Narratologische Analyse moderner Kinder- und Jugendliteratur

Am Beispiel der Werke von David Almond „Lehmann oder Die Versuchung“ und Guus Kuijer „Ein himmlischer Platz“


Examensarbeit, 2008

90 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen der Kinder- und Jugendliteratur
2.1. Definition und Begriffsdifferenzierung
2.2. Handlungs- und Symbolsystem
2.3. Kinder- und Jugendliteratur als Textkorpus
2.4. Wesensbestimmungen im Kinder- und Jugendliteratur-System
2.5. Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur in der BRD seit 1945
2.6. Der moderne Kinderroman
2.6.1. Der problemorientierte bzw. sozialkritische Kinderroman
2.6.2. Der psychologische Kinderroman
2.6.3. Der komische Kinder- bzw. Familienroman
2.6.4. Der fantastische Kinderroman
2.7. Der Jugendroman
2.7.1. Problemorientierte Jugendliteratur

3. David Almond „Lehmann oder Die Versuchung“
3.1. Zum Autor
3.2. Zum Inhalt
3.3. Zum Erzählanfang
3.4. Erzähltextanalyse nach Stanzel
3.4.1. Typen der Erzählsituation
3.4.2. Person
3.4.3. Perspektive
3.4.4. Modus
3.5. Erzähltextanalyse nach Petersen
3.5.1. Erzählform
3.5.2. Erzählverhalten
3.5.3. Standort des Erzählers
3.5.4. Erzählperspektive
3.5.5. Erzählhaltung
3.6. Erzähltextanalyse nach Martinez und Scheffel
3.6.1. Zeit
3.6.2. Modus
3.6.3. Stimme
3.6.4. Die Zuverlässigkeit des Erzählers
3.6.5. Motivierung
3.6.6. Erzählte Welten
3.7. Zum Erzählende
3.8. Figurencharakterisierung

4. Guus Kuijer „Ein himmlischer Platz“
4.1. Zum Autor
4.2. Zum Inhalt
4.3. Zum Erzählanfang
4.4. Erzähltextanalyse nach Stanzel
4.4.1. Person
4.4.2. Perspektive
4.4.3. Modus
4.5. Erzähltextanalyse nach Petersen
4.6. Erzähltextanalyse nach Martinez und Scheffel
4.6.1. Zeit
4.6.2. Modus
4.6.3. Stimme
4.6.4. Die Zuverlässigkeit des Erzählers
4.6.5. Motivierung
4.6.6. Erzählte Welten
4.7. Zum Erzählende
4.8. Figurencharakterisierung

5. Zusammenfassende Ergebnisse hinsichtlich des Wandels der KJL auf der Grundlage der untersuchten Werke

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Bereich der Kinder- und Jugendliteratur besitzt eine stets wachsende

Bedeutsamkeit in dem Feld der Literatur- und Kulturwissenschaften.

Aufgrund des kulturellen Wandels der Gesellschaft und den damit einhergehenden Veränderungen in der Kinder- und Jugendliteratur ist ein großes zu untersuchendes Spektrum geboten.

Diese Examensarbeit befasst sich mit dem veränderten Status der Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft und mit den damit einhergehenden Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendliteratur.

Ein geschichtlicher und thematischer Überblick der Kinder- und Jugendliteratur soll einen Einstieg in die darauffolgenden Untersuchungen bieten.

Den narratologischen Untersuchungen der Werke „Lehmann oder Die Versuchung“ von David Almond und „Ein himmlischer Platz“ von Guus Kuijer liegen die Theorien von Stanzel, Petersen und Martinez und Scheffel zugrunde. Die Literatur überschneidet sich hinsichtlich wesentlicher Aspekte, aber ergänzt sich darüber hinaus jedoch auch, womit eine umfangreiche Analyse geboten werden kann.

Abschließend wird eine Darstellung der erarbeiteten literarischen Neuerungen in der Kinder- und Jugendliteratur präsentiert, der die untersuchten Werke zugrunde liegen.

2. Theoretische Grundlagen der Kinder- und Jugendliteratur

2.1. Definition und Begriffsdifferenzierung

Das Wort Definition, stammend aus dem Lateinischen „Definitio“ = „Abgrenzung“, geht der Wortbedeutung nach davon aus, dass ein bestimmtes Phänomen sich klar von anderen Phänomenen durch bestimmte Kriterien und Eigenheiten abgrenzen lässt. Beschäftigt man sich jedoch näher mit dem Thema der Kinder- und Jugendliteratur, wird deutlich, dass eine solche Abgrenzung in diesem Fall nicht möglich und demnach eine eindeutige Definition nicht zu finden ist.

Ewers schreibt, dass es sich bei der Kinder- und Jugendliteratur[1] nicht um ein klar umgrenztes Gegenstandsfeld handelt, sondern um eine Gruppe kultureller Felder, „[…] die sich zu einem hohe Maße überlappen, doch jeweils verschiedene Ränder aufweisen.“[2]

Gansel nähert sich einer Abgrenzung an, indem er schreibt, dass KJL viele Facetten besitzt und unterschiedliche Dinge meinen kann:[3]

1. die Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche als geeignet

empfundenen Literatur (=intentionale KJL)

2. die Gesamtheit der für Kinder und Jugendliche geschriebenen

fiktionalen und nicht fiktionalen Texte (=spezifische KJL)

3. die Gesamtheit der von Kindern und Jugendlichen rezipierten

fiktionalen und nicht fiktionalen Texte (=Kinder- und Jugendlektüre)

4. ein Teilsystem des gesellschaftlichen Handlungs- bzw. Sozialsystems

„Literatur“=“Subsystem der KJL“)

2.2. Handlungs- und Symbolsystem

Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei den Adressaten von KJL um eine bestimmte Zielgruppe handelt, bildete sich ausgehend von bestimmten Personen(gruppen) und Instanzen ein stabiles und konstantes Handlungssystem aus. Aufgrund der Adressatenspezifik gibt es über das Handlungssystem der allgemeinen Literatur hinaus (Autor, Buchhändler, Käufer, Kritiker etc.) weitere Instanzen, die zum Handlungssystem der KJL zu zählen sind. Allen voran zu nennen sind das staatliche Schul- und Erziehungswesen, der kinder- und jugendliterarische Buchmarkt, das öffentliche Bibliothekssystem, die pädagogische Fachöffentlichkeit, die allgemeine kinder- und jugendliterarische Fachöffentlichkeit und das staatliche Zensurwesen.[4]

Unter dem Symbolsystem der KJL versteht Ewers die Gesamtheit der semantischen Regeln, Normen und Konventionen hinsichtlich Stil, Motivik und anderer literarischer Aspekte, nach denen literarische Texte erstellt werden.

