In dieser Hausarbeit soll analysiert werden, inwiefern die Intrigen in Euripides‘ Hippolytos aus dem Jahre 428 v. Chr. und andere Variationen der Potiphar-Josephs-Geschichte des Alten Testaments jeweils von der Ammenfigur geleitet wird und mit welchen Mitteln versucht wird, das Unheil der Herrin abzuwenden.
Als Erstes wird die Amme bei Euripides hinsichtlich ihrer Beziehung zu Phaidra, der Motive und ihrer folgenschweren Handlungen untersucht. Dabei wird ein genauer Blick auf zwei Fehltritte geworfen: das Herauspressen und Hinaustragen von Phaidras Liebesgeständnisses. Die Textstelle wurde gewählt, weil sich hier die Aktivität der Amme am deutlichsten herauskristallisiert. Es soll gezeigt werden, dass sie durch ihr Handeln aktiv zu Phaidras Schicksal beiträgt, wobei ihr Antrieb allein in der Sorge zu ihrer Herrin liegt.
Im Anschluss wird die Amme bei Racine unter denselben Gesichtspunkten analysiert, wobei sie infolge von Phèdres Entlastung schuldiger dargestellt wird. So wird neben dem Herauspressen des Liebesgeständnisses auch die von der Amme ausgeführte Verleumdung erörtert, die die Intrige entscheidend voranbringt. In einem vergleichenden Teil sollen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ammen näher beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Amme bei Euripides
2.1 Herauspressen des Liebesgeständnisses
2.2 Hinaustragen des Geständnisses
3. Oenone bei Racine
3.1 Herauspressen des Liebesgeständnisses
3.2 Verleumdung
4. Vergleich der Ammenfiguren
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die zentrale Rolle der Ammenfigur in Euripides' Hippolytos und Jean Racines Phèdre. Es wird untersucht, wie die Ammen – motiviert durch ihre Sorge um das Überleben der Herrin – durch Intrigen, Täuschungen und das Herauspressen von Geheimnissen maßgeblich zum tragischen Schicksal der Protagonisten beitragen.
- Die Amme als treibende Kraft der Intrigenhandlung
- Die Dynamik der Beziehung zwischen Amme und Herrin
- Vergleichende Analyse der beiden literarischen Werke
- Die ethische und moralische Verantwortung der Ammenfiguren
- Der Einfluss von Götterkontexten und gesellschaftlichen Zwängen
Auszug aus dem Buch
2.1 Herauspressen des Liebesgeständnisses
Die Amme bei Euripides ist maßgeblich an der einschneidenden Enthüllung von Phaidras Geheimnis beteiligt. Ihr Wissen um das enthüllte Geheimnis verleitet sie dazu, unter Forderung eines Schweigegelübdes Hippolytos das Liebesgeständnis zu offenbaren. Aufgrund des Schwures kann er vor seinem Vater Theseus seine Unschuld nicht beweisen, nachdem er von Phaidra verleumdet wurde. Auf diese Weise wird das tödliche Ziel der Intrige erreicht, die von Aphrodite gesponnen wurde, weil Hippolytos die Göttin der Keuschheit verehrt und die Liebesgöttin geringschätzt. So zeichnet sich das Brechen des Schweigens als ein wichtiges Element der Intrige aus, worauf die weiteren intriganten Handlungsschritte aufbauen. Die Amme rückt in den Mittelpunkt der Untersuchung, da sie alles in Bewegung setzt, um ihrer Herrin aus deren Leid zu helfen.
