Klassenführung und Unterrichtserfolg in der Primarstufe


Hausarbeit, 2007

54 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Einführung
2.1 Klassenführung
2.2 Beobachtungskategorien/Klassenführungsdimensionen
2.2.1 Schülerverhalten
2.2.2 Unterrichtsaktivitäten
2.2.3 Klassenführungsdimensionen
2.2.3.1 Allgegenwärtigkeit und Überlappung
2.2.3.1.1 Allgegenwärtigkeit
2.2.3.1.2 Überlappung
2.2.3.2 Steuerung von Unterrichtsabläufen
2.2.3.2.1 Reibungslosigkeit
2.2.3.2.2 Schwung
2.2.3.3 Aufrechterhaltung des Gruppenfokus
2.2.3.3.1 Beschäftigungsradius
2.2.3.3.2 Gruppenmobilisierung
2.2.3.3.3 Rechenschaftsprinzip

3 Methodisches Konzept
3.1 Beschreibung INTERACT

4 Ergebnisse der Videoanalyse
4.1 Unterrichtsaktivität
4.1.1 Silbenfilm
4.1.2 S-Film
4.2 Schülerverhalten
4.2.1 Mitarbeit und Fehlverhalten im Silbenfilm
4.2.2 Mitarbeit und Fehlverhalten im S-Film
4.2.3 Fazit zum Schülerverhalten
4.3 Klassenführung
4.3.1 Allgegenwärtigkeit und Überlappung
4.3.1.1 Allgegenwärtigkeit
4.3.1.2 Überlappung
4.3.1.3 Zusammenhang Mitarbeit/Fehlverhalten und Allgegenwärtigkeit/Überlappung
4.3.1.4 Fazit zu Allgegenwärtigkeit und Überlappung
4.3.2 Steuerung von Unterrichtsabläufen
4.3.2.1 Reibungslosigkeit
4.3.2.1.1 Silbenfilm
4.3.2.1.2 S-Film
4.3.2.2 Schwung
4.3.2.3 Zusammenhang zwischen der Steuerung von Unterrichtsabläufen und Mitarbeit/Fehlverhalten
4.3.2.4 Fazit zur Steuerung von Unterrichtsabläufen
4.3.3 Aufrechterhaltung des Gruppenfokus
4.3.3.1 Schülerbeschäftigung und Beschäftigungsradius in Bezug auf Unterrichtsaktivitäten
4.3.3.2 Gruppenmobilisierung
4.3.3.2.1 Gruppenmobilisierung im Vergleich zu Mitarbeit und Fehlverhalten
4.3.3.3 Rechenschaftsprinzip
4.3.3.3.1 Auswirkungen des Rechenschaftsprinzips auf Mitarbeit und Fehlverhalten
4.3.3.4 Fazit zum Gruppenfokus

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

Anmerkung der Verfasserin: Um den Text lesbar zu halten, werden bei Personenbezeichnungen nicht die jeweiligen männlichen und weiblichen Bezeichnungen gewählt, sondern lediglich eine davon. Eine Diskriminierung des jeweils nicht erwähnten Geschlechts ist mit dieser Praxis nicht beabsichtigt.

1 Einleitung

Der im deutschen Schulsystem verankerte Gruppenunterricht hat zur Folge, dass sich die Lehrkraft nicht nur auf einen oder zwei Schüler konzentrieren kann, sondern ihr Fokus auf einer ganzen Gruppe liegen muss. Die Zeit für aktive Lernprozesse und aktive Mitarbeit des einzelnen Schülers in einer Gruppe ist geringer und oftmals zeigt sich vermehrtes Fehlverhalten und ein dadurch bedingter geringerer Lernerfolg.1 Es stellt sich die Frage, ob eine Lehrerin trotz der Gruppensituation diese Konsequenzen verhindern kann.

