„Dies Neue, Unbegreifliche, ist das Bewusstsein. Ich werde jetzt, wie ich glaube, in sehr zwingender Weise dartun, dass […] das Bewusstsein aus seinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar ist, was wohl jeder zugibt, sondern auch, dass es der Natur der Dinge nicht aus diesen nicht erklärbar sein wird. Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglich nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen, […] und der ebenso unmittelbar schließenden Gewissheit, also bin ich. Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken [der Atome] Bewusstsein entstehen könnte.“ (Auszug aus der Rede von Emil Du Bois-Reymond, 1872 vor der Tagung der Naturforscher und Ärzte)
In dieser Rede äußert Du Bois-Reymond schon den begründeten Zweifel, ob man jemals zu einer reduktionistischen Lösung des Leib-Seele-Konflikts kommen kann. Seit dem letzten Jahrhundert gibt es viele Thesen, die den Zusammenhang zwischen phänomenalen Gegenständen und einer materiellen Basis - deren Resultat sie sind - darstellen sollen: sowohl reduktionistische als auch nicht-reduktionistische Thesen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Leib-Seele-Problem im aktuellen Spannungsfeld von Philosophie und Neurobiologie. Zwischen diesen beiden (rivalisierenden) Wissenschaften herrscht keine Klarheit über die Aufgabenteilung bei einer Lösungsfindung. Gerade aus dieser Konkurrenz heraus entsteht ein beträchtliches Konfliktpotential, aber auch die Möglichkeit, neue Wege zu gehen.
Diese Arbeit versucht zu zeigen, wie moderne kognitive Neurowissenschaften sich um die Beantwortung des Problems bemühen. Es geht vor allem um eine kritische Durchleuchtung der Probleme, die bei diesen Lösungsversuchen entstehen. Die Problematik soll anhand der Thesen des Neurobiologen Wolf Singer aufgezeigt werden. Sein Ansatz ist grundsätzlich nicht reduktionistisch. Für ihn sind Bewusstsein, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit für höchste kognitive Leistungen Ergebnis eines evolutionären Prozesses. Durch Iteration, der immer gleichen Anwendung auf sich selbst, bilden sich im evolutionären Prozess immer komplexer ausgeformte emergente Ebenen.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
L-S-PROBLEM IM SPANNUNGSFELD PHILOSOPHIE – NEUROBIOLOGIE
Aktualität des Leib-Seele-Problems
In wessen Kompetenzbereich fällt das Leib-Seele-Problem
Die Aufgabe der Philosophie – Was ist die Aufgabe der Neurobiologie
DAS LEIB-SEELE-PROBLEM
Wo sind die grundlegenden Probleme?
Kulturelle Vorraussetzungen für das Leib-Seele-Problem
DUALISMUS
Substanzdualismus
Eigenschaftsdualismus
Kritikpunkte am Dualismus
MATERIALISMUS
Reduktionistischer Physikalismus
Nichtreduktionistischer Physikalismus
Kritik am Materialismus
ALLGEMEINE THEORIEN ZUM GEIST-KÖRPER-ZUSAMMENHANG
Die Theorie der Supervenienz
Die Vorteile der Supervenienz in der Neurophilosophie
Die Theorie der Emergenz
Schwache Emergenz
Starke Emergenz
Emergenz im Bereich kognitiver Neurowissenschaften
SINGERS KONZEPT DER GEISTENTSTEHUNG
Evolution und Aufbau des Gehirns
Die Organisation der Ebene des Nervensystems
Wie wird Mentales im Gehirn repräsentiert?
Von Repräsentationen zum Bewusstsein
Metarepräsentation
Nutzen der Metarepräsentation
Ich-Erfahrung und Selbstkonzept
Frühkindliche Ontogenese
Gene und Gelerntes
Die Ebene des Geistes
KRITISCHER TEIL
Grundlegende kritische Betrachtung der Emergenztheorie
Kritische Analyse der Verwendung der Emergenztheorie bei Singer
Wie versteht Singer Emergenz?