In der Rolle als Beraterin und Vertraute erhält die Amme einen besonderen Zugang zu Phaidra. Dadurch gelingt es ihr, Phaidra zu beeinflussen, um zentrale Handlungsschritte zu initiieren. Jedoch ermöglicht die innige Beziehung, die beide zueinander pflegen, dass die Amme das Liebesgeständnis aus ihrer Herrin herauspressen kann. Die Amme leidet selbst unter dem unbekannten Zustand ihrer Herrin: „Dass aber eine Seele für zwei sich quält, / ist eine schwere Last, so wie ich / um diese hier Schmerz empfinde.“ (EH, V. 258ff.) Phaidra kann aufgrund eines unausgesprochenen, geheimen Leides ihre Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllen, weshalb sie sterben wird, wenn ihr niemand helfen kann. Deshalb muss die Amme ihr Schweigen brechen, um Lösungen für ihr Leid zu finden. Auch für sie würde das der Freitod bedeuten, weil sie von ihrer Herrin abhängig ist und ohne sie nicht existieren kann (vgl. EH, V. 356f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Tragödien von Euripides und Racine ein und erläutert die zentrale Fragestellung zur Rolle der Amme als treibende Kraft der Intrige.
2. Die Amme bei Euripides: Das Kapitel beleuchtet das Handeln der Amme bei Euripides, insbesondere wie sie durch das Herauspressen und Hinaustragen des Liebesgeständnisses aktiv das Schicksal von Phaidra und Hippolytos beeinflusst.
3. Oenone bei Racine: Hier wird die Figur der Oenone bei Racine analysiert, die Phèdre ebenfalls zum Liebesgeständnis drängt, jedoch zusätzlich durch Verleumdung tief in das tragische Geschehen eingreift.
4. Vergleich der Ammenfiguren: In diesem Kapitel werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Ammen gegenübergestellt, wobei Aspekte wie Handlungsmacht, Motivation und die Auswirkungen auf die Intrige detailliert erörtert werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Ammen in beiden Werken die Intrigen maßgeblich leiten und mitverantwortlich für das finale Scheitern der Herrinnen sind.
Schlüsselwörter
Euripides, Racine, Amme, Phaidra, Phèdre, Hippolytos, Oenone, Intrige, Liebesgeständnis, Verleumdung, Tragödie, Schuld, Vertrauensverhältnis, Mythos, Dramenanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der vergleichenden Analyse der Ammenfiguren bei Euripides und Racine und untersucht deren Einfluss auf den Ausgang der tragischen Geschehnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Macht der Sprache, die Dynamik von Vertrauen und Abhängigkeit, das Motiv der Intrige sowie die moralische Schuld der handelnden Akteure.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu analysieren, inwiefern die Intrige von der jeweiligen Ammenfigur geleitet wird und mit welchen Mitteln diese versucht, das Unheil von ihrer Herrin abzuwenden, auch wenn dies letztlich zum Untergang führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine textanalytische Untersuchung, kombiniert mit einer vergleichenden Literaturwissenschaft, um die Entwicklung der Stoffe vom antiken Mythos zur barocken Adaption nachzuvollziehen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Euripides' Amme und Racines Oenone, mit spezifischem Fokus auf das Herauspressen des Geständnisses, das Hinaustragen des Geheimnisses und bei Racine zusätzlich die Verleumdung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Begriffe wie Intrige, Liebesgeständnis, Verleumdung und die Namen der zentralen Figuren wie Phaidra und Oenone.
Inwiefern unterscheidet sich die Rolle von Oenone bei Racine von der Amme bei Euripides?
Oenone agiert skrupelloser, da sie die Verleumdung aktiv durchführt und keine göttliche Instanz ihr Handeln im Kontext des Stücks legitimiert, während bei Euripides das Geschehen stärker in einen göttlichen Rahmen eingebettet ist.
Was ist die Bedeutung des Kopfschmucks bzw. der Schleier-Metaphorik?
Diese Symbole stehen für gesellschaftliches Ansehen und Ehre; das Abnehmen dieser Symbole durch die Amme markiert den Moment, in dem die Ehre der Herrin preisgegeben wird und die Intrige unaufhaltsam in Gang kommt.
- Arbeit zitieren
- Melina Boll (Autor:in), 2022, Die Ammenfigur bei Euripides und Racine. Zwischen Helfen und Intrigieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1325293