Selbstinszenierung in politischen Memoiren: Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“


Hausarbeit, 2003

10 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Politische Memoiren als Selbstzeugnisse

II. Erwartungen an Bismarcks Memoiren

III. Entstehung von „Gedanken und Erinnerungen“

IV. Reaktionen auf die Veröffentlichung

V. Bismarcks Selbstinszenierung in „Gedanken und Erinnerungen“ (Bd. 1, 2)

VI. Von der Eigenwahrnehmung zur Fremdwahrnehmung: „Gedanken und Erinnerungen“ im Bismarck- Kult

VII. Literatur

I. Politische Memoiren als Selbstzeugnisse

Memoiren gelten als von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens vorge- nommene literarische Darstellungen des eigenen Lebens. Im Gegensatz zur Autobiographie steht in ihnen weniger Privates im Vordergrund, vielmehr liegt der Fokus auf selbst mit- erlebten und mitgestalteten öffentlichen, politischen und zeitgeschichtlichen Zuständen und Ereignissen. Insbesondere für politische Memoiren gilt, dass der Ich- Erzähler nicht als Privatmann in Erscheinung tritt, sondern in seiner Funktion als öffentlicher Rollenträger. Der Dokumentationsstil von Memoiren (Verwendung von Quellen wie Briefe, Akten, Reden etc.) hat häufig zu der missverständlichen Annahme geführt, dass dieser literarischen Gattung ein höherer Objektivitätsgrad zukomme als anderen Selbstzeugnissen. Dagegen spricht u.a. die häufig anzutreffende didaktische Absicht des Memoirenschreibers, die Auswahl und Kommentierung des Materials entscheidend beeinflusst. Der Schreiber bemüht sich in der Regel, sein politisches Denken und Handeln in der Vergangenheit zu rechtfertigen und die ungebrochene Relevanz seiner politischen Positionen und Leistungen für Gegenwart und Zukunft zu unterstreichen. In diesem Sinne lassen sich Memoiren als „subjektiv organisierte Rollendarstellungen eines Ich- Erzählers“ definieren.[1]

II. Erwartungen an Bismarcks Memoiren

Die Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit an Bismarcks Memoiren untermauern diese Definition. Man erhoffte, bzw. befürchtete nicht eine historisch exakte Darstellung des politischen Werdegangs des Exkanzlers, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Regierungspolitik.

Bismarcks Entlassung bedeutete nicht nur eine personelle Veränderung, sondern einen Kurswechsel in der Innen- und Außenpolitik. Viele einzelne Entscheidungen der Regierung Caprivi (z.B. Nichtverlängerung des Sozialistengesetzes, Liberalisierung der Polenpolitik, Senkung der Agrarzölle, Annäherung an Zentrum und Linksliberale, Helgoland- Sansibar- Vertrag mit Großbritannien) hatten in nationalgesinnten Kreisen den Eindruck entstehen lassen, dass der „Neue Kurs“ Bismarcks Vermächtnis widerspreche und den inneren und äußeren „Reichsfeinden“ in die Hände spiele. Diese „Opposition von rechts“ sammelte sich vor allem im nationalistischen Verbandswesen, das in den 1890er Jahren einen zuvor nicht gekannten Aufschwung erlebte.[2] Die Gegner des „Neuen Kurses“ fanden bei Bismarck moralische Unterstützung, der in Zeitungsartikeln, Interviews und Reden gegen die Re- gierungspolitik polemisierte. Die Huldigungsfahrten nach Friedrichsruh zu Bismarcks 80. Geburtstag nahmen z.T. Formen von Protestkundgebungen gegen den „Neuen Kurs“ an.[3]

Als Gerüchte laut wurden, dass Bismarck an Memoiren arbeite, erwartete die Öffentlichkeit von ihnen eine Generalabrechnung mit der Person Wilhelms II. und der Regierungspolitik.[4]

III. Entstehung von „Gedanken und Erinnerungen“

Bereits kurz nach seiner Entlassung hatte Bismarck die Rechte an seinen Memoiren an das Stuttgarter Verlagshaus Cotta verkauft. Geplant waren ursprünglich 6 Bände für ein Honorar von 100.000 Mark pro Band. Bismarck war allerdings kein begeisterter Memoirenschreiber und musste häufig von seiner Umgebung zur Arbeit gedrängt werden. In den Jahren 1890-92 sammelte er Material und diktierte seinem Mitarbeiter Lothar Bucher den Text für zwei Bände. Im Laufe der redaktionellen Bearbeitung wurden die ursprünglich unsystematischen Diktate in eine chronologische Gliederung eingepasst, und der zu umfangreich gewordene erste Band wurde auf zwei Bände, bzw. Bücher verteilt.[5] Nach Buchers Tod arbeitete Bismarck nur noch an den 1893 gedruckten Manuskripten, die trotz Drängen des Verlags nicht mehr vor seinem Tod zur Veröffentlichung kommen sollten. Nach dem Tod des „Reichsgründers“ setzte der „Bismarck- Experte“ Horst Kohl die Arbeiten an den ersten beiden Bänden fort und verlieh ihnen durch Einfügung weiterer Briefe und die Anbringung von Fußnoten den äußeren Anschein einer historisch- wissenschaftlichen Abhandlung. Am 29.11.1898 erschienen Bd. 1 und 2 unter dem Titel „Gedanken und Erinnerungen“, während der dritte Band, der sich auf die Person Wilhelms II. und die Entlassungskrise konzentriert, von der Familie Bismarck vorerst zurückgehalten wurde. Er wurde erst 1921 gegen den Willen der Familie veröffentlicht.[6]

[...]


[1] Vgl. Marina Stadler, Rollenbewusstsein und Subjektivität. Eine literaturtypologische Untersuchung politischer Memoiren am Beispiel Otto von Bismarcks Erinnerung und Gedanke (Analysen und Dokumente Bd.29), Frankfurt a.M. 1991, S. 1-131, zit. S. 131.

[2] Vgl. Geoff Eley, Reshaping the German Right. Radical Nationalism and Political Change after Bismarck, New Haven/ London 1980.

[3] Vgl. Karl Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag. Ein Gedenkbuch, München 1895.

[4] Vgl. Gustav Seeber, Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ von 1898 in der Politik, in: Jost Dülffer/ Hans Hübner (Hg.), Otto von Bismarck. Person- Politik- Mythos, Berlin 1993, S. 237f.

[5] Zur Verarbeitung der Diktate Vgl. GW XV, S. 585-679. Ausschnitt siehe Abb. S. 8.

[6] Vgl. Manfred Hank, Kanzler ohne Amt. Fürst Bismarck nach seiner Entlassung, München 1977, S. 231-257.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Selbstinszenierung in politischen Memoiren: Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Inszenierungen des Selbst in autobiographischen Zeugnissen des 19. und 20. Jahrhunderts
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V132530
ISBN (eBook)
9783640418657
ISBN (Buch)
9783640418930
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Otto von Bismarck, Memoiren, Gedanken und Erinnerungen, Bismarck- Mythos
Arbeit zitieren
Thomas Gräfe (Autor), 2003, Selbstinszenierung in politischen Memoiren: Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132530

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