Beobachtungen verschiedener Unterrichtsstunden bei unterschiedlichen Lehrern zeigen, dass es Lehrer gibt, bei denen der Unterricht rund und stockungsfrei verläuft. Die Schüler sind mit Begeisterung bei der Sache und zeichnen sich durch gute Mitarbeit und wenig abweichendes Verhalten aus. Im Gegensatz dazu gerät bei anderen Lehrern der Unterricht immer wieder ins Stocken. Die Schüler arbeiten nur zu Teilen mit und beschäftigen sich oft mit Aktivitäten, die mit dem eigentlichen Unterricht nichts zu tun haben. Es zeigt sich also, dass Fehlverhalten und schlechte Mitarbeit zwar vorkommen, jedoch nicht zwangsläufig für Gruppenunterricht sind. Worin sind jedoch diese Unterschiede im Unterrichtsverlauf begründet? Kann die Lehrerin durch ihr Verhalten dazu beitragen, den Unterricht reibungslos und störungsfrei zu gestalten? Falls ja, welche Eigenschaften und Aktivitäten der Lehrerin tragen mal3geblich zu einem guten Unterrichtsverlauf bei?

Diesen Fragen widmet sich das Seminar Klassenführung und Unterrichtserfolg in der Primarstufe, im Rahmen dessen diese Arbeit geschrieben wird. Das Seminar geht davon aus, dass die Vermittlung theoretischen Wissens über die Führung von Klassen nicht ausreicht, sondern eine Verzahnung zwischen Theorie und Praxis stattfinden muss. Daher werden auf Basis eines festgelegten Kategoriensystems zur Analyse von Klassenführung verschiedene Unterrichtssequenzen durch eine Videoanalyse beobachtet und Unterschiede im Lehrerverhalten herausgearbeitet. Anschliel3end wird der Einfluss des jeweiligen Lehrerverhaltens auf die Mitarbeit und das Fehlverhalten der Schüler überprüft. Der Schwerpunkt des Seminars liegt auf der Unterrichtsführung von Klassen in der Primarstufe, denn es soll insbesondere herausgearbeitet werden, wie man durch eine gute Klassenführung auch ein quirliges erstes Schuljahr dazu bewegen kann, sich an Regeln zu halten und dem Unterricht zu folgen. Ziel des Seminars ist es, angehende Lehrkräfte zu befähigen, die eigene Klassen- und Unterrichtsführung kritisch reflektieren und zugunsten eines höheren Lernerfolgs der Schüler verbessern zu können.

In diesem Bericht werden nach einer theoretischen und methodischen Einführung die Ergebnisse der Videostudie dargelegt und ihre Konsequenzen für die Unterrichtspraxis erläutert. Das Ziel ist es festzustellen, welches Lehrerverhalten für einen guten Unterrichtsverlauf förderlich ist und durch welche Mittel der Unterricht der beobachteten Lehrkräfte verbessert werden könnte.

2 Theoretische Einführung

2.1 Klassenführung

In der Einleitung wurde des Öfteren der Begriff Klassenführung erwähnt. Da dieser für die vorliegende Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, soll zunächst aufgezeigt werden, was unter Klassenführung genau zu verstehen ist.

In dieser Arbeit wird ausgegangen von Manfred Holodynskis Definition, die besagt, dass unter Klassenführung „die Art und Weise wie eine Lehrerin es schafft, die einzelnen Unterrichtsaktivitäten, wie z.B. Lehrervortrag, Schülerdemonstration, Unterrichtsgespräch, Stillarbeit, Hausarbeitskontrolle etc. zu Beginn eines Schuljahres einvernehmlich mit der Klasse zu etablieren und ihren störungsfreien und reibungslosen Ablauf während des weiteren Unterrichts zu gewährleisten“ zu verstehen ist.2 Klassenführung bedeutet also nicht in erster Linie das Einhalten von Disziplin, sondern das erfolgreiche Managen der unterschiedlichen Unterrichtsaktivitäten so, dass die Schüler im Unterricht aktive Lerngelegenheiten bekommen, Störverhalten verhindert und aktive Mitarbeit gefördert wird. Diese „spezifische Kompetenz zum geschickten Umgang mit der Gruppe [ist] als unabhängige Fähigkeit neben der didaktisch-methodischen Kompetenz“ eine der wichtigsten Eigenschaften einer Lehrkraft.3

