Das Böse im Menschen

Eine mögliche Erklärung aus der Sozialpsychologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Faszination des Bösen

2. Stanford Prison Experiment
2.1. Die Idee dahinter
2.2. Vorbereitungen
2.3. Durchführung des Experiments
2.3.1 Ankunft
2.3.2 Erster Aufstand
2.3.3 Entlassung von #8612
2.3.4 Besuchsnachmittag
2.3.5 Entlassung von #819
2.3.6 Ein neuer Häftling kommt
2.3.7 Vorzeitiger Abbruch
2.4. Psychologische Taktiken

3. Was ist der Luzifer-Effekt?

4. Parallelen zu William Goldings „Herr der Fliegen“
4.1. Handlung
4.2. Untersuchung einiger Textstellen

5. Die Frage nach den Tätern

1. Die Faszination des Bösen

Tag für Tag sieht und hört man in den Medien von Gewalt, Brutalität, Mord. Die wenigen Meldungen, die über erfreuliche Dinge berichten, bleiben selten lange im Gedächtnis, doch an die bösen Geschehnisse erinnert man sich. Mit einer Mischung aus Ekel, völligem Unverständnis aber auch Faszination verfolgt man beispielsweise Bilder vom 11. September, Bilder aus Abu Ghraib und Bilder vom Irak Krieg. Das Böse scheint alltäglich und allgegenwärtig zu sein und man fragt sich, welche Menschen das sind, die solche grauenhaften Taten vollbringen können. Ganz automatisch ist man dazu geneigt, diesen Tätern gewisse Attribute zuzuschreiben, wie zum Beispiel mangelndes Unrechtbewusstsein, fehlende soziale Kompetenzen, hohe Gewaltbereitschaft, schlechtes Elternhaus oder sogar genetische Dispositionen. Die Ursache für böses Verhalten wird meist in der Persönlichkeit und im persönlichen Umfeld des Täters gesucht; doch was, wenn diese Erklärungen unzureichend sind? Was macht dann Menschen tatsächlich böse?

Dieser Frage hat sich ein Mann namens Philip George Zimbardo angenommen, der versucht, die Wurzeln des Bösen zu erklären. Zimbardo ist emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford Universität in Kalifornien. Geboren 1933 in der Bronx, New York City kam er bereits als Kind mit viel Armut und Verbrechen in Berührung, was ihn schon damals dazu veranlasste, über die Ursache von Gewalt nachzudenken. Seinen Durchbruch erreichte Professor Zimbardo mit dem sogenannten Stanford Prison Experiment[1], das er 1971 an der Stanford Universität initiierte und durchführte. Mit diesem Versuch wollte er beweisen, dass Menschen, die böse handeln, nicht von Grund auf böse sind, sondern, dass der Ort, die Situation oder das System, in dem sie sich befinden, für böse Taten verantwortlich ist. Ganz konkret befasst er sich mit diesem Thema in seinem Buch „Der Luzifer-Effekt“. Da dieses Werk erst kürzlich erschienen, und die Forschungsliteratur zu diesem Thema daher sehr gering ist, ist „Der Luzifer-Effekt“ die Grundlage dieser Arbeit. In diesem Buch geht es vorrangig um eine detaillierte Beschreibung des SPEs, um die Analyse und Auswertung des daraus entstandenen Forschungsmaterials und ganz aktuell um etwaige Parallelen zum Folterskandal in Abu Ghraib.

Die nun folgende Arbeit beginnt mit der Darstellung von Zimbardos Prison Experiment. Im Weiteren Verlauf liegt das Augenmerk auf diversen psychologischen Taktiken, die in dieser Studie angewandt wurden und der Erörterung, was der Professor mit dem Luzifer-Effekt meint. Abschließend werden einige Textstellen aus William Goldings „Herr der Fliegen“ analysiert und untersucht, in wie fern Zimbardos Theorien auf dieses Werk anwendbar sind.

2. Stanford Prison Experiment

2.1. Die Idee dahinter

Die Simulationsstudie über die Psychologie der Haft sollte die Auswirkungen des Systems auf das Verhalten von Gefangenen und Wärtern ermitteln. „Welchen Sinn hat es, sich die ganze Mühe zu machen, ein eigenes Gefängnis drüben in Stanford einzurichten […] wenn wir doch schon genug Gefängnisse und Kriminelle haben?“[2]

