Computergestützte Bürokommunikation und ihre Auswirkungen auf die Qualifikation der Nutzer

Qualifikation und Qualifikationsforschung


Skript, 2009

19 Seiten


Leseprobe

Einleitung

Nach dem Agrarzeitalter und dem Industriezeitalter steht unsere Gesellschaft heute an der Schwelle zum Informationszeitalter. Das Informationswesen nimmt eine ständig wachsende gesamtgesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Bedeutung ein und ist gekennzeichnet durch eine permanente Ausweitung an Informationsbedarf. Als ein Zeichen für diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist zum Beispiel die wachsende Zahl der Büroangestellten anzuführen: waren 1950 ungefähr ein Drittel aller abhängig Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland im Bürobereich tätig, so waren es zu Beginn der 80er Jahre ungefähr 50 Prozent.[1] In der Information und ihrer marktgerechten Veredlung liegt eine uneingeschränkte Ressource; dies gilt nicht nur für Unternehmungen, sondern auch für ganze Volkswirtschaften. In der Hochtechnologie wird heute der Wettbewerb nicht mehr zwischen Firmen ausgetragen, sondern zwischen Regionen und Ländern.

In der Industriegesellschaft war die Hauptvoraussetzung das Kapital; in der Informationsgesellschaft ist Information die Grundvoraussetzung. In zunehmendem Maße wird Information als Rohstoff der Zukunft oder noch treffender als Ressource oder Produktionsfaktor bezeichnet.

Unter diesem Gesichtspunkt entsteht Information als ein wertmäßig kalkulierbares Produkt, das für einen bestimmten Zeitraum einen bestimmten Informationsbedarf abdeckt, der unter Kosten/ Nutzen - Gesichtspunkten zu rechtfertigen ist. Wenn nun Information eine Ressource ist, dann bedarf sie der Planung und Kontrolle. Somit müssen auch Informationen ebenso wie die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital "gemanagt" werden.

Heute leistet ein Industriearbeiter die 15fache Arbeit wie vor 100 Jahren; konträr dazu leisten heute zwei Angestellte dieselbe Arbeit, wie drei Angestellte vor 100 Jahren.[2] Die relativ und auch absolut stark gestiegenen Bürokosten sind ein Anstoß für die Privatwirtschaft, sich um die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit intensiv zu bemühen und das Anwachsen der Bürokratie zu verhindern und zu mindern. In jüngerer Zeit wurden Technologien weiter entwickelt und für den Dienstleistungsbereich verfügbar gemacht. An erster Stelle sind hier zu nennen die Fortschritte in der Computer- und Nachrichtentechnik. Der synergetische Effekt, der durch das Zusammenwachsen von Mikroelektronik und Kommunikation möglich wurde, läst einen qualitativen Sprung aus, der verglichen werden kann mit der Erfindung der Schrift oder des Buchdruckes.

Angesichts der Rationalisierungsbemühungen im Büro wird deutlich, dass die Kommunikationstechnologien entscheidende Beiträge zur Produktivitätssteigerung leisten. Zum einen wird ein Rückgang des Personalkostenanstiegs verlangt, zum anderen erhofft man sich eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit durch Produktivitäts- und Flexibilitätsvorteile. Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel aller Tätigkeiten im Büro mit Kommunikation verbunden sind, wird deutlich, dass Verbesserungen auf diesem Sektor eine Steigerung der Produktivität im Büro nach sich ziehen werden.

Neben den Mängeln in der Aufbau- und Ablauforganisation sowie in der vorhandenen Technik erweisen sich bei Schwachstellenanalysen Mängel in der Qualifikation der einzelnen Mitarbeiter als Komponente, von der die Unzulänglichkeiten sowie die Erfolge von Umstrukturierungsmaßnahmen abhängen können.

So sollen in dieser Arbeit angesichts der Bedeutung neuer technischer Medien für die Kommunikation Überlegungen zum Zusammenhang zwischen dem Wandel der Technologie und den Änderungen der Qualifikationsanforderungen angestellt werden.

