Diese Arbeit soll Butlers „gender trouble“ und Austins Theorie der Sprechakte einer parallelen Lesart unterziehen. Fragestellung soll hierbei sein, inwieweit bestehende Geschlechterrollen als performative Sprechakte innerhalb von Diskursen zu verstehen sind und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können.
Schlussfolgerungen hier hinsichtlich einer Unbestimmbarkeit der Geschlechterdifferenz und der Problematik eines binären Systems. Inwieweit ist dieses System überholt und wie lässt sich dessen mögliche Unzulänglichkeit illustrieren? Im Vordergrund der Argumentation stehen hierbei die Texte „Das Unbehagen der Geschlechter“ von Judith Butler und „Zur Theorie der Sprachakte (How to do things with words)“ von John L. Austin. Bezüglich des letzteren Bandes wird dabei der Fokus auf die siebte und achte Vorlesung des Werkes gelegt.
Im ersten Teil der Arbeit soll zunächst eine Erläuterung der Terminologie Butlers eine Einführung in den Komplex „Geschlecht und Gesellschaft“ geben, dem sich eine Annäherung der Geschlechter-Konstruktion an die performativen Sprechakte nach Austin anschließt. Des Weiteren sollen sprachpraktische Beobachtungen diesen Zusammenhang nachvollziehbar machen. Diesen Beobachtungen folgt eine Rückwendung zur binären Matrix und ihrer Stringenz, bevor die Problematik einer Geschlechterzuweisung ob eines performativen Sprechaktes thematisiert wird.
Als Exkurs soll ein kleiner Einblick in den Umgang mit Geschlechterrollen am Beispiel des Romans von Ali Smith „Girl meets boy“ stattfinden. Anhand eines Ausschnittes soll gezeigt werden, wie durch Spreche eine Verschiebung der Realitätsebene zugunsten eines Geschlechterbildes das keinem System genügt, sondern als fließend verstanden werden kann. Der springende Punkt innerhalb dieser Betrachtung – und der Arbeit als solche –liegt im Verständnis von Geschlecht als Kontinuum, in dem keine Kategorisierung Mann-Frau funktioniert, sondern die Begrifflichkeiten eher als Annäherungsversuche für Bezeichnungen (ohne die Sprache nicht funktioniert) gebraucht werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Sex, gender und das Ich – ein performativer Sprechakt?
2. Das Geschlecht als intelligibel im Sinne eines performativen Aktes
3. Die Zuweisung des Geschlechts als performativer Sprechakt
4. Problematiken der performativ erzeugten Binarität von Geschlecht
5. Scheitern des binären Systems in der Literatur
6. Fazit
7. Anhang
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das theoretische Verhältnis zwischen Judith Butlers Konzept der Geschlechterrollen und John L. Austins Theorie der performativen Sprechakte. Das primäre Ziel ist es, die Konstruktion von Geschlechtsidentitäten innerhalb gesellschaftlicher Diskurse zu analysieren und zu hinterfragen, inwiefern ein binäres Geschlechtersystem als performativ erzeugt und somit als kontingent verstanden werden kann.
- Vergleich von Butlers "Gender Trouble" mit Austins Sprechakttheorie.
- Analyse der Geschlechtszuweisung als performativer Akt.
- Diskussion der Problematik der heterosexuellen Matrix und der binären Binarität.
- Untersuchung des Scheiterns binärer Systeme anhand literarischer Beispiele (Ali Smith).
- Verständnis von Geschlecht als fließendes Kontinuum.
Auszug aus dem Buch
3. Die Zuweisung des Geschlechts als performativer Sprechakt
Das Individuum – gänzlich ohne sex, gender oder ähnliches ausgestattet, sondern am ehesten wohl Mensch zu nennen – wird also erst zu einem Subjekt herangezogen. Dieser Prozess einer subjektivierenden Erziehung im Sinne einer gesellschaftlichen Matrix ist aufgrund seiner zeitlichen Entwicklung unbedingt als diskursiv zu kennzeichnen, jedoch schließt das performative Momente gewiss nicht aus. Ein Beispiel dazu wäre in etwa, den Ausspruch eines Arztes nach der Geburt eines Kindes „Es ist ein Junge“, bzw. „Es ist ein Mädchen“ als performativen Sprechakt zu deuten. Durch diese Unterwerfung des Subjekts (um die Brücke zum oben genannten Zitat zu schlagen) in die vorgegebenen gesellschaftlichen Kategorien des Geschlechterdiskurses wird nämlich etwas getan:
Das Individuum wird zum Subjekt, das sich „vom Anderen“ abzugrenzen hat, um einen Identifikationsraum für sich beanspruchen zu können. In erster Instanz hier an der Rolle des Geschlechts. Doch an der Rolle welchen Geschlechts?
