das zu tun (sic!), können Menschen außerdem wünschen, bestimmte Wünsche oder Motive zu haben.“ Auch auf dieser zweiten Ebene unterscheidet der Autor nach dem Realitätsbezug von Wünschen. Der Mensch könne sich wünschen, ein bestimmtes Verlangen zu spüren, also einen Wunsch zu haben, wobei die tatsächliche Umsetzung ohne Bedeutung oder sogar unerwünscht ist. Als Beispiel führt Frankfurt einen Arzt an, der sich wünscht, das Abhängigkeitsgefühl von Drogensüchtigen zu haben, um sich besser in sie hineinversetzen zu können. Eine Effizierung dieses Wunsches – also der Konsum von Drogen – ist hier nicht in den Wunsch integriert. Schon bei dieser Wunschform sei, so Frankfurt, die „Fähigkeit zur reflektierenden Selbstbewertung“[6] nötig – eine Eigenschaft, die dem Menschen wesenhaft sei und ihn von Tieren oder anderen niedrigeren Lebensformen unterscheide. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Frankfurt die von ihm analysierten Willensstrukturen nicht axiomatisch als ausschließliches und notwendiges Merkmal von „Menschentum“ darstellt. Es sei durchaus denkbar, dass nicht-menschliche Lebewesen diese aufweisen könnten. „De facto“ jedoch – also aufgrund und innerhalb der bekannten Welt empirischer Tatsachen – gilt für Frankfurt die Prämisse, dass „kein Mitglied einer anderen Spezies eine Person ist“[7] – personale Willensstrukturen sind also innerhalb der bekannten Welt nur Menschen zuzuschreiben. Der Umkehrschluss hingegen – und das ist für die Differenzierung zwischen den Kategorien „Mensch“ und „Person“ unmittelbar entscheidend – gilt nicht. Nicht jeder Mensch ist qua seines Vermögens zu Selbstreflexion automatisch auch eine „Person“. Wünsche zweiter Stufe zu bilden, also die Fähigkeit, die emotionalen oder faktischen Konsequenzen bestimmter Handlungen oder die Folgen, die sich für das Individuum aus dem Besitz bestimmter Güter ergeben, vorauszusehen und sie somit zu wünschen oder abzulehnen, ist zwar notwendiges Definiens für die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch. Sie ist jedoch nicht hinreichend zur Erreichung des Personen-Status. Hierfür entscheidend ist die Fähigkeit, zu wünschen, ein Wunsch möge unmittelbar handlungsbestimmend sein – die Fähigkeit also, Wünsche zweiter Stufe zu bilden, die sich nicht auf bloße Wünsche erster Stufe, sondern auf deren faktische Umsetzung, einen Willen also, beziehen. Die Konsequenzen unterschiedlicher Handlungen müssen hierbei vorausgesehen und gegeneinander abgewägt werden, um in der Konsequenz daraus eine von ihnen als „wünschenswert“ oder eher: „willenswert“ zu priorisieren. Frankfurt bezeichnet diese Art von Wunschstrukturen, die für ihn konstitutives Element für Ausbildung von „Personalität“ sind, mit dem Begriff „Volition“. Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass nicht die tatsächliche Umsetzung des priorisierten Willens ausschlaggebend ist. Frankfurt verdeutlicht dies am Beispiel von drei verschiedenen Arten von Suchtverhalten. Ein Süchtiger, der theoretisch den Wunsch hat, nicht mehr abhängig zu sein, dies jedoch in der Praxis nicht durchzusetzen vermag, ist trotzdem – und zwar wegen seiner Fähigkeit einen bestimmten Willen zu priorisieren – eine Person. Dem entgegen steht der Typ eines Abhängigen, der seiner Sucht indifferent gegenübersteht, der sich treiben lässt von situativen Impulsen. Er ist in Frankfurts Modell zwar möglicherweise fähig, rational bestimmte Handlungsweisen gegeneinander abzuwägen – dies jedoch nicht vor dem Hintergrund, dass er sie bezüglich ihrer „Wünschbarkeit“ kategorisiert, sondern nach ihrer unmittelbaren Durchführbarkeit, Nützlichkeit oder ähnlichem. Es werden hier noch einmal die Grundprinzipien, die Frankfurt für seine