Sozialräumliche Segregation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturmerkmale der Bevölkerung
2.1 Die demographischen Merkmale
2.2 Die rassischen und ethnisch-kulturellen Merkmale
2.3 Exkurs: Das Phänomen der Segregation
2.4 Sozio-ökonomische Merkmale

3. Die Sozialökologie
3.1 Die Entstehung und Entwicklung der Sozialökologie
3.2 Die Forschungsrichtungen der Sozialökologie
3.2.1 Die klassische Sozialökologie
a) Der ökologische Aspekt der klassischen Sozialökologie
b) Der soziale Aspekt der klassischen Sozialökologie
c) Stadt- und Stadtstrukturmodelle
i) Das Modell der konzentrischen Zonen Burgess (1925)
ii) Das Sektorenmodell von Hoyt (1939)
iii) Das Mehrkerne-Modell von Harris und Ullman (1945)
3.2.2 Die neo-klassische Sozialökologie
3.2.3 Die Sozialraumanalyse von Shevky und Bell (1955)
a) Der theoretische Hintergrund der Sozialraumanalyse
b) Die Dimensionen der Sozialraumanalyse
c) Anwendungsbeispiel zur kleinräumigen Analyse der Bevölkerungsstruktur
3.2.4 Die Faktorialökologie
a) Die Faktorenanalyse
i) Eine allgemeine Einführung
ii) Die Faktorenanalyse in der Sozialgeographie
b) Anwendungsbeispiel zur kleinräumigen Analyse der Bevölkerungsstruktur
c) Die Faktorialökologie aus einer kritischen Perspektive
i) Das erste Problemkomplex: Die Datengrundlage
ii) Das zweite Problemkomplex: Die Ausgangsvariablen
iii) Das dritte Problemkomplex: Die Methodik und technische Verfahren
iv) Das vierte Problemkomplex: Die Etikettierung und Interpretation
d) Der praktische Nutzen von faktorialökologischen Untersuchungen

4. Zusammenfassendes Fazit

1. Einleitung

Die Bevölkerung einer beliebigen Raumeinheit setzt sich aus Individuen, die bestimmte angeborene, ererbte oder erworbene Merkmale tragen, zusammen. Wählt man als Raumeinheit beispielsweise eine Stadt, so können sich diese Merkmalsträger, also Menschen, auf unterschiedlichster Weise innerhalb dieser Stadt räumlich verteilen. Dabei kommt es nicht selten vor, daß gerade solche Individuen, die durch gleiche oder ähnliche Merkmale charakterisiert sind, sich zufäl-lig oder bewußt gruppieren und somit die soziale Gliederung der Stadt, die sich auch im räumlichen Anordnungsmuster dieser unterschiedlichen Gruppen ausdrückt, beeinflussen. Damit allerdings die sozialräumliche Gliederung einer Raumeinheit erfaßt werden kann, ist es unabdingbar, die Struktur der Bevölkerung, die in ihr lebt, genau zu erfassen. Der Gegenstand dieser Arbeit setzt genau an dieser Stelle an: Denn das Ziel dieser Arbeit ist es, einerseits theoretische und praktische Ansätze aus der Sozialökologie vorzustellen und andrerseits zu zeigen, daß diese Ansätze dazu dienen können, die Bevölkerungsstruktur in einem kleinräumigen Rahmen zu analysieren und damit die sozialräumliche Gliederung einer räumlichen Untersu-chungseinheit zu bestimmen.

Im ersten Teil werden hinführend auf den Hauptteil dieser Arbeit, die wichtigsten Merkmale einer Bevölkerung, die ihre Struktur bestimmen, vorgestellt. Dazu gehören demographische, rassische, ethnisch-kulturelle und sozio-ökonomische Merkmale, deren Grundlage Daten aus Volkszählungen und anderen Erhebungen bilden.

Im Hauptteil dieser Arbeit wird zunächst eine historisch geleitete Einführung in die sozialökologische Forschung geliefert. Dabei geht es um die Entwicklung der Sozial-ökologie von der klassischen Sozialökologie, über die neo-klassischen Richtungen, zu den zwei bedeutendsten Ansätzen - die Sozialraumanalyse und die Faktorial-ökologie. Da mit dem klassischen Ansatz auch drei schematischen Stadtmodelle von Burgess, Hoyt und Harris und Ullman einher gehen, soll ebenso auf deren Inhalte skizzenhaft eingegangen werden. Der eigentliche Schwerpunkt dieses Hauptteils liegt allerdings auf der kritischen Erörterung der Sozialraumanalyse und der Fakto-rialökologie. Dabei sollen zwei empirische Untersuchungen, die in Hamburg (1977) und München (1993) durchgeführt wurden, die Anwendung dieser beiden Ansätze zur kleinräumige Analyse der Bevölkerungsstruktur exemplifizieren.