„Die Instituierung einer naturalisierten Zwangsheterosexualität erfordert und reguliert die Geschlechtsidentität als binäre Beziehung, in der sich der männliche Term vom weiblichen unterscheidet.“
„Demnach ist ein Mann oder eine Frau die eigene Geschlechtsidentität genau in dem Maße, wie er/sie die andere nicht ist.“
Der im Beispiel genannte Arzt trifft seine Aussage wohl ob der ihm vorliegenden Indizien einer zutreffenden Kategorisierung – der Geschlechtsmerkmale. Treibt man dieses Experiment des performativen Sprechaktes in einem Kommunikationsmodell auf die Spitze, so ließe sich das Geschlechtsmerkmal als Sender lesen, der von der performativen Instanz gespiegelt wird und durch diese Spiegelung in einem performativen Akt erst realisiert wird. Realisiert hier im Sinne einer Bedeutung, die diese Zuschreibung mit sich bringt. Aufgrund eines Geschlechtsmerkmales, dem innerhalb eines performativen Sprechaktes subjektivierende Definition geschieht, wird der Mensch direkt nach der Geburt in einem Diskurs verortet, der seine Geschlechtlichkeit als erstmögliche Subjektkonstitution annimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Fragestellung zur performativen Konstruktion von Geschlecht durch die Verknüpfung von Butler und Austin.
1. Sex, gender und das Ich – ein performativer Sprechakt?: Theoretische Einführung in Butlers Termini und die Einordnung von Diskurs und Intelligibilität als machtvolle, wirklichkeitserzeugende Instanzen.
2. Das Geschlecht als intelligibel im Sinne eines performativen Aktes: Erläuterung der Sprechakttheorie Austins und deren Anwendung auf die Subjektwerdung des Menschen.
3. Die Zuweisung des Geschlechts als performativer Sprechakt: Analyse der ärztlichen Geschlechtsbestimmung bei der Geburt als initialen, performativen Akt der Subjektunterwerfung.
4. Problematiken der performativ erzeugten Binarität von Geschlecht: Untersuchung der Zwangsheterosexualität und der Problematik, dass die soziale Realität nur binäre Identitätsentwürfe zulässt.
5. Scheitern des binären Systems in der Literatur: Exemplarische Analyse am Roman "Girl meets boy" von Ali Smith, um die Unzulänglichkeit binärer Kategorien aufzuzeigen.
6. Fazit: Zusammenführung der Argumentation unter Rückgriff auf Derridas "différance" und Plädoyer für ein Verständnis von Geschlecht als Kontinuum.
7. Anhang: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Gender Studies, performativer Sprechakt, Judith Butler, John L. Austin, Geschlechterkonstruktion, heterosexuelle Matrix, binäre Binarität, Intelligibilität, Subjektwerdung, Diskursanalyse, Ali Smith, Identität, Kontinuum, Dekonstruktion, Geschlechterdifferenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Geschlechteridentitäten nicht als biologisch feststehende Fakten, sondern als Ergebnisse performativer Sprechakte und gesellschaftlicher Diskurse konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Verschränkung von Butlers Gender-Theorie mit der Sprechakttheorie nach Austin, die Dekonstruktion des binären Geschlechtersystems und die Analyse von Geschlecht als Kontinuum.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, inwiefern Geschlechterrollen innerhalb von Diskursen als performative Handlungen zu verstehen sind und welche Konsequenzen dies für die Identitätsbildung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Diskursanalyse angewendet, die durch eine literaturwissenschaftliche Fallstudie (Ali Smiths "Girl meets boy") ergänzt wird, um die abstrakten Theorien in der Praxis zu illustrieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Konzepte "sex" und "gender", die Bedeutung der "Intelligibilität" bei Butler, die Übertragung der Sprechakttheorie auf die soziale Geschlechtszuweisung sowie das Scheitern des binären Matrix-Modells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Performativität, heterosexuelle Matrix, Subjektkonstitution, Diskurs und die Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit charakterisiert.
Wie spielt der "Standesbeamte" in die Argumentation hinein?
Er dient als illustratives Beispiel von Austin, um den performativen Charakter von Sprache zu erklären – Worte, die durch ihre Äußerung eine neue soziale Realität (in diesem Fall den Ehestand) schaffen.
Warum wird die Geburt eines Kindes als performativer Sprechakt gedeutet?
Weil der Arzt mit dem Satz "Es ist ein Junge/Mädchen" nicht nur eine Feststellung trifft, sondern das Kind aktiv in eine vorgegebene gesellschaftliche Kategorie zwingt, wodurch der Subjektwerdungsprozess in der binären Matrix beginnt.
Welche Rolle spielt der Roman "Girl meets boy" in der Argumentation?
Der Roman dient als Exkurs, um anhand von Sprachverschiebungen (Personalpronomen) aufzuzeigen, wie Literatur dazu beitragen kann, das binäre Geschlechtersystem als unzureichende Konstruktion zu entlarven.
Was bedeutet das "Scheitern" der Subjektwerdung laut Autorin?
Das Scheitern beschreibt die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach einer stabilen Identität im gesellschaftlichen Raster und der tatsächlichen, andauernden Inkohärenz der Ich-Werdung, die sich nie vollständig in Sprache fassen lässt.
- Arbeit zitieren
- Wiebke Meeder (Autor:in), 2009, Gender Studies und Performativer Sprechakt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132685