Diese Aspekte können einerseits schriftlich in Regelwerken festgehalten sein, andererseits können sie auch unbewusst und somit ungeschrieben überliefert werden.[5]

2.3. Kinder- und Jugendliteratur als Textkorpus

Da KJL als Phänomen nicht klar zu definieren ist,[6] findet sich ein großes Spektrum an möglichen Begriffserklärungen. Nach Ewers ist den folgenden Definitionen gemein, dass sie, hinsichtlich bestimmter Merkmale und Gemeinsamkeiten, zu einem bestimmten Textkorpus auf der literarischen Handlungsebene der KJL zuzuordnen sind.[7]

Kinder- und Jugendlektüre:

Kinder- und Jugendlektüre meint die Gesamtheit aller Texte, die von Kindern und Jugendlichen konsumiert wird. Hierbei ist ein wichtiges Kriterium, dass dies freiwillig geschieht. Demnach ist damit nicht die Literatur gemeint, die verpflichtend in der Schule für den Unterricht oder nur begleitend zu diesem gelesen wird.[8]

Intentionale Kinder- und Jugendliteratur:

Zu dem Textkorpus der intentionalen Kinder- und Jugendliteratur zählen nach Ewers die Texte, die von Erwachsenen, autorisiert oder nicht autorisiert, als geeignet für Kinder und Jugendliche angesehen werden. Dabei handelt es sich sowohl um Literatur, die eigens für Kinder und Jugendliche geschrieben wurde als auch um Literatur, die bloß zur Lektüre empfohlen wurde. Auffallend ist hier, dass sich der Textkorpus der Kinder- und Jugendlektüre mit dem der intentionalen Kinder- und Jugendliteratur überschneidet.[9]

Die ursprüngliche intentionale KJL beschränkte sich größtenteils auf bereits existierende Texte. Dabei handelte es sich primär um Erwachsenenliteratur, die auch für Kinder und Jugendliche als potenziell geeignet befunden wurde, wie beispielsweise epische Dichtung oder Werke ausgewählter klassischer Literatur.

„Eigens für Kinder und Jugendliche geschaffene Originalwerke bildeten lange Zeit eine verschwindend geringe Ausnahme.“[10]

Intendierte und nicht-intendierte Kinder- und Jugendlektüre:

Zu der intendierten Kinder- und Jugendlektüre zählt die Literatur, die von Kindern und Jugendlichen tatsächlich konsumiert und von Erwachsenen als potenziell geeignet befunden wird. Dem entgegen steht die nicht-intendierte Kinder- und Jugendlektüre, die von den Kindern und Jugendlichen gelesen wird, obwohl sie nicht als potenziell geeignet erachtet wird.[11]

Nicht-akzeptierte Kinder und Jugendliteratur:

Dazu zählt die Literatur, die sich vorerst nicht nach den Kriterien der autorisierten oder nicht autorisierten Erwachsenen als potenziell geeignete Literatur für Kinder und Jugendliche durchsetzen kann.[12]

Sanktionierte und nicht-sanktionierte Kinder- und Jugendliteratur:

Unter sanktionierter KJL ist die Literatur zu verstehen, die von gesellschaftlich anerkannten und autorisierten Instanzen als positiv und potenziell geeignet für Kinder und Jugendliche befunden wird. Im Gegensatz zur intentionalen KJL die sowohl autorisierte als auch nicht-autorisierte Instanzen beinhaltet, ist es bei der sanktionierten KJL der Fall, dass die entsprechend als positiv bewerteten Texte unterschiedliche Formen von Auszeichnungen (Bestenliste, Empfehlungen etc.) erhalten haben. Die nicht-sanktionierte Kinder- und Jugendliteratur wird demnach von nicht-autorisierten Instanzen bewertet (Verleger, Buchhändler etc.), deren Zielsetzung der kommerzielle Nutzen ist.[13]

Spezifische Kinder- und Jugendliteratur:

Spezifische Kinder- und Jugendliteratur meint die Texte, deren Autoren das Kind bzw. den Jugendlichen als Rezipienten ansprechen wollen, also die Literatur, die von vornherein als potenzielle Kinder- und Jugendlektüre gedacht ist.[14]

2.4. Wesensbestimmungen im Kinder- und Jugendliteratur-System

Nach Gansel lassen sich dem Literatursystem bestimmte Aufgaben und Funktionen zuordnen.