In einer Studie, in der 91 empirische Überblicksarbeiten ausgewertet wurden, haben Margaret C. Wang, Geneva D. Haertel und Herbert J. Walberg festgestellt, dass neben den kognitiven Voraussetzungen der Schüler die Klassenführung des Lehrers den größten Einfluss auf den Lernerfolg hat.4 Die Wichtigkeit von Klassenführung scheint somit festgestellt, nun gilt es herauszuarbeiten, durch welche genauen Verhaltensweisen eine gute Klassenführung gekennzeichnet ist. Dies leistet das nächste Kapitel.

2.2 Beobachtungskategorien/Klassenführungsdimensionen

Die Definitionen der einzelnen Aspekte von Klassenführung beruhen auf den von Jacob S. Kounin durchgeführten Studien zum Klassenführungsverhalten amerikanischer Lehrkräfte. Kounin hielt zunächst die Zurechtweisungsmethode des Lehrers für ursächlich für mangelnde Mitarbeit und Fehlverhalten. In einer ersten Studie (1970) untersuchte er 30 Lehrkräfte per Videoanalyse und stellte fest, dass die Art der Zurechtweisung keinen Einfluss auf die Mitarbeit der Schüler hat, sondern dass es vielmehr darauf ankommt, was die Lehrkraft vor dem Regelverstoß getan hat um diesen zu verhindern.5 In zwei Folgestudien (1976 und 2006) untersuchte er demnach das Klassenführungsverhalten von Lehrkräften. Seine erste Stichprobe bestand aus 49 ersten und zweiten Schuljahren aus Detroit und Vororten von Detroit, die sich alle durch einen normalen Leistungsstand kennzeichneten. Er beobachtete und analysierte zeitgleich das Lehrer- und Schülerverhalten. Hierzu standen ihm Videoaufnahmen von Unterrichtsstunden zur Verfügung.6

Im Folgenden wird das Kategoriensystem dargelegt, nach welchem Kounin die Schüler und Lehrkräfte analysiert. Dieses System liegt der Videoanalyse im Seminar zugrunde, es wird jedoch an einigen Stellen geringfügig verändert. Es wird des Öfteren der Begriff Kodierung erwähnt. Unter einer Kodierung versteht man die Bewertung des jeweiligen Verhaltens für eine bestimmte Unterrichtssequenz. Mehr zum methodischen Vorgehen findet sich im Anschluss an das Kategoriensystem.

2.2.1 Schülerverhalten

Zunächst wird das Schülerverhalten nach den Kategorien Mitarbeit und Fehlverhalten bewertet. Unter Mitarbeit versteht man, dass die Schüler sich auf das Unterrichtsgeschehen konzentrieren, aufmerksam sind oder sich aktiv beteiligen. Die Kategorie Mitarbeit unterteilt Kounin in die Aspekte definitive Beschäftigung, wahrscheinliche Beschäftigung und definitive Nichtbeschäftigung. Definitive Beschäftigung wird kodiert, wenn es sichtbare Anzeichen dafür gibt, dass ein Kind der Arbeit nachkommt, wahrscheinliche Beschäftigung wird kodiert, wenn sich durch die Haltung des Kindes darauf schließen lässt, dass es sich mit der geforderten Arbeit beschäftigt, es aber keine sichtbaren Anzeichen gibt. Definitive Nichtbeschäftigung wird kodiert, wenn es keine Anzeichen für Mitarbeit gibt oder sogar deutlich wird, dass das Kind sich mit etwas anderem beschäftigt. Fehlverhalten ist eine gesteigerte Form der Nicht-Mitarbeit und zeichnet sich durch eine bestimmte Intention aus und ist gegen Lehrer, Schüler oder Verhaltenskonventionen gerichtet. Kounin unterteilt es in die Dimensionen kein schlechtes Betragen, schlechtes Betragen und sehr schlechtes Betragen.