Diese Arbeit wird mit einer Diskussion über den praktischen Nutzen von sozial-ökologischen Analysen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgeschlossen.

2. Strukturmerkmale der Bevölkerung

Die Zusammensetzung der Bevölkerung kann in Anlehnung an Bähr (1992) nach demographischen, rassischen bzw. ethnisch-kulturellen und sozio-ökonomischen Merkmalen charakterisiert werden.

2.1 Die demographischen Merkmale

Die demographischen Merkmale umfassen im wesentlichen das Geschlecht und das Alter, sowie die Familien- und Haushaltsstruktur:

Grundsätzlich kann die Bevölkerung, sofern aktuelle und verlässliche Daten aus Volkszählungen und anderen Erhebungen vorliegen, ohne Probleme nach dem Ge-schlecht gegliedert und in Form der Sexual- oder Geschlechterproportion dargestellt werden. Diese Kennziffer bringt die Relation der männlichen Bevölkerung pro 100 oder 1.000 Personen des weiblichen Geschlechts (oder vice versa) zum Ausdruck. Es ist also ein Maß zur Feststellung der Ausgeglichenheit beider Geschlechter bzw. zur Ermittlung von geschlechterspezifischen Überschüssen oder Defiziten.

Der Altersaufbau der Bevölkerung zählt so wie die Sexualproportion zu den funda-mentalen Strukturmerkmalen der Bevölkerung. Denn die Altersstruktur dient z.B. als Basis für die Bewertung des Arbeitskräftepotentials, für die Beurteilung der Trag-fähigkeit des Sozialversicherungssystems oder des Bedarfs an öffentlichen Versor-ungseinrichtungen. Aus praktischer Notwendigkeit werden zur Charakterisierung der Alterstruktur bestimmte Altersjahrgänge zu Gruppen klassiert. So können z.B. alle Kinder und Jugendlichen in die Gruppe der „0- bis 14-jährigen“, die Personen im er-werbsfähigen Alter in die Gruppe der „15- bis 64-jährigen“ und die alten Menschen in die Gruppe der „65-jährigen und älter“ eingeordnet werden. Außer den Kennziffern, die auf dieser Einteilung fußen können - wie z.B. der Abhängigkeitsindex, der die Relation zwischen der Summe aus Kindern und Alten zu den Personen im erwerbs-fähigen Alter angibt - hat vor allem die Verwendung von Alterspyramiden zur graphischen Veranschaulichung der Altersstruktur breite Anerkennung gefunden.[1]

Für die Bevölkerungsstruktur nach demographischen Merkmalen ist neben dem Geschlecht und Alter, auch die Familienstandsgliederung von Bedeutung. Dabei geht es letztlich um die Stellung des Einzelnen in seinem Lebenszyklus.[2]

Grundsätzlich kann der Familienstand der Bevölkerung nach Ledigen, Verheirateten, Verwitweten und Geschiedenen differenziert werden. Die Familienstandsgliederung ist in einem engen Verhältnis zur Zusammensetzung von Familien und Haushalten zu sehen. „Die Familie wird heute im allgemeinen primär als soziobiologische Einheit gesehen, deren Zusammensetzung im Regelfall auf verwandtschaftliche Bezie-hungen der zusammenwohnenden Mitglieder beruht, während der Haushalt eine sozio-ökonomische Einheit bildet, als deren Merkmal neben der gemeinsamen Wohnung vor allem die gemeinsame Haushaltsführung hervorgehoben wird“ (Bähr 1992, S.240). Daraus folgt also, daß in einem Haushalt nicht notwendigerweise auch eine Familie leben muß, wie z.B. in einer (studentischen) Wohngemeinschaften. Bei der Analyse der Bevölkerungsstruktur sind unter anderem die Zahl der Familien- und Haushaltsmitglieder, ihre Geschlechter, ihr Alter und ihre beruflichen Stellungen bzw. ihr Einkommen relevante Meß- bzw. Beobachtungsgrößen.