„Die Funktionen des Systems Literatur liegen

a) im kognitiv-reflexiven,
b) im moralisch-sozialen,
c) im hedonistisch-emotionalen Handlungs- und Erlebnisbereich.“[15]

Er wendet jedoch ein, dass dem System der KJL im Gegensatz zur Erwachsenenliteratur noch bis in die Gegenwart weitere wichtige Funktionen zugeschrieben werden, nämlich die Komponenten der Didaktik und Erziehung.[16]

Zum einen fungiert KJL als eine Art Sozialisationsmittel, da den Kindern und Jugendlichen durch die KJL Werte, Normen und Moralvorstellungen der Gesellschaft vermittelt werden sollen und zum anderen strebt die KJL an, die vorhandenen Inhalte, Strukturen und Darstellungen der Adressatenspezifik anzupassen und somit kindliche Bedürfnisse zu erfüllen.[17]

Karl Ernst Maier beschreibt das Kind als jungen Menschen mit einem Wissensdrang hinsichtlich Anteilnahme und Verständnis, jedoch höre dieser Wissensdrang dann auf, „[…] wenn das Neue nicht an bereits vorhandene Vorstellungen und Erfahrungen angeschlossen werden kann oder wenn es Fähigkeiten abverlangt, die in dem für die Aneignung erforderlichen Umfang noch nicht vorhanden sind.“[18] Demnach gilt es eine Adaption des Textes zu bewirken, so dass dieser der Adressatenspezifik gerecht wird.

Ewers benutzt den Terminus „Akkommodation“ als Synonym für die hier genannte „Adaption“. Ewers begründet dies mit der Tatsache, dass das Wort „Adaption“ seines Erachtens nach zu Verwirrungen aufgrund seiner Doppeldeutigkeit führen könne und verwendet den von Maier gebrauchten Terminus der „Akkommodation“.[19]

Stoffliche Adaption:

Es ist dann von einer stofflichen Adaption zu sprechen, wenn die Themen und Inhalte die Welt der Kinder betreffen und deren Erfahrungen und Interessen entsprechen. (Ferienabenteuer, Liebe, Schule etc.)[20]

Mediale Adaption:

Mediale Adaption meint eine Anpassung der Darstellungsform an die kindlichen Bedürfnisse. Dazu zählt die Schriftgröße, das Buchformat, die Illustrationen, die Umschlaggestaltung, das Seitenarrangement etc.[21]

Ewers bezeichnet diese Art der Adaption als „paratextuelle Akkommodation“ und sagt sie „dient […] der Herbeiführung einer Kind- und Jugendgemäßheit überall dort, wo sie mit den gegebenen Konventionen nicht zu erlangen ist.“[22]

Formale Adaption:

Die formale Adaption (nach Ewers „Formale Akkommodation“) beschäftigt sich mit der Thematik der Textaufbereitung im Hinblick auf Handlungsstränge,

Erzählinstanzen, Zeit, Raum, Spannungsbogen, Figurenrede etc.[23]

Sprachlich-stilistische Adaption:

Die sprachlich-stilistische Adaption ergänzt die formale Adaption und beinhaltet die Anpassung von Wortwahl, Syntax, Perspektivenwechsel und Zeitsprüngen an die entsprechenden Bedürfnisse.[24]

Ewers bezeichnet diese Adaptionsart als „sprachliche Akkommodation“ und beschreibt damit die Anpassung der Sprachkompetenz an den adressierten Leser mittels Einschränkung der sprachlichen Mittel durch den Autor.[25]

Thematisch Adaption:

Es ist dann von einer thematischen Adaption die Rede, wenn die vorhandene Problematik und der Sinn des Textes, „[…] in Beziehung zu den Erfahrungen von Kindern bzw. Jugendlichen stehen.“[26]

Axiologische/wertende Adaption:

Die axiologische/wertende Adaption beschäftigt sich mit der Frage des implizierten Autors, d.h., wer die wertende Instanz des Textes ist.

In der Sozialisationsliteratur dominieren die Moralvorstellungen und Werte der Erwachsenen bzw. der Gesellschaft. Dem entgegen steht die kindgemäße Literatur, in der das Kind als Wertungsinstanz unabhängig von den Vorstellungen der Gesellschaft fungiert.[27]

2.5. Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur in der BRD seit 1945

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war geprägt von einer individuellen Befreiung des Einzelnen von den Zwängen der NS-Zeit. Literarische Werke wurden wiederentdeckt, sortiert und neuentdeckt.[28]

Durch den wachsenden materiellen Standard in der Gesellschaft und dem damit einhergehenden Wachsen sozialer Sicherheiten gewannen die Menschen an Selbstverantwortlichkeit für ihr Leben und ihre Zukunft. Die Zuordnung zu Klassen innerhalb der Gesellschaft verschwand zusehends und eine Modernisierungswelle setzte ein.[29]

Es entstand eine moderne Kindheitsautonomie. Die Literatur für Kinder änderte sich insofern, dass Kinder beim Lesen nun in eigens für sie kreierten Fantasiewelten „eintauchen“ durften.[30]

Durch die einsetzende Emanzipation in den 60er-Jahren änderten sich die Vorstellungen und die Moral innerhalb der Gesellschaft, was sich in der Literatur widerspiegelte. Neue und veränderte Einstellungen zu Freiheit, Gleichheit, Liebe, Sexualität, Mündigkeit etc. prägten das Weltbild.

Gansel schreibt, dass durch diese Veränderungen ein Paradigmenwechsel herbeigeführt wurde, der die „emanzipatorische Kinderliterraturreform“ nach sich zog.[31]

„Wo sich eine neue Kindheitsauffassung durchsetzte, es reale Veränderungen in der Welt von Kindern wie Jugendlichen gab und sie als gleichberechtigte Partner angesehen wurden, konnten ihnen nicht länger jene Probleme und Konfliktfelder vorenthalten bleiben, mit denen sich die Erwachsenen auseinandersetzten.“[32]

Die neu erlangte Mündigkeit der Kinder und Jugendlichen zog nach sich, dass die Texte in den 70er-Jahren immer sozialkritischer wurden und von Tabuthemen wie Sterben, Behinderung, Drogen, Ausländer und Arbeitslosigkeit handelten.

Durch die weitgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft wurden Kinder und Jugendliche nun als junge Erwachsene mit eigenen Meinungen, Vorstellungen, Träumen und Bedürfnissen anerkannt. Dies zog jedoch auch nach sich, dass sich die Problemfelder der Kinder und Jugendlichen weiteten und sie mit Problemen konfrontiert wurden, mit denen bisher nur Erwachsene umgehen mussten. Die neue psychische Befindlichkeit der Kinder und Jugendlichen, ihre innere Zerrissenheit und Probleme wurden zu Themen in der KJL. Damit ging eine Veränderung der literarischen Darstellungsweise einher.

„Dazu gehören Ich-Erzählung, personales Erzählen, innerer Monolog mit Übergängen zur Bewusstseinsstromtechnik, häufiger Wechsel des Erzählstandortes, Rückblenden, rascher Wechsel der Zeitebenen und Tempusformen, Formen von Collage und Montage.“[33]

2.6. Der moderne Kinderroman

In den 70er Jahren veränderte sich die Art und Weise des Erzählens in Kinderbüchern, da die Wirklichkeit der Protagonisten nun romanhaft beschrieben und somit zum Gegenstand kinderliterarischer Darstellung gemacht wurde. Diese Entwicklung prägte den Begriff des „Romans für Kinder“.[34]

Gansel beschreibt diese Veränderung als ein neuartiges Verhältnis von Oberflächen- und Tiefenstruktur im Vergleich zur traditionellen KJL, da sich die Texte bezüglich Inhalt und Form verändern.[35]

Aufgrund der neuen und veränderten Tiefenstruktur der Texte in Bezug auf Stoff, Handlungen, Motive, Bilder etc. und der veränderten Oberflächenstruktur bezüglich Authentizität der Figuren und der Wirklichkeit, Wertsetzungsinstanz und den literarischen Darstellungsweisen entstand der Begriff des „modernen Kinderromans“.[36]

Dieser „moderne Kinderroman“ unterscheidet sich nur noch graduell von der Literatur für Erwachsene. Gansel sieht darin ein Problem, welches die bereits erwähnte Annäherung von KJL an Erwachsenenliteratur nach sich zieht:

„Zu dieser Art modernen Erzählens gehört schließlich auch, dass der Wertungsstandort in die kindlichen bzw. jugendlichen Protagonisten gelegt ist und dass ihr Standpunkt selbst dann nicht korrigiert wird, wenn er sich aus der Sicht der Erwachsenen bzw. der Gesellschaft als problematisch bzw. falsch erweisen sollte.“[37]

Infolge der Entstehung des modernen Kinderromans und dessen verschiedenen Ausprägungen ist eine Unterteilung der KJL in weitere Subgattungen möglich und hilfreich. Diese sind jedoch nicht als starres Raster zu verstehen, sondern vielmehr als ein Hilfsmittel zur Ausdifferenzierung, da die Übergänge der einzelnen Subgattungen fließend sind.[38]

2.6.1. Der problemorientierte bzw. sozialkritische Kinderroman

Diese Romanart möchte dem Leser die Schattenseiten der modernen Gesellschaft aufzeigen, die Nachteile der Industrialisierung, der Globalisierung, des Konsumwahns, der Technik etc.

Der Roman befasst sich mit realen Problemen des Alltags in der Welt der Kinder bzw. der Erwachsenen: Sex, Tod, Behinderung, Krieg, Faschismus etc.

Diese Themen, welche nicht von den positiven Dingen im Leben erzählen, sondern vielmehr die wahre und normale Alltagswelt derer zeigen, die mit persönlichen Konflikten und Schicksalsschlägen umgehen müssen, wollen dem Leser einen kritischen Blick auf die Gesellschaft vermitteln.

Ein relativ gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern und die Fähigkeit der Kinder, sich emanzipiert und selbstbewusst zu behaupten, dient bei dieser Art von Problemfeldern als Voraussetzung.[39]

Die vorherrschende Erzählinstanz ist der auktoriale Erzähler, der die Welt realistisch darstellt und dem Leser somit einen kritischen Blick auf die Gesellschaft vermittelt. Die Wirklichkeit von Raum und Zeit wird kohärent dargestellt und nur in Ausnahmefällen durch entsprechende Montage verändert.

2.6.2. Der psychologische Kinderroman

Charakteristisch für den psychologischen Kinderroman ist der Einblick in die Innenwelt von jugendlichen und kindlichen Protagonisten, wobei dem Leser die Möglichkeit des „Eintauchens“ in die Psyche und die unmittelbare Teilnahme an Konflikten der entsprechenden Personen gegeben wird. Die Reflexion über die Welt und über sich selbst steht im Vordergrund.

Aufgrund der wachsenden Mündigkeit, so Gansel, könne es zu einer Überforderung der Kinder kommen und sie müssten ihre „[…] Probleme selbstständig rational erfassen wie emotional bewältigen.“[40]

Die Probleme im psychologischen Kinderroman handeln wie im sozialkritisch bzw. problemorientierten Kinderroman von den Auswirkungen des realen Alltags auf das Individuum mit all seinen Ängsten und Gegebenheiten. Jedoch ist die Darstellung der äußeren Welt mit ihren Problemen nicht mehr vorherrschend, sondern sie soll vielmehr die Konsequenzen der Entscheidungen der entsprechenden Personen widerspiegeln.[41]

Aufgrund dieser dominierenden Innenperspektive kann es durch die Montage verschiedener Bewusstseinsebenen wie Träume, Bewusstseinsströme, innerer Monolog, erlebte Rede etc. zu einer Verschiebung von Raum und Zeit in der realen Welt kommen. Somit ist diese schwerer zu überblicken.[42]

2.6.3. Der komische Kinder- bzw. Familienroman

Dem komischen Kinder- bzw. Familienroman liegt die Tatsache zugrunde, dass sich die Familienverhältnisse im Laufe der Zeit verändert haben. Eine explizite Trennung der Generationen ist nicht mehr vorhanden, da die kindlichen Protagonisten selbstsicherer und eigenständiger geworden sind und deren Eltern durch die Studentenbewegung, den Feminismus oder Pazifismus geprägt sind. Eine neue Generation Eltern ist somit entstanden, die sich zu ihrem Lebensstil bekennen und zum Thema dieser Subgattung geworden sind. Für sie zählen keine starren Werte und Normen mehr, sie sind fortschrittlich und stehen auf der gleichen Seite wie die kindlichen Protagonisten.[43]

Nach Gansel besteht gerade durch diese vertauschten traditionellen Rollenbilder und die somit durcheinandergeratenen Werte und Normen eine befreiende Komik, welche jedoch nicht nur der Unterhaltung und Belustigung dienen soll, sondern auch die Folgen dieser veränderten Gegebenheiten witzig und ironisch bewerten soll.[44]

Die vorherrschende Erzählweise ist figurengebunden und ermöglicht Einblick in die Außen- sowie Innensicht der Protagonisten. Aufgrund der häufig wechselnden Darstellungsweisen und der Montage verschiedener Wirklichkeitsebenen durch erlebte Rede, inneren Monolog, Rückblenden und Wechsel von Zeit und Raum ist es oft schwer, den Überblick über die reale Welt zu behalten.[45]

2.6.4. Der fantastische Kinderroman

Kaminski beschreibt die fantastische KJL als „[…] Riß der zwischen Diesseits und Jenseits völlig zerfranst, das eine spielt ins andere hinein, so daß es keinen festen Boden mehr gibt. Nichts ist verläßlich in dieser Welt.“[46]

Nach Gansel ist es schwierig zu definieren, ob es sich bei Fantastik bzw. dem

Fantastischen um eine Art der Darstellung, eine Struktur, einen Stil oder eine Gattungsart handelt.[47]

Unbestritten ist jedoch die Tatsache, dass auf der Ebene der Handlung beziehungsweise auf der stofflich- inhaltlichen Ebene Besonderheiten aufzufinden sind. An die Stelle einer rational erklärbaren Welt tritt hier ein fiktiver und fantastischer Lebensbereich. Diese fiktive Welt ist geprägt von Neuem, Bizarrem und Unerklärlichem, was die Denk- und Verhaltensweisen von Leser und Figuren in Frage stellt.[48]

Aufgrund der auftretenden Mehrdeutigkeit und Leerstellen in dieser Subgattung der KJL ist eine Vielzahl von Lesearten bezüglich Deutung und Sinngebung möglich.[49]

Der fantastische Kinderroman ist keineswegs zur Gattung der Volks- und Kunstmärchen zu zählen, obwohl durchaus Märchenmotive vorhanden sein können.

„Das Märchen lebt als Ganzes in der Welt des Wunderbaren, auch die konkrete Wirklichkeit ist in sie eingeflochten; die phantastische Kindergeschichte jedoch trennt Realität und Unwirklichkeit voneinander ab.“[50]

Maier relativiert seine Aussage, indem er das Aufeinandertreffen verschiedener Welten nicht als feststehendes Merkmal ansieht und begründet dies wie folgt:

„Eine starre Auslegung würde beispielsweise jene Erzählungen ausschließen, in denen der junge Leser in eine, allgemein als „phantastisch“ anerkannte Welt geführt wird […] ohne daß ein Gulliver aus unserer Wirklichkeit dort hineintappt […]“[51]

Nicht jedes fantastische Element lässt jedoch auf einen fantastischen Kinderroman schließen lässt, da das Fantastische auch in anderen Texten als Form künstlerischer Darstellung auftreten kann.[52]

Marquardt beschreibt die Funktion und den Nutzen des fantastischen Kinderromans (neben dem Unterhaltungsmoment) als ein kompensatorisches Mittel um sich in der veränderten und modernen Wirklichkeit zurechtzufinden, sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen besser orientieren zu können und um kritisch über Neues und Ungewohntes zu reflektieren.[53]

2.7. Der Jugendroman

Der gesellschaftliche Wandel hat dazugeführt, dass sich Erfahrungen und Sichtweisen der Kinder und Jugendlichen in solche der Kleinkinder, Schulkinder, Jugendliche ab 14, junge Erwachsene oder Post- bzw. Spätadoleszente ausdifferenziert haben.[54]

Jugendliche werden in der heutigen Gesellschaft immer früher erwachsen und die Erwachsenen eifern dem von der Gesellschaft geprägten Leitbild der Jugend und dem „Jung-Sein“ nach. Somit ist eine strikte Abgrenzung von Erwachsenen und Jugendlichen nicht mehr möglich, vielmehr sind fließende Übergänge von einem Lebensabschnitt in den anderen vorzufinden. Eine Abgrenzung der Generationen bedarf immer extremerer Mittel.

Ebenso wie die Grenzen der Generationen fließender geworden sind, geht auch die KJL in die Erwachsenenliteratur über. Nach Gansel zählen für die jungen Leser in Texten mehr und mehr Zeitdiagnostik, Wahrheitssuche und Wirklichkeitserkundung bezüglich der Lebenssituation heutiger Jugendlicher.[55]

Der Begriff „Jugendliteratur“ reicht in diesem Fall nicht mehr aus, um besagte Werke zu beschreiben. Der Terminus des „Jugendromans“ kommt hinzu und umfasst alle romanhaften Darstellungen für Jugendliche wie z.B. den Science-Fiction-Roman, den Familienroman, den Adoleszenzroman und die Utopie.[56]

2.7.1. Problemorientierte Jugendliteratur

Im Zentrum der problemorientierten Jugendliteratur steht ein Held, der sich mit den Problemen und Krisen der Gesellschaft konfrontiert sieht. Zeitgenössische Probleme stehen im Vordergrund und werden authentisch dargestellt. Diese Texte wollen (neben dem Unterhaltungsmoment) die Einstellungen der Leser ändern, aufklären und zum Nachdenken und Kritisieren anregen. Hierbei wird die Individualität des Helden soweit zurückgenommen, dass dieser primär als typisches Musterbild eines Menschen von heute dient.[57]

Die problemorientierte Jugendliteratur verweist demnach auf die Probleme, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen, aber auch auf „[…] die Bewußtmachung der wirtschaftlich und sozial extremen Situationen und darüber hinaus.“[58]

Beispiele für Themen sind: Liebe, Krankheit, Behinderung, Tod, Länder und Menschen aus der Dritten Welt, Aggression und Gewalt, Politik, Drogen, Sex, jugendliche Subkulturen (Punk, Gothic) etc.

Die problemorientierte Jugendliteratur will es dem Leser ermöglichen, durch einen Lernprozess selbstsicherer zu werden, sich selbst zu finden und dann einen Standpunkt beziehen zu können.

3. David Almond „Lehmann oder Die Versuchung“

3.1. Zum Autor

David Almond wurde 1953 in Newcastle in England als Kind katholischer Eltern geboren. Er wuchs mit seinen vier Schwestern und einem Bruder in Felling-on-Tyne auf.

Er besuchte die Universität von „East Anglia“, an der er seinen Abschluss in Englisch und amerikanischer Literatur machte. Er arbeitete fünf Jahre lang an der Grundschule in Gateshead und begann in dieser Zeit Kurzgeschichten für Erwachsene zu schreiben, welche in Magazinen veröffentlicht wurden.[59]

Ende der 90’er Jahre begann Almond damit, sich erfolgreich dem Schreiben von Kinder- und Jugendliteratur zu widmen und veröffentlichte unter anderem:

Skelling,1998 (dt. Zeit des Mondes, 1999).

Kit’s Wilderness, 1999 (dt. Zwischen gestern und morgen, 2000)

Heaven Eyes, 2000 (dt. Eine Ecke im Paradies, 2001)

Secret Heart, 2001

Wild Girl, Wild Boy, 2002

Counting Stars, 2003 (dt. Die Sternensucher, 2002)

The Fire Eaters, 2003 (dt. Feuerschlucker, 2005)

Clay, 2005 (dt. Lehmann oder Die Versuchung, 2007)

3.2. Zum Inhalt

Schauplatz des Geschehens ist die katholische Gemeinde Felling im England der 60’er Jahre.

Das Leben von David, genannt Davie, und seinem Freund George Graggs, genannt Geordie, ist bis zu dem Tag, an dem ein neuer Junge namens Stephen Rose in die Gemeinde kommt, völlig normal. Sie gehen zur Schule, leisten Ministrantendienst und prügeln sich mit Jungen aus dem Nachbarort. Als Stephen Rose bei seiner Tante „Crazy Mary“, die eigentlich Mary Doonan heißt, einzieht, entstehen viele Gerüchte in der Gemeinde, was es mit diesem Jungen auf sich habe. Angeblich soll seine Mutter in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden sein und sein Vater sei tot, heißt es. Stephen Rose soll schwarze Messen abhalten und habe deshalb das Bennett College, wo er sich zum Priester ausbilden lassen wollte, verlassen müssen.

Stephen Rose besitzt die Gabe, aus Lehm kleine und lebensecht wirkende Figuren herzustellen und beeindruckt damit nicht nur Geordie und David, sondern auch den Pater der Gemeinde.

David ist fasziniert von Stephen und dieser scheint David immer mehr und mehr in seinen Bann zu ziehen.

Stephen überzeugt David davon, dass seine Gabe noch viel weitergeht, als nur bloße Lehmfiguren herzustellen. Er zeigt David, dass er sie zum Leben erwecken kann. David fürchtet sich vor dem, was er sieht und auch vor Stephen, ist jedoch nicht imstande sich ihm zu entziehen.

Stephen strebt mit Davids Hilfe nach mehr und überzeugt ihn davon, einen lebensgroßen Lehmmenschen zu erschaffen, der ihm seines Erzfeindes Mouldy aus dem Nachbarort entledigen soll. David ist hin und hergerissen zwischen dem, was er sieht, was er glaubt zu sehen und seinem religiösen Glauben, der zutiefst erschüttert wird.

3.3. Zum Erzählanfang

Bei der Analyse eines Werkes bezüglich seiner narratologischen und inhaltlichen Strukturen kommt dem Erzählanfang eine wichtige Aufgabe zu, da dieser den Leser auf das Buch einstimmt, ihm Informationen vermittelt aber auch vorenthalten kann. Aufgrund der Vielzahl von Möglichkeiten, „[…]die Erzählanfänge narrativer Texte zu gestalten, unterscheidet die Theorie des Romaneingangs zwischen […] vier verschiedenen Möglichkeiten:[60]

ab ovo: Der Text entfaltet sich bezüglich seiner Handlung von der Vorgeschichte und den Anfängen ausgehend. Es wird somit

ein Einstieg in die Geschichte gegeben, was dem Leser das

Einfühlen in die erzählte Welt erleichtert und keine Leer-

stellen entstehen lässt.

in medias res: Die Geschichte beginnt unvermittelt in der voranschreitenden Handlung und der Leser muss sich die für ihn wichtigen Informationen nach und nach erarbeiten und anlesen und somit entstandene Leerstellen und Informationsdefizite füllen und ausgleichen.

in ultimas res: Die Handlung setzt am Ende der Geschichte oder kurz davor ein und der Leser ist erst am Schluss imstande, die einzelnen Handlungsstränge in Verbindung zu bringen. Als eine Sonderform nennt Gansel hier den Detektivroman, der mit dem eigentlichen Verbrechen beginnt und dem das Forschen nach den Ursachen folgt.[61]

als Invocatio: Die vierte Möglichkeit einen Text einzuleiten, ist nach Gansel eine Hinführung zur Geschichte unter Zuhilfenahme einer Einleitung beziehungsweise eines Vorwortes. Dies kann z.B. durch eine Widmung, eine Rahmenerzählung, die Nennung von Quellen oder einer weiteren entsprechenden Art geschehen um das Erzählte zu legitimieren.[62]

In David Almonds „Lehmann oder Die Versuchung“ ist ein Erzählanfang in medias res vorzufinden, da der Leser unvermittelt in das Geschehen einsteigt.

„Er kam an einem strahlenden, eiskalten Februarmorgen in Felling an. Es ist noch nicht lange her und doch scheint mir, als sei das alles in einem anderen Leben passiert. Ich war mit Geordie Craggs zusammen wie immer damals. Wir taten großspurig wie immer, wir lachten und rissen Witze wie immer.“[63]

Der Leser erhält vage Information über Ort und Zeit des Geschehens und erfährt, dass der Ich-Erzähler mit Geordie Graggs „wie immer“ zusammen war.

Auffallend ist jedoch die Leerstelle, die das Personalpronomen „Er“ am Satzanfang schafft. Der Leser wird bis zum zweiten Kapitel darüber im Unklaren gelassen, wer in Felling ankam.

Darüber hinaus wird der Leser durch den zweiten Satz darüber in Kenntnis gesetzt, dass es sich um einen Ich-Erzähler handelt, der aus zeitlicher Distanz seine Geschichte erzählt, jedoch bleibt der Leser im Unklaren darüber, um wen es sich bei dem Ich-Erzähler handelt.

Das erzählende Ich gibt dem Leser folglich Informationen über Ort und etwaige Zeit des Geschehens, lässt ihn aber bezüglich seiner eigenen Identität, näherer Informationen oder seiner Erzählmotivation im Unklaren.

Nach Stanzel kommt dem Erzählanfang auch die Aufgabe zu, den Leser auf den Vermittlungsmodus einzustimmen, da dieser bereits nach den ersten Sätzen eine gewisse Erwartungshaltung entwickelt.

In „Lehmann oder Die Versuchung“ wird der Leser trotz der knappen Einführung des erzählenden Ich direkt „[…] mit dem Geschehen konfrontiert, indem er veranlasst wird, sich in die mit dem bezugslosen Personalpronomen gemeinte Reflektorfigur zu versetzen.“[64]

3.4. Erzähltextanalyse nach Stanzel

Stanzels Typenkreis der Erzählsituationen beschreibt die Möglichkeiten, wie mittelbar oder unmittelbar etwas Erzähltes gestaltet werden kann. Die Einteilung in die drei typischen Erzählsituationen, die jedoch fließend ineinander übergehen können, beruht dabei auf Stanzels Triade der Konstituenten Person, Perspektive und Modus. Die drei Konstituenten können mittels Opposition in jeweils zwei gegensätzliche Pole gefasst werden: Identität/Nichtidentität, Innenperspektive/Außenperspektive, Erzähler/Nicht Erzähler.[65]

Die Vorteile seines Modells erklärt Stanzel wie folgt:

„Die binäre Opposition bietet sich daher gerade für eine Erzähltheorie, die davon ausgeht, daß die konkreten Erzählformen eine unübersehbare Fülle von Modifikationen und Modulationen gewisser Grundformen darstellen, als ein kongeniales Ordnungssystem an.“[66]

3.4.1. Typen der Erzählsituation

Die auktoriale ES: Die auktoriale ES zeichnet sich durch ihre Kommentare und „Einmengungen“ bezüglich des Erzählten aus. Jedoch ist der Erzähler in diesem Fall keineswegs mit dem Autor identisch, da er auch Meinungen vertreten kann, die nicht die des Autors sein müssen oder sein Wissenshorizont kleiner oder größer als der ist, den man von dem Autor erwartet.[67][68] Durch die Kommentare der Erzählinstanz ist der Leser imstande sich einen Einblick in dessen Weltanschauung zu verschaffen. Dies kann den Leser jedoch auch verwirren, wenn dieser nicht imstande ist, den auktorialen Erzähler als Vermittler mit einer eigenen Meinung und möglichen Fehlern zu sehen.

Der auktoriale Erzähler steht nach Stanzel an der Schwelle zur fiktiven Welt aber ist definitiv keine Figur derselben und dient somit als Mittelsmann zwischen Autor und Leser. Er beschreibt die Figuren, ihre Gedanken und Handlungen, er setzt sich mit den Ereignissen auseinander und bewertet sie, er ist imstande Vorausdeutungen zu machen und weiß auch, was gewesen ist. Die hier vorherrschende Grundform des Erzählens ist in diesem Fall die berichtende Erzählweise, der sich die szenische unterordnet.[69]

Die Ich- ES: Die Ich-ES zeichnet sich dadurch aus, dass der Erzähler Teil der fiktiven Welt ist. Er hat das, was er berichtet, selbst erlebt, beobachtet oder anderweitig in Erfahrung gebracht, so dass er nun imstande ist, dies zu vermitteln.[70] Entsprechend hat der Ich-Erzähler einen oder keinen zeitlichen oder räumlichen Abstand zu dem Erzählten. Es muss also zwischen dem Erlebenden Ich und dem Erzählenden Ich unterschieden werden.

Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler hat der Ich-Erzähler nur die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken widerzugeben und verfügt über keine sichere Kenntnis darüber, wie sich andere fühlen, er kann es nur vermuten. Ebenso ordnet sich hier die szenische Erzählweise der berichtenden unter.

Die personale ES: Die personale ES erweckt in dem Leser den Eindruck als sei dieser selbst in der fiktiven Welt und könne das Geschehen durch die Augen einer Reflektorfigur betrachten, die sich jedoch nicht als „Ich“ bezeichnet, sondern anonym und neutral bleibt.[71]

Die Erzählerfigur hält sich soweit zurück, dass das „Erzähltwerden“ kaum noch zu erkennen ist. Die Darstellung der Ereignisse wird dem Leser subjektiv durch die Augen der Reflektorfigur, durch deren Wahrnehmung und Bewusstseinsvorgänge präsentiert. Demnach dominiert hier die Innenperspektive.[72]

3.4.2. Person

Die Konstituente Person basiert auf der Tatsache, dass die Seinsbereiche des Erzählers und der Figuren identisch oder nicht-identisch sein können. Der Erzähler kann in der Welt der Figuren beheimatet sein und wäre somit ein Ich-Erzähler oder er steht außerhalb und wäre somit ein Er-Erzähler.[73]

In „Lehmann oder Die Versuchung“ handelt es sich um einen identischen Seinsbereich von Erzähler und Figuren, da David als Ich-Erzähler Teil der fiktiven Welt ist.

Auffallend ist, dass der Leser sowohl ein erlebendes Ich als auch ein erzählendes Ich von David kennenlernt.

Dies wird bereits im zweiten Satz des Buches deutlich.

„Es ist noch nicht lange her und doch scheint mir, als sei das alles in einem anderen Leben passiert.“[74]

In Kapitel 36 wendet sich das erzählende Ich erneut direkt an den Leser. Dies kann damit zu erklären sein, dass der Moment, als der Lehmmann sich vor seinen Augen bewegte, für ihn so erschütternd und schockierend war, dass er seine eigentliche Geschichte unterbricht, um dem Leser genau diesen Augenblick noch näher bringen zu können und um sein Gefühlsleben in exakt diesem Moment hervorzuheben.

„Was würdest du tun? Auf dem Boden knien bleiben, während vor deinen Augen ein klumpen toter Erde lebendig wird?“ „Würdest du da knien und sagen: Haben wir nicht was tolles gemacht, Stephen Rose?“[75]

[...]


[1] Im folgenden als „KJL“ bezeichnet

[2] Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche: Eine Einführung,

München 2000. S.15

[3] Gansel, Carsten: Moderne Kinder- und Jugendliteratur: Ein Praxishandbuch für den

Unterricht, Berlin 1999. S.8

[4] Vgl. Ewers. 41f.

[5] Vgl Ebd.. 174f.

[6] Siehe hierzu auch meine Ausführungen in 2.1.

[7] Vgl Ewers. 15f.

[8] Vgl. Ebd. 16.

[9] Vgl. Ebd. 17f.

[10] Ebd. 23.

[11] Vgl. Ebd. 19.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Vgl. Ebd. 20f.

[14] Vgl. Ebd. 22f.

[15] Gansel. 13.

[16] Vgl. Ebd.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur: Formen Inhalte pädagogische Bedeutung,

Bad Heilbrunn 101993. S.15

[19] Vgl. Ebd. 307f. und Vgl. Ewers. 204f.

[20] Vgl. Gansel. 14.

[21] Vgl. Ebd. 15.

[22] Ewers. 210.

[23] Vgl. Ebd. 213. und Vgl. Gansel. 15.

[24] Vgl. Gansel. 15.

[25] Vgl. Ewers. 211.

[26] Gansel. 16.

[27] Vgl. Ebd.

[28] Vgl. Maier. 248.

[29] Vgl. Gansel. 53.

[30] Vgl. Ebd. 54f.

[31] Vgl. Ebd.

[32] Ebd. 54.

[33] Ebd. 56.

[34] Vgl. Ebd. 57.

[35] Vgl. Ebd. 58.

[36] Vgl. Ebd.

[37] Ebd. 59.

[38] Vgl. Ebd. 58.

[39] Vgl. Ebd. 59f.

[40] Ebd. 71.

[41] Vgl. Ebd. 71.

[42] Vgl. Ebd. 72f.

[43] Vgl. Ebd. 82f.

[44] Vgl. Ebd.

[45] Vgl. Ebd. 84.

[46] Kaminski, Winfred: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur: Literarische Phantasie

und gesellschaftliche Wirklichkeit, Weinheim und München 41998. S.95

[47] Vgl. Gansel. 91.

[48] Vgl. Ebd. 92f.

[49] Vgl. Ebd.

[50] Maier. 137.

[51] Ebd. 138.

[52] Vgl. Gansel. 94.

[53] Marquardt, Manfred: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur, Köln 91995. S. 94f

[54] Vgl. Gansel. 103.

[55] Vgl. Ebd. 104.

[56] Vgl. Ebd. 105.

[57] Vgl. Ebd. 107.

[58] Maier. 204.

[59] Vgl. Almond, David: Biography by David Almond. <http://www.davidalmond.com/author/bio.html> (13.09.2008).

[60] Nünning, Ansgar/ Nünning, Vera: Grundkurs anglistisch-amerikanistische

Literaturwissenschaft, Stuttgart, 2001. S. 113

[61] Vgl. Gansel. 74.

[62] Vgl. Ebd.

[63] Almond, David: Lehmann oder Die Versuchung, München 2007. S. 9

[64] Stanzel, Franz: Theorie des Erzählens, Göttingen 72001. S.210-212.

[65] Vgl. Ebd. 75f.

[66] Ebd. 75.

[67] Im folgenden als „ES“ bezeichnet

[68] Vgl. Stanzel, Franz: Typische Formen des Romans, Göttingen 61972. S.16

[69] Ebd.

[70] Vgl. Stanzel (1972). 16.

[71] Ebd. 39f.

[72] Vgl. Nünning/Nünning. 117.

[73] Vgl. Stanzel (2001). 71f.

[74] Almond. 9.

[75] Ebd. 156.

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Narratologische Analyse moderner Kinder- und Jugendliteratur
Untertitel
Am Beispiel der Werke von David Almond „Lehmann oder Die Versuchung“ und Guus Kuijer „Ein himmlischer Platz“
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
90
Katalognummer
V132476
ISBN (eBook)
9783640382163
ISBN (Buch)
9783640382279
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gansel, Martinez und Scheffel, David Almond, Guus Kuijer, Ewers, Stanzel, Petersen, Kinderroman
Arbeit zitieren
Sinja Terschlüsen (Autor), 2008, Narratologische Analyse moderner Kinder- und Jugendliteratur , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132476

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