Das Reichstagsgebäude in Berlin von Paul Wallot


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Baugeschichte

2. Kurzbiographie des Architekten Paul Wallot

3. Lage und Umfeld des Reichstagsgebäudes

4. Baubeschreibung
4.1 Außenbau
4.2 Grundriss
4.3 Innenbau

5. Kunstgeschichtliche Einordnung
5.1 Vergleich mit anderen Parlamentsgebäuden
5.2 Stilwahl und Vorbilder
5.3 Architecture parlante

6. Weitere Geschichte des Gebäudes

7. Literaturverzeichnis

1. Baugeschichte

Nachdem der deutsche Reichstag lange Zeit in provisorischen Gebäuden getagt hatte,[1] wurde im Jahr 1872 ein Wettbewerb zur Planung eines Reichstagsgebäudes ausgeschrieben, an dem sich 102 Architekten oder Architektenbüros beteiligten.[2] Nach langen Diskussionen einigte man sich auf einen internationalen statt einen rein nationalen Wettbewerb,[3] sodass es auch 30 Entwürfe aus dem Ausland gab. Der Wettbewerb war einer der größten Bauwettbewerbe in der deutschen Geschichte. Ludwig Bohnstedt wurde von der Jury, der unter anderem Gottfried Semper und Friedrich Drake angehörten, zum Sieger gekürt. Es gab jedoch Kontroversen über seinen Entwurf, außerdem wurde aufgrund seiner Herkunft seine Eignung zum Baumeister des Reichstagsgebäudes angezweifelt: er war ein in Russland geborener bayerischer Staatsbürger.[4] Als Bauplatz war nach langen Diskussionen das Grundstück des Palais Raczynski am Königsplatz ausgewählt worden. Der Besitzer war jedoch auch nach Verhandlungen nicht zum Verkauf bereit. Man plante trotzdem erst einmal mit diesem Standort weiter und befasste sich erst nach dem Wettbewerb wieder genauer mit der Frage.[5] Als klar wurde, dass das Grundstück noch immer nicht zu bekommen war, wurde der Entwurf Bohnstedts zu den Akten gelegt und die Diskussion über die Standortfrage begann erneut.

Nach dem Tod des alten Grafen Raczynski begannen 1877 Verhandlungen mit seinem Sohn. Der Platz wurde endlich gekauft und nach weiteren langwierigen Diskussionen war die Standortfrage Anfang 1883, nach 12 Jahren, endlich gelöst. Im Jahr zuvor, 1882, wurde bereits ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben, an dem diesmal allerdings außer den 5 Preisträgern des 1. Wettbewerbs nur Architekten aus Deutschland und Österreich teilnehmen durften. Bohnstedt versuchte noch, seinen Entwurf ohne Wettbewerb durchzusetzen, jedoch ohne Erfolg. Der Wettbewerb erfuhr eine große Resonanz, es gingen fast 200 Entwürfe ein. Den ersten Preis erhielten Friedrich Thiersch und Paul Wallot, Thiersch bekam allerdings etwas weniger Stimmen. Der Frankfurter Paul Wallot wurde der Architekt des Reichstagsgebäudes.[6]

Bis zur Grundsteinlegung vergingen allerdings fast zwei Jahre, in denen Wallot seinen Entwurf zweimal entscheidend umarbeiten musste. Danach war das Gebäude kaum mehr wiederzuerkennen. Wallot musste sich neben der ständigen Kritik und den Änderungen an seinem Entwurf auch viele Anfeindungen von Berliner Architekten gefallen lassen und Neider abwehren, die versuchten, den Auftrag doch noch zu bekommen.[7] Dies wird in einem Brief Wallots an seinen Freund Friedrich Bluntschli deutlich:

Soeben bin ich mit der Umarbeitung meines Projektes beschäftigt und nahezu damit fertig. In 14 Tagen wird dasselbe in den Reichstag kommen. … Von den hiesigen Herren Concurrenzcollegen wird gewühlt und gearbeitet – das werden Sie sich denken können – um den Eindringling von der Bildfläche wieder verschwinden zu machen. Mit Vergnügen würden alle die Herren die Würde meines Leichenconductes erhöhen helfen, für den Fall mir etwas Menschliches passiren sollte.[8]

Nach langwierigen Diskussionen einigte man sich im Parlament schließlich auf die 2. Revision Wallots als Grundlage der weiteren Planungen. Schließlich genehmigte Wilhelm I. auch die umkämpfte Rampenanlage, die in den Königsplatz ragte.

Die Vorgeschichte und Planung des Reichstagsgebäudes war, wie vielleicht schon deutlich wurde, nicht geprägt von einem Bemühen um Verdeutlichung der inneren Funktionen am Bau, um Repräsentativität, Monumentalität oder Akzeptanz durch die Wähler, sondern eher durch persönliche Mißgunst, politische Machtkämpfe, Herrschaftsansprüche und Kompetenzanmaßung.[9] Der Reichstag selbst wurde bei den Entscheidungen wenig geachtet, der Kaiser mischte sich in die Genehmigung, Bauplatzwahl und auch die Revision der Pläne ein und maßte sich an, Ge- und Verbote auszusprechen.[10]

Auch bei der Grundsteinlegung 1884 wurde das Parlament kaum beachtet, es handelte sich eher um ein militärisches, vom Kaiser entworfenes Spektakel. Der Reichstag wurde weder zur Festlegung eines Termins, noch zum Ort des Grundsteins und Ähnlichem befragt, in der Liste der Personen, die drei Hammerschläge auf den Grundstein ausführen durften, stand der Präsident des Reichstages sehr weit hinten.[11]

Schon während des Wettbewerbs 1882 hatte man begonnen, Häuser auf dem Grundstück abzureißen, das Palais Raczynski selbst wurde erst im Herbst 1883 niedergelegt.

