Wer muss sterben, wenn es zu wenig Betten gibt?
Das deutsche Gesundheitssystem kann schnell an seine Grenzen stoßen, wenn sich die Anzahl an Intensivpatienten mit langer Liege- und Behandlungsdauer summiert.
Folglich muss für den Notfall festgelegt werden, welcher Patient behandelt werden sollte, wenn die Versorgungskapazitäten nicht mehr für alle auf eine Behandlung wartenden Patienten ausreichen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
1. Medizinische Triage
2. Der moralphilosophische Jahrhundertstreit
3. Rechtliche Perspektive der COVID-19-Pandemie am Beispiel Italiens
4. Situation angesichts COVID-19 in Deutschland
II. Die medizinische Triage als strafrechtlicher Sonderfall des Ex-Ante-Trolley-Problems
III. Die medizinische Triage als strafrechtlicher Sonderfall des Ex-Post-Trolley-Problems
1. Rechtliche Behandlung des Abbruchs von Behandlungsmaßnahmen
2. Erhöhte Problematik der Ex-Post-Triage
IV. Präventive Triage
V. Rechtliche Maßstäbe und Anforderungen an einen möglichen Triage-Algorithmus
1. Rechtfertigende Pflichtenkollision
2. Axiomatik der Leitsätze
a) Verfahrensbegründetheit und Konsistenz
b) Haftbarkeit für getroffene Entscheidungen
c) Gleichheitsgrundsatz
d) Prioritätsprinzip
e) Dringlichkeitsprinzip
3. Objektive Entscheidungskriterien und ihre praktische Umsetzung
4. Kritik
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die strafrechtliche Zulässigkeit der medizinischen Triage unter den extremen Bedingungen knapper Ressourcen während der COVID-19-Pandemie in Deutschland. Das primäre Ziel ist es, basierend auf einer Analyse moralphilosophischer und strafrechtsdogmatischer Ansätze, ein rationales, rechtssicheres Entscheidungssystem zu identifizieren, das den verfassungsrechtlichen Anforderungen – insbesondere der Menschenwürdegarantie – standhält und Ärzte in ihrer ethischen Entscheidungsfindung unterstützt.
- Unterscheidung und strafrechtliche Einordnung der Triage-Szenarien (Ex-Ante, Ex-Post, Präventiv)
- Konflikt zwischen utilitaristischer Nutzenmaximierung und deontologischer Pflichtenethik
- Strafrechtliche Bewertung von Behandlungsabbrüchen und Garantenpflichten
- Verfassungsrechtliche Grenzen bei der Erstellung von Triage-Algorithmen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Kompetenzverteilung bei der Festlegung von Triage-Maßstäben
Auszug aus dem Buch
Die medizinische Triage als strafrechtlicher Sonderfall des Ex-Post-Trolley-Problems
In Abwandlung des obigen Trolley-Problems zu einer Ex-Post-Situation ergibt sich ein schematisch zwar einfacheres, ethisch aber noch komplexeres Dilemma. Der Weichensteller kann in diesem Fall zwischen zwei Personen entscheiden, wobei eine Entscheidung für die eine Person zugleich das Todesurteil für die andere darstellt. Seine Entscheidung könnte der Weichensteller hierbei an etwaigen Besonderheiten oder -unterschieden der Personen festmachen. Im Kontext der verwandten Ex-Post-Triage ist die Person A, über die der Zug in der Ursprungsweichenstellung nicht rollen würden, gleichzusetzen mit dem Patienten, der bereits eine Intubation erfährt: Beide überleben, sofern der Arzt bzw. Weichensteller sich nicht zu Gunsten von Person B entscheidet.
Im Unterschied zum Ex-Ante-Problem ist hier jedoch auch bei Unterlassen stets eine Person gerettet, nämlich Person A, was die jeweiligen Gewichtungen von Handlungs- und Unterlassungspflichten in ihrer Abwägung gegeneinander verschiebt. Daher trennt auch der Deutsche Ethikrat im Gegensatz zu den medizinischen Fachgesellschaften scharf zwischen Ex-Ante- und Ex-Post-Triage. Diese Differenzierung ist jedoch strafrechtlich relevant, da andernfalls kein Unterschied zwischen dem Abbrechen von Behandlungsmaßnahmen einer Person zum Vorteil einer anderen und zwischen der Situation, in welcher zwei Patienten auf Behandlung hoffen, die nur einer erhalten wird, gemacht wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Es wird der medizinische Hintergrund von COVID-19 und die resultierende Notwendigkeit der Triage bei Ressourcenknappheit beleuchtet sowie der moralphilosophische und rechtliche Rahmen abgesteckt.