FEHLER UND UNZULÄNGLICHKEITEN IN DER BEGRIFFSSPRACHE
Naturalistische Fehlschlüsse und Hermeneutische Projektionen
Begriffliche Fehler
Begriffliche Fehler vermeiden
ÜBERGANG VON ERSTER-PERSON ZU DRITTER-PERSON
Brückentheorien
Erste-Person versus Dritte-Person
Erklärungslückenproblematik
Wie versteht Singer das Phänomen des subjektiven Erlebens?
Das „Innere Auge“
Das Selbst als Soziales Konstrukt
Sozial vermittelte Phänomenale Gegenstände
KONKLUSIO
Was wurde geklärt?
Welche Fragen bleiben offen?
Abschließende Worte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der neurobiologischen Erklärung von Bewusstsein. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit dem Leib-Seele-Problem im interdisziplinären Spannungsfeld zwischen Philosophie und Neurowissenschaft, wobei kritisch hinterfragt wird, ob und wie moderne kognitive Neurowissenschaften, insbesondere am Beispiel von Wolf Singer, das subjektive Erleben ohne ontologische Brüche erklären können.
- Das Leib-Seele-Problem im Kontext von Philosophie und Neurobiologie
- Kritische Analyse von Reduktionismus, Dualismus und Emergenztheorien
- Wolf Singers Konzept der Geistentstehung durch Iteration und Selbstorganisation
- Die Problematik des Übergangs von der Erste-Person- zur Dritte-Person-Perspektive
- Die Rolle von Metarepräsentationen und soziokulturellen Faktoren für das Selbstbewusstsein
Auszug aus dem Buch
Die Frage der Philosophie – Was ist die Aufgabe der Neurobiologie?
Im Zuge dieses Streits stellt die Philosophie die Kompetenz der Neurobiologie in Frage, dass diese etwas entdecken könnte, was das psychophysische Problem ein für alle Mal lösen würde. „In der Philosophie des Geistes wird nicht zuletzt beklagt, dass neurowissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Mentalen dazu neigen, die Komplexität und Vielfalt des Bewusstseins auszublenden und durch stark vereinfachte Modelle zu ersetzen. Die phänomenale Armut in den Neurowissenschaften gehe weit über das Maß hinaus, das die unabdingbaren Reduktionen wissenschaftlicher Forschung erfordern.“
Die Philosophie empfindet die neurobiologischen Konzepte von Geistigem und Bewusstsein oftmals als reduktiv und eliminativ, in dem Sinne, dass die Neurowissenschaften die für sie unangenehmen Teile des Bewusstseins, wie seine Subjektivität und Erste-Person-Ontologie auslassen, wodurch sie eine nur mangelhafte Erklärung des Leib-Seele-Problems liefern können. Die Neurowissenschaften arbeiteten in ihrem Gebiet der messbaren neuronalen Aktivitäten, indem sie auch alle Phänomene aus der Beobachter-Perspektive analysieren. Die neurobiologischen Erkenntnisse können Auskünfte geben über die Lokalisation neuronaler Aktivitäten, doch sie verfügen nicht über eine adäquate Erklärung, wie diese Aktivitäten mit Erlebnissen von Personen zusammenhängen, und wie aus dem Neuronenfeuer Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, eine Innenperspektive, usw. entstehen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Darstellung des Leib-Seele-Konflikts und der Zielsetzung der Arbeit, die Problematik anhand der Thesen von Wolf Singer kritisch zu beleuchten.
L-S-PROBLEM IM SPANNUNGSFELD PHILOSOPHIE – NEUROBIOLOGIE: Untersuchung des Machtkampfes und der Kompetenzverteilung zwischen philosophischer Begriffsanalyse und neurobiologischer Empirie.
DAS LEIB-SEELE-PROBLEM: Analyse der grundlegenden Unvereinbarkeit zwischen mentalem und physischem Geschehen sowie der kulturellen Verankerung dieses Problems.
DUALISMUS: Überblick über historische und moderne dualistische Positionen sowie deren Schwachstellen in der heutigen Wissenschaft.
MATERIALISMUS: Darstellung monistischer Ansätze und der Herausforderungen für materialistische Erklärungen geistiger Phänomene.
