Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie


Essay, 2009
19 Seiten

Leseprobe

Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie

Die Nationalökonomie ist ein „ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswirtschaft“, eigentlich müsste sie „Privat -Ökonomie“ heißen.

Wenn man registriert, dass höchst-ausgezeichnete Wissenschaftler der Nationalökonomie sehr fantasievoll an der Erfindung, Ausgestaltung von Finanzprodukten (auch ihrer spekulativen Nutzung) beteiligt waren (Cox, Ross und Rubinstein haben ein entsprechendes Binomialmodell erstellt), die mithalfen, die Welt in eine Krise zu stürzen, scheint Friedrich Engels Behauptung bestätigt zu werden. Erst recht, wenn man liest, dass Myron Scholes, der 1996 den Nobelpreis „für die Ausarbeitung einer mathematischen Formel zur Bestimmung von Optionswerten an der Börse“ erhielt, zusammen mit seinen Kollegen bei dem Hedgefond LTMC 2008 einen Verlust von 4,6 Milliarden US-Dollar verursachte, was mit dazu beitrug, die globale Finanzkrise auszulösen. (2005 wurde Scholes wegen Steuerhinterziehung bei diesem Fond in Höhe von 40 Millionen US-Dollar verurteilt.)[1]

Die Weltbank errechnet, dass weltweit Vermögensverluste von fünfzig Billionen US-Dollar zu beklagen sind, eine unvorstellbare Summe. Das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das diese Schäden zuließ, wird von vielen Politikern, nicht nur am linken Rand, in Frage gestellt.

Unsere Wirtschaftsordnung wurde durch die Nationalökonomie begründet. Ist also die Nationalökonomie an diesem Waterloo schuld?

Es fällt auf, dass sich die Mehrzahl der Nationalökonomen seit etwa fünfzig Jahren der Mathematisierung verschrieben hat. Das hat dieser Disziplin zwar manchen Fortschritt im Kleinen beschert, führte aber auch dazu, einen bedeutsamen anderen Zweig, die Wirtschafts- Ordnungs -Ökonomik nahezu auszurotten. Vor allem hierzulande wird dieses Vakuum beklagt. Ökonomen erklären es damit, dass die Hinwendung ihrer Kollegen zu diesen formalen Arbeitsgebieten ihnen eine höhere Belohnung versprach, wenn nicht gar Aufmerksamkeit schlechthin.

Die Weltwirtschaftskrise kann jedoch nicht als ein Waterloo der Nationalökonomie bezeichnet werden, noch weniger ist die Nationalökonomie ein „Betrugs- oder Bereicherungssystem“, wie das Friedrich Engels nach seinem Blick auf die Situation der englischen Arbeiterschaft vor gut 150 Jahren glaubte feststellen zu müssen. Von einem Waterloo kann höchstens für die Ordnungsökonomik gesprochen werden, die aus dem Felde geschlagen wurde, da sie als altmodisch galt und gilt.

Doch hat sich die Ordnungsökonomik - eine intellektuelle Meisterleistung speziell der deutschen Nationalökonomie - keineswegs erschöpft. Sie ist nötiger denn je. Mitte des vergangenen Jahrhunderts wendeten sich Vertreter des Ordoliberalismus mit ihren Schriften nicht (nur) an ein vornehmlich akademisch vorgebildetes Publikum, sondern an alle, die an der Verbesserung der Wohlfahrt der Gesellschaft ein Interesse haben - wie das Adam Smith tat, der sein epochales Buch Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen (1776) nannte und so sprach, dass es jedermann verstand.

