In der vorliegenden Arbeit soll anhand der Theorie der Lebensbewältigung überprüft werden, inwiefern innerhalb der Herkunftsfamilie gemachte Erfahrungen der Kindheit und Adoleszenz mit der Entwicklung einer Substanzabhängigkeit zusammenhängen. Hierzu werden zunächst das Phänomen des Substanzmissbrauchs sowie die Institution der Familie in Böhnischs Bewältigungsansatz eingebettet. Anschließend wird die Bedeutung von Bindungsverhalten und Bindungserfahrungen für das Bewältigungsverhalten herausgearbeitet. Zuletzt werden Böhnischs Handlungsaufforderungen für eine bewältigungsorientierte Sozialarbeit zusammengefasst.
Zur Entstehung von Sucht gibt es zahlreiche Theorien aus der Biologie, der Psychologie und den Sozialwissenschaften. Dass Substanzabhängigkeit ein sehr komplexer Sachverhalt ist, der von zahlreichen Faktoren (individueller und gesellschaftlicher Art) beeinflusst wird, ist dabei innerhalb der genannten Disziplinen Konsens. In der sozialen Arbeit wird jedoch kritisiert, dass durch die Pathologisierung von Sucht diese nicht als soziales, sondern als medizinisch-psychiatrisches Problem wahrgenommen wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Substanzmissbrauch als Abweichendes Verhalten
3 Abweichendes Verhalten als Bewältigungsverhalten
4 Die Familie als Bewältigungskultur
5 Bindungsverhalten als familialer Einflussfaktor
5.1 Bindungstheoretische Grundlagen
5.2 Auswirkungen der frühen Eltern-Kind-Bindung
6 Implikationen des Bewältigungsansatzes für die Soziale Arbeit – Die Bewältigungslage
6.1 Anerkennung
6.2 Ausdruck/Thematisierung
6.3 Abhängigkeit
6.4 Aneignung
7 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis von Lothar Böhnischs Theorie der Lebensbewältigung, wie frühkindliche und adoleszente Erfahrungen in der Herkunftsfamilie mit der Entstehung von Substanzabhängigkeiten korrelieren und welche Rolle das Bindungsverhalten dabei spielt. Ziel ist es, Ansätze für eine bewältigungsorientierte Soziale Arbeit abzuleiten, die Betroffene bei der Entwicklung alternativer Bewältigungsstrategien unterstützt.
- Analyse von Substanzmissbrauch als Ausdruck von Bewältigungsverhalten
- Die Rolle familialer Bewältigungskulturen bei der Entstehung von Sucht
- Bindungstheorie als Erklärungsmodell für transgenerationale Suchtmuster
- Sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten zur Förderung der psychosozialen Handlungsfähigkeit
- Dimensionen der Bewältigungslage: Anerkennung, Ausdruck, Abhängigkeit und Aneignung
Auszug aus dem Buch
5.1 Bindungstheoretische Grundlagen
Die Bindungstheorie (attachment theory) geht in erster Linie auf den Kinderpsychiater Bowlby zurück (vgl. Fuhrer 2015, 267). Ihre Grundannahme ist, dass Bindungserfahrungen der frühen Kindheit bei Wiederholung verinnerlicht werden (vgl. Grossmann & Grossmann 2012, 447). Basierend auf diesen sogenannten inneren Arbeitsmodellen stellen Kinder Vermutungen zum Verhalten ihrer Bindungspersonen ihnen gegenüber an (vgl. Bowlby 2006, 369). Entscheidend sei dabei, welches Bild Kinder von sich selbst und welches sie von ihren Bindungspersonen haben (vgl. Bowlby 1976, 203). Diese Modelle vom Selbst und vom Anderen werden für das innere Arbeitsmodell miteinander abgeglichen (vgl. ebd.).Nachdem Ainsworth und Kolleg*innen mit dem Fremde-Situations-Test (1978) das Bindungsverhalten von Kleinkindern weiter untersucht hatten (vgl. Lohaus & Vierhaus 2019, 125), wurde ab den 1980er-Jahren zunehmend der Einfluss frühkindlicher Bindung auf das erwachsene Bindungsverhalten erforscht (vgl. Bartholomew & Horowitz 1991, 227). Ein Beispiel dafür ist das vierkategoriale Modell der Erwachsenenbindung von Bartholomew & Horowitz (1991) mit den Bindungstypen sicher, anklammernd, abweisend und ängstlich-vermeidend (vgl. Bartholomew & Horowitz 1991, 227), die mit zuvor für Kleinkinder beschriebenen Bindungsmustern korrespondieren (vgl. ebd.). Auf dieses Modell übertrugen Bartholomew & Horowitz außerdem auch Aspekte von Bowlbys Modellen vom Selbst und vom Anderen (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung bettet das Phänomen der Substanzabhängigkeit in den wissenschaftlichen Diskurs ein und stellt das Konzept der Lebensbewältigung nach Böhnisch als theoretisches Fundament der Arbeit vor.