Hier sollen speziell Änderungen der Qualifikationsanforderungen für die Unternehmensführung, hervorgerufen durch den Einsatz computergestützter Bürokommunikation, reflektiert werden. Es ist notwendig, im Rahmen dieser Ausführungen nur einen Verwaltungstyp, hier die Industrieverwaltung, zu bearbeiten, da die differenzierte Untersuchung des Begriffes "Verwaltung" allgemein weiterer Analysen, z. B. der Industrieverwaltung, der Bankverwaltung und der öffentlichen Verwaltung etc. zur Folge haben müßte. Eine synonyme Verwendung dieser unterschiedlichen Verwaltungsarten muss wegen ihrer differenzierten Strukturen unterbleiben. Die hier exemplarisch für die Industrieverwaltung gewonnenen Ergebnisse bezüglich der Qualifikationsänderungen können aber zum großen Teil grundsätzlich auch auf die Verwaltungen anderer Branchen übertragen werden.

Um die durch den Einsatz der Computergestützten Bürokommunikation ausgelösten Qualifikationsänderungen einschätzen zu können, ist es notwendig, das zugrunde liegende Begriffsverständnis zu klären. Daher soll im Folgenden das Verständnis von Qualifikation im vorliegenden Kontext präzisiert werden. Im umgangssprachlichen Gebrauch bezieht sich Qualifikation auf die personengebundene Form, die Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten eines Menschen zur Bewältigung beruflicher Aufgaben bezeichnet. Für die Aussagefähigkeit von Untersuchungsergebnissen ist es von Belang, ob das Qualifikationskonzept personenbezogen oder arbeitsplatzbezogen ausgerichtet ist.[3]

Sattel und Georg[4] sprechen von der Ambivalenz des Qualifikationsbegriffes. Einerseits sind es die Anforderungen, die sich aus der gesellschaftlichen Bestimmtheit von Arbeit und konkret aus der Technostruktur und der Arbeitsorganisation ergeben und andererseits sind es die Interessen, Motivationen und individuellen Handlungsmöglich-keiten, die den Qualifikationsbegriff bestimmen. Qualifikation ist das Entsprechungs-verhältnis von Arbeitsanforderung und individueller Arbeitsvoraussetzung.

Als tätigkeitsspezifisches Merkmal reflektiert Qualifikation das erforderliche Arbeitsvermögen, genauer gesagt, die Gesamtheit der auf eine bestimmte Arbeits-tätigkeit bezogenen psycho-physischen, intellektuellen und sozialen Kenntnisse, Fertigkeiten sowie Fähigkeiten, die zur funktionsgerechten Erfüllung der im Rahmen dieser Tätigkeit anfallenden Arbeitsaufgaben erforderlich sind. Hervorzuheben sind insbesondere neben sensumotorischen Fertigkeiten und intellektuellen Fähigkeiten zur Beherrschung der Technologie auch affektive Verhaltensdispositionen ("soziale" Qualifikationen wie beispielsweise Anpassungsfähigkeit oder Unterordnungsbereit-schaft).[5]

Als personenbezogenes Merkmal reflektiert Qualifikation die Gesamtheit der Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, über die eine Person zu ihrer beruflichen Einsetzbarkeit verfügt. Diese Art der Qualifikation wird vermittelt in organisierten Qualifikationsprozessen (Schule, Hochschule, betriebliche Berufsausbildung, Weiterbildung, ...) und durch formale Zertifikate bestätigt. Diese Nachweise geben Auskunft über ein mehr oder weniger eindeutiges Feld von Arbeitsaufgaben, für deren Erledigung die vermittelten Qualifikationen anwendbar sind. Die Einschränkung der Entwicklung von Qualifikationen auf diese formale Dimension darf nicht außer Acht lassen, dass Qualifikationen nicht weniger auch das Produkt familialer, schulischer, betrieblicher und außerbetrieblicher Sozialisationsprozesse sind. Qualifikationen entwickeln sich auch als persönliche Eigenschaften in der unmittelbaren Auseinander-setzung mit Arbeitsaufgaben.[6]

Beuschel faßt dies zusammen, indem er ausführt: "Erkenntnis- und Untersuchungs-gegenstand des arbeitsplatzbezogenen Qualifikationsbegriffes sind die den Arbeitsinhalt bildenden Aufgaben. In bezog auf den personenbezogenen Begriff sind es die individuell ausgeprägten Voraussetzungen, die eine Person für eine bestimmte Tätigkeit mitbringt."[7]

Die Diskussion um die unterschiedlichen Bedeutungsinhalte des Begriffes "Qualifikation" wird im vorliegenden Kontext vor allen Dingen von industrie-soziologischer Seite geführt. In der wissenschaftlichen Diskussion haben sich eine Vielzahl von Definitionen der Qualifikation entwickelt. Eine kurzfristige Vereinheitlichung ist nicht zu erwarten.