Kounin wählt in jeder Klasse acht Schüler aus, die er nacheinander je zwölf Sekunden beobachtet und für diesen Zeitraum das Verhalten bewertet. Anschließend bildet er Summenwerte für Mitarbeit und Fehlverhalten, anhand derer das Klassenführungsverhalten der Lehrkräfte mit dem Schülerverhalten verglichen werden kann.7

Im Gegensatz zu Kounin liegt im Seminar Fehlverhalten dann vor, wenn ein Schüler durch sein Verhalten auch andere Schüler von der Arbeit abhält. Es werden alle Schüler bezüglich Mitarbeit und Fehlverhalten bewertet. Auf Kounins Unterteilungen wird dabei nicht eingegangen, sondern nur die Anzahl an Kindern gezählt, die Nicht-Mitarbeit und Fehlverhalten zeigen. Orientiert wird sich hierbei an der vom Lehrer erwarteten Verhaltensweise.8

2.2.2 Unterrichtsaktivitäten

Kounin erstellt zu Beginn seiner Studie für jede Klasse ein Aktivitätenverzeichnis, indem er die genauen Tätigkeiten in der Klasse festhält.9 In der Videostudie, die dieser Arbeit zugrunde liegt, wird kein Aktivitätenverzeichnis erstellt, sondern der Aspekt Unterrichtsaktivität in das Kategoriensystem mit aufgenommen. Dies dient der Analyse, ob bestimmte Handlungsmuster für bestimmte Aktivitäten wichtiger sind, bzw. ob es Unterschiede zwischen den einzelnen Unterrichtsaktivitäten gibt. Zudem trägt diese Kategorie dazu bei, den Unterrichtsausschnitt in einzelne Sequenzen zu unterteilen.

„Eine Unterrichtsaktivität ist eine zeitlich begrenzte Handlungssequenz mit einem regelgeleiteten Arrangement bzgl. Lehrer und Schülerhandlungen mit Hilfe von Lernmaterial.“10 Sie wird gekennzeichnet durch einen bestimmten Zeitrahmen, Kontext (Ort, Teilnehmer, Anordnung der Teilnehmer, Materialien), Handlungsrahmen (z.B. Regeln) und Lerngegenstand. Die Kategorie wird in 11 Aspekte unterteilt:

1) Lehrerinstruktion (verbale Arbeitsanweisung des Lehrers)
2) Lehrerdemonstration (Lehrkraft gibt ein Verhaltensmodell für eine Lernaufgabe vor)
3) Klassendemonstration (Schüler demonstrieren gleichzeitig ein bestimmtes Verhalten)
4) Lehrervortrag (Lehrervortrag in Form eines Referats)
5) Schülerdemonstration (einzelne Schüler stellen eine Aufgabe vor)
6) Partnerarbeit
7) Stillarbeit (Schüler bearbeiten selbstständig und für sich eine Aufgabe)
8) Morgenkreis (Schüler und Lehrer sitzen im Kreis und arbeiten nicht an einem Unterrichtsgegenstand)
9) Unterrichtsgespräch (Aufgabe wird in einem vom Lehrer dirigierten Gespräch gelöst)
10) Stationenlernen (Schüler bearbeiten an Stationen selbstständig eine Aufgabe)
11) Übergang (Übergangsphase zwischen Unterrichtsaktivitäten, in der keine konkrete Lernaufgabe gestellt ist)11

2.2.3 Klassenführungsdimensionen

Neben dem Schülerverhalten und den Unterrichtsaktivitäten steht insbesondere das Verhalten des Lehrers im Vordergrund. Hierbei unterteilt Kounin drei Bereiche des Lehrerverhaltens: Allgegenwärtigkeit und Überlappung, Steuerung von Unterrichtsabläufen und Aufrechterhaltung des Gruppenfokus. Jedes mal, wenn eine Lehrkraft ein bestimmtes Verhalten zeigt, wird dieses für den jeweiligen Zeitpunkt kodiert.