Diese Frage kam von Sergeant Joe, einem Polizisten der örtlichen Polizeistation in Palo Alto, der zusammen mit seinem Kollegen bei den Vorbereitungen für das Experiment behilflich sein sollte. Und in der Tat war dies eine berechtigte Frage. Die amerikanischen Gefängnisse waren voll mit Gefangenen, man hätte ebenso gut eine Studie über das benachbarte San Quentin Gefängnis machen können. Aber Zimbardo konstruierte sein eigenes Gefängnis in der Stanford Universität, er suchte sich seine eigenen Wärter und Gefangenen aus und war darüber hinaus bereit, jedem der Probanden 15$ pro Tag zu bezahlen. Die Gründe hierfür waren, dass es in einem normalen Gefängnis nicht möglich gewesen wäre, jeden Schritt und jede Handlung genau zu verfolgen. Außerdem wollte der Professor herausfinden, ob es möglich war, in so kurzer Zeit die Rolle eines Häftlings oder eines Wärters anzunehmen, sich quasi eine neue Identität zuzulegen.[3] Da Zimbardo und seiner Crew sehr daran gelegen war für das Experiment völlig normale und durchschnittliche Studenten zu rekrutieren, hätte man einwenden können, dass die Studie zu nichts führen würde. In einem echten Gefängnis befinden sich normalerweise Menschen, die im Vorfeld etwas Unrechtes getan haben und so ist es nicht verwunderlich, dass es bei einem ganzen Haufen von Verbrechern zu Gewaltausbrüchen kommt. Für Zimbardos Studie wären echte Wärter und Häftlinge jedoch von Nachteil gewesen, denn mit einer Gruppe von friedlichen und unbescholtenen Männern lässt sich viel konkreter untersuchen, in wie weit eben nicht nur die Persönlichkeit dieser Studenten, sondern auch das System Gefängnis Einfluss auf diese und auf ihr Handeln nimmt.

2.2. Vorbereitungen

Um Probanden für das Experiment zu bekommen, setzte Zimbardo Zeitungsannoncen in die Palo Alto Times und in The Stanford Daily. In diesen stand, dass männliche Studenten für eine zweiwöchige Gefängnisstudie bei 15$ Bezahlung pro Tag gesucht wurden. Aus insgesamt 70 Bewerbern wurden letztendlich an Hand von Interviews, sowie physiologischen und psychologischen Tests 24 ausgewählt.[4] Die vielen Tests waren nötig, um sicher zu gehen, dass sich alle Studenten in einem körperlich und geistig gesunden Zustand befanden und dass keiner dieser Männer jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Ob die Probanden Wärter oder Häftlinge wurden, lag nicht in ihrer und auch nicht in Zimbardos Hand, sondern es wurde per Losverfahren ermittelt, wer welche Rolle bekam. Bei einer Befragung im Vorfeld, welche Rolle sie lieber einnähmen, kam erstaunlicherweise heraus, dass sich ausnahmslos alle für die des Häftlings entschieden hätten, hätten sie die Wahl gehabt. Mir einer Universitätsausbildung konnte sich keiner vorstellen, jemals Gefängniswärter zu werden, doch die Vorstellung, dass sie einmal wegen Delikten, wie zum Beispiel Demonstrationen oder Alkohol am Steuer verhaftet werden würden, kam ihnen realistischer vor.[5]

Einen Tag vor Beginn des Experiments wurden die 12 ausgelosten Wärter in das provisorisch aufgebaute Gefängnis, eingeladen. Sie erhielten keine spezielle Ausbildung für ihre Wärterrolle, sondern sollten lediglich „Recht und Ordnung aufrechterhalten, Fluchtversuche vereiteln und keine physische Gewalt gegen Häftlinge anwenden“[6]. Körperliche Misshandlungen oder Folter waren streng verboten. Doch es war erlaubt, Langeweile und Frustration zu erzeugen und den Häftlingen ein Gefühl von Unterwürfigkeit und Machtlosigkeit zu vermitteln. Hierbei standen für Zimbardo nicht die Wärter im Mittelpunkt, sondern vor allem die Häftlinge. Die zentrale Frage war, wie die Gefangenen auf dieses Gefühl der eingeschränkten Freiheit reagieren würden und was sie tun würden, um ihre Macht und Selbstbestimmung zurück zu erlangen.

Das SPE fand in der Stanford Universität statt; hierzu wurde der Psychologietrakt so umgebaut, dass aus drei ursprünglichen Laborräumen drei Zellen mit Stahltüren und Gittern für jeweils drei Häftlinge entstanden. Die Geschehnisse im Flur und im Aufenthaltsraum der Wärter konnten von Professor Zimbardo und seinen Kollegen David Jeff, Craig Haney und Curt Banks rund um die Uhr verfolgt werden, da diese Räume komplett videoüberwacht waren. In den Zellen selbst befanden sich keine Kameras, jedoch wurden sie mit Wanzen ausgestattet, die es ermöglichten, Tonaufnahmen von den Gesprächen der Häftlinge zu machen.[7] Des Weiteren gab es eine kleine Besenkammer, die zur Isolierzelle umfunktioniert wurde. Sie war nur 62cm lang und breit und sollte genutzt werden, um schlechtes Benehmen oder Ungehorsam der Gefangenen zu bestrafen.