Der Klassiker Adam Smith und seine unmittelbaren Nachfolger haben es zwar nicht hinreichend verstanden, die Schwankungen - mit desaströsen Folgen speziell für die Arbeiterschaft - zu erklären, die sich in ihrem Umfeld, dem (früh-)kapitalistischen Wirtschaftssystem zeigten. Sie gingen davon aus, dass die Wirtschaft sich immer zu einem Gleichgewichtszustand hin bewege. Einer der Klassiker, der Franzose Jean Baptiste Say, meinte, dass selbst ein Fall der Löhne über den Preismechanismus wieder eine zusätzliche Nachfrage nach Arbeit schaffen würde. Das Gegenteil trat jedoch ein, die Marx’sche Industrielle Reservearmee entstand. Dass der (früh-)kapitalistische Markt in diesem Sinne versagte, war dann auch einer der Hauptangriffspunkte von Friedrich Engels und von Karl Marx. Ihre Antwort war ein sozialistisches Wirtschaftsmodell, das sich der notleidenden Arbeiterschaft bedienen sollte, um die Bourgeoisie niederzuringen und um eine Weltrevolution herbeizuführen. Doch der demokratische Kapitalismus vermochte es, die Marx’schen Prophezeiungen zu widerlegen, auch vermittels einer Ordnung, die die Zusammenballung wirtschaftlicher Macht in Monopolen tendenziell begrenzte. Die Vereinigten Staaten waren Vorreiter einer solchen Wettbewerbsgesetzgebung.

Dass der Ordnungsgedanke in Politik und Nationalökonomie kaum mehr einen Stellenwert besitzt, ist für mich der tiefe Grund für die gegenwärtige Finanz- und Realkrise. Vielleicht darf man sogar sagen, dass die Krise eine der vielen Folgen der amerikanischen Kultur- und Wissenschaftshegemonie[2] ist, die sich auch in einer globalen Mathematisierung dieses Forschungszweiges manifestiert. Wie es gesellschaftliche Eliten im 18. Jahrhundert mit dem Französischen hielten, kann die akademische Elite heute nur mehr „amerikanisch“ sprechen - also für Laien unverständlich. Diese Dominanz hat es dann auch zu Wege gebracht, dass weltweit gegen fundamentale Ordnungs-Grundsätze verstoßen wurde.

So müssen den Mathematikern Ordnungstheoretiker entgegentreten.[3] Sie sind in der Lage zu zeigen, dass die gegenwärtige Krise eine solche ist, die auf der Fehlentwicklung der Macht zu Gunsten einer neuen Art Nomenklatura gründet. Und diese Nomenklatura wird durch die genannten Formaltheoretiker gestützt.

So sieht beispielsweise die moderne volkswirtschaftliche Wachstumstheorie die Quellen für Innovationen vorzüglich in Großunternehmen, ebenso wie das amerikanische Vertreter der Managementlehre tun, die ein makroökomisches Organisationsdesign zu Gunsten von „Groß“ befürworten. (Man fühlt sich an Napoleon mit seiner Grande Armée, seinen Grandes Ēcoles erinnert; dann an die amerikanischen „Generale“: an General Electric oder General Motors; Chruschtschow verspottete sie). Die Empirie spricht jedoch eine andere Sprache.

Ein Kritiker der modernen Wachstumstheorie, Malcolm H. Dunn, schreibt: „Ein konstitutives Element für das Auftreten und die Verbreitung von Produkt- und Prozeßinnovationen (wie sie das volkswirtschaftliche Wachstum braucht, der Verf.) ist die Ungewißheit der Marktergebnisse, wie überhaupt die Existenz echter, nicht kalkulierbarer Ungewißheit eine Voraussetzung funktionierender Märkte ist“, und er zitiert Oskar Morgenstern (mit John von Neumann Erfinder der Spieltheorie), der darauf hingewiesen hat, „dass die Firma, wie sie in den Lehrbüchern präsentiert werde, leicht durch einen Computer ersetzt werden könne (und) dass der Wettbewerb der neoklassischen Gleichgewichtsökonomik nur wenig mit dem realen Wettbewerb gemein hat“.[4]

Unter der Überschrift Die Betriebswirtschaftlehre hat den Unternehmer vergessen, kritisiert ein Betriebswirt, Professor of Family Business, dass „die Betriebswirtschaftslehre, geschult am Leitbild der klassischen Publikumsaktiengesellschaften, sich mit dem Phänomen dominierender Inhaberschaft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, praktisch nicht beschäftigt. Und das, obwohl es sich bei der überwiegenden Zahl aller Unternehmen um Familienunternehmen handelt“.[5]

Nun gab es ja vor kurzem eine Mammutkonferenz, die das Ziel der Neuordnung der globalen Finanzverfassung hatte. Ob sich ihre Protagonisten aber der Prinzipien besonnen haben, die das Haupt der Ordnungsökonomik, Walter Eucken, in seinem Buch Grundsätze der Wirtschaftspolitik (1952) niederlegte, bleibt abzuwarten. Skepsis in mancherlei Hinsicht ist angebracht.