Definition des Personenbegriffs postuliert, deutlich: Mensch-sein, also sein eigenes Handeln nach rationalen Gesichtspunkten zu steuern, ist nicht gleich Person-Sein, was in dem hier verwendeten Zusammenhang bedeutet, das eigene Handeln prospektiv zu wünschen. Die ideale Form dieser Willensstrukturen ist bei Frankfurt jedoch nicht durch moralischen Gehalt festgelegt. Es geht also nicht darum, was der Mensch wollen soll, damit er richtig handelt im Sinne von „gut“. Er verfolgt einen eher kulturanthropologischen Ansatz, indem er die These aufstellt, dass die Ausbildung solcher Willensstrukturen in der Natur des Menschen liegt. Glück oder Zufriedenheit – was Frankfurt als Ziel menschlicher Existenz voraussetzt – sei abhängig von der Art und vor allem der Umsetzbarkeit der Volitionen eines Individuums. An dieser Stelle erhält auch der Begriff „Willensfreiheit“ seine Bedeutung. „Freiheit zu wollen“ heißt mit Frankfurt: ungehindert ein Handeln, von dem man selbst möchte, dass es Realität werden möge, auch in die Tat umzusetzen in der Lage zu sein. Dies bedeutet, dass ein Mensch nicht nur bestimmte Volitionen ausbilden, sondern diese auch umsetzen kann. Hier kommt noch einmal und hauptsächlich die definitorische Trennung von theoretischem Wünschen und praxis-bezogenem Wollen, die Frankfurt seinem Modell zugrunde legt, zur Geltung. „Hier geht es“, schreibt Frankfurt, „um die Zufriedenheit, die einer Person zuteil wird, von der man sagen kann: Sie hat ihren eigenen Willen. Unter einer entsprechenden Unzufriedenheit leidet eine Person von der man sagen kann, sie ist sich selbst entfremdet oder sie findet sich als ein hilfloser passiver Betrachter der Mächte, die sie umtreiben.“[8] Willensfreiheit erscheint damit bei Frankfurt als Ideal, das dem Menschen infolge seiner Konstitution als naturgegebenes, quasi „arttypisches“ Ziel immanent ist. Es kann ihm nicht genügen reflexartig das zu tun, wozu er den Drang verspürt. Menschsein in seiner idealtypischen Form verlangt den Umweg über rationale Selbstreflexion, Abwägung der Konsequenzen eigenen Handelns und Priorisierung einer Handlungsform. Frankfurts Konzept schafft damit eine Art Hierarchie von Menschlichkeit: rational bestimmtes Handeln bildet dabei die unterste Stufe gefolgt von volitionärem Bewusstsein in der Existenz als „Person“. Die Spitze, das Ideal bildet eine Person, die frei ist in der Wahl und der Umsetzung ihres eigenen Willens. Es bliebe zu diskutieren, ob es legitim oder nicht vielmehr illusionär ist, den Wert der Willensfreiheit in der absoluten Form zu postulieren, wie Frankfurt es tut. Ob es Willensfreiheit in dem von ihm beschriebenen Sinn überhaupt geben kann oder ob nicht jeder Mensch – nur eben mehr oder weniger – in seinem Willen fremdbestimmt ist, sei es durch seine biologische Konstitution oder eine soziale Prägung.

[...]


[1] Frankfurt, Harry G.: „Willensfreiheit und der Begriff der Person“, in. Bieri, Peter (Hrsg): „Analytische Philosophie des Geistes“, Heidel-

berg 1981; S. 287 – 302.

[2] S. 287

[3] ebd.

[4] Frankfurt, S. 301, Anmerkung 1

[5] S. 290

[6] vgl. S. 288

[7] ebd.

[8] ebd

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Harry G. Frankfurt 'Willensfreiheit und der Begriff der Person'
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Jahr
2004
Seiten
4
Katalognummer
V132389
ISBN (eBook)
9783640418022
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harry, Frankfurt, Willensfreiheit, Begriff, Person, Eine, Analyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Harry G. Frankfurt 'Willensfreiheit und der Begriff der Person', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132389

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