So sind Qualifikationen nach Hegelheimer alle Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die ein Mensch verfügt. Der Autor unterscheidet Ausbildungs- und Arbeitsqualifikationen. Ausbildungsqualifikationen ergeben sich aus dem Bildungs-prozess, Arbeitsqualifikationen aus Arbeitstätigkeiten. Letztere sind Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die ein Mensch zur Bewältigung bestimmter Arbeitstätigkeiten verfügt.[8] Ganz anders definieren Kern/ Schumann den Begriff Qualifikation; sie unterteilen Qualifikation in prozessgebundene und prozeßungebundene Qualifikationen. Prozessunabhängige Qualifikationen sind zwar auch in einem bestimmten Arbeitszusammenhang erworben wurden, aber nicht an diesen gebunden, sofern sie auf andere Arbeitsbereiche übertragbar sind. Als derartige Qualifikationen werden hervorgehoben: "Flexibilität (verstanden als Fähigkeit der schnellen Anpassung an neue Arbeitsgegebenheiten); technische Intelligenz (verstanden als Fähigkeit zu kausalem, abstrahierendem und hypothetischem Denken); Perzeption (verstanden als Fähigkeit der Wahrnehmung der Veränderung in einem komplexen Signalsystem); technische Sensibilität (verstanden als Fähigkeit zum Einfühlen in komplexe technische Zusammenhänge); Verantwortung (verstanden als Fähigkeit des gewissenhaften, zuverlässigen und selbständigen Arbeitsverhaltens)."[9]

[...]


[1] Vgl. Zangl, H.: Durchlaufzeiten im Büro, Berlin 1985, S. 1 f; Camra, J. J.: Neue Arbeitsstrukturen und Qualifizierungsmaßnahmen im Bürobereich, in: Humane Produktion 2(1980) 12, S. 20.

[2] Vgl. Zangl, H.: Durchlaufzeiten im Büro, Berlin 1985, S. 1 f; Steimer, L.: Automation und Kommunikation im Büro und Verwaltungsbereich, in: Koordination von Informationen, Hrsg. W. Brauer, Berlin u. a. O. 1984, S. 171.

[3] Vgl. Beuschel, W.: Softwareentwicklung und Sachbearbeiterqualifikation, Berlin 1987, S. 46 ff.

[4] Vgl. Georg, W./ Sattel, U.: Qualifikation, Arbeitsmarkt, Personalplanung, Kurseinheit 1: Technischer Wandel und Qualifikationsstruktur, Projektgruppe Arbeiten und Lernen, Fernuniversität Hagen, Hagen 1981, S. 59 ff; auch Koch, R.: Elektronische Datenverarbeitung und kaufmännische Angestellte, Frankfurt New York 1978, S. 162.

[5] Vgl. Georg, W./ Sattel, U.: Qualifikation, Arbeitsmarkt, Personalplanung, Kurseinheit 1: Technischer Wandel und Qualifikationsstruktur, Projektgruppe Arbeiten und Lernen, Fernuniversität Hagen, Hagen 1981, S. 62 f.

[6] Vgl. Georg, W./ Sattel, U.: Qualifikation, Arbeitsmarkt, Personalplanung, Kurseinheit 1: Technischer Wandel und Qualifikationsstruktur, Projektgruppe Arbeiten und Lernen, Fernuniversität Hagen, Hagen 1981, S. 63 f.

[7] Beuschel, W.: Softwareentwicklung und Sachbearbeiterqualifikation, Berlin 1987, S. 47.

[8] Hegelheimer, A.: Stichwort "Qualifikationsforschung", in: Schlüsselwörter zur Berufsbildung, BIBB (Hrsg.) Weinheim Basel 1977, S. 334.

[9] Kern, H./ Schumann, M.: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein, Frankfurt 1974, S. 68.

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Details

Titel
Computergestützte Bürokommunikation und ihre Auswirkungen auf die Qualifikation der Nutzer
Untertitel
Qualifikation und Qualifikationsforschung
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V132844
ISBN (eBook)
9783640395941
ISBN (Buch)
9783640395491
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Computergestützte, Bürokommunikation, Auswirkungen, Qualifikation, Nutzer, Qualifikation, Qualifikationsforschung
Arbeit zitieren
Otto Stammermann (Autor:in), 2009, Computergestützte Bürokommunikation und ihre Auswirkungen auf die Qualifikation der Nutzer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132844

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