Die Wiener Genesis


Seminararbeit, 2007

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Beschreibung

2. Datierung und Lokalisierung

3. Geschichte des Codex

4. Darstellungsform

5. Forschungsgeschichte

6. Miniaturen

7. Malerhände

8. Text
8.1 Sprache und Schreiber
8.2 Redaktion

9. Auftraggeber, Bestimmung und Werkstatt

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

1. Allgemeine Beschreibung

Die Wiener Genesis ist eine illuminierte Purpur-Handschrift und zählt zur Gruppe der spätantiken Pracht-Codices. Ihre Besonderheit gegenüber anderen Codices ist die Dominanz der Bilder dem Text gegenüber: die volle untere Hälfte jeder Seite ist einer Miniatur vorbehalten. Es handelt sich also förmlich um eine Bilderbibel.

Ursprünglich umfasste die Handschrift 48 Doppelblätter, die zu 12 Quaternionen gebunden waren. Sie hatte also einen Umfang von 96 Blättern mit insgesamt 192 Bildern. Heute sind 24 Blätter mit Text und Bild auf Rekto- und Versoseite und 48 Miniaturen erhalten.

Die Folii bestehen aus kostbarem, mit Purpur gefärbtem Kalbspergament, das so gut vorbereitet wurde, dass der Unterschied zwischen Haar- und Fleischseite der Blätter kaum mit bloßem

Auge zu erkennen ist. Die obere Hälfte jeder Seite ist mit dem einspaltig gegliederten Text der Genesis gefüllt und wurde mit Ritzlinien für den Schriftspiegel versehen, die jedoch oft nicht genau berücksichtigt wurden. Oft ist die Schrift größer oder die Zeilenzahl reichte dem Schreiber nicht aus. Dies ist vor allem beim Ersten der beiden angenommenen Schreiber der Fall, da er sich bemühte, seine Seiten mit einem vollständigen Satz abzuschließen. Die Schrift wurde mit Silbertinte in zwei verschiedenen Arten der Bibelmajuskel aufgebracht, was die

Annahme zweier Schreiber nahe legt.

Der Bibeltext ist soweit gekürzt, dass Text und Bild einander entsprechen. Teilweise wurde

er nur auf die zum Verständnis wichtigen Wörter reduziert. Er ist in recht fehlerhaftem

Griechisch verfasst, aber dennoch verständlich und lesbar.

Die Miniaturen der Handschrift sind sehr farbenprächtig und an einigen Stellen (insgesamt 17 mal) mit Blattgold belegt. Auch hier sind mehrere Hände festzustellen. Die Bemalung der Doppelblätter erfolgte wohl ohne Rücksicht auf die Seitenfolge, Außen- und Innenseiten eines Doppelblattes wurden scheinbar jeweils zusammen bemalt.

Die Seiten des Codex sind heute beschnitten, ihre Höhe liegt zwischen 30,4 und 32,6 cm, die Breite zwischen 24,5 und 26,5 cm.[1]

2. Datierung und Lokalisierung

Die Frage der Datierung und Lokalisierung der Wiener Genesis ist schwer zu beantworten. Eine Bestimmung wird vor allem durch die Einzigartigkeit der Handschrift erschwert. Buberl erkannte bereits 1936: „Das Problem der zeitlichen und örtlichen Einreihung der Wiener-Genesis-Miniaturen gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Kunstgeschichte, einerseits weil es an fest datierbarem und lokalisierbarem Vergleichsmaterial mangelt, andererseits weil die Lösung noch besonders erschwert wird durch die stilistischen Verschiedenheiten der einzelnen Bilder, das Vorhandensein mehrerer Hände, durch die Frage, ob hier ein Archetypus oder eine Kopie vorliegt, ob beide am gleichen Orte entstanden sind und welcher Zeitraum sie trennt.“[2]

Nichtsdestotrotz ist eine östliche Herkunft aus paläographischen Gründen mittlerweile gesichert, eine Herkunft aus dem syro-palästinischen Raum steht scheinbar relativ fest.[3] Diese Lokalisierung wurde anhand von gegenständlichen und stilistischen Kriterien wie Tiertypen, Bauformen, Architekturen oder auch der Proportionierung der menschlichen Gestalt vorgenommen. Das stärkste Indiz ist scheinbar das Vorkommen der syrischen Buckelochsen in der Handschrift. Selbst wenn die Wiener Genesis eine Kopie wäre, hätte der Kopist diese Tiere sicher nicht aus der Vorlage übernommen, wenn sie ihm fremd gewesen wären. Zu dieser Zeit hieß „kopieren“ nicht „detailgenaues Nachbilden“, sondern man veränderte die Vorlage nach seinen Bedürfnissen.