2.2 Die rassischen und ethnisch-kulturellen Merkmale

Für die Analyse der Bevölkerungsstruktur nach rassischen Merkmalen, die sowohl angeboren als auch geerbt sein können, werden hauptsächlich Gliederungsvor-schläge aus der Anthropologie genutzt. Diese kennt nach der jeweiligen Hautfarbe, die europide, die mongolide und die negride Großrassen.[3]

In einem bevölkerungsgeographischen Kontext ist allerdings den ethnisch-kulturellen Merkmalen eine weitaus wichtigere Rolle beizumessen. Hierzu zählen insbesondere die Religion, die Sprache, die Staatsangehörigkeit und das kulturelle Erbe der Merk-malsträger. Das räumlich enge Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster konfessioneller Zugehörigkeiten oder von Menschen aus unterschiedlichen Kultur-kreisen war nicht nur in der Vergangenheit, sondern ist auch in der Gegenwart stark von - mehr oder weniger gewaltsamen - Konflikten geprägt. Deshalb sind die ethnisch-kulturellen Merkmale bei der Analyse der Bevölkerungsstruktur von beson-derem Interesse, welches durch die Vielzahl von empirischen Arbeiten in diesem Bereich belegt werden kann. Gegenstand dieser Untersuchungen ist in vielen Fällen das Phänomen der Segregation, welches an dieser Stelle im Rahmen eines Exkurses - wegen ihrer Wichtigkeit für die kleinräumige Analyse der Bevölkerungs-struktur - näher erläutert werden soll.

2.3 Exkurs: Das Phänomen der Segregation

Der Begriff der Segregation (lat. segregatio: Absonderung, Trennung) wird je nach Kontext und Perspektive sehr unterschiedlich verwendet. Auf einer abstrakten Ebene bezieht sich die Segregation darauf, „wie gleich bzw. ungleich bestimmte Elemente über Teileinheiten einer übergreifenden Einheit verteilt sind“ (Vaskowics 1983, S.5). Aus einer ethnisch-kulturellen und räumlichen Perspektive sind unter diesen Elementen ethnische oder religiöse Gruppen zu verstehen, welche über spezifische Teilgebiete (z.B. Wohnbezirke) einer übergreifenden Einheit (z.B. eine Stadt) un-gleichmäßig verteilt sind. Aus einer übergeordneten (bevölkerungsgeographischen) Perspektive können unter diesen Elementen aber auch andere Bevölkerungsgruppen als ethnisch-kulturell wie z.B. Rentner, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose oder Reiche subsumiert werden. Also greifen bei der Segregation nicht nur ethnisch-kulturelle Merkmale, sondern ebenso demographische und sozio-ökonomische.

Das Ausmaß der räumlichen Ungleichverteilung einer bestimmten (ethnischen) Bevölkerungsgruppen (z.B. Farbige) über Teilgebiete eines Gebietes (z.B. Harlem in New York) kann durch Segregationsindizes berechnet werden. Dabei gehören der Dissimilaritäts- und der Segregationsindex zu den am weitesten verbreiteten Maßzahlen.[4] Ersterer dient dem Vergleich der Verteilung von zwei Bevölkerungsgruppen über städtische Teilgebiete, während der Segregationsindex die Verteilung einer Gruppe im Bezug auf die Gesamtbevölkerung quantitativ erfaßt.[5]

Beide Maßzahlen geben letztlich an, wie hoch der Prozentsatz der betrachteten Bevölkerungsgruppe ist, der von seinem gegenwärtigen Wohngebiet umziehen müßte, um zu erreichen, daß über alle Teilgebiete der Stadt hinweg eine gleich-mäßige Verteilung dieser Gruppe erreicht werden kann.

Auch wenn diese Indizes einen räumlichen Bezug besitzen, ist es wichtig, hervorzu-heben, daß diese Werte nicht als räumliche Distanz, ausgedrückt in Längenmaßen, mißverstanden werden dürfen, weil methodologisch gesehen zwei benachbarte städ-tische Teilgebiete gleich behandelt werden wie zwei voneinander entfernte. Dennoch kann man - ohne auf die analytische Simplizität dieser Kennzahlen verzichten zu müssen - Aussagen über solche räumliche Distanzen treffen, indem die Werte dieser Maßzahlen mit einer kartographischen Darstellung, welche die Entfernung der Teilgebiete untereinander ebenfalls berücksichtigt, in Verbindung gebracht werden.

