Die Erforschung der Frage, warum die Umsetzung des modernen Gleichheitspostulats in Form einer symmetrischen Aufteilung der Haushaltsaufgaben in einer zusammenwohnenden Liebesbeziehung so schwer ist, ist für den Autor dieser Hausarbeit von großem Interesse. Um diese Fragestellung soziologisch zu beantworten, wird zunächst im ersten Teil der Arbeit die Liebe als Kommunikationsmedium definiert. Welche Herausforderung mit ihr kommen und wie diese gelöst werden kann, damit sich ein Paar bildet und aufrecht erhält. Im zweiten Teil wird dann zunächst die oben schon angeklungenen sphärischen Geschlechtscharaktere, sowie davor die Haushaltsintegration thematisiert. Mit Hilfe dessen soll dann die Funktionalität und Reproduktion der asymmetrischen Aufteilung verstanden werden, sodass die Fragestellung der Arbeit geklärt wird. Ein abschließendes Fazit fasst dann die Ergebnisse zusammen.
„Männer und Frauen sollen gleichberechtigt sein“. Dieses Postulat entwickelte sich erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Speziell in einer Liebesbeziehung waren zunächst ab dem 18. Jahrhundert sogenannte „Geschlechtscharaktere“ vorherrschend, die die Aufteilung in Geschlechterrollen rechtfertigen sollten. So war der Mann in der Beziehung für das Geld verdienen verantwortlich, während die Frau für häusliche Aufgaben zuständig war.
Heutzutage — unter anderem wegen der doppelten Erwerbstätigkeit in einer Beziehung und dem steigendem Individualismus — verändert sich die Liebesbeziehung insofern, als dass die klassischen Geschlechtscharaktere wegfallen und viel mehr die Individuen in den Fokus geraten. Diese neuen, individualistisch ausgelegten Beziehungen legen ihren Fokus auf die Freiheit jedes Einzelnen innerhalb der Beziehung und der Gleichheit beider Partner*innen. Ist dies zu Beginn einer Beziehung noch möglich, wird diese Gleichheit herausgefordert, wenn das Paar beschließt, zusammen zu wohnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Forschungsthema
2. Das Problem mit der Liebe
2.1 Liebe soziologisch definiert
2.1.1 Intimität und Liebe
2.1.2 Herausforderung der Liebeskommunikation
2.1.3 Mögliche Lösungsstrategien
2.2 Schwierigkeit des symmetrischen Zusammenwohnens
2.2.1 Haushaltsintegration und sphärische Geschlechtscharaktere
2.2.2 Funktionalität der Asymmetrie
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die soziologische Fragestellung, warum die Umsetzung eines symmetrischen Gleichheitspostulats im Haushalt moderner Liebespaare trotz des Wunsches nach Individualität und Gleichberechtigung in der Praxis häufig scheitert und in traditionelle asymmetrische Rollenmuster zurückfällt.
- Die Liebe als komplexes Kommunikationsmedium nach Niklas Luhmann
- Herausforderungen der Inkommunikabilität in Liebesbeziehungen
- Stabilisierungsstrategien wie Literatur, Gefühle, Sex und Gewohnheiten
- Die Rolle der Haushaltsintegration bei der Entstehung von Rollenmustern
- Die Funktionalität der Asymmetrie gegenüber improvisationstechnischen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Funktionalität der Asymmetrie
Im Zuge der Individualisierung und doppelten Erwerbstätigkeit der zweiten Moderne ab Mitte des 20. Jahrhunderts, löste sich das Ideal einer asymmetrischen, geschlechtscharakteristisch begründeten Trennung der Haushaltsaufgaben immer mehr auf, mehr noch, die Haushaltsintegration als Prinzip der gemeinsamen Aufteilung des Haushalts, sowie überhaupt die Selbstzuschreibung als festes Liebespaar, wird gerade bei jungen Liebenden immer mehr abgelehnt. Es geht heutzutage vielmehr um die Selbstentfaltung, Ungezwungenheit und freie Entscheidung des jeweiligen Individuums-im-Paar, als um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Ergänzung (Vgl. Schneider et al. 2005). Trotz der jeweiligen Freiheiten fallen Haushaltsaufgaben an, die auch bei einem jungen, zusammenwohnenden Paar zu erledigen gelten.
Eine dieser Haushaltsaufgaben ist das Waschen der schmutzigen Wäsche. War es früher festgelegt, dass sich die Frau in der Beziehung um die Wäsche kümmert, ist dies heutzutage nicht mehr so eindeutig. Solche Aufgaben werden bei jungen Paaren vielmehr zunächst improvisiert, weil sie auf der einen Seite die alten asymmetrischen Rollenmuster ablehnen und die Aufgabenverteilungen selbst festlegen wollen (Vgl. Kaufmann 1994), auf der anderen Seite aber vor allem die „erdrückende Belastung durch einen gemeinsamen Haushalt“ (Ebd.) und damit die Haushaltsintegration per se ablehnen. Improvisiert bedeutet zum Beispiel, dass sie, anstatt sich eine gemeinsame Waschmaschine zu kaufen und dort ihre gemeinsame Wäsche zu waschen, ihre anfallende Kleidung entweder zu ihren Elternhäusern (Vgl. Ebd.) oder in ein Waschsalon geben (Vgl. Ebd.) oder — und nur wenn beides unmöglich ist — zwar zusammen waschen, aber ihre dreckige Wäsche davor separat sammeln (Vgl. Ebd.). Die Haushaltsintegration soll also fast schon zwanghaft vermieden werden, aus dem Grund, da sie ein Beweis darstellen würde, für die Existenz eines festen Paares (Vgl. Ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Forschungsthema: Das Kapitel führt in den historischen Wandel vom traditionellen Geschlechtscharakter hin zum modernen Gleichheitspostulat ein und formuliert die Problematik des Zusammenwohnens.
