Zunächst wird ein theoretischer Hintergrund vorgestellt, indem die Parallelwelten in der fantastischen Literatur unter Bezug des Weltenmodells von Nikolajeva vorgestellt werden. Zudem erfolgt eine Einführung in die Erzählstruktur von fantastischer Literatur. Daraufhin erfolgt der Hauptteil mit der Analyse der Parallelwelt in dem Roman Tintenherz von Cornelia Funke. Nach einer kurzen Inhaltsangabe erfolgt die Betrachtung der Schleuse zur Sekundärwelt, sowie der Weltenwechsel von der primären in die sekundäre Welt.
,,Bücher müssen schwer sein, weil die ganze Welt in ihnen steckt". Geschichten, welche von fremden und unbekannten Welten, Fabelwesen und gruseligen Geschöpfen handeln, sind in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart besonders populär. Beim Lesen von fantastischer Literatur, tauchen die Leser:innen in eine ihnen fremde Welt ein, fernab von der Realität. Doch auch in der Literatur selbst, treffen realistisch dargestellte Welten auf fremde parallel verlaufene fantastische Welten. Held:innen aus der realen Welt tauchen selbst in die Parallelwelt ein und werden dort mit dem Bösen oder anderen Problemen konfrontiert oder die magischen Wesen dringen in die Welt der Protagonist:innen ein. Die geheimnisvollen Parallelwelten werden aufgrund ihrer detaillierten und schlüssigen Beschreibungen beinahe als natürlich, fast real wahrgenommen . Jene fantastische Welt ist meistens durch magische Figuren und geheimnisvolle Gegebenheiten gekennzeichnet, die Faszination der Parallelwelt liegt vor allem darin, dass in ihr fast alles möglich ist.
Cornelia Funke greift 2003 mit dem Roman der Trilogie Tintenherz gleich zwei fantastische Phänomene auf. Die Protagonistin Meggie taucht einerseits selbst in die Parallelwelt Tintenwelt ein, andererseits gelangen die dort lebenden Wesen ebenso in die realistische Welt. Die Tintenwelt existiert somit nicht ausschließlich parallel, sondern sie vermischt sich mit der realistischen Welt, verbunden durch eine fantastische Begabung, welches das Tor durch die Bücher zu der Parallelwelt öffnen kann. Die Tintenwelt Trilogie steht repräsentativ für die klassische fantastische Kinder- und Jugendliteratur, welcher der Leserschaft eine magische und nicht rational erklärbare Welt vorstellt. Meggie, sowie auch ihr Vater, besitzen die Gabe, Dinge und Menschen aus Büchern herauszulesen, sodass diese in die realistische Welt gelangen. Die Protagonistin selbst ist also in der Lage, das Tor zu der Parallelwelt zu öffnen. Im ersten Band der Tintenwelt Trilogie wird die Schleuse zu der fantastischen Welt entdeckt und die Figuren wechseln in die realistisch dargestellte Alltagswelt. Der umgekehrte Fall erfolgt erst in dem zweiten Teil, Tintenblut, weshalb auch dieser Teil kurz in diese Arbeit mit einbezogen wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Parallelwelten in der fantastischen Literatur
2.1 Einführung in die fantastische Literatur
2.2 Das Weltenmodell nach Nikolajeva
2.3 Die Bedeutung der offenen sekundären Welt für die Figuren
2.4 Die Erzählstruktur in der fantastischen Literatur
3 Die Parallelwelt in Tintenherz
3.1 Tintenherz
3.2 Die Schleuse zu der sekundären Welt
3.3 Der Weltenwechsel zwischen der primären und sekundären Welt
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Parallelwelten in der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Am Beispiel der "Tintenwelt-Trilogie" von Cornelia Funke wird analysiert, wie der Übergang zwischen der primären, realistischen Alltagswelt und der sekundären, fantastischen Welt funktioniert, welche Rolle dabei das "Zauberbuch" als Reisemittel spielt und welche Auswirkungen diese Erfahrungen auf die Entwicklung der jugendlichen Protagonisten haben.