Um auf die ethnisch-kulturellen Gruppen zurück zukommen sollte es nicht unerwähnt bleiben, daß diese Gruppen nicht notwendigerweise gezwungen werden, seggregiert zu leben, sondern auch selbst den Wunsch bekunden können, bewußt von anderen Gruppen, die über andere Denkmuster und Lebensstile verfügen, räumlich getrennt leben zu wollen. Vor allem in Bezug auf die Religion kann dieser Wunsch ein außerordentliches Ausmaß finden, wie es die Ungleichverteilung der ultra-orthodoxen Juden in Jerusalem zum Ausdruck bringt.[6]

2.4 Sozio-ökonomische Merkmale

Die dritte Gruppe von Strukturmerkmalen beinhaltet eine Reihe von sozio-ökonomisch bedingte Eigenschaften, die zur Charakterisierung der Zusammen-setzung der Bevölkerung geeignet sind. Hierzu gehören unter anderem Lebens-formgruppen, die „die Anteile einer Gesellschaft, die entsprechend einheitliche Lebensäußerungen hervorbringen, gruppenspezifisch handeln und den von ihnen bewohnten Raum prägen“ umfassen (Bähr 1992, S. 296). Dabei ist die nichtseßhafte, also wandernde Lebensform, von der seßhaften zu unterscheiden. Während die erstere Lebensformgruppe im Rahmen dieser Arbeit fast bedeutungslos ist, darf die seßhafte Bevölkerung, die in ländlich und städtisch unterteilt werden kann, nicht ohne weiteres ausgeblendet werden. Es sei darauf hingewiesen, daß vor allem die städtische Bevölkerung und ihre Struktur die Grundgesamtheit bilden, mit der sich sozialökologische Ansätze zur Analyse der kleinräumigen Bevölkerungsstruktur schwerpunktsmäßig beschäftigen. Deshalb erscheint es an dieser Stelle sinnvoll zu sein, auf einzelne Begriffe, die im Zusammenhang mit der städtischer Lebensform stehen, beschreibend einzugehen:

Das Leben in der Stadt ist geprägt durch spezifische Verhaltensweisen, welche die Struktur der Stadtbevölkerung maßgeblich beeinflussen. Ist beispielsweise die ländliche Bevölkerung hauptsächlich im primären Wirtschaftssektor, also in der Landwirtschaft beschäftigt, so liegen die Haupterwerbsquellen der städtischen Bevölkerung im Industrie- bzw. zunehmend im Dienstleistungssektor. Der Begriff der Urbanisierung, der als ein Vorgang zu verstehen ist, versucht die Ausbreitung und Verstärkung genau dieser spezifischen städtischen Lebens-, Wirtschafts- und Verhaltensweisen zu erfassen. Streng genommen ist die Urbanisierung von dem Begriff der Verstädterung zu unterscheiden.

Denn die Verstädterung ist ein Prozeß, der sich auf die Vermehrung und Vergrös-serung von Städten im Hinblick auf Fläche und Einwohnerzahl bezieht. Je stärker die Intensität der Verstädterung ist, um so stärker werden die typischen Muster der städtischen Lebens- und Verhaltensweise verbreitet bzw. das typische ländliche Muster verdrängt. Hierzu sei die Verdrängung der für den ländlichen Raum charak-teristischen Mehrpersonen- und Mehrgenerationenfamilien durch Einpersonen-haushalte als Beispiel erwähnt.

Neben der Urbanisierung ist die Gliederung der Bevölkerung nach der Erwerbstätig-keit und der beruflichen Stellung der einzelnen Individuen ein wesentliches sozio-ökonomisches Strukturmerkmal der Bevölkerung. Hierbei stehen „die Lebensunter-haltsquellen einer Bevölkerung, Umfang ihrer Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftszweige (Branchen) ihrer Erwerbstätigkeit, die Stellung im Beruf, sowie die sozialen Zusammenhänge von beruflicher Tätigkeit mit Ausbildung und er-zieltem Einkommen“ im Vordergrund (Bähr 1992, S. 317). Da die Voraussetzung für das Erreichen einer bestimmten beruflichen Position vor allem von dem Bildungsstand und der Ausbildung des einzelnen abhängt, ist in die sozial-ökonomischen Strukturmerkmale auch das Bildungsniveau der Bevölkerung mit einzubeziehen.