2. Das Problem mit der Liebe: Hier wird Liebe systemtheoretisch als Kommunikationsmedium definiert, wobei die Herausforderungen der Inkommunikabilität aufgezeigt werden.
2.1 Liebe soziologisch definiert: Theoretische Grundlagen werden gelegt, indem Liebe als System der Intimität erläutert wird, welches durch Reflexivität und Personenbezug gekennzeichnet ist.
2.1.1 Intimität und Liebe: Dieses Kapitel erläutert die Theorie autopoetischer Systeme nach Niklas Luhmann und deren Relevanz für das Verständnis von Liebe als Medium zur Steigerung der Kommunikations-Effektivität.
2.1.2 Herausforderung der Liebeskommunikation: Es wird dargelegt, warum bestimmte Liebestugenden wie Vertrautheit und Aufrichtigkeit prinzipiell inkommunikabel sind und die Liebeskommunikation somit vor eine schwierige Aufgabe stellen.
2.1.3 Mögliche Lösungsstrategien: Das Kapitel skizziert vier Strategien — Literatur, Gefühle, Sex und Gewohnheiten —, die zur Stabilisierung dieser instabilen Kommunikationsform beitragen.
2.2 Schwierigkeit des symmetrischen Zusammenwohnens: Überleitung zur Problematik, wie sich stabilisierende Effekte von Gewohnheiten auf den gemeinsamen Alltag auswirken.
2.2.1 Haushaltsintegration und sphärische Geschlechtscharaktere: Analyse, wie durch die notwendige Haushaltsintegration neue Gewohnheiten entstehen und wie historische Sphärenmodelle weiterhin als Erklärungsmuster wirken.
2.2.2 Funktionalität der Asymmetrie: Untersuchung, warum entgegen dem Symmetriestreben bei jungen Paaren eine funktionale Arbeitsteilung oft wieder in traditionelle asymmetrische Muster zurückfällt.
3. Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse, dass die funktionale Effizienz asymmetrischer Muster die symmetrische Umsetzung im Haushalt erschwert.
Schlüsselwörter
Liebe, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Inkommunikabilität, Haushaltsintegration, Geschlechtscharaktere, Symmetrie, Asymmetrie, Geschlechterrollen, Zusammenwohnen, Individualisierung, Liebeskommunikation, Soziologie, Intimität, Rollenmuster
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die soziologische Perspektive auf moderne Liebesbeziehungen, insbesondere die Problematik des Zusammenwohnens bei gleichzeitiger Forderung nach symmetrischer Gleichberechtigung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Systemtheorie der Kommunikation, die Rolle von Geschlechterrollen und die Funktionalität verschiedener Aufteilungsstrategien im gemeinsamen Haushalt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu verstehen, warum die moderne Forderung nach Symmetrie bei der gemeinsamen Haushaltsführung so schwer umsetzbar ist und warum sich oft wieder traditionelle Muster zeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die systemtheoretische Analyse, insbesondere basierend auf Niklas Luhmanns Theorien, zur soziologischen Einordnung von Liebesbeziehungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition der Liebe als Kommunikationsmedium und eine Analyse von Lösungsstrategien sowie der Herausforderungen bei der Haushaltsintegration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Systemtheorie, Inkommunikabilität, Haushaltsintegration und der Wandel von Geschlechtscharakteren.
Warum wird Liebe als inkommunikabel bezeichnet?
Da Liebe auf nicht direkt kommunizierbaren Tugenden wie Vertrautheit und Aufrichtigkeit beruht, geraten diese durch direkte Kommunikation oft in Gefahr, in Frage gestellt zu werden.
Welche Rolle spielt das "Quasi-Paar" im Text?
Das Quasi-Paar beschreibt junge Partner, die traditionelle Haushaltsintegration und Rollenmuster ablehnen, jedoch durch die funktionale Notwendigkeit des Alltags oft unbewusst wieder in bewährte Muster zurückfallen.
Wie stabilisieren Gefühle die Liebesbeziehung?
Gefühle ermöglichen es, die Banalitäten des Alltags mit Sinn aufzuladen und dienen als subjektive Anker, die eine verlässlichere Basis bieten als die instabile Liebeskommunikation selbst.
- Quote paper
- Marcel Kaiser (Author), 2022, Das Problem mit der Liebe. Warum Symmetrie bei einem zusammenwohnenden Liebespaar schwer umsetzbar ist, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1327925