Es war die Philosophie, der Aristoteles den höchsten Rang unter den Wissenschaften
einräumte. „Das Seiende, sofern es Seiendes ist, (hat) ihm eigentümlich zukommende
Bestimmungen, und diese nun sind es, über die die Wahrheit zu ermitteln die Aufgabe des
Philosophen bildet.“, schrieb er in seiner „Metaphysik“. Ziel philosophischer Erkenntnis
müsse es also sein, „die Prinzipien und Ursachen der reinen Wesenheit zu erfassen“2. In
Fortführung des aristotelischen Modells galt die Philosophie auch später im abendländischen
Kulturraum lange als „Mutter aller Wissenschaften“. Dies änderte sich erst in dem Maß, in
dem die von Weber konstatierte „Entzauberung der Welt“ durch die Naturwissenschaften
ihren Lauf nahm – Wirklichkeit schien zunehmend wissenschaftlich quantifizierbar, also auf
messbare Phänomene zurückführbar zu sein, deren additiv-logische Verknüpfung die Welt
erschöpfend zu erklären schien – und die Philosophie in eine „Identitätskrise“ stürzte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Krise der Philosophie und der „logische Positivismus“
2.1. Ursachen des philosophischen Dilemmas
2.2. Die Neuorientierung durch Moritz Schlick
3. Methodologische Prämissen im Wissenschaftskonzept
3.1. Empirische Erfahrung als Ausgangspunkt
3.2. Sinnhaftigkeit und Verifizierbarkeit wissenschaftlicher Sätze
4. Philosophie im Kontext von Realismus und Wissenschaft
4.1. Abgrenzung zur transzendentalen Wirklichkeit
4.2. Philosophie als wissenschaftliche Teildisziplin
5. Kritische Einordnung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das von Moritz Schlick im Aufsatz „Positivism and Realism“ entworfene Wissenschaftskonzept, mit dem Ziel, die veränderte Funktion der Philosophie innerhalb des logischen Positivismus im Vergleich zur klassischen aristotelischen Tradition darzulegen und kritisch zu hinterfragen.
- Die Überwindung der philosophischen „Identitätskrise“ durch das Modell des Wiener Kreises.
- Die methodologische Bedeutung der Verifizierbarkeit für die Sinnhaftigkeit wissenschaftlicher Sätze.
- Die Abkehr von ontologischen Fragestellungen zugunsten einer logischen Analyse.
- Die Neupositionierung der Philosophie als Teildisziplin der Wissenschaft.
- Die kritische Reflexion des naturwissenschaftlich geprägten Erkenntnismodells gegenüber geisteswissenschaftlichen Ansätzen.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der philosophischen Analyse im logischen Positivismus
Als eine der Hauptursachen des philosophischen Dilemmas diagnostiziert Schlick in erster Linie die Konzentration traditioneller Philosophie auf ontologische und epistemologische Fragen. Zwar postuliert auch er als elementaren Ausgangspunkt positivistischen Denkens zunächst die „Verneinung der Möglichkeit von Metaphysik“ und definiert sich auf dieser Ebene selbst als „strikt positivistisch“. Diese Kernaussage versteht er jedoch nicht als klassisch philosophische Antwort auf die Frage nach dem „Wesen des Seins“. Die Ablehnung einer transzendentalen Wirklichkeit stellt bei Schlick also kein ontologisches Grundprinzip dar, auf dem er mittels logischer Schlussfolgerungen ein philosophisches Theoriegebäude errichten würde.
Schlick distanziert sich vielmehr explizit von Theoretikern, die Aussagen wie „Es gibt nur das Gegebene“ zur konstitutiven Prämisse positivistischen Denkens erheben. Ebenso wendet er sich gegen darauf aufbauende epistemologische Überlegungen, die von einer Teilung der Welt in eine innere und eine äußere Wirklichkeit ausgehen. Die Frage, ob die empirisch beobachtbare Wirklichkeit als „gegeben“ zu bezeichnen sei, als Repräsentation einer wie auch immer gearteten anderen, äußeren Realität, als Bewusstseinsinhalt, dessen Eigenschaften von der subjektiven Beschaffenheit des beobachtenden Bewusstseins abhänge – oder ob sie objektive Erkenntnisse liefern könne, spielt für Schlick im Rahmen philosophischer Betrachtungen keine Rolle.