2.2.3.1 Allgegenwärtigkeit und Überlappung

In diesem Bereich wird beobachtet, ob und wie die Lehrerin auf konkretes Störverhalten und Nicht- Mitarbeit reagiert und wie sie es schafft verschiedene Unterrichtsprozesse gleichzeitig zu managen.

2.2.3.1.1 Allgegenwärtigkeit

Unter Allgegenwärtigkeit versteht Kounin, dass eine Lehrkraft zu erkennen gibt, dass sie über alle Vorgänge in der Klasse im Bilde ist und sprichwörtlich ihre Augen überall hat. Da das Wissen einer Lehrkraft schwer zu beurteilen ist, wird Allgegenwärtigkeit über Fehler bei der Zurechtweisung analysiert. Zeichen für mangelnde Allgegenwärtigkeit sind Objektfehler und Zeitfehler. Unter Objektfehler versteht er zum einen die Zurechtweisung des falschen Kindes und zum anderen die Zurechtweisung eines leichten Fehlverhaltens, wenn gleichzeitig ein schweres Fehlverhalten übersehen wird. Ein Zeitfehler zeichnet sich dadurch aus, dass sich das Fehlverhalten auf andere Kinder ausbreitet oder verstärkt wird bevor die Lehrerin reagiert. Kounin betrachtet demnach das Lehrerverhalten nur dann, wenn eine Zurechtweisung stattfindet.12

Abweichend von Kounin wird im Seminar Allgegenwärtigkeit dadurch definiert, dass Störungen im Unterricht unverzüglich, kurz und mit direkter Ansprache des Schülers unterbunden werden. Als Zeichen für mangelnde Allgegenwärtigkeit werden zusätzlich unbeachtete Störungen kodiert. Eine unbeachtete Störung wird dann markiert, wenn eine bedeutende Unaufmerksamkeit oder ein Störverhalten eines Schülers endet, ohne dass die Lehrerin versucht hat dieses zu unterbinden. Es werden demnach nicht nur Fälle betrachtet, in denen die Lehrerin ein Kind zurechtweißt, sondern auch solche, in denen eine Zurechtweisung stattfinden sollte, aber nicht geschieht. Zudem werden auch solche Situationen analysiert, in der die Lehrerin eine treffende Reaktion zeigt und als allgegenwärtig gekennzeichnet. Sollte keiner dieser Fälle zutreffen, gilt das Verhalten der Lehrerin als nicht kodierbar.13

2.2.3.1.2 Überlappung

Schafft es die Lehrerin zwei oder mehr bedeutsamen Unterrichtsprozessen gleichzeitig Beachtung zu schenken, bezeichnet man dies als Fähigkeit zur Überlappung. Mangelnde Überlappung bedeutet demnach, dass eine Lehrerin sich nur auf einen Prozess konzentriert und dabei einen wichtigen anderen Prozess in ihrem Unterricht ignoriert oder übersieht. Läuft in ihrem Unterricht nur ein Prozess ab, gilt das Verhalten als nicht kodierbar.14

2.2.3.2 Steuerung von Unterrichtsabläufen

Die Steuerung von Unterrichtsabläufen unterteilt Kounin in die Aspekte Reibungslosigkeit und Schwung.

2.2.3.2.1 Reibungslosigkeit

Reibungsloses Verhalten einer Lehrkraft zeichnet sich dadurch aus, dass sie es schafft, dass der Wechsel von einer Unterrichtsaktivität zur nächsten fließend verläuft. Der Übergang wird so transparent gestaltet, dass alle Kinder problemlos folgen können. Zeigt die Lehrerin jedoch eine Reizanhängigkeit von unbedeutenden Stimuli, platzt sie unvermittelt in Schülerbeschäftigungen oder verkürzt sie den Lernstoff unvermittelt, bezeichnet man dies als Sprunghaftigkeit. Auch thematische Inkonsequenzen (Hin- und Herwechseln zwischen Unterrichtsstoff) und thematische Unentschlossenheiten bei Übergängen (Zurückkommen auf bereits abgeschlossenen Unterrichtsstoff) werden als sprunghaft bezeichnet.15 Kounin bewertet die Kategorie nur über Fehler bei der Reibungslosigkeit (das heißt über Sprunghaftigkeit).16 Im Gegensatz dazu wird im Seminar auch reibungsloses Verhalten der Lehrerin kodiert. Dies kann nur bei Übergängen zu neuen Unterrichtsaktivitäten erfolgen, Sprunghaftigkeit kann eine Lehrkraft jedoch auch inmitten einer Unterrichtsaktivität zeigen.17