II. Die medizinische Triage als strafrechtlicher Sonderfall des Ex-Ante-Trolley-Problems: Dieses Kapitel erläutert die Ex-Ante-Triage als dilemmatische Entscheidungssituation, bei der aus einer Gruppe von Patienten ausgewählt werden muss, wer eine knappe Behandlung erhält.
III. Die medizinische Triage als strafrechtlicher Sonderfall des Ex-Post-Trolley-Problems: Hier wird der strafrechtlich komplexere Abbruch einer laufenden Behandlung zu Gunsten eines neuen Patienten analysiert und die rechtliche Einordnung erörtert.
IV. Präventive Triage: Dieses Kapitel stellt fest, dass die präventive Abweisung von Patienten ohne akuten Konkurrenzdruck grundsätzlich unzulässig ist.
V. Rechtliche Maßstäbe und Anforderungen an einen möglichen Triage-Algorithmus: Es werden die verfassungsrechtlichen Leitplanken, der Gleichheitsgrundsatz und die Anforderungen an eine konsistente Entscheidungsfindung in einem Triage-Algorithmus deduziert.
VI. Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengeführt mit dem Appell an den Gesetzgeber, klare Kriterien für Triage-Entscheidungen zu schaffen, um Ärzte aus der rechtlichen Grauzone zu befreien.
Schlüsselwörter
Triage, COVID-19, Strafrecht, Medizinrecht, Pflichtenkollision, Menschenwürde, Ex-Ante-Triage, Ex-Post-Triage, Utilitarismus, Deontologie, Ressourcenzuteilung, Garantenpflicht, Notstand, Gleichheitsgrundsatz, Impatient Spectator
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen für Triage-Entscheidungen in deutschen Krankenhäusern während der Corona-Pandemie bei einem Mangel an Intensivbetten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Neben der strafrechtlichen Einordnung von Triage-Szenarien thematisiert die Arbeit moralphilosophische Dilemmata, verfassungsrechtliche Anforderungen an die Ressourcenverteilung und die Abwägung zwischen verschiedenen Behandlungs- und Unterlassungspflichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel besteht darin, festzustellen, unter welchen Voraussetzungen Triage-Entscheidungen strafrechtlich zulässig sind und wie ein rechtssicheres, verfassungskonformes Entscheidungssystem für Ärzte gestaltet werden müsste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine rechtsdogmatische und rechtsphilosophische Analyse unter Einbeziehung ethischer Empfehlungen, einschlägiger Rechtsprechung (z.B. zur Menschenwürde) und fachspezifischer Kommentarliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert strukturiert verschiedene Triage-Szenarien, diskutiert utilitaristische und deontologische Ansätze, beleuchtet die Problematik der "Ex-Post-Triage" (Abbruch laufender Behandlungen) und entwickelt Kriterien für einen möglichen Triage-Algorithmus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Triage, Pflichtenkollision, Menschenwürde, Ex-Ante/Ex-Post-Triage und Utilitarismus.
Warum unterscheidet das Dokument so streng zwischen Ex-Ante- und Ex-Post-Triage?
Die Arbeit betont diese Trennung, da die strafrechtliche Bewertung bei der Ex-Post-Triage aufgrund der Garantenpflicht gegenüber bereits behandelten Patienten deutlich strenger ausfällt als in der Ex-Ante-Situation, in der erst ausgewählt werden muss.
Welche Rolle spielt der sogenannte "Impartial Spectator"?
Der "Impartial Spectator" dient als theoretisches Modell eines objektiven, unparteiischen Beobachters, der helfen soll, Triage-Entscheidungen frei von persönlichen Verzerrungen oder emotionalem Druck der Angehörigen zu treffen.
Darf das Alter eines Patienten als Auswahlkriterium für die Zuteilung von Ressourcen dienen?
Nach Ansicht der Autorin, die sich auf das Bundesverfassungsgericht und das Verbot der Diskriminierung stützt, darf das Alter als biologisches Kriterium den "Lebenswert" eines Menschen nicht schmälern und ist daher als Triage-Faktor abzulehnen.
- Quote paper
- Jenny Joy Schumann (Author), 2020, Strafrechtliche Güterabwägung ärztlicher Lebensrettungsmaßnahmen im Kontext nicht ausreichender Versorgungskapazität in der Corona-Pandemie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1324566