Am Bau waren mehr als 15 Architekten, verschiedene Maurer- und Steinmetzfirmen und Möbeltischlereien für die Innenausstattung beschäftigt.[12]

Während des Baus gab es erneut Streit um Form, Material und Lage der Kuppel, es schien keine Einigung in Sicht. Bis Ende 1887 hatte man die Höhe des Dachgesimses erreicht.

Für Wallot wurde die Situation durch den Tod Wilhelms I. 1888 noch schwieriger. Sein Sohn, der allerdings nur 99 Tage regierte und dann ebenfalls starb, interessierte sich nicht für den Reichtstags-Bau. Ihm folgte Wilhelm II. am 15. Juni 1888 auf den Thron, Wallot zerstritt sich wenig später mit ihm.

1889 entbrannte die Kuppel-Diskussion erneut, schließlich setzte Wallot sich durch und verlegte die Kuppel wieder, wie anfänglich geplant, über den Sitzungssaal. Sie sollte aus Glas und Kupfer gebaut werden, alle sichtbaren Konstruktionsteile wurden vergoldet. Die Versetzung der Kuppel erforderte Änderungen im Gesamtplan und auch an schon ausgeführten Bauteilen.

Eine weitere Diskussion gab es wenig später um die Baumaterialien. Es gab die Alternativen der edlen, kospieligeren Materialien, die auch eine längere Lieferzeit hatten, oder der weniger wertvollen Baustoffe, die dafür billiger und schnell verfügbar waren. Man entschied sich für die billige Variante.

Im Herbst 1892 wurde die Kuppelverglasung abgeschlossen, wenig später überwarfen sich der Kaiser und Wallot, weil Wilhelm in den Bauplänen herumändern wolltel - Wallot ließ dies nicht zu.[13] Daraufhin bezeichnete Wilhelm das Reichstagsgebäude öffentlich als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ und ließ auch später keine Gelegenheit aus, Wallot zu beleidigen. Die deutsche Bevölkerung solidarisierte sich allerdings jedesmal mit dem Architekten - wenigstens ein kleiner Trost.[14]

Die Schlusssteinlegung fand am 5.12.1894 statt und war wieder ein vorwiegend militärisches Schauspiel.[15]

Die Ausschmückung des Gebäudes konnte erst nach Fertigstellung des Baus richtig beginnen. Im Wesentlichen war sie um die Jahrhundertwende abgeschlossen, im Detail wurde danach aber noch vieles ergänzt.[16] Die Ausschmückung wurde Wallot immer mehr entzogen, schließlich kündigte er 1899 seinen Posten.[17]

Die von vornherein geplante Inschrift über dem Portal „Dem deutschen Volke“ wurde erst 1916 nach langen Diskussionen um Textlaut, Material, Schriftart und Ähnliches angebracht.[18]

Das grundlegende Problem am Reichstagsgebäude war, dass es nicht nur zweckdienliche Arbeitsstätte, sondern zugleich Denkmal, Monument und Symbol sein sollte. Diese Ansprüche standen sich gegenseitig und den Entscheidungen im Weg, die Parlamentarier selbst machten oft durch ihr Verhalten und ihre Entscheidungsunfähigkeit ihre mühsam erkämpfte Seriosität zunichte.[19]

[...]


[1] Vgl. Michael S. Cullen/ Uwe Kieling: Der Deutsche Reichstag. Geschichte eines Parlaments. Berlin 1992, S. 15-18.

[2] Vgl. Ebd., S. 9.

[3] Vgl. Ebd., S. 20 f.

[4] Vgl.Ebd., S. 25-28.

[5] Vgl. Ebd., S. 19-25.

[6] Vgl. Ebd., S. 28-34.

[7] Vgl. Ebd., S. 36-39.

[8] Ebd., S. 38.

[9] Vgl. Ebd., S. 40-42.

[10] Vgl. Ebd., S.15-42.

[11] Vgl. Ebd., S.44.

[12] Vgl. Ebd., S.43.

[13] Vgl. Ebd., S. 47-51.

[14] Vgl. Ebd., S. 52.

[15] Vgl. Ebd., S. 68.

[16] Vgl. Ebd., S. 57.

[17] Vgl. Ebd., S. 53 f. und 80 f.

[18] Vgl. Ebd., S. 71 f.

[19] Vgl. Ebd. S. 7.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Reichstagsgebäude in Berlin von Paul Wallot
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Mittelseminar "Deutsche Architektur des 19. Jahrhunderts"
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V132837
ISBN (eBook)
9783640395897
ISBN (Buch)
9783640396313
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reichstag, Reichstagsgebäude, Wallot, Berlin, Architektur, Historismus, Neo*, Kunstgeschichte
Arbeit zitieren
Sarah-Katrin Haskamp (Autor:in), 2006, Das Reichstagsgebäude in Berlin von Paul Wallot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132837

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