2.2.3.2.2 Schwung

Entspricht das Tempo des Unterrichts dem Lerntempo der Schüler, bezeichnet man den Unterricht als schwungvoll. In den Erklärungen, dem Vormachen und den Übungen wird dabei genau das Tempo und Niveau getroffen, das dem Verständnis und der Ausdauer der Schüler entspricht.18 Das Gegenteil von schwungvollem Unterricht sind bei Kounin Verzögerungen, das heißt zu langsamer Unterricht. Hierbei überproblematisiert der Lehrer ein Benehmen, Verhaltenselement, Arbeitsmittel oder Lernstoff und unterfordert und langweilt damit seine Schüler. Verzögerungen können auch durch Fragmentierungen von Lernaktivitäten (Gruppe oder Handlungseinheit) entstehen, obwohl sie in einer geschlossenen Einheit hätten durchgeführt werden können. Kounin bewertet die Kategorie Schwung nur über Merkmale von Verzögerung.19 Zusätzlich zu Kounin wird in dieser Videoanalyse zu langsamer Unterricht auch dann kodiert, wenn ein bedeutsamer Teil der Schüler keine Aufgabe hat und somit unnötige Wartezeiten entstehen. Zudem wird der Unterricht nicht nur über Verzögerungen bewertet, sondern auch über Schnelligkeit, wenn das Tempo und/oder die Anforderungen zu hoch und die Schüler somit überfordert sind. Auch zu schneller Unterricht gilt als nicht-schwungvoll. Um die Kodierung zu vereinfachen bewertet man zu langsamen Unterricht mit 0, ein angemessenes Tempo mit 1 und ein zu schnelles Tempo mit 2.20

2.2.3.3 Aufrechterhaltung des Gruppenfokus

In einer Schulklasse wird der Lehrer dadurch besonders gefordert, dass er nicht nur einem einzelnen Schüler, sondern einer ganzen Schülergruppe einen Lernstoff vermitteln muss. Ob und wie er es schafft dieser Aufgabe gerecht zu werden, wird durch den Gruppenfokus gekennzeichnet. Diesen unterteilt Kounin in die Aspekte Beschäftigungsradius, Gruppenmobilisierung und Rechenschaftsprinzip

2.2.3.3.1 Beschäftigungsradius

Kounin misst mit dem Beschäftigungsradius das Ausmaß der Teilnahme der Schüler, die gerade nicht aufgerufen sind eine Aufgabe durchzuführen. Er unterteilt dies in die Aspekte starke, gemäßigte und schwache Teilnahme, sowie Lehrervortrag mit Übungen, negativer Beschäftigungsradius und Nichtbeschäftigung.21 Im Gegensatz dazu kennzeichnet der Beschäftigungsradius in der vorliegenden Arbeit die Anzahl von Kindern, die während einer Unterrichtsaktivität aktiv mit der Lernaufgabe beschäftigt sind, das heißt, bei denen ein sichtbares Zeichen für ihre Beschäftigung vorliegt. Bloßes Zuhören reicht für eine aktive Beschäftigung nicht aus.22