Zur Datierung des Codex griff man ebenfalls auf gegenständliche Indizien zurück, wie Haar- und Barttrachten, Amtstrachten von Hofbeamten, Formen des Diadems und des Königsornates, architektonische Elemente und Gerätschaften, die allesamt in das 6. Jahrhundert deuten. Auch stilistische Elemente wie einzelne Greisentypen, die Gestalten- und Gruppenbildung, die Verkümmerung der Extremitäten u.a. weisen auf diese Zeit.[4] Die Datierung der Wiener Genesis in das 6.Jahrhundert gilt heute als gesichert.[5]

3. Geschichte des Codex

Die Wege der Wiener Genesis nach ihrer Entstehung sind unbekannt, früheste Kenntnisse gibt es erst aus dem 14. Jh. Zu dieser Zeit befand sich der Kodex in Italien, wahrscheinlich in Venedig. Im 17. Jh. gelangte er in den Besitz des Erzherzogs Leopold Wilhelm von Österreich, der ihn in seinem Testament dem Kaiser vermachte. Ein kaiserlicher Präfekt der Wiener Hofbibliothek, Peter Lambeck, entdeckte die Schrift in der geerbten Gemäldesammlung des Erzherzogs und veranlasste 1664 ihre Übertragung in die Wiener Hofbibliothek. Lambeck katalogisierte den Codex und ließ die Miniaturen in Stichen reproduzieren. Mit seinem Interesse beginnt die Forschungsgeschichte der Wiener Genesis.[6]

Zur äußeren Form ist zu ergänzen, dass der Bucheinband des Codex 1895 aufgelöst wurde[7] und die Folii restauriert[8] und einzeln zwischen Glasplatten eingeschlossen wurden. 1975 folgte eine weitere Restaurierung und die schweren Glasplatten wurden durch eine luftigere Acrylglasverpackung ersetzt.[9] In dieser Form sind die Seiten heute in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien unter der Signatur Cod. theol. gr. 31 zu finden.[10]

4. Darstellungsform

Bevor ich zur Forschungsgeschichte komme, möchte ich die Art der Darstellung in der Wiener Genesis erläutern, da nur vor diesem Hintergrund die wissenschaftliche Diskussion verständlich wird.

Die Darstellungsweise der Handschrift ist einmalig in ihren Kompositionen. Es gibt eine außerordentliche Vielfalt von Möglichkeiten, die Ereignisse darzustellen: einszenische Darstellungen wechseln mit Mehrszenischen, bei mehreren Szenen können diese gleichberechtigt nebeneinander stehen oder in eine Haupt- und mehrere Nebenszenen gegliedert sein. Die Illustrationen erstrecken sich über ein oder zwei Register, die Leserichtung ist variabel. Landschafts- und Architekturelemente können Szenen verbinden oder trennen und die Unterteilung in zwei Register verschwimmen lassen.[11]

Wie vielleicht schon deutlich geworden ist, werden oft mehrere Szenen in einer Miniatur dargestellt, in denen auch die gleichen Personen mehrmals auftauchen können. Häufig wird nicht der prägnanteste Moment eines Ereignisses herausgegriffen, vielmehr gehen fließende Bilder in Simultandarstellung ineinander über. Es handelt sich also um kompliziert verschachtelte Darstellungen, die teilweise nur von der Seite der Textvorlagen aus aufzuschlüsseln sind. Teils muss man hier nach Ansicht einiger Wissenschaftler sogar zusätzlich jüdische Bibellegenden und Kommentare zum Verständnis heranziehen, da manche Bilddetails nicht im Bibeltext erklärt werden und angeblich nur mit jüdischen exegetischen Texten belegt werden können.[12]

Die Theorie soll nun an einem der komplexeren Bildbeispiele auf fol. 12r (Abb. 2) verdeutlicht werden: Dargestellt ist eine Szene aus dem Leben des Jakob. Der entsprechende Bibeltext, Gen. 32, 23-29, wie er über der Illustration im Codex niedergeschrieben wurde, soll kurz zitiert werden, um zu verdeutlichen, in welchem Maße sich Text und Bild entsprechen.