ALLGEMEINE THEORIEN ZUM GEIST-KÖRPER-ZUSAMMENHANG: Einführung in die Theorien der Supervenienz und Emergenz als Lösungsansätze für den Zusammenhang ontologisch verschiedener Ebenen.
SINGERS KONZEPT DER GEISTENTSTEHUNG: Detaillierte Betrachtung von Wolf Singers Ansatz, der auf Evolution, Selbstorganisation und Iteration basiert.
KRITISCHER TEIL: Philosophische Reflexion und kritische Analyse der Emergenztheorie sowie der Fehlannahmen innerhalb neurobiologischer Begriffskonstrukte.
FEHLER UND UNZULÄNGLICHKEITEN IN DER BEGRIFFSSPRACHE: Auseinandersetzung mit dem Kategorienfehler der Übertragung subjektiver Eigenschaften auf das Gehirn.
ÜBERGANG VON ERSTER-PERSON ZU DRITTER-PERSON: Untersuchung der Problematik, wie der Perspektivenwechsel zwischen subjektivem Erleben und objektiver Beobachtung methodisch zu überbrücken ist.
KONKLUSIO: Abschließende Zusammenfassung der wissenschaftlichen Einordnung des Bewusstseins als biologisches Phänomen und der offenen Fragen.
Schlüsselwörter
Leib-Seele-Problem, Neurobiologie, Philosophie des Geistes, Bewusstsein, Emergenz, Supervenienz, Wolf Singer, Metarepräsentation, Erste-Person-Ontologie, Physikalismus, Selbstorganisation, Iteration, Subjektivität, Reduktionismus, Brückentheorien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das sogenannte Leib-Seele-Problem im aktuellen Spannungsfeld zwischen der Philosophie und der Neurobiologie und analysiert, wie diese Disziplinen bei der Erklärung des Bewusstseins interagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Analyse des menschlichen Bewusstseins, die Frage nach dem Verhältnis von mentalen Zuständen zu neuronalen Prozessen sowie die kritische Auseinandersetzung mit reduktionistischen und emergenten Erklärungsansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Konzept des Neurobiologen Wolf Singer kritisch zu beleuchten und aufzuzeigen, wo innerhalb neurobiologischer Erklärungsmodelle begriffliche Fehler entstehen, insbesondere bei dem Versuch, subjektives Erleben objektiv messbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert primär auf einer philosophischen Begriffs- und Theorieanalyse sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit neurobiologischen Forschungsergebnissen und deren Interpretation im Kontext der Philosophie des Geistes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung von Theorien wie Emergenz und Supervenienz, der Anwendung dieser Theorien auf Wolf Singers Konzept der Geistentstehung sowie einer kritischen Analyse der dabei auftretenden begrifflichen Unzulänglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Leib-Seele-Problem, Emergenz, Physikalismus, Erste-Person-Ontologie und Metarepräsentation.
Welche Rolle spielt die „Erste-Person-Perspektive“ in der Argumentation?
Die Erste-Person-Perspektive ist entscheidend, da der Autor hervorhebt, dass diese eine subjektive Qualität besitzt, die sich prinzipiell der objektiven „Dritte-Person-Perspektive“ der empirischen Wissenschaften entzieht.
Warum hält der Autor den Begriff des „Inneren Auges“ bei Wolf Singer für problematisch?
Der Autor kritisiert den Begriff als vage Metapher, die zur hermeneutischen Projektion verleitet, da Singer dem Gehirn damit Eigenschaften zuschreibt, die eigentlich nur einem Subjekt zukommen können.
Inwiefern ist das „Bindungsproblem“ für die Argumentation relevant?
Es verdeutlicht die Schwierigkeit, wie das Gehirn aus verteilten neuronalen Aktivitäten eine einheitliche, kohärente Repräsentation eines Wahrnehmungsobjekts erzeugt, was Singer durch Synchronisation der neuronalen Entladungen zu erklären versucht.
- Arbeit zitieren
- Magister Thomas Margl (Autor:in), 2009, Kann man Bewusstsein neurobiologisch erfassen und erklären?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132689