2 Substanzmissbrauch als Abweichendes Verhalten: Dieses Kapitel definiert Sucht als eine Form abweichenden Verhaltens, das durch soziale Reaktionen und gesellschaftliche Normen klassifiziert wird.
3 Abweichendes Verhalten als Bewältigungsverhalten: Hier wird erläutert, dass Sucht als Kommunikationsmittel für innere Hilflosigkeit und als Versuch zur Selbstbehauptung verstanden werden kann.
4 Die Familie als Bewältigungskultur: Das Kapitel analysiert, wie familiale Strukturen den Umgang mit kritischen Lebenskonstellationen prägen und zwischen regressiven und sozial erweiternden Bewältigungskulturen unterscheiden.
5 Bindungsverhalten als familialer Einflussfaktor: Dieser Abschnitt beleuchtet die Bedeutung von Bindungserfahrungen und zeigt auf, wie frühe Eltern-Kind-Bindungen als Risiko- oder Schutzfaktoren für späteres Suchtverhalten wirken.
6 Implikationen des Bewältigungsansatzes für die Soziale Arbeit – Die Bewältigungslage: Dieses Kapitel liefert konkrete Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit, basierend auf den Dimensionen Anerkennung, Ausdruck, Abhängigkeit und Aneignung.
7 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion des „Wozu“-Ansatzes und betont die Notwendigkeit einer akzeptierenden, handlungsorientierten Sozialarbeit.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Lebensbewältigung, Substanzabhängigkeit, Bindungstheorie, Abweichendes Verhalten, Bewältigungskultur, Familiensoziologie, Psychosoziale Handlungsfähigkeit, Suchtprävention, Empowerment, Soziale Stigmatisierung, Funktionale Äquivalente, Jugendliche, Transgenerationalität, Soziale Bindung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Verknüpfung von Suchtverhalten und der Lebensbewältigungstheorie nach Lothar Böhnisch, wobei ein besonderer Fokus auf dem Einfluss familiärer Bindungs- und Bewältigungserfahrungen liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Dynamiken von Substanzmissbrauch als Bewältigungsstrategie, die Rolle der Familie bei der Ausbildung von Bewältigungskulturen sowie die bindungstheoretischen Grundlagen des Verhaltens.
Was ist das primäre Ziel oder die Kernfrage der Untersuchung?
Die Arbeit untersucht, inwiefern familiale Erfahrungen in Kindheit und Adoleszenz die Entwicklung einer Abhängigkeit beeinflussen, und leitet daraus Aufgaben für eine bewältigungsorientierte Soziale Arbeit ab.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die zentrale Konzepte der Sozialpädagogik (Böhnisch) mit der Bindungstheorie (Bowlby, Bartholomew & Horowitz) sowie empirischen Studien zur Suchtentstehung verknüpft.
Welche Aspekte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Sucht als Form der Abspaltung, die Bedeutung des familialen Erwartungsdrucks sowie die Dimensionen der „Bewältigungslage“, um daraus professionelle Interventionsstrategien zu entwickeln.
Welche Begriffe sind für die Arbeit charakteristisch?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die „Bewältigungslage“, „funktionale Äquivalente“, „regressive vs. sozial erweiternde Milieus“ sowie die „innere Hilflosigkeit“.
Was besagt die Theorie der Lebensbewältigung in Bezug auf Sucht?
Sie besagt, dass Sucht kein bloßes individuelles Defizit darstellt, sondern als „Wozu“-orientiertes Verhalten zu verstehen ist, mit dem Betroffene versuchen, Anerkennung und Selbstwert bei gleichzeitigem Bewältigungsdruck zu erlangen.
Welche Bedeutung hat das Bindungsverhalten für die Suchttherapie?
Die Arbeit verdeutlicht, dass unsichere Bindungserfahrungen oft durch den Konsum von Substanzen als „Selbstmedikation“ kompensiert werden sollen, was bei der Beratung und Unterstützung durch Fachkräfte berücksichtigt werden muss.
Warum wird im Fazit von der Frage nach dem „Warum“ abgeraten?
Statt nach den Ursachen der Sucht zu suchen, plädiert der Autor für die Frage nach der aktuellen Funktion des Konsums („Wozu“), um lebensnahe und zukunftsorientierte Alternativen für die Klienten zu entwickeln.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Welchen Einfluss hat die familiale Bewältigungskultur auf die Entstehung einer Substanzabhängigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1325188