2.2.3.3.2 Gruppenmobilisierung

Gruppenmobilisierung bezeichnet das Ausmaß, in dem die Lehrkraft versucht die nicht aufgerufenen Kinder zu motivieren, für den Unterricht zu interessieren und ihre Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Dies kann zum Beispiel durch das Erzeugen von Spannung, das Aufrufen nach dem Zufallsprinzip, das Auffordern zur Meldung und das Einbeziehen von ungewöhnlichem Material geschehen. Eine schlechte Gruppenmobilisierung kennzeichnet sich zum Beispiel dadurch, dass nicht aufgerufene Kinder nicht zur aufmerksamen Beteiligung animiert werden, das Aufrufen der Schüler nach einer bestimmten Reihenfolge erfolgt und der Fokus nur auf demjenigen Schüler liegt, der einen Beitrag gibt. Die Gruppenmobilisierung der Lehrerin wird in die Aspekte negativ, nicht vorhanden, schwach, mäßig und stark unterteilt23 und im Seminar mit Werten von 0 (negativ) bis 4 (stark) gekennzeichnet.24

2.2.3.3.3 Rechenschaftsprinzip

Kounin definiert das Rechenschaftsprinzip als „das Ausmaß, in welchem der Lehrer die Schüler während der Übungsstunde für ihre Arbeitsleistung zur Rechenschaft und zur Verantwortung zieht.“25 Er unterteilt dies in die Bereiche stark, mäßig, schwach und nicht vorhanden. Gleichzeitig stellt er die Anzahl der unterschiedlichen Kinder fest, die während einer Unterrichtsaktivität individuelle Kontrolle erfahren.26 Das Rechenschaftsprinzip wird im Seminar vereinfacht, indem sich auf den letzten Aspekt Kounins beschränkt und festlegt wird, dass es die Anzahl an Kinder umfasst, deren Leistung während einer Unterrichtsaktivität von einer Instanz zu Kenntnis genommen wird. Diese Instanz kann nicht nur den Lehrer, sondern auch andere Schüler oder ein Kontrollblatt umfassen.27

Kounin hat in einem teils komplizierten Verfahren für jede einzelne Kategorie Summenwerte gebildet, anhand derer er die Lehrkräfte verglichen und bewertet hat. Da dies ein relativ kompliziertes Verfahren ist, wird im Seminar ein anderes methodisches Konzept zu Analyse und Bewertung genutzt, welches im folgenden Kapitel dargelegt wird

3 Methodisches Konzept

Anhand der dargestellten Kategorien sollen zwei Unterrichtssequenzen beobachtet werden. Beide Unterrichtssequenzen stammen aus ersten Schuljahren mit jeweils 18 Kindern. In der einen Unterrichtsstunde wird in 17 Minuten der Silbenbegriff, in der anderen in 24 Minuten der Buchstabe „S“ eingefÜhrt und eingeÜbt. Die Stunden werden per computergesteuerter Videoanalyse betrachtet. Hierzu dient ein Computerprogramm, welches speziell fÜr Verhaltensbeobachtungen und Videoanalyse entwickelt wurde: INTERACT.28

3.1 Beschreibung INTERACT

Das Programm INTERACT dient dazu, die klassische Videoanalyse, in der Videobänder beobachtet und per Hand Notizen angefertigt werden, zu vereinfachen. In dem Programm sind beide Videos digitalisiert und in 15-Sekunden Einheiten unterteilt. Jede dieser Einheit bezeichnet man als Event. Das Programm erlaubt somit gezielt zwischen einzelnen Events hin und her zu springen und diese beliebig oft zu wiederholen. Jede der oben genannten Beobachtungskategorien kann in dem Programm bewertet werden, diese Bewertung wird als Kodierung bezeichnet. Stellt man zum Beispiel fest, dass eine Lehrerin in einem Event durch Überlappung gekennzeichnet ist, trägt man dies bei dem entsprechenden Event ein. Kann ein bestimmtes Lehrerverhalten in einem Event nicht festgestellt werden, so wird der Event bezÜglich dieser Kategorie als nk (nicht kodierbar) bewertet. Die Eingabe wird dadurch erleichtert, dass man jeder Ausprägung der Kategorien eine bestimmte Taste zuordnet. Zusätzlich kann man fÜr jedes Event einen Kommentartext eingeben. Kodiert man fÜr jeden Event jede einzelne Kategorie, so erhält man einen kompletten Überblick darÜber, wie das Lehrerverhalten in den einzelnen Events ausgeprägt ist. Die Daten können dann mit den Beobachtungen anderer Personen verglichen werden.29