Es ist hervorzuheben, dass die bisher exemplarisch vorgestellten Strukturmerkmale der Bevölkerung und die damit verbundenen einzelnen Kennziffern und Größen nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Denn je nach Zielsetzung einer Bevöl-kerungsstrukturanalyse können diese Merkmale in ihrem Umfang, in ihren Inhalten und in ihrer Bedeutung variieren. Dennoch sollte jede beliebige kleinräumige Analyse der Bevölkerungsstruktur gewährleisten, daß diese drei Merkmalsgruppen in Ihr auf irgendeiner Weise Eingang finden - und zwar idealer weise nicht isoliert voneinander oder einzeln, sondern in einem sinnvollen bzw. theoretisch begründenden Gesamt-konzept. Ob nun sozialökologische Ansätze zur Analyse der kleinräumigen Bevöl-kerungsstruktur diesen Anforderungen genügen und eventuell auch darüber hinaus gehende Vorzüge mit sich bringen, sei der Gegenstand des nächsten Teils dieser Arbeit.

3. Die Sozialökologie

3.1 Die Entstehung und Entwicklung der Sozialökologie

Der Ausdruck der Sozialökologie ist historisch gesehen sehr eng mit dem von Park – ein renommierter Soziologe aus der Chicago School of Sociology – geprägten Begriff der Humanökologie zu verbinden. Spannt man die Humanökologie in einen sozio-logischen Rahmen, so untersucht sie menschliche Bevölkerungen im Hinblick auf ihre sozialen Strukturen und ihre technologischen Systeme, die für die Menschen als Grundlage dienen, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anpassen zu können. Allerdings ist die wissenschaftliche Einordnung der Humanökologie nicht einfach, da die Soziologie und die Geographie genauso wie die Psychologie oder Biologie den Anspruch erheben, daß die Humanökologie ein Zweig innerhalb der jeweiligen Dis-ziplinen sei. Da es aber letztlich in jeder human-ökologischen Untersuchung um die Anpassung von Menschen an Ihre Umwelt geht, kann eine Abgrenzung nach den zu-grunde gelegten Variablen, die die jeweilige Umwelt determinieren (wie z.B. Anzahl der Menschen pro km2), erfolgen. Denn einige Umweltvariablen sind beispielsweise besonders für die Geographie von Bedeutung und andere dagegen für die Soziologie oder andere Wissenschaften. „Je nach der definierten oder beanspruchten Menge von Umweltvariablen sind daher alle Wissenschaften als Humanökologie zu bezeichnen, die sich darauf richten, die Reaktionen menschlicher Organismen auf die Umwelt zu untersuchen“ (Friedrichs 1981, S. 27). Da allerdings bei einer kritischen Betrachtung dieses Abgrenzungsversuchs einige Umweltvariablen mehrere wissenschaftliche Disziplinen gleichzeitig ansprechen können, ist davon auszugehen, daß auch durch diesen Abgrenzungsvorschlag nicht notwendiger Weise alle terminologischen Unklarheiten uneingeschränkt zu beseitigen sind. Menschen, oder besser eine mehr oder weniger organisierte Gruppe von Menschen, die sich den Veränderungen ihrer Umwelt anpassen, leben in bestimmten räumlichen Einheiten, wie z.B. in einer Stadt oder in einzelnen Stadtteilen. Genau an dieser Vorstellung setzt - ausgehend von der Humanökologie - die Sozialökologie an: Denn der Gegenstand von sozialökologischen Analysen ist die städtische Bevölkerung und insbesondere ihre sozialräumliche Gliederung.

Ihre klassische, von Park maßgeblich bestimmte, Richtung ist im Vergleich zu den späteren Ausprägungen der Sozialökologie - einige sog. neoklassische Richtungen, die Sozialraumanalyse und die Faktorialökologie - durch die relativ starke Einbindung der Pflanzen- und Tierökologie charakterisiert.

