Carlo Maderno: Santa Susanna

Beispiel einer frühbarocken Kirchenfassade


Referat (Ausarbeitung), 2005
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Lage und Geschichte der Kirche

2 Der Architekt Carlo Maderno

3 Beschreibung der Fassade
3.1 Sockel
3.1.1 Sockel im Kirchenbau
3.2 Säulenordnung im ersten Geschoss
3.2.1 Ausgestaltung der Wandfelder
3.2.2 Portalzone
3.2.3 Hauptgebälk
3.3 Schichtung der Fassade
3.4 Übergang zum zweiten Geschoss
3.5 Säulenordnung im zweiten Geschoss
3.5.1 Gestaltung der Wandfelder
3.5.2 Portalädikula und Scheinportal
3.5.3 Abschluss des zweiten Geschosses
3.6 Seitenansicht der Fassade
3.7 Girlandenschmuck an sakralen Gebäuden
3.8 Gesamtwirkung der Fassade

4 Historischer Hintergrund

4.1 Die „Instructiones“ des Carlo Borromeo

1 Lage und Geschichte der Kirche

Die Kirche Santa Susanna liegt an der Piazza di S. Bernardo in Rom, unweit der Diokletiansthermen, des Quirinale und des Palazzo Barberini. Sie gehört nicht zu den großen römischen Pilgerkirchen, dient aber seit einer Widmung durch Papst Pius XI. im Jahre 1922 als Nationalkirche der Katholiken der Vereinigten Staaten.1 Die Heilige Susanna gehört zu den Stadtpatronen Roms. Sie war die Tochter des Priesters Gabinius und die Nichte des Papstes Cajus (282-295) und soll im Jahre 294 an der Stelle enthauptet worden sein, wo heute S. Susanna steht.2 Sie wird als urchristliche Märtyrerin verehrt, ihre Reliquien werden in S. Susanna aufbe-wahrt. Andere Quellen sehen in ihr lediglich die Stifterin der Kirche. Dies ist vom zeitlichen Zusammenhang her denkbar, da an dieser Stelle seit dem 4. Jahrhun-dert ein sakraler Bau nachgewiesen ist.3

Der jetzige Bau stammt aus karolingischer Zeit, er diente als Pfarrkirche des um-gebenden Viertels und – bis heute – als Klosterkirche eines Konvents der Zister-zienserinnen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche ent-scheidend umgestaltet. Dies betraf sowohl die Ausgestaltung des Innenraums als auch die Neugestaltung der Fassade nach den Entwürfen des Architekten Carlo Maderno. Er schuf an dieser kleinen, eher unbedeutenden Kirche die erste voll ausgebildete frühbarocke Kirchenfassade.

Ab 1579 wurden unter Papst Gregor XIII. umfangreiche Bauarbeiten zur Erhaltung und Umgestaltung der Kirche aufgenommen. Der Innenraum wurde 1595 fertig gestellt, mit den Arbeiten an der Fassade wurde 1597 begonnen, 1603 wurde sie unter dem Pontifikat Clemens´ VIII. beendet. All dies geschah auf Veranlassung des Kardinals Rusticucci, des Protektors der Zisterzienser, päpstlicher Sekretär und Protonotar bis zu seinem Tode im Jahr 1603, wie die Inschrift auf dem Fries des Hauptgebälks belegt.4 S. Susanna war seit 1570 Titularkirche des Kardinals.

Bei Buchowiecki, 1974, 996, heißt es dazu:“ Von all dem bisher dargelegten ist bis auf die Notiz im Martyri-logicum Hieronymianum wissenschaftlich nichts haltbar. Die Berichterstattung über den Tod der Heiligen in der „Passio“ ist bar jeder geschichtlichen Grundlage, die „Passio“ selbst entstand ja sichtlich zu dem Zweck, die Entstehung der Kirche auf dem Quirinal und den in ihr angesiedelten Kult der Heiligen durch eine glaub-haft scheinende Erzählung zu rechtfertigen.“