Um die Auswertung der umfangreichen Ergebnisse zu erleichtern, können die Daten statistisch ausgewertet und graphisch durch Interaktionsgraphen veranschaulicht werden. Bei diesen Graphen ist auf der Abszisse die Zeit und auf der Ordinaten die jeweilige Kategorie mit ihren einzelnen Ausprägungen aufgetragen. Man erhält somit einen Überblick Über den chronologischen Verlauf der Kategorie während der Unterrichtsstunde. Sollen mehrere Kategorien miteinander verglichen oder in Verbindung gebracht werden, kann man sie zusammen in einen Graphen einfügen und somit anhand der Grafik über die gesamte Unterrichtsstunde vergleichend betrachten.

Die einzelnen Ausprägungen der Kategorien sind im Interaktionsgraphen zudem farblich unterstützt. Positive Ausprägungen werden dabei grün, mittlere gelb-orange und negative rot markiert. Bei Kategorien, die eine Einteilung in positiv und negativ nicht zulassen (hier: Unterrichtsaktivität, Beschäftigungsradius und Rechenschaftsprinzip), werden andere Urteilsmerkmale und somit auch andere Farben zugrunde gelegt. Die Kategorie Unterrichtsaktivität wird nach der potentiellen Schülerbeschäftigung eingeteilt und durch verschiedene Blautöne (hellblau für geringe, mittelblau für mittlere und dunkelblau für hohe potentielle Beschäftigung) markiert. Die Kategorien Beschäftigungsradius und Rechenschaftsprinzip, die stark abhängig von der jeweiligen Unterrichtsaktivität und Aufgabenstellung sind, werden komplett grau markiert, ebenso wie die nicht kodierbaren Events der anderen Kategorien. Eine weitere Abweichung zeigt die Kategorie Schwung. Dort werden die negativen Aspekte zu langsam und zu schnell durch die Farben pink bzw. rot dargestellt, um einen Unterschied zwischen den Ausprägungen darzustellen.30

[...]


1 Rainer Dollase, „Die virtuelle oder psychologische Reduzierung der Schulklassengröl3e,“Bildung und Erziehung 48.2 (1995) 131-133.

2 Manfred Holodynski, „Klassenführung: Eine notwendige Aufgabe erfolgreichen Unterrichtens,“Grundschule 9 (1998) 22.

3 Dollase 133.

4 Holodynski 22.

5 Kounin 81.

6 Kounin 86-87.

7 Kounin 88-89.

8 Manfred Holodynski und Daniela Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT: Beschreibung der Kategorien und Codes,“ unveröffentlichtes Seminarskript, Universität Münster, 2007, 1-2.

9 Kounin 87.

10 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 2.

11 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 2-3.

12 Kounin 90-92.

13 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 3-4.

14 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 4.

15 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 5-6.

16 Kounin '06.

17 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 6.

18 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 6.

19 Kounin 110-114.

20 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 6.

21 Kounin 122-124.

22 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 5.

23 Kounin 125.

24 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 7.

25 Kounin 126.

26 Kounin 126-128.

27 Holodynski und Miederhoff, „Kategoriensystem für INTERACT“ 7.

28 Manfred Holodynski und Daniela Miederhoff, „Anleitung fÜr die Videoanalyse mit INTERACT,“ unveröffentlichtes Seminarskript, Universität MÜnster, 2007, 8.

29 Holodynski und Miederhoff, „Anleitung fÜr die Videoanalyse mit INTERACT“ 8.

30 Holodynski und Miederhoff, „Anleitung für die Videoanalyse mit INTERACT“ 28-31.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Klassenführung und Unterrichtserfolg in der Primarstufe
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
54
Katalognummer
V132532
ISBN (eBook)
9783640387915
ISBN (Buch)
9783640388264
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klassenführung, Unterrichtserfolg, Primarstufe
Arbeit zitieren
Stefanie Jansing (Autor), 2007, Klassenführung und Unterrichtserfolg in der Primarstufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132532

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