Vielmehr sei „das Problem der Realität der äußeren Welt (…) ein bedeutungsloses Schein-Problem“ – und damit eine jener Fragen, mit denen sich die Philosophie bisher sinnloser weise beschäftigt und in der Folge besagten „chaotischen Zustand“ heraufbeschworen habe. Es liege außerhalb der Möglichkeiten der Philosophie, über die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen bezüglich der Beschaffenheit der Welt zu urteilen. Sie solle sich dagegen auf die Deutung von Sätzen und Fragen beschränken. Die Grundprinzipien logisch-positivistischer Wissenschaft nach Schlick werden in dem folgenden Zitat deutlich. „Durch philosophische Analyse“, heißt es in dem Aufsatz, „können wir nicht entscheiden ob etwas wirklich ist, sondern nur, was es bedeutet (sic!) zu sagen, dass es wirklich ist; ob dies dann der Fall ist oder nicht, kann nur durch gewöhnliche Alltags- und Wissenschaftsmethoden entschieden werden, das bedeutet, durch Erfahrung.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Entwicklung des philosophischen Selbstverständnisses und die Entstehung des logischen Positivismus.
2. Die Krise der Philosophie und der „logische Positivismus“: Analyse der von Schlick identifizierten Schwachstellen traditioneller Philosophie und Vorstellung seines positivistischen Modells.
3. Methodologische Prämissen im Wissenschaftskonzept: Erläuterung der Bedeutung empirischer Tatsachen und der Kriterien für die Sinnhaftigkeit wissenschaftlicher Sätze.
4. Philosophie im Kontext von Realismus und Wissenschaft: Untersuchung von Schlicks Abkehr von der Metaphysik und der Neudefinition der Philosophie als Teildisziplin.
5. Kritische Einordnung und Fazit: Reflexion über die Anwendbarkeit des Modells und die Grenzen des naturwissenschaftlichen Reduktionismus.
Schlüsselwörter
Logischer Positivismus, Moritz Schlick, Wiener Kreis, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Empirismus, Verifizierbarkeit, Wissenschaftstheorie, philosophische Analyse, ontologische Fragen, Realismus, induktives Modell, Sinnhaftigkeit, Transzendenz, Wissenschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation des Wissenschaftsverständnisses durch Moritz Schlick und den logischen Positivismus, insbesondere im Hinblick auf eine neue Rollenverteilung zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Überwindung metaphysischer Fragestellungen, die Logik wissenschaftlicher Sätze und die empirische Fundierung von Erkenntnisprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schlick die Philosophie von einer „Mutter der Wissenschaften“ zu einer analytischen Hilfsdisziplin umformt, die sich auf die Deutung von Satzinhalten konzentriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der ideengeschichtlichen Analyse sowie die textkritische Untersuchung von Schlicks Aufsatz „Positivism and Realism“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird Schlicks Abkehr von der klassischen Ontologie, seine Forderung nach empirischer Verifizierbarkeit und die daraus resultierende Reduktion philosophischer Kompetenzbereiche detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem logischer Positivismus, Verifizierbarkeit, Metaphysik-Kritik und die empirische Methode nach Schlick.
Warum betrachtet Schlick die Frage nach der äußeren Welt als „Schein-Problem“?
Weil die Existenz einer transzendentalen Welt weder empirisch bewiesen noch widerlegt werden kann, entzieht sie sich laut Schlick der wissenschaftlichen Analyse und ist daher für ihn sinnlos.
Wie unterscheidet sich Schlicks Modell von der klassischen Philosophie?
Während die klassische Philosophie nach der „Wahrheit“ und dem „Wesen des Seins“ fragte, verlagert Schlick den Fokus rein auf die Analyse der Bedeutung von Sätzen und deren empirische Prüfbarkeit.
Welche Schwachstellen zeigt die Arbeit an Schlicks Modell auf?
Die Arbeit kritisiert, dass Schlicks radikaler Empirismus stark von seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund geprägt ist und sich daher nur schwer auf komplexe sozial- oder geisteswissenschaftliche Zusammenhänge übertragen lässt.
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- Anonym (Author), 2004, Moritz Schlick 'Positivism and Realism', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132391