Zum ersten steht zu befürchten, dass das Problem der globalen Überschussliquidität unterschätzt wird und damit das der Inflation: weil man der Auffassung ist, dass man Liquidität jetzt nicht einfrieren könne, wo doch eine Deflation drohe.

Dann, zum zweiten, wird die Frage der Haftung für Manager von Großkonzernen nicht konsequent gelöst werden. Mit der Begrenzung ihrer Vergütungen ist es nicht getan. Die „Verhaftung“ von Politikern für die Folgen ihres Tuns bleibt mit Sicherheit außen vor. Die „Mammuts“ der Konferenz sind ja Manager der Politik - und Gesetzgeber zugleich. Die Gewaltenteilung besteht nur zum Schein. Das Parlament ist ihr Notariat, es winkt durch.

In das Privateigentum, drittens, wird weiter eingegriffen werden durch Aufrechterhaltung eines konfiskatorischen Steuerrechtes. Internationaler Steuerwettbewerb ist schon unterbunden mit Methoden, für die es nur die Vokabel Nötigung geben kann. - Steuerverschwendung - andererseits – stand natürlich nicht auf der Tagesordnung.

Enteignungen, viertens, Eingriffe in privates Eigentum, werden abgesegnet werden, vorgeblich als ultima ratio. Ob die Verstaatlichungen im Bankensektor je wieder rückgängig gemacht werden, ist ungewiß. Besonders dann, wenn die Etablierten glauben, mit Postkommunisten koalieren zu müssen, die das immer schon zum Programm erhoben haben.

[...]


[1] Egon Görgens, Professor emeritus, Universität Bayreuth , macht mich in seinem Brief vom 3. 4. 2009 auf diesen Tatbestand aufmerksam. Vgl. auch http://de.wikipedia.org./wiki/Myron_S_.Scholes vom 12.4. 2009

[2] 41 aller Nobelpreisträger, die seit Beginn der Auszeichnung für diesen Wissenschaftszweig (1960) ausgezeichnet wurden, waren amerikanischer Nationalität.

[3] Was sie inzwischen tun mit ihrem Aufruf, den 83 Professoren der Volkswirtschaftslehre unterzeichneten: Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!, in dem zu lesen ist: „In der volkswirtschaftlichen Theorie herrscht die Tendenz vor, aus jeweils gewählten Annahmen logische Schlußfolgerungen abzuleiten. Das jeweilige Ergebnis ist bereits vollständig in den Annahmen enthalten Diese Methodik garantiert formale Rigorosität, ist aber für die Analyse realwirtschaftlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet“. Vgl. FAZ vom 27. April 2009, S. 12. – Siehe auch Philip Plickert Ökonomik in der Vertrauenskrise (FAZ vom 5. 5. 2009), der darauf hinweist, dass „der heutige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, Ben Bernanke sich vor einigen Jahren noch dahingehend äußerte, dass „das Wissen über makroökonomische Zusammenhänge so weit fortgeschritten (sei), dass größere Wirtschaftskrisen ausgeschlossen werden könnten. Man habe alles im Griff [...]. Der eklatante Irrtum eines so angesehen Wissenschaftlers wie Bernanke ist symptomatisch für die Selbstüberschätzung vieler Ökonomen. [...] Dem liegt eine >Anmaßung von Wissen< (Friedrich August von Hayek) zugrunde“, so Plickert.

[4] ORDO, Bd. 51, 2000, S. 280, s. dort auch Fußnote 1

[5] Peter May in der FAZ vom 20. April 2009, S. 12

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Details

Titel
Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V132944
ISBN (eBook)
9783640392902
ISBN (Buch)
9783640393206
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vom Autor verfasst 2009
Arbeit zitieren
Axel Glöggler (Autor), 2009, Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132944

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