- Das Weltenmodell nach Maria Nikolajeva (closed, open & implied world)
- Die narrative Funktion von Metalepsen als Brücke zwischen den Welten
- Die besondere Rolle des Vorlesens im Roman Tintenherz
- Entwicklung und Identitätssuche jugendlicher Figuren in Parallelwelten
- Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der offenen sekundären Welt für die Figuren
Ein wichtiges Merkmal der offenen sekundären Welt ist, dass diese parallel zu der Alltagswelt existiert und die Figuren zwischen diesen Welten hin und her wechseln können (vgl. Nikolajeva 1988, S. 36). Sie können einige Zeit in der Parallelwelt verweilen und wieder in die primäre Welt zurückkehren (vgl. Meißner 1989, S. 104 f.). Oftmals herrschen in der sekundären Welt eine andere Raum- und Zeiteinteilung. So kann es sein, dass die Figuren mehrere Tage in der sekundären Welt verbleiben, während in der primären Welt jedoch keine oder nur wenig Zeit verstrichen ist (vgl. ebd.). Ein Beispiel hierfür wären Die Chroniken von Narnia von Clive Staples Lewis. Während in der sekundären Welt sogar Jahre vergehen und die Protagonist:innen mit dieser Welt älter werden und schlussendlich erwachsen sind, vergeht in der primären Welt keine Minute und sie kehren dorthin als Kinder zurück.
Hierbei stellt die Parallelwelt eine Ent- und Verzauberung des Alltags dar (vgl. Pfennig 2013, S. 190). Den Figuren werden Chancen auf neue Freiheiten aufgezeigt, die Literatur schafft einen Raum, in dem sich der/die Rezipient:in mit komplexen Themen, zum Beispiel historischer Vergangenheit oder Identitätskonflikten, auseinandersetzen (vgl. Pfennig 2013, S. 190). Die Figuren brechen oftmals aus einem tristen und langweiligen Alltag aus und erleben in der magischen Parallelwelt Abenteuer und treffen dort auf verschiedene Helfer:innen, um die Ordnung wieder herzustellen (vgl. Pfennig 2013, S. 190). Die Parallelwelten können als Rückzugsort gelten, eine Flucht aus dem wirklichen Leben. Dabei sind die Figuren in der Regel nicht allein, sie lernen andere Figuren oder Wesen in der Parallelwelt kennen und hier steht ein wichtiger Aspekt im Fokus, die Freundschaft (vgl. Pfennig 2013, S. 190).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der fantastischen Literatur ein und stellt die Relevanz der Parallelwelt-Problematik für Kinder- und Jugendbücher dar.
2 Die Parallelwelten in der fantastischen Literatur: Dieses Kapitel erläutert das theoretische Fundament durch das Weltenmodell nach Nikolajeva und untersucht die narrative Struktur fantastischer Erzählungen.
3 Die Parallelwelt in Tintenherz: Der Hauptteil analysiert die konkrete Umsetzung in Cornelia Funkes Werk, insbesondere die Funktion des Buches als Schleuse und die Dynamik des Weltenwechsels.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und würdigt die Bedeutung der Tintenwelt-Trilogie für das Genre der fantastischen Literatur.
Schlüsselwörter
Parallelwelt, Fantastische Literatur, Tintenherz, Cornelia Funke, Weltenmodell, Maria Nikolajeva, Sekundäre Welt, Primäre Welt, Metalepsen, Zauberbuch, Identitätsentwicklung, Jugendliteratur, Erzählstruktur, Weltenwechsel, Fiktion und Realität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das literarische Konzept der Parallelwelt innerhalb der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur, fokussiert auf Cornelia Funkes Tintenwelt.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die theoretische Abgrenzung zwischen primärer und sekundärer Welt, die narrative Konstruktion durch Metalepsen und die pädagogische/psychologische Entwicklung der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der Funktionsweise des Übergangs zwischen Realität und Fantasie und der Bedeutung dieses Wechsels für die Charakterentwicklung.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, basierend auf dem Zwei-Welten-Modell von Maria Nikolajeva und narratologischen Ansätzen, insbesondere denen zur Metalepse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse von "Tintenherz", der Funktion des Buches als Portal und der Dynamik des Wechsels zwischen den Welten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff "Parallelwelt" sind "Tintenherz", "Metalepse", "Sekundäre Welt" und "Identitätsentwicklung" essentiell.
Welche Funktion hat das Buch "Tintenherz" in der Analyse?
Das Buch dient als "Zauberbuch" und Reisemittel, welches die Schwelle zwischen der primären und der fantastischen sekundären Welt markiert.
Warum ist das Vorlesen als Handlungselement von besonderer Bedeutung?
Das Vorlesen stellt die magische Gabe dar, die es den Figuren ermöglicht, Personen und Objekte aus der Literatur in die Realität zu transferieren oder selbst in Parallelwelten einzutauchen.
Was bedeutet die "Metalepse" im Kontext von Cornelia Funkes Werk?
Die Metalepse bezeichnet die Grenzüberschreitung zwischen verschiedenen narrativen Ebenen, wodurch die Figuren physisch zwischen der primären und der Tintenwelt wechseln können.
- Citar trabajo
- Jana Degener (Autor), 2022, Die Parallelwelt in der fantastischen Jugendliteratur. Analyse anhand des Beispiels "Tintenwelt" von Cornelia Funke, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1325553