3.2 Die Forschungsrichtungen der Sozialökologie

3.2.1 Die klassische Sozialökologie

a) Der ökologische Aspekt der klassischen Sozialökologie

Den Grundstein für die Entwicklung der Sozialökologie haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts Park, seine Mitarbeiter und Schüler - vor allem Burgess, McKenzie und Wirth - in Chicago gelegt. Der starke Zustrom an Einwanderern, z.B. von Farbigen aus den Südstaaten der USA, hat diese Stadt um die Jahrhundertwende gekoppelt mit einem rasanten Anstieg der Bevölkerung zu einem sozialen Brennpunkt gemacht: Armut, Kriminalität, Marginalisierung bzw. Stigmatisierung von einzelnen Bevöl-kerungsgruppen und Erscheinungen der sozialräumlichen Segregation waren kenn-zeichnend zur Beschreibung der Situation in Chicago. Die sozialen Probleme der Stadt, die sich auch räumlich durch die Bildung von Ghettos zeigten, waren also der Nährboden für human- bzw. sozialökologische Untersuchungen.[7] Sie waren auch der Anstoß und das Anwendungsgebiet der (theoretischen) Arbeiten von Park.[8]

Die in Chicago beobachteten sozialen und räumlichen Vorgänge wiesen nach Park Ähnlichkeiten auf, wie sie in der Pflanzenökologie bereits festgehalten wurden. Bestimmte Pflanzen gruppieren sich zu Pflanzengemeinschaften zusammen, welche allmählich entstehen und „dann von anderen Gemeinschaften ganz verschiedener Art ersetzt werden“ (Werlen 2000, S. 243). So hat die Chicagoer Schule in Anleh-nung an die biologische Ökologie versucht zu zeigen, „daß auch bei den Menschen innerhalb der Grenzen jeden natürlichen Gebiets (natural areas) die Verteilung der Bevölkerung bestimmte und typische Muster aufweist“ (Werlen 2000, S. 245) und daß insbesondere auch bei Menschen, die räumlich zusammenleben, es zu beo-bachten sei, daß sie sich in Gruppen bzw. Gemeinschaften zusammenschließen, die im Laufe der Zeit aber vergehen und von anderen neu gebildeten Gemeinschaften ersetzt werden. Nicht zuletzt aufgrund dieser Analogien stützen sich die klassischen Sozialökologen auf die Theorien von Darwin und Häckel.[9] Weitere Parallelen zur Ökologie bestehen darüber hinaus bei der Deutung der Begriffe Dominanz, Expansion und Dispersion.[10]

b) Der soziale Aspekt der klassischen Sozialökologie

Allerdings ist das Besondere an der klassischen Sozialökologie, daß sie das mensch-liche Gemeinschaftsleben in zwei Ebenen unterteilt - nämlich erstens in die biotische, die vor allem durch die Darwinsche These vom „survival of the fittest“ im „Kampf ums Dasein“ beeinflußt ist, und zweitens in die sozial-kulturelle Ebene, die diesen „Kampf ums Dasein“ einer - im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen - für Menschen charakteristischen moralischen Instanz unterordnet.[11]

Die biotische Ebene ist der Bereich, in dem der „Kampf ums Dasein“ sich in einem gesellschaftlichen und urbanen Kontext abspielt, und zwar in Form einer Konkurrenz zwischen den Individuen um angesehene soziale und wertvolle räumliche Positionen. Dabei ist also der ökonomische Wettbewerb derjenige Mechanismus, unter dessen Rahmenbedingungen der „Kampf ums Dasein“ ausgetragen wird. In einem räum-lichen Kontext nimmt dieser Konkurrenzkampf durch den Grundrentenmechanismus einen konkreten Austragungsmodus an. Denn der Grundrentenmechanismus ent-scheidet darüber, ob ein bestimmtes Individuum, eine bestimmte Bevölkerungs-gruppe oder eine bestimmte Nutzungsart durch eine andere bzw. durch einen anderen verdrängt wird.[12] Im bezug auf Nutzungsarten kommt es z.B. im Stadtkern von Großstädten häufig vor - so übrigens auch in Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts - daß die Nutzung Wohnen durch die Nutzung Arbeit (insbesondere Arbeit im Dienstleistungssektor) vom Stadtkern in die Peripherie verdrängt wird. Grundsätzlich wird bei den Nutzungsarten zwischen Arbeit, Wohnen, Freizeit und Verkehr unterschieden. Die Grundrente ist also der Preis, der für die Nutzung des Bodens seinem Eigentümer bezahlt werden muß. Vereinfacht kann davon ausge-gangen werden, daß die Nutzungsart Arbeit (z.B. durch Vermietung von Grund-stücken und Räumlichkeiten an Industrie- und Dienstleistungsbetriebe) höhere Grundrenten als das Wohnen verspricht, so daß es in Folge dessen vermehrt zu einer Wohnraumverdrängung in städtischen Teilgebieten zugunsten der Arbeit kommt.[13]

[...]