(23) Noch in jener Nacht erhob er sich, nahm seine beiden Frauen und seine beiden Mägde und seine elf Söhne und durchschritt die Furt des Jabok. (24) Er setzte seine gesamte Habe hinüber. (25) Jakob blieb allein zurück. Da führte ein Mann einen Ringkampf mit ihm bis zum Beginn der Morgenröte. (26) Er sah, daß er ihn nicht überwinden konnte und berührte ihn an seiner Hüftpfanne, und die Hüftpfanne Jakobs wurde während des Ringkampfes mit dem Manne lahm. (27) Der Mann sprach zu ihm: „Laß mich los; denn die Morgenröte bricht schon an..“ Dieser entgegnete: „Ich lasse dich nicht los, außer denn du segnest mich.“ (28) Darauf sprach der andere: „Wie ist dein Name?“ Er antwortete: „Jakob.“ (29) Da sprach jener: „ Dein Name soll nicht mehr Jakob genannt werden, sondern vielmehr Israel; denn du hast mit Gott gestritten und bist über Menschen siegreich geblieben.“[13]

Jedes Detail der Textvorlage wird in der ungerahmten Darstellung illustriert. In zwei Registern erscheinen vier Szenen, Ober- und Unterzone des Bildes wurden geschickt durch eine Brückenarchitektur verbunden. Die Erzählung beginnt in der linken Hälfte des oberen Registers. Jakob, in braune Tunika und Pallium gewandet, führt einen Mann, zwei Frauen auf Eseln und eine Gruppe aus mehreren Männern an. Er erreicht bereits die Brücke, die über den Jabok führt. Auf der halbkreisförmigen Brücke, die vom oberen ins untere Register führt, befinden sich die beiden Frauen auf den Eseln und zwei Männer. Jakob erscheint erneut am Ende der Brücke. Er wird Zeuge der nächsten Szene, in der er selbst mit dem Gottesmann kämpft. Von dieser Darstellung sogar überschnitten folgt sogleich die Segnung Jakobs durch den Gottesmann. Ganz links ist im unteren Register die bereits weiterziehende Familie Jakobs zu sehen. Die Gesten Jakobs sollen eventuell den Betrachter beim Lesen der Illustration unterstützen: der Jakob vor der Brücke im oberen Register weist ins untere Register auf den Jakob nach der Brücke, dieser wiederum weist auf die Kampf-Szene.[14]

Jedes im Text beschriebene Detail wird also dargestellt, der Kampf und die Segnung ebenso wie die eher unspektakuläre Flussüberquerung.

[...]


[1] Vgl. Barbara Zimmermann: Die Wiener Genesis im Rahmen der antiken Buchmalerei. Ikonographie, Darstellung, Illustrationsverfahren und Aussageintention. Wiesbaden 2003, S. 60 – 62.

[2] P. Buberl: Das Problem der Wiener Genesis. JbKHSWien NF 10 (1936), S. 9.

[3] Vgl. Zimmermann (2003), S. 66.

[4] Vgl. Hans Gerstinger (Hg.): Die Wiener Genesis. Wien 1931, S. 177f.

[5] Vgl. Zimmermann (2003), S. 66.

[6] Vgl. Zimmermann (2003), S. 54.

[7] Vgl. Otto Mazal: Kommentar zur Wiener Genesis. Frankfurt/M. 1983, S. 189 ff.

[8] Vgl. Reiner Sörries: Christlich-Antike Buchmalerei im Überblick. 2 Bd. Wiesbaden 1993, S. 45.

[9] Vgl. Mazal (1983), S. 189 ff.

[10] Vgl. Zimmermann (2003), S. 60.

[11] Vgl. Zimmermann (2003), S. 63.

[12] Vgl. Karl Clausberg: Die Wiener Genesis. Eine kunstwissenschaftliche Bilderbuchgeschichte. Frankfurt/M. 1984, S. 7-10.

[13] Mazal (1983), S. 71 f., 90 f.

[14] Vgl. Clausberg (1984), S. 19.\

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Wiener Genesis
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Christliche Archäologie)
Veranstaltung
Mittelseminar "Spätantike und frühchristliche Buchmalerei"
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V132833
ISBN (eBook)
9783640395880
ISBN (Buch)
9783640396306
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spätantike, Frühchristentum, Buchmalerei, Wiener Genesis, Handschrift, Manuskript, Illuminiert, Miniaturen, Christliche Archäologie
Arbeit zitieren
Sarah-Katrin Haskamp (Autor), 2007, Die Wiener Genesis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132833

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