2 Der Architekt Carlo Maderno

Carlo Maderno wurde 1556 im Tessin, in Capolago am Luganer See, geboren.5 Zur Zeit des Pontifikats von Gregor XIII. kam er gemeinsam mit vier Brüdern nach Rom, wo er 1588 die Bürgerrechte erwarb. Während der ersten Jahre arbeitete er in untergeordneter Position in der Werkstatt seines Onkels Domenico Fontana, Baumeister am neuen Lateran-Palast (bis 1308 Residenz des Papstes, ab 1538 Neubau und Umgestaltung u. a. unter Sixtus V.). Maderno verließ Rom jedoch wieder, möglicherweise steht dies im Zusammenhang damit, dass sein Onkel zwischenzeitlich beim Papst in Ungnade gefallen war und seinerseits Rom verließ. Maderno ließ sich in Neapel nieder und baute eine eigene Werkstatt auf. Als selbstständiger Baumeister war er wenig erfolgreich, so schreibt Rudolf Wittkower: „and before 1600 he made a name for himself“.6

Das Jahr 1603 brachte für Maderno den entscheidenden Wendepunkt. Er beende-te die Fassade von S. Susanna, „Madernos most outstanding performance“7, und wurde zum Architekten des Petersdoms berufen. Es folgten weitere Aufträge: Palazzo Mattei (vierflügelige Treppe), S. Andrea delle Valle (Leitung der Bau-arbeiten ab 1608), Quirinalspalast (Sommerresidenz des Papstes, hier: Cappella Paolina, Sala dei Corazzieri, Hauptportal). Er erhielt den Auftrag zur Erweiterung und Neugestaltung des Palazzo Barberini, konnte diesen aber nicht mehr aus-führen. Zwar belegen Rechnungen vom Oktober 1628 den Beginn der Arbeiten unter seiner Leitung, Maderno starb jedoch am 31. Januar 1629. Papst Clemens VIII. berief daraufhin Gian Lorenzo Bernini (1598–1680) zu dessen Nachfolger, assistiert von Francesco Borromini (1599–1667).

3 Beschreibung der Fassade

Die Kirche S. Susanna ist für den Betrachter von der davor liegenden Piazza aus nicht als Ganzes zu erfassen, d. h. sie steht nicht frei, sondern wird von unmittelbar angrenzenden Gebäuden – Teilen des alten Zisterzienserkonvents, die heute teils als Kloster, teils als Gemeindezentrum, teils der Unterbringung der Garde des Präsidenten der Italienischen Republik dienen – eingeschlossen.8 Diese städtebauliche Situation – die Kirch ist Teil einer Häuserzeile – findet sich in Rom und anderen italienischen Orten häufig. Die Kirche kann sich damit nur über ihre Fassade zur Straße bzw. zum Platz hin dem Betrachter, dem Gläubigen präsentieren. Hierin liegt einer der Gründe für die besondere Sorgfalt, die bei der Gestaltung der „Schauseiten“ der Kirchen aufgewendet wurde. So präsentiert sich S. Susanna dem Betrachter mit einer zur Piazza di S. Bernardo hin reich geschmückten zwei-geschossigen, fünfachsigen, nach oben verjüngten Fassade.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Sockel

Der Eingang zum Kircheninneren liegt nicht zu ebener Erde, eine achtstufige Treppe führt zur Schwelle des Kirchenportals. In ihrer Breite misst die Antrittsstufe etwa das Dreieinhalbfache der Austrittsstufe, d. h. an ihrer Basis nimmt die Treppe nahezu die Hälfte der gesamten Fassadenbreite ein.9

Der so entstandene Sockel wird vertikal durch Postamente für die sich darüber erhebenden Säulen gegliedert. Die beiden äußeren Abschnitte des Sockels bleiben dabei ohne Begrenzung zum Fassadenrand hin, während die beiden inneren Abschnitte durch vorstehendes Mauerwerk klar nach links und rechts ab-gegrenzt werden. Eine horizontale Gliederung der Sockelzone erfolgt einerseits wesentlich durch die Treppe im zentralen Abschnitt. Darüber hinaus werden die einsehbaren Sockelflächen auf Höhe der sechsten Treppenstufe durch einen schmalen, umlaufenden Absatz im Verhältnis 2 : 1 in zwei Bänder geteilt. Die Sockelflächen links und rechts des Aufgangs werden zusätzlich durch zwei recht-eckige Öffnungen mit halbkreisförmigen Ausbuchtungen an den Schmalseiten auf-gelockert.