[1] Vgl. Bähr, J. (1992, S.174ff.)

[2] Die Stellung im Lebenszyklus kann in Anlehnung an das Lebenszykluskonzept von Glick aus dem Jahre 1947 ermittelt werden. In diesem Konzept werden die wesentlichen Phasen des Lebens schematisch eingeteilt, wobei die Determinanten jeder einzelnen Phase analysiert und beschrieben werden. Vgl. Goller (1997, S. 21).

[3] Vgl. Bähr (1992, S.267ff.)

5 Die beiden Maßzahlen werden vereinfacht folgendermaßen zusammengesetzt: K

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

K

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A: Beliebige Bevölkerungsgruppe in einer Stadt, z.B. Arbeitslose in Nürnberg

Ai: beliebige Bevölkerungsgruppe im i-ten Teilgebiet der Stadt, z.B. Arbeitslose in Gostenhof, Stein, Erlenstegen D: Vergleichsgruppe in einer Stadt, z.B. alle Spitzensteuerzahler in Nürnberg

Di: Vergleichsgruppe im i-ten Teilgebiet der Stadt, z.B. Spitzensteuerzahler in Gostenhof, Stein, Erlenstegen, etc.

G: Gesamte Bevölkerung einer Stadt, z.B. alle Einwohner der Stadt Nürnberg

Gi: Gesamte Bevölkerung im i-ten Teilgebiet der Stadt, z.B. Anzahl der Einwohner von Gostenhof, Stein, etc.

Vgl. Forrest u. Johnston (2001, S.47ff.)

6 Die Analyse auf der Basis der Segregationsindizes hat jedoch den großen Nachteil, daß sie nur die relative Ähnlichkeit zwischen zwei Gruppen vergleicht und dabei die Gruppengröße vernachlässigt. Der sog. Isolationsindex (auch Lieberson-Index der Isolation genannt) soll diesem Nachteil entgegenwirken, indem er die Gruppengröße mitberücksichtigt und zugleich eine asymmetrische Betrachtungsweise zweier Gruppen ermöglicht. Konkret drückt der Isolationsindex die Wahrscheinlichkeit der Interaktion eines zufällig ausgewählten Mitglieds einer Gruppe in einem städtischen Teilraum mit einem Mitglied aus der gleichen oder einer anderen Gruppe aus. Vgl. Glebe, G. (1984; S.102)

[6] Vgl. Hershkowitz (1987, S.47ff.)

[7] Die Entstehung von Ghettos in den USA ist aber auch aus einer historischen Perspektive sowohl auf die Gesetzgebung als auch auf die Rechtsprechung zurückzuführen. Die sog. de-jure-segregation war durch die Supreme Court Entscheidung „Fergusson vs. Plessey“ aus dem Jahre 1896 legitimiert. So kann für die Erklärung des Zustandekommens von Black-American-Ghettos die - bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts andauernde - staatlich legitimierte Trennung der „schwarzen“ Bevölkerung im Rahmen der separate-but-equal-Doktrin aus dem Jahre 1896 nicht ausgeblendet werden..

Vgl. Albrecht (1990, S.49ff.).

[8] Vgl. Friedrichs (1981, S. 30)

[9] Vgl. Frieling von (1980, S. 238)

[10] Vgl. Hard (1985, S.34)

[11] Vgl. Werlen (2000, S.246), Frieling von (1980, S.239) oder Friedrichs (1981, S.30)

[12] Vgl. Heinberg (2000, S. 109ff.)

[13] Vgl. Arend, M. (1981, S.18ff.) oder Frieling von, (1980, S. 245)

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Sozialräumliche Segregation
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
46
Katalognummer
V13240
ISBN (eBook)
9783638189385
Dateigröße
1355 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Segregation, Sozialräumliche Segregation, Faktorenanalyse, Faktorialökologie, Humanökologie, Dissimilaritätsindex, Segregationsindex, Konzentration, Bevölkerungskonzentration
Arbeit zitieren
Ender Erat (Autor), 2003, Sozialräumliche Segregation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13240

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sozialräumliche Segregation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden