Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Drei Konzepte in der Gegenüberstellung: Havighurst, Hurrelmann, Fend


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

29 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung

Kapitel 1: Einleitung
1.1 Definitionen von Jugendalter
1.2 Jugend als kulturelles Phänomen
1.3 Psychologische und soziologische Sichtweise von Jugend
1.4 Historischer Wandel
1.5 Was sind Entwicklungsaufgaben

Kapitel 2: Drei Konzepte von Jugend
2.1 R. J. Havighurst
2.1.1 Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.1.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.1.2.1 Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und der Geschlechtsrolle
2.1.2.2 Erwerb neuer Beziehungsformen mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts
2.1.2.3 Entwicklung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen
2.1.2.4 Erwerb der Gewissheit ökonomischer Unabhängigkeit
2.1.2.5 Vorbereitung auf einen Beruf
2.1.2.6 Anstreben von intellektuellen Fähigkeiten und Konzepten, um ein kompetenter Staatsbürger zu werden
2.1.2.7 Aufbau eines sozial verantwortlichen Verhaltens
2.1.2.8 Vorbereitung auf Heirat und Familienleben
2.1.2.9 Aufbau eines bewussten, ethischen wie rationalen Wertesystems
2.2 K. Hurrelmann
2.2.1 Sozialisationstheoretische Jugendforschung
2.2.2 Individuation / Entwicklung einer Individualität
2.2.3 Integration / Vergesellschaftung
2.2.4 Stimulierungs- und Belastungspotential
2.2.5 Sozialstrukturelle Veränderungen in der Lebensphase Jugend
2.2.6 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.3 H. Fend
2.3.1 Fends handlungstheoretisch-ko-konstruktivistisches Paradigma
2.3.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter
2.3.2.1 Den Körper bewohnen lernen
2.3.2.2 Umgang mit der Sexualität
2.3.2.3 Umbau der sozialen Beziehungen
2.3.2.4 Umgang mit der Schule
2.3.2.5 Berufswahl
2.3.2.6 Bildung
2.3.2.7 Identitätsarbeit

Kapitel 3: Schlussbetrachtungen
3.1 Homosexuelle Geschlechtsidentität
3.2 Kombination von Psychologie und Soziologie
3.3 Gegenüberstellung der drei Konzepte

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Kindheit und Jugend und der sich in diesen Phasen vollziehenden Entwicklungsschritte, sind zu wichtigen Forschungsgebieten in den Sozialwissenschaften geworden. Nicht zuletzt zeigen die unterschiedlichen Reaktionen auf die internationale und nationale Vergleichsstudie PISA und PISA-E, dass dieser Bereich mit großem Interesse auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. In einer breit angelegten öffentlichen Diskussion wurde um die Gründe des vergleichbar schlechten Abschneidens der deutschen Schüler lange und ausführlich gerungen.

Neben all den kontroversen Ansichten über das Phänomen Jugend findet jedoch eine Äußerung große Einstimmigkeit: Kindheit und Jugendphase stellen besonders komplexe Aufgaben an die jeweiligen jungen Menschen und – dies sollte man nicht vergessen – auch an ihr Umfeld.

Auf diesem Hintergrund möchte die vorliegende Arbeit sich an Hand dreier Konzepte eingehend mit dem Jugendalter beschäftigen.

Dabei legen die Autoren ihr Hauptaugenmerk auf die These, dass zu jedem Lebens- und Entwicklungsabschnitt besondere Aufgaben gehören, die (junge) Menschen zu bewältigen haben.

Der „Urheber“ der Theorie von den Entwicklungsaufgaben, Robert James Havighurst (1900-1991), hat die Grundlage für praktisch alle späteren Entwürfe und Weiterentwicklungen bereitet. Er wird daher als erster vorgestellt.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann (*1944) erweitert das Konzept von Havighurst durch die verstärkte Akzentuierung der gesellschaftlichen Ebene.

Helmut Fend (*1940) – hier als dritter Autor beschrieben – knüpft an beide Konzepte an und versucht, durch die Kombination von soziologischer und psychologischer Forschung ein interdisziplinäres Konzept der Entwicklungsaufgaben zu entwickeln.

Ziel dieser Arbeit ist die nähere Beschreibung sowie eine kritische Gegenüberstellung der drei Entwürfe.

Zuvor sei darauf hingewiesen, dass alle drei Autoren einen umfassenden „life-span-development“-Ansatz vertreten und somit der hier beschriebene Lebensabschnitt nur einen Teil ihrer Konzeptionen darstellt.

Die Begriffe Jugendalter, Jugendphase und Adoleszenz werden in dieser Arbeit synonym verwendet; auch wenn (vor allem im amerikanischen Sprachraum) Adoleszenz meist als Nachpubertät im Sinne von psychischer Reifung im Gegensatz zur biologischen Pubertät (also dem sexuellen Reifungsprozess) verstanden wird. (vgl. Fend, 2001, S. 22 f)

Außerdem sei schon an dieser Stelle vorbemerkt, dass die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter – wie Havighurst, Hurrelmann und Fend sie beschreiben – typische Aufgaben von Jugendlichen in westlichen (Industrie-) Gesellschaften darstellen und nicht ohne weiteres auf andere Gesellschaften übertragbar sind (siehe Kap. 1.2; 3.1).

Es scheint sinnvoll zu sein, zunächst einige kurze Bemerkungen über das Jugendalter, die Entwicklungsaufgaben und die Jugendforschung einführend zu tätigen, bevor mit der eigentlichen Darstellung begonnen wird.

Kapitel 1: Einleitung

1.1 Definitionen von Jugendalter

Eine einheitliche Begriffsbestimmung von Jugend ist weder in der Alltagssprache noch in den verschiedenen Fachsprachen der einzelnen (Sozial- und Natur-)Wissenschaften zu finden.[1]

Der Beginn und das Ende des Jugendalters lassen sich ebenso wenig präzise bestimmen, da Jugend „aus einer Vielfalt sukzessive aufeinanderfolgender und einander überschneidender Teilübergängen besteht“ (Mitterauer, 1986, S. 93).

1.2 Jugend als kulturelles Phänomen

In historischen Gesellschaften sowie in heutigen Stammeskulturen ist ein Begriff für die Lebensphase Jugend in unserem Verständnis in den meisten Fällen nicht zu finden. In den noch heute existierenden Stammesgesellschaften kann man selten eine deutliche Trennung von Kindheit und Jugend erkennen. Der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter wird meist abrupt durch kulturell differenzierte Initiationsriten vollzogen. Jedoch gibt es Stammeskulturen, in denen die Initiation in das Erwachsenenalter nicht durch eine – zeitlich gesehen – kurze Prüfung erfolgt, sondern ein durchaus langer, teilweise über ein Jahr hinweg gehender Prozess ist (vgl. Schäfers, 1994, Kap. III).

Außerdem ist zu beachten, dass es in diesen Gesellschaften keine eindeutige Zuordnung der einzelnen Entwicklungsaufgaben gibt, auch wenn sie, wenn auch in anderer Form, bewältigt werden müssen. Sie sind demnach ein soziales Phänomen westlicher Gesellschaften und stellen ein Idealbild dar.

1.3 Psychologische und soziologische Sichtweise von Jugend

Die Psychologie richtet ihre Betrachtungsweise von Jugend vor allem auf die intra – psychischen Kräfte der menschlichen Entwicklung; sie sucht nach dem „inneren Entwicklungsprogramm“. Das individuelle Erleben und Gestalten der eigenen Persönlichkeit stellt hier den Schwerpunkt der Entwicklung dar.

Die Soziologie versteht dagegen Jugend als ein „soziales Gruppenphänomen“ (Fend, 2001, S. 22) und definiert Jugend als eine nach „historischer Bedingtheit sortierte Gruppe von Menschen“ (ebd.). Die typischen Strukturen des Um- und Aufbaues von sozialen Beziehungen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Phänomenen (z.B.: Konflikte, Bewältigungsstrategien etc.) stellen das Hauptgebiet der Jugendsoziologie dar (vgl. Schäfers 1994).

1.4 Historischer Wandel

Ein deutlicher Wandel der Betrachtungsweise von Jugend fand in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Die Psychologie hatte bis zu dieser Zeit die Vorherrschaft auf dem Gebiet der Jugendforschung.

Die Soziologie versuchte dagegen „Jugend als Werk der Gesellschaft“ herauszustellen.

Die Bedeutung von Umwelt, Milieu und Interaktion zwischen Person und Umwelt sowie der Begriff der Sozialisation nahmen einen neuen Stellenwert ein.

Durch die kulturanthropologischen Forschungen z.B. von M. Mead, die sich besonders mit dem Verhalten von Jugendlichen in unterschiedlichen Kulturen befasste (Mead, 1935; Mead, 1959) wurde deutlich, wie wichtig der soziale Kontext für die Entwicklung des Menschen und insbesondere des Kindes und Jugendlichen ist.

1.5 Was sind Entwicklungsaufgaben

Damit ein Jugendlicher als Erwachsen gilt muss er nicht nur älter werden, sondern auch bestimmte geistige und soziale Aufgaben erledigt haben. Grundlegend für viele weitere Konzepte von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter ist die Definition von Havighurst (siehe Kap. 2.1), die er wie folgt beschreibt:

Eine Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Misslingen zu Unglücklichsein, zu Missbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt … Die Entwicklungsaufgaben einer bestimmten Gruppe haben ihren Urspruch in drei Quellen: (1) körperliche Entwicklung, (2) kultureller Druck (die Erwartungen der Gesellschaft), und (3) individuelle Wünsche und Werte. (Havighurst (1950); zit. nach Oerter, 1985, S. 30)

Mit diesem grundlegenden Konzept möchte ich auch beginnen und darauf aufbauend mit Hurrelmann und Fend fortfahren.

Kapitel 2: Drei Konzepte von Jugend

2.1 R. J. Havighurst

2.1.1 Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Havighurst versucht mit seinem Konzept der Aufgaben für das Jugendalter einen Mittelweg zwischen zwei Entwicklungsansätzen zu gehen: den naturalistischen und dem gesellschaftlich-behavioristischen Entwicklungsansatz.

Der erste sieht Freiheit und damit wenig Entwicklungsrichtlinien und -vorschriften dann für notwendig an, wenn sich das Kind von Natur aus gut und darum in Freiheit am besten entwickelt. Dagegen würden zu wenig Entwicklungsrichtlinien dem gesellschaftlich-behavioristischen Gesellschaftsbild wiedersprechen, da hier die Formbarkeit des Jugendlichen von seiner Umwelt im Vordergrund steht.

Für diesen Mittelweg sieht er folgende Kennzeichen der Entwicklungsaufgaben:

- Sie stehen immer in Bezug zu früheren und zukünftigen Aufgaben (systemische Einbettung)
- Der wechselseitige Einfluss von Entwicklungsaufgaben[2]
- Die Entwicklungsaufgaben sind vom soziokulturellen Umfeld abhängig[3]
- Sie hängen oft mit traditionsgebundenen Ritualen zusammen
- Einige Anforderungen sind biologisch gebunden

Dementsprechend können die Entwicklungsaufgaben einerseits untereinander (horizontal), andererseits geschichtlich (vertikal) im Sinne der Tradition miteinander verbunden sein.

2.1.2 Entwicklungsaufgaben für das Jugendalter

2.1.2.1 Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und der Geschlechtsrolle

„Ziel ist es erstens, auf den eigenen Körper stolz zu werden … ; zweitens die sozial gutgeheißene männliche oder weibliche Rolle zu akzeptieren (was nicht heißt, sie bedingungslos zu bejahen) .“

2.1.2.2 Erwerb neuer Beziehungsformen mit Gleichaltrigen beiderlei Geschlechts

Ziel ist es, Mädchen als Frauen und Jungen als Männer neu zu betrachten; ein Erwachsener unter Erwachsenen zu werden; mit anderen zugunsten eines gemeinsamen Nutzens zusammen zu arbeiten; zu führen ohne zu dominieren.“

2.1.2.3 Entwicklung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen

„Ziel ist es, frei von kindlicher Abhängigkeit zu werden; Zuneigung zu den Eltern ohne Verstrickung in Abhängigkeiten zu entwickeln; aus innerer Freiheit heraus Respekt für ältere Erwachsene zu spüren.“

2.1.2.4 Erwerb der Gewissheit ökonomischer Unabhängigkeit

„Ziel ist es, sich fähig zu fühlen, für sein eigenes Auskommen zu sorgen.“

2.1.2.5 Vorbereitung auf einen Beruf

„Ziel ist es, einen Beruf zu wählen, der einem liegt; zweitens sich auf diesen vorzubereiten.“

2.1.2.6 Anstreben von intellektuellen Fähigkeiten und Konzepten, um ein kompetenter Staatsbürger zu werden

„Ziel ist es, Vorstellungen über das Funktionieren der Welt, des Menschen, der Gemeinschaft, der Kultur und des Staates zu entwickeln; Argumentationswissen und sprachliche Fähigkeiten zu erwerben, um mit den Anforderungen einer Demokratie umgehen zu können. …“

2.1.2.7 Aufbau eines sozial verantwortlichen Verhaltens

„Ziel ist es, verantwortlich an den eigenen und ferneren Lebensgemeinschaften teilnehmen zu können; den Werten einer Gesellschaft in seinem persönlichen Verhalten Rechnung zu tragen.“

2.1.2.8 Vorbereitung auf Heirat und Familienleben

„Ziel ist es, eine positive Einstellung zum Familienleben und eigenen Kindern zu entwickeln; zweitens konkrete Fähigkeiten und Wissen zu erwerben, um Kinder förderlich aufwachsen zu lassen und einen Haushalt zu führen.“

[...]


[1] Aus diesem Grund möchte ich auch von einer Definition absehen, da diese immer nur in Einschränkung zu der jeweiligen Theorie Gültigkeit besitzt. Jedoch sei es jedem, der sich mit Kindheit und Jugend beschäftigt nahegelegt, sein eigenes Leben phänomenologisch-hermeneutisch auf diese Lebensphasen hin zu analysieren.

[2] Die soziale Integration wird z.B. durch die erfolgreiche Berufsfindung verändert.

[3] Havighurst weist deutlich darauf hin, dass seine Definition für Entwicklungsaufgaben in erster Linie an den Normen für die amerikanische Mittelschicht orientiert ist und sie damit (sub-)kulturspezifisch sind.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Drei Konzepte in der Gegenüberstellung: Havighurst, Hurrelmann, Fend
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau  (Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Jugendsoziologie
Note
1,0
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V13251
ISBN (eBook)
9783638189477
ISBN (Buch)
9783656902621
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drei, Konzepte, Entwicklungsaufgaben, Jugendalter, Gegenüberstellung, Hauptseminar, Jugendsoziologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2003, Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. Drei Konzepte in der Gegenüberstellung: Havighurst, Hurrelmann, Fend, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13251

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