3.1.1 Sockel im Kirchenbau

Die durch Säulenordnungen bestimmten Geschosse unterliegen historischen Veränderungen. De Sockel gehört dagegen zu den architektonischen Elementen, die von der Antike bis in die frühe Neuzeit nur wenigen Veränderungen unter-lagen. Der Einsatz eines Sockels im Kirchenbau greift das Vorbild des antiken Podientempels auf. Der sakrale Bau soll nicht ebenerdig begehbar sein, um die Würde des Ortes zu betonen, zu steigern. Palladio fordert zu diesem Zwecke den Bau Stufen, Serlio eine Erhöhung des Gebäudes. Alberti schließlich gibt konkrete Proportionen für die Sockelhöhe im Verhältnis zur Tempelbreite an.10

3.2 Säulenordnung im ersten Geschoss

Die Fassadenfläche im ersten Geschoss wird durch korinthische Säulen und Pilaster gegliedert, die einander paarweise zugeordnet sind, d. h. alle fünf Sicht-achsen sind vollständig ausgebildet. Nach unten erfolgt die Begrenzung durch den Sockel, nach oben durch das Hauptgebälk. Auf diese Weise werden fünf Wand-flächen ausgebildet, die in Anlehnung an entsprechende Gewölbeflächen auch als Travées bezeichnet werden können.11 Sie sind wie folgt angeordnet: Auf eine Pilastertravée am linken und rechten Rand folgt je eine Halbsäulentravée, dabei schiebt sich der jeweils innen liegende Pilaster unter die äußere Halbsäule. In der Mitte öffnet sich die durch eine Dreiviertelsäulentravée gebildete Portalädikula.

3.2.1 Ausgestaltung der Wandfelder

Die Pilastertravées zeigen jeweils zwei untereinander angeordnete Reliefplatten,

wobei die obere sich durch den reichen Schmuck – Kranzgirlande mit Trauben-bündeln am unteren Rand, geschweiftes Band mit geflügeltem Cherubkopf, eingelassen in die Basis des abschließenden Segmentgiebels – auszeichnet. Diese Wandfelder sind schmaler als die von Säulen eingefassten Abschnitte, auch dies rückt sie optisch in den Hintergrund bzw. an den Rand.

[...]


1 Buchowiecki, 1974, 994

2 Ebenda, 995

3 Siehe dazu http://www.kirchenlexikon.de/s/s4/susanna_v_r.shtml

4 Vgl. Kapitel 3.2.3

5 In den verschiedenen Quellen findet sich als Familienname sowohl Maderno als auch Maderna, letzteres allerdings seltener, so dass ich den Namen Maderno verwende.

6 Wittkower, o. J., 76

7 Wittkower, o. J., 78

8 Bei Buchowiecki, 1974, heißt es dazu: „Rechts von der Kirche ließ der Kardinal Rusticucci ein Wohnhaus für den Beichtvater der Nonnen und für die Pfarrgeistlichkeit, links das Kloster der Zisterzienserinnen er-bauen.“ (100)

9 Verhältnis Treppenbreite : Fassadenbreite = 3 : 7

10 Vgl. Schlimme, 1999, 71 ff.

11 Vgl. http://www.projekte.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/arch_complete_vers/40-ren-barock-architektur/studieneinheiten/lektion_8/VIII_5_28.htm

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Details

Titel
Carlo Maderno: Santa Susanna
Untertitel
Beispiel einer frühbarocken Kirchenfassade
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Kunstwissenschaft und Bildende Kunst)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in das Studium der Architektur
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V132693
ISBN (eBook)
9783640394845
ISBN (Buch)
9783640394463
Dateigröße
1243 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carlo, Maderno, Santa, Susanna, Beispiel, Kirchenfassade
Arbeit zitieren
Magister Artium Sigrid Weyers (Autor), 2005, Carlo Maderno: Santa Susanna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132693

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