2.3. Durchführung des Experiments

2.3.1 Ankunft

Das eigentliche Experiment begann an einem Sonntagmorgen. Diejenigen Studenten, denen die Häftlingsrolle zugeteilt wurde, sollten sich zu Hause für die Abholung bereit halten; allerdings wusste keiner von ihnen, dass sie per Polizei eskortiert werden würden. Sie wurden, wie echte Verbrecher, von zwei Polizisten in Handschellen auf die Polizeiwache abgeführt, einer fiktiven Straftat beschuldigt und darüberhinaus nahm man von ihnen Fingerabdrücke. Diese Methode hatte Zimbardo angewandt, um sein Experiment von Anfang an so realistisch wie möglich aussehen zu lassen. Nachdem die Häftlinge mit verbundenen Augen in das Gefängnis überführt wurden, wurden sie von den Wärtern ausgezogen und mit einem angeblichen Entlausungspulver behandelt. Erstaunlich war, dass bereits hier die Wärter ihre höhere Position demonstrierten, als einige von ihnen sich über die Geschlechtsteile der Häftlinge lustig machten.[8] Gekleidet mit einem Kittel, einer Mütze auf dem Kopf und einer Kette um den Fuß wurden ihnen die Gefängnisregeln vorgelesen und sie bezogen ihre Zellen. Eine Besonderheit waren die Nummern auf den Kitteln der Häftlinge. Anstatt deren richtigen Namen, bekam jeder eine Nummer und nur mit dieser durften die Gefangenen sowohl von Ihresgleichen, als auch von den Wärtern angesprochen werden. Auf den Sinn und Zweck dieser Methoden wird im weiteren Verlauf noch eingegangen.

2.3.2 Erster Aufstand

Der erste Tag im Stanford Prison verlief recht ruhig und bis auf einige Zählappelle gab es keine besonderen Vorkommnisse. Bei diesen Zählappellen mussten alle Gefangenen auf den Flur treten und ihre Nummer laut aufsagen. Zum einen diente die Maßnahme dazu, diese schneller auswendig zu lernen; zum anderen konnte so sichergestellt werden, dass alle Häftlinge anwesend waren. Dies war auch in echten Gefängnissen ein gängiges Ritual.[9] Bereits am ersten Tag dachten sich die Wärter kleine Gemeinheiten während der Appelle aus. So mussten die Häftlinge zum Beispiel ihre Nummern nicht nur aufsagen, sondern vorsingen. War der Gesang nicht schön genug, so mussten sie zur Strafe Liegestütze oder Kniebeugen machen. Man würde Kniebeugen normalerweise nicht unbedingt als Strafe ansehen, doch auch diese Methode ist in normalen Gefängnissen nicht selten und sollte auch im SPE noch eine tragende Rolle bekommen. Nach einem letzten Zählappel um halb drei Uhr nachts ging dieser Tag zu Ende und Zimbardo und seine Kollegen befürchteten schon, dass sich nach so einem langweiligen ersten Tag im ganzen Verlauf der Studie nichts besonderes mehr ereignen würde. Doch schon am nächsten morgen brach das Chaos aus. Wegen kleiner Ungehorsamkeiten kamen zwei Häftlinge in Isolierhaft und schon bald darauf rebellierte eine ganze Zelle, indem sie sich weigerten, nach dem Frühstück zurück hinter Gittern zu gehen. Hiervon angestachelt verbarrikadierte eine andere Zelle ihre Türe mit Betten. Die Reaktion der Wärter war sehr geschickt, denn sie stellten die Solidarität der Häftlinge auf eine harte Probe. Sie nahmen den beiden anderen Zellen Betten und Kleidung weg und meinten, sie würden sie erst wieder bekommen, wenn sich die erste Zelle beruhigt hätte.[10] Somit stießen die Wärter die Verantwortung von sich und übergaben sie an die erste Zelle. Um den Zusammenhalt der Gefangenen endgültig zu brechen, richteten die Wärter eine Vorzugszelle für die kooperativsten Häftlinge ein. Diese bekamen Kleidung und Betten zurück und genossen Privilegien wie Zähneputzen, die Erlaubnis sich zu waschen und ein besonderes Essen.

[...]


[1] Im Folgenden mit SPE abgekürzt.

[2] Zimbardo, Philip: Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen, Heidelberg 2008, S.30 [Kurztitel: Zimbardo, Luzifer-Effekt].

[3] Vgl. Zimbardo, Luzifer-Effekt, S. 30.

[4] Vgl. ebd., S. 29.

[5] Vgl. ebd., S. 29.

[6] Ebd., S. 55.

[7] Vgl. ebd., S. 41.

[8] Vgl. ebd., S. 39.

[9] Vgl. ebd., S. 44.

[10] Vgl. ebd., S. 61.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Böse im Menschen
Untertitel
Eine mögliche Erklärung aus der Sozialpsychologie
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V132918
ISBN (eBook)
9783640391851
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zimbardo, Luzifer-Effekt, Prison Experiment, Das Böse, Herr der Fliegen, Stanford
Arbeit zitieren
Stefanie Pokorny (Autor), 2